Fernabitur & Schule

Fernabitur Durchfallquote: Warum 90 % abbrechen, aber 90 % bestehen

Du überlegst, dein Abitur per Fernschule nachzuholen – aber die Geschichten über hohe Abbrecherquoten machen dir Sorgen? Dann lies weiter. Denn die Zahlen, die im Netz kursieren, erzählen nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist deutlich ermutigender, als du vielleicht denkst.

  • Ein Fernabitur ist organisatorisch sehr schwer, weil du dich über mehrere Jahre weitgehend allein motivieren musst – mit wenig Kontakt zu Mitschülerinnen und Mitschülern.
  • Geschätzt 80 bis 90 Prozent brechen das Fernabitur mittendrin ab. Die Gründe: mangelnde Motivation, schlechte Organisation, falsche Erwartungen.
  • Wer durchhält und zur Prüfung antritt, besteht fast immer. Die Bestehensquote bei Fernschul-Absolventen liegt bei etwa 90 Prozent.

Zwei Zahlen, die beim Fernabitur ständig verwechselt werden: die Durchfallquote und die Abbrecherquote. Die eine ist erschreckend hoch, die andere erstaunlich niedrig – und zusammen ergeben sie ein Bild, das ehrlicher ist als jede Werbebroschüre. Ich habe selbst mein Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nachgeholt und kenne beide Seiten: die Angst vor dem Scheitern und das Gefühl, es geschafft zu haben.

Durchfallquote vs. Abbrecherquote – der entscheidende Unterschied

Die meisten negativen Berichte über das Fernabitur vermischen zwei völlig verschiedene Zahlen. Deshalb hier die klare Trennung:

  • Abbrecherquote (~80–90 %): Der Anteil aller Eingeschriebenen, die das Fernabitur nie abschließen. Sie brechen den Kurs ab, bevor sie zur Prüfung antreten – oft schon in den ersten Monaten.
  • Durchfallquote (~10 %): Der Anteil der Prüfungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, die bei der Externenprüfung durchfallen. Bei Fernschul-Absolventen von ILS, SGD und Fernakademie liegt die Bestehensquote bei etwa 90 Prozent.

Das bedeutet: Wer es schafft, dranzubleiben und sich gründlich vorbereitet, hat sehr gute Chancen, die Prüfung zu bestehen. Das Problem ist nicht die Prüfung – das Problem ist der Weg dorthin.

Wichtig zu wissen: Es gibt keine offiziellen Statistiken. Weder die Fernschulen noch die Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) noch die Kultusministerkonferenz veröffentlichen transparente Zahlen zu Einschreibungen, Abbrüchen und Abschlüssen. Die genannten Quoten sind Schätzungen auf Basis verfügbarer Daten und Erfahrungswerte.

Wie hoch ist die Bestehensquote bei der Externenprüfung?

Die 90-Prozent-Bestehensquote, die ILS und SGD bewerben, bezieht sich nur auf ihre eigenen Absolventinnen und Absolventen – also auf Menschen, die den kompletten Kurs durchlaufen und die Probeklausuren bestanden haben. Das ist Survivorship Bias: Wer es bis zur Prüfung schafft, ist bereits stark selektiert.

Blickt man auf alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Externenprüfung – also auch Autodidakten und Absolventen anderer Vorbereitungswege –, sieht das Bild anders aus:

BundeslandBestehensquote (Externenprüfung)Anmerkung
NRW ca. 62 % (2023) 218 Teilnehmer
Berlin ca. 55 % (Durchschnitt 2019–2023) Mit Fernschule: 60–75 %, Autodidakten: 30–50 %
Hessen 38–76 % (je nach Jahr) Starke Schwankungen
Hamburg k.A. 58 erfolgreiche Abschlüsse 2023

Zum Vergleich: Beim regulären Abitur am Gymnasium liegt die Durchfallquote bei nur 3 bis 4 Prozent. Die Externenprüfung ist also deutlich anspruchsvoller – vor allem für Autodidakten ohne Fernschul-Vorbereitung.

Die Botschaft: Eine gute Vorbereitung über eine Fernschule verdoppelt bis verdreifacht deine Bestehenschancen gegenüber dem Alleingang.

Warum brechen so viele das Fernabitur ab?

