Sind Hochschulzertifikate mit ECTS mit DQR 6 Abschlüssen gleichwertig?

Ich frage mich, wie Hochschulzertifikate mit ECTS im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) eingeordnet werden. Müssten diese Zertifikate rein logisch nicht auch auf DQR-Stufe 6 gelistet sein? Immerhin werden die Inhalte auf Hochschulniveau vermittelt und es werden Leistungsnachweise erbracht. Im Vergleich fallen mir die IHK-Abschlüsse auf: Ein IHK-Meister ist zum Beispiel ebenfalls auf DQR 6, hat aber keine ECTS, nur eine Hochschulzugangsberechtigung – studiert wurde da ja noch nicht. Bei einem Hochschulzertifikat mit ECTS habe ich ja schon anerkannte Studienleistungen erbracht. Irgendwie passt das nicht ganz zusammen, oder?

1 Antwort

Nein, Hochschulzertifikate mit ECTS sind im DQR nicht auf Niveau 6 gelistet – aber nicht, weil jemand ihr Niveau niedriger einschätzt, sondern weil sie in eine andere Kategorie fallen. Der DQR ordnet Qualifikationen ein, also abgeschlossene, staatlich geregelte Abschlüsse. Ein Hochschulzertifikat bescheinigt eine Studienleistung auf Hochschulniveau, ist aber kein eigenständiger Abschluss in diesem Sinn. Zugeordnet sind bisher die landes- oder bundesrechtlich geregelten Abschlüsse; der nicht-formale Bereich ist laut DQR-Stelle ohnehin noch nicht erfasst, und was in der offiziellen Qualifikationssuche nicht steht, ist bislang nicht zugeordnet.

ECTS und DQR messen zwei verschiedene Dinge

Genau hier hakt die Rechnung. ECTS sind ein Maß für Umfang: ein Credit steht für eine bestimmte Menge Arbeitsaufwand, meist 25 bis 30 Stunden. Das DQR-Niveau beschreibt dagegen das Kompetenzniveau – was jemand mit einer Qualifikation selbstständig verantworten kann. Das DQR-Handbuch stellt ausdrücklich klar, dass sich die Beschreibungen der Niveaus nicht an Input-Faktoren wie Lernzeit, Lernort oder Lernkontext orientieren. Deshalb lässt sich aus einem Modul mit ECTS auf Bachelorniveau eben kein Anteil an DQR 6 ableiten: Niveaus werden nicht angespart, sie hängen an einer vollständigen Qualifikation.

Warum der Meister-Vergleich nicht aufgeht

Der Meister steht nicht deshalb auf DQR 6, weil er eine Hochschulzugangsberechtigung mitbringt, sondern weil er ein bundesrechtlich geregelter Fortbildungsabschluss nach dem Berufsbildungsgesetz ist – vollqualifizierend, mit externer Prüfung, seit der BBiG-Reform 2020 zusätzlich als Bachelor Professional bezeichnungsfähig und mit mindestens 1.200 Lernstunden hinterlegt. Die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung kommt aus einer ganz anderen Quelle, nämlich dem KMK-Beschluss vom 6. März 2009, und nicht aus dem DQR.

Umgekehrt gilt: Das DQR-Niveau selbst verschafft überhaupt keine Rechte. Die DQR-Stelle formuliert das deutlich – das bestehende System der Zugangsberechtigungen bleibt vom DQR unberührt, und der DQR wirkt sich nicht auf die Zulassungsvoraussetzungen im Hochschulbereich aus. Ein Niveaueintrag ist ein Vergleichsinstrument, keine Berechtigung. Ein Hochschulzertifikat ist dem Meisterbrief also nicht unterlegen, es spielt in einem anderen System. Wie die acht Stufen insgesamt aufgebaut sind, haben wir hier aufgeschrieben: DQR einfach erklärt.

