Inhaltliche Anforderungen: wonach deine Bachelorarbeit bewertet wird
Für die Form gibt es klare Vorgaben, für den Inhalt selten. Trotzdem sind die Kriterien, nach denen bewertet wird, kein Geheimnis – an vielen Fachbereichen stehen sie sogar in einem standardisierten Bewertungsbogen, der den Gutachtern vorliegt.

Dieses Kapitel geht die inhaltlichen Anforderungen durch, die in fast jedem dieser Raster auftauchen. Der wichtigste Rat vorweg: Frag nach dem Bewertungsbogen. Viele Hochschulen geben ihn auf Nachfrage heraus, manche haben ihn im Leitfaden abgedruckt. Damit weißt du vorher, was zählt – statt es hinterher aus dem Gutachten zu erfahren.
Die Kriterien, nach denen tatsächlich bewertet wird
Die Gewichtung unterscheidet sich zwischen Fächern und Hochschulen, die Kategorien kaum. Diese sechs Blöcke tauchen in nahezu jedem Bewertungsbogen auf:
| Kriterium | Woran es festgemacht wird |
|---|---|
| Problemstellung und Zielsetzung | Ist die Fragestellung klar formuliert, begründet und sinnvoll begrenzt? |
| Theoretische Fundierung | Sind die zentralen Begriffe geklärt, ist der Forschungsstand einschlägig und aktuell? |
| Methodisches Vorgehen | Ist nachvollziehbar, wie du zu deinen Ergebnissen gekommen bist? |
| Ergebnisse und Argumentation | Trägt die Argumentation? Ist eine eigene Leistung erkennbar? |
| Formales | Zitierweise, Verzeichnisse, Layout, Einhaltung der Vorgaben |
| Sprache | Verständlichkeit, wissenschaftlicher Stil, sprachliche Korrektheit |
Die beiden letzten Blöcke wiegen meist am wenigsten – und sind trotzdem die wichtigsten für dich. Form und Sprache sind der einzige Teil, den du vollständig kontrollieren kannst. Ob deine Argumentation überzeugt, entscheidet jemand anderes. Ob dein Literaturverzeichnis einheitlich ist, entscheidest du. Wer hier Punkte liegen lässt, verschenkt die einfachsten der ganzen Arbeit.
Eigenleistung: hier entscheidet sich die Note
Der Begriff wird oft missverstanden. Eigenleistung heißt nicht, dass du eigene Daten erheben musst – auch eine reine Literaturarbeit hat eine, und sie kann sehr gut sein. Gemeint ist ein eigener Zugriff auf das Material: dass du auswählst, ordnest, verknüpfst und bewertest, statt zu referieren.
Der häufigste Mangel hat einen eigenen Namen: zusammenzitieren. Absatz für Absatz gibt jemand anderes wieder, korrekt belegt und sauber formuliert – nur steht nirgends ein eigener Gedanke. Ein schneller Test dafür: Blättere durch deinen Hauptteil und such nach Sätzen ohne Quellenangabe, die trotzdem etwas behaupten. Findest du kaum welche, fehlt die Eigenleistung.
Was zählt, sind Vergleiche, die niemand vor dir so gezogen hat, Widersprüche zwischen Quellen, die du benennst, Übertragungen auf einen neuen Kontext, eine begründete Position. Das muss nichts Weltbewegendes sein – für eine Bachelorarbeit reicht ein erkennbar eigener Zugriff auf ein überschaubares Problem.
Ein Punkt, der seit einigen Jahren dazugekommen ist: Ein von einer KI formulierter Absatz ist keine Eigenleistung, auch wenn er gut klingt. Was du an Werkzeugen einsetzen darfst und wie du es dokumentierst, steht in KI in der Abschlussarbeit: was erlaubt ist.
Beantwortet deine Arbeit ihre eigene Frage?
Das klingt banal und ist der häufigste strukturelle Mangel überhaupt. Der Test dauert fünf Minuten: Leg Einleitung und Fazit nebeneinander. Steht im Fazit eine Antwort auf genau die Frage, die die Einleitung stellt? Oder beantwortet das Fazit eine andere, die sich beim Schreiben ergeben hat?
Letzteres passiert oft, und es ist kein Drama. Dann korrigierst du die Einleitung, nicht das Fazit – die Frage darf sich während der Arbeit verschieben, sie darf am Ende nur nicht mehr offen sein. Eine Arbeit, deren Einleitung etwas anderes ankündigt als das, was folgt, wirkt unfertig, selbst wenn beide Teile für sich gut sind.