Die Abbrecherquote von 80 bis 90 Prozent klingt dramatisch. Aber sie relativiert sich, wenn man versteht, wer abbricht und warum. Viele „Abbrecher" haben das Fernabitur nie ernsthaft begonnen – sie haben den kostenlosen Probemonat genutzt und sich dann gegen den Kurs entschieden. Das ist kein Scheitern, das ist eine bewusste Entscheidung.

Bei den übrigen sind es immer wieder dieselben Gründe:

  • Falsche Erwartungen: Wer nicht versteht, dass 2 bis 3 Jahre Fernabitur ein ernsthaftes Projekt sind – vergleichbar mit einem Teilzeitjob –, wird schnell desillusioniert. Das Fernabitur wird nicht verschenkt.
  • Schlechtes Zeitmanagement: 15 bis 20 Stunden pro Woche über Jahre hinweg erfordern einen festen Lernplan. Wer sich keine festen Zeiten einplant, verliert den Anschluss. Mehr dazu: Zeitaufwand und Zeitmanagement für das Fernabitur.
  • Doppelbelastung Job und Lernen: Das Fernabitur neben einem Vollzeitjob zu schaffen ist möglich, aber extrem fordernd. Viele unterschätzen, wie wenig Energie nach einem Arbeitstag noch fürs Lernen übrig ist.
  • Isolation: Kein Klassenzimmer, keine Mitschülerinnen und Mitschüler, die einen mitziehen. Fernlernen ist einsam – und Einsamkeit zermürbt über die Jahre.
  • Motivationsverlust: Die ersten Monate sind aufregend, dann kommt der Alltag. Motivationstiefs sind normal, aber ohne Strategie dagegen brechen viele ab. Mehr dazu: Motivation beim Fernabitur: Was tun bei einem Motivationstief?
  • Mathematik: Das mit Abstand meistgenannte Problemfach. Die Studienhefte der Fernschulen werden von vielen Absolventinnen und Absolventen als nicht ausreichend für das Prüfungsniveau kritisiert – zusätzliche Materialien sind fast zwingend nötig. Mehr dazu: Mathe im Fernabitur – ist Mathematik zu schaffen?

Bist du für ein Fernabitur geeignet?

Das Fernabitur ist kein Sprint, sondern ein Marathon über 2 bis 3 Jahre. Die größte Herausforderung ist nicht die Prüfung – sondern das Durchhalten.

Nicht jeder ist für ein Fernabitur gemacht – und das ist keine Schwäche. Forschungsergebnisse der FernUni Hagen zeigen, welche Faktoren den Erfolg bei Fernlernen am stärksten vorhersagen:

  • Lernumfang: Wer regelmäßig und ausreichend viele Stunden investiert, hat die besten Chancen.
  • Gewissenhaftigkeit: Strukturiertes, diszipliniertes Arbeiten schlägt Talent.
  • Lerngruppen: Wer sich mit anderen austauscht, bricht seltener ab.
  • Geringe Prokrastination: Aufschieben ist der Hauptfeind des Fernabiturs.
  • Klare Zielsetzung: Wer genau weiß, warum er das Abi braucht, hält länger durch.

Wenn du dich in diesen Punkten wiedererkennst, stehen deine Chancen gut. Wenn du ehrlich zu dir bist und merkst, dass dir Selbstdisziplin und Eigenstruktur schwerfallen, könnte ein Abendgymnasium oder Kolleg der bessere Weg sein. Dort hast du feste Unterrichtszeiten, Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschüler, die dich mitziehen. Ein ausführlicher Vergleich: Abendschule vs. Fernabitur – Vorteile und Nachteile.

Was du tun kannst, um nicht abzubrechen

Die Abbrecherquote ist hoch – aber du musst nicht Teil davon sein. Diese Strategien erhöhen deine Erfolgschancen deutlich:

  • Den Probemonat ernst nehmen. Nutze die ersten vier Wochen nicht nur zum Reinschnuppern, sondern teste realistisch: Schaffst du das Pensum neben deinem Alltag? Wenn nicht, brich lieber jetzt ab als nach 12 Monaten.
  • Einen festen Lernplan erstellen. Feste Tage, feste Uhrzeiten, fester Ort. Behandle das Fernabitur wie einen Teilzeitjob mit Anwesenheitspflicht – nur eben bei dir zuhause.
  • Mathe-Zusatzmaterial besorgen. Die Studienhefte allein reichen für die Prüfung in Mathematik oft nicht aus. Stark-Bücher, YouTube-Kanäle und Übungsaufgaben aus Schulbüchern sind fast unverzichtbar.
  • Seminare besuchen. Die optionalen Präsenz- oder Online-Seminare bei ILS, SGD und Fernakademie sind im Preis enthalten. Nutze sie – sie helfen enorm bei der Prüfungsvorbereitung und dem Kontakt zu anderen Fernschülerinnen und Fernschülern.
  • Lerngruppen bilden. Suche dir Mitstreiterinnen und Mitstreiter – über Online-Foren, Social-Media-Gruppen oder die Lernplattform deiner Fernschule. Austausch hilft gegen die Isolation.
  • Motivationstiefs einplanen. Sie kommen garantiert. Wer damit rechnet und eine Strategie hat (Pause, Fächerwechsel, Belohnung), übersteht sie besser als jemand, der glaubt, Motivation müsse konstant sein.

Alle Fernabitur-Kurse im Überblick

Hier die aktuellen Fernabitur-Kurse im Vergleich. Das Fernabitur ist nicht gerade günstig – aber für die letzten 12 Monate des Kurses kannst du unter Umständen Schüler-BAföG bekommen.

KursAnbieterStudiendauerKosten
36 Monateab 5256 € insgesamt
ab 150 € monatlich
24 Monateab 2844 € insgesamt
ab 297 € monatlich
24 Monateab 7176 € insgesamt
ab 299 € monatlich
32 Monateab 6720 € insgesamt
ab 210 € monatlich
30 Monateab 4620 € insgesamt
ab 154 € monatlich
30 Monateab 4620 € insgesamt
ab 154 € monatlich

Einen ausführlichen Anbietervergleich findest du hier: Fernabitur-Anbieter im Vergleich: Welche Fernschule soll ich wählen? Alle Kurse im Detail: Kursvergleich Fernabitur.

Häufige Fragen zu Durchfallquoten und Schwierigkeit

Nein. Weder ILS, SGD noch die Fernakademie veröffentlichen detaillierte Statistiken zu Einschreibungen, Abbrüchen und Prüfungsergebnissen. Die oft beworbene „über 90 % Bestehensquote" bezieht sich nur auf Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die tatsächlich zur Prüfung angetreten sind – nicht auf alle Eingeschriebenen. Auch die Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) und die Kultusministerkonferenz erheben keine entsprechenden Daten.

Mathematik – mit großem Abstand. In Erfahrungsberichten und Kommentaren wird Mathe immer wieder als das Fach genannt, an dem die meisten scheitern oder verzweifeln. Analysis und Analytische Geometrie sind die schwierigsten Teilgebiete. Die Studienhefte der Fernschulen gelten vielfach als nicht ausreichend für das Prüfungsniveau. Zusätzliche Übungsmaterialien (Stark-Abituraufgaben, YouTube-Tutorials) sind fast zwingend nötig. Mehr dazu: Mathe im Fernabitur.

Für die meisten Fächer ja – für Mathematik oft nicht. Das ist die häufigste Kritik von Absolventinnen und Absolventen: Die Hefte vermitteln den Stoff solide, aber der Sprung von den Übungsaufgaben in den Heften zu den echten Abituraufgaben ist in Mathe zu groß. Ergänzende Materialien wie Stark-Prüfungshefte, Schulbücher oder Online-Kurse können diesen Sprung überbrücken.

In der Regel 8 Prüfungsfächer – 4 schriftlich und 4 mündlich. Die genaue Aufteilung hängt vom Bundesland ab, in dem du die Externenprüfung ablegst. Die meisten Fernschul-Absolventinnen und -Absolventen legen die Prüfung in Hamburg ab, wo es zwei Termine pro Jahr gibt. Mehr zur Prüfungsplanung: Fernabitur Dauer: So lange dauert es wirklich.

Du kannst die Externenprüfung in der Regel wiederholen – die genauen Bedingungen unterscheiden sich nach Bundesland. In Hamburg hast du den Vorteil, dass es zwei Prüfungstermine pro Jahr gibt, sodass du nur sechs Monate auf den nächsten Versuch warten musst. Deine Fernschule unterstützt dich bei der erneuten Vorbereitung – die Betreuungszeit läuft in der Regel weiter.

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