Das Hochschulzertifikat hat eine eigene Währung – und die ist belastbarer

ECTS wirken dort, wo sie herkommen: im Hochschulsystem. Sie sind anrechenbar, verkürzen ein späteres Studium und sparen Studiengebühren. Ein Niveaueintrag im DQR würde das nicht leisten. Genau deshalb lohnt es sich, bei Zertifikaten auf zwei Dinge zu achten:

  • ECTS-Vergabe kann an eine Hochschulzugangsberechtigung gebunden sein. Beim Betriebswirt der IU Internationalen Hochschule (90 ECTS, 18 Monate, ab 259 EUR monatlich) steht ausdrücklich in den Voraussetzungen, dass Teilnahme ohne Abitur möglich ist, die ECTS-Vergabe und die Anrechnung auf den IU-Bachelor BWL aber eine HZB verlangen.
  • „Hochschulzertifikat“ heißt nicht automatisch ECTS. Die MBAI Masterclass Business with AI der Hochschule Fresenius (3 Monate, ab 1.900 EUR) führt im Datensatz 0 ECTS. Vor der Buchung also immer das ECTS-Feld prüfen, wenn Anrechnung dein Ziel ist.

Beispiele mit belegten ECTS aus unserer Datenbank

Der günstigste Weg zu echten ECTS ist übrigens kein Zertifikatspaket einer privaten Hochschule, sondern das Akademiestudium an der FernUni Hagen: 60 EUR Grundgebühr pro Semester plus 11 EUR pro belegtem ECTS, ein komplettes Modul liegt bei 110 bis 165 EUR. Abschluss gibt es keinen, bestandene Modulprüfungen zählen aber bei einer späteren Einschreibung. Verbindlich sind immer die aktuellen Angaben der Hochschule.

Wo deine Logik tatsächlich hinläuft

Du denkst damit in eine Richtung, die bildungspolitisch längst diskutiert wird. Die EU-Ratsempfehlung vom 16. Juni 2022 zu Micro-Credentials sieht vor, dass ein Mikrozertifikat das Niveau der zugrunde liegenden Lernerfahrung ausweist, soweit zutreffend. Ein eigenes EQR-Niveau bekommt es dadurch aber nicht automatisch: Über die Aufnahme in einen nationalen Qualifikationsrahmen entscheiden die Mitgliedstaaten, und der EQR ist für Mikrozertifikate erst offen, sobald sie zum ersten Mal in nationale Rahmen aufgenommen werden. In Deutschland ist das für Hochschulzertifikate bislang nicht passiert. Die Lücke, die dir auffällt, ist also eine bekannte Baustelle und kein Denkfehler auf deiner Seite. Zum Format selbst haben wir hier mehr: Nanodegrees und Microcredentials.

Was das für dich praktisch bedeutet

  • Erwarte kein DQR-Niveau auf dem Zertifikat. Was dort steht und auch zählt, sind Hochschule, Modulbezeichnung, ECTS und Note.
  • Im Lebenslauf trägt die Herkunft. Hilfreicher als eine Niveaudiskussion ist die Angabe, aus welchem Studiengang das Modul stammt und wie viele ECTS es hatte. Zur Arbeitgeberperspektive gibt es hier bereits einen Thread: Kann ich mich mit einem Hochschulzertifikat auf dem Arbeitsmarkt bewerben?
  • Bei Formalfiltern zählt der Abschluss. Im öffentlichen Dienst, in reglementierten Berufen und bei Stellenanzeigen mit der Vorgabe „abgeschlossenes Studium“ hilft weder ein Zertifikat noch eine DQR-Stufe weiter.
  • Anrechnung vorher klären. Darüber entscheidet der Prüfungsausschuss der Zielhochschule, nicht die ausstellende Hochschule. Wenn du das Zertifikat als Baustein für ein Studium planst, frag vor der Buchung bei der Zielhochschule nach – am besten mit Modulbeschreibung und Nachweis über die Prüfungsleistung.
  • Wenn du formal auf DQR 6 willst, gibt es genau zwei Wege: einen Bachelor oder eine Aufstiegsfortbildung. Beides findest du in unseren Übersichten zu Meister-Fernkursen und zum Wirtschaftsfachwirt.

 

Worauf zielst du eigentlich ab – willst du formal auf DQR 6 kommen oder geht es dir um anrechenbare Leistungen für ein späteres Studium? Danach fällt die Empfehlung ziemlich unterschiedlich aus.

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