Zwei Fragetypen machen dabei besonders viel Ärger. Fragen, die sich mit ja oder nein beantworten lassen, sind meist zu eng – nach zwei Seiten ist alles gesagt. Und Fragen ohne Eingrenzung sind zu weit; sie führen zu einem Überblick, wo eine Untersuchung erwartet wird. Wie du eine Fragestellung richtig zuschneidest, steht in Wie finde ich ein Thema für meine Abschlussarbeit?.
Quellen: aktuell, einschlägig, nachvollziehbar
Drei Anforderungen, die unabhängig voneinander geprüft werden. Aktualität betrifft vor allem den Forschungsstand – wer den Stand der Diskussion mit Literatur von 2009 beschreibt, hat ein Problem. Für Grundlagenwerke und Klassiker gilt das nicht: Ein Standardwerk von 1985 darf zitiert werden, wenn es das Standardwerk ist.
Einschlägig heißt: Fachzeitschriften, Monografien, Sammelbände, Standardwerke. Nicht einschlägig sind Hausarbeiten-Portale, Blogbeiträge ohne Autor und Wikipedia – als Einstieg ins Thema ist die Enzyklopädie brauchbar, als Beleg in einer Abschlussarbeit nicht. Wie du Quellen einordnest, erklärt Abschlussarbeiten-Expertin Nadine Syring in diesem Video:
Nachvollziehbar heißt, dass jede Behauptung, die nicht von dir stammt, einen Beleg hat – und zwar einen, mit dem man die Stelle wiederfindet. Das gilt auch für übernommene Abbildungen und Tabellen. Eine feste Zahl an Quellen gibt es nicht, aber ein Missverhältnis fällt auf: Wenn das Literaturverzeichnis zu vierzig Seiten Text nur eine Handvoll Titel führt, wird nachgefragt.
Mehr dazu in den Tutorials Literaturrecherche und Zitieren und Plagiate vermeiden.
Methodik: auch eine Literaturarbeit hat eine
Der Satz überrascht viele, ist aber richtig. Sobald du Literatur auswählst, triffst du methodische Entscheidungen – und die gehören offengelegt. Nach welchen Kriterien hast du ausgewählt? In welchen Datenbanken hast du gesucht, mit welchen Suchbegriffen, für welchen Zeitraum, in welchen Sprachen? Was hast du bewusst ausgeschlossen und warum?
Der Maßstab ist derselbe wie bei empirischen Arbeiten: Jemand anderes muss deinem Weg folgen und im Prinzip zum selben Ergebnis kommen können. Bei einer Befragung heißt das Erhebungsinstrument, Stichprobe und Auswertungsverfahren; bei einer Literaturarbeit heißt es Auswahlkriterien.
Und ein Punkt, bei dem viele zu vorsichtig sind: Die Grenzen der eigenen Arbeit zu benennen, wirkt souverän und nicht schwach. Eine kleine Stichprobe, ein eingeschränkter Zeitraum, eine nicht berücksichtigte Perspektive – wer das selbst erkennt und einordnet, zeigt genau die kritische Distanz, die bewertet wird. Wer es verschweigt, überlässt den Fund dem Gutachten.
Was Punkte kostet, ohne inhaltlich falsch zu sein
Diese sechs Dinge sind keine Denkfehler, sondern Nachlässigkeiten – und genau deshalb ärgerlich:
- Vorgaben ignoriert. Wer die Seitenzahl überschreitet oder die vorgeschriebene Zitierweise nicht verwendet, verliert Punkte in einer Kategorie, in der es nichts zu diskutieren gibt
- Uneinheitliche Zitierweise. Drei Varianten im selben Literaturverzeichnis sind der klassische Fund der letzten Nacht vor der Abgabe
- Abbildungen ohne Textverweis. Eine Grafik, auf die niemand im Text Bezug nimmt, zählt als Dekoration – siehe Kapitel 4
- Neue Argumente im Fazit. Was dort zum ersten Mal auftaucht, hätte in den Hauptteil gehört
- Rechtschreibung und Zeichensetzung. Kostet selten viel, aber es färbt auf den Gesamteindruck ab – die häufigsten Fälle sammelt der Beitrag Die 10 häufigsten Fehler beim Überarbeiten
- Zu spät angefangen. Erkennbar daran, dass Diskussion und Fazit dünner sind als der Theorieteil. Das ist der sichtbarste Zeitmangel überhaupt
Meine Empfehlung für die letzte Woche: Besorg dir den Bewertungsbogen und geh deine eigene Arbeit einmal Zeile für Zeile danach durch. Nicht als Leser, sondern als jemand, der Punkte vergeben muss. Was du dabei findest, findet sonst jemand anderes. Wie sich das systematisch abarbeiten lässt, steht in Schlussredