Ich habe mein Abitur nicht verdient

Christian Wolf
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Ich hatte schon an andere Stellen ab und an darüber geschrieben, wie ich eigentlich zu meinem Abi kam. Hier ist die Kurzvariante: Abi in der 11. Klasse abgebrochen, Zivildienst begonnen, mich für die Externenprüfungen verteilt auf 2 Jahre angemeldet, 2 Jahre lang lernen, lernen, lernen (und alte Leutchen betreuen) sowie 4 mündliche und 4 schriftliche Prüfungen absolvieren.

Was dabei herauskam: ein Abitur, das ich genau zu meinem Geburtstag mit 14 oder 15 Punkten in der Ethikprüfung bestanden hatte, ein Notendurchschnitt von 3,6 und die offizielle Bestätigung meiner Studierfähigkeit.

Heute muss ich mir aber eingestehen, dass ich diese Bestätigung wohl zu Unrecht erhalten habe.

Sicher, ich habe ein paar Jahre sehr, sehr erfolgreich präsenzstudiert. Erfolg in meinem eigenen Sinne, nicht im Sinne der Prüfungs- und Studienordnungen. Heraus kamen dabei nur ein paar Scheine und eine erfolgreich bestandene Zwischenprüfung. Aber auch ein stark erweiterter Horizont und eine umfassende humanistische und ausbaufähige Bildung.

Dann kam irgendwann die Selbstständigkeit und mit ihr auch die FernUni Hagen, an der ich seit Semestern immatrikuliert bin, wohl eher nur noch pro Forma. Ich muss mir eingestehen: Ich bin nicht studierfähig. Studieren neben dem Beruf hieße für mich als Selbstständigen: Studieren neben einem 24-Stunden-Job, der keinen Anfang und kein Ende und schon gar nicht Feierabend oder richtigen Urlaub kennt. Bis jetzt habe ich es nicht geschafft, selbstständige Arbeit und Studium adäquat zu organisieren.

Ich habe während des Abis nie gelernt, wie ich mich selbst organisiere. Wozu auch? Braucht ja später fast keiner der Schüler, nicht nur die Studieninhalte werden vorgekaut und in kleinen Modulhäppchen verabreicht, das ganze Leben hier wird es irgendwie, alles wird irgendwie von anderen organisiert. Nicht aber bei mir, leider. Abhängigkeiten und Fremdbestimmung sind mir ein Graus, im Berufsleben und auch im Privatleben, daher gehe ich nicht den vielleicht einfacheren Weg, den die meisten gehen.

Jedenfalls läuft da was schief, den Eindruck habe ich schon länger. Wie das weitergehen soll, darüber denke ich schon einige Montate nach. Einen Studienabschluss zu machen bin ich zumindest der Zeit schuldig, die ich hart für das Abi gekämpft habe, für den Traum vom studieren.

Ein Plan habe ich zumindest schon einmal. Werde später darüber schreiben.

Veröffentlicht vor 8 Jahren (aktualisiert vor 1 Jahr). Abgelegt unter Fernstudium, Selbstorganisation.

Christian Wolf

Wolf ist Redakteur, leidenschaftlicher Autodidakt, hat den Realschulabschluss mit 1,5 gemacht, sein Abi extern (3,6), hat in Göttingen, Jena, Berlin und an der FernUni studiert, und kann auch Latein, Altgriechisch, Französisch, Russisch und Englisch. Top, der Mann! Folge uns auf Facebook, um keine Beiträge von Wolf mehr zu verpassen.

Kommentare und Fragen

Jana P.

Na, Cheffe. Sehr intressant...Verstehe nich, wieso du das Abi nich verdient haben willst? Gibt genug komische Leute mit Abitur..trifft man doch an der 'normalen' Uni.

Christian Wolf

Na Jana :D Klar trifft man genug "komische Leute". Ich habe aber recht hohe Ansprüche auch an mich selbst.
Jana P.

Antwocht. Na, das ham wir ja schon mitgekriegt.
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Dann hock dich halt jetzt auf den hosenboden und tue etwas!

Christian Wolf

Hi Fabi,

ja, mach ich ja ;-) Auf dem Hosenboden sitze ich schon seit Jahren, eigentlich seitdem es kein BAföG und keine elterliche Unterstützung mehr gibt. Das mindeste, was ich jetzt machen müsste, wäre ein Studienabbruch, aber der hat auch irgendwie sowas Stigmatisierendes ... Na ja, wie oben gesagt, diese Gedanken sind auch nicht der Ausgangspunkt für Überlegungen, wie es weitergehen soll, sondern fast der Endpunkt monatelanger Grübelei.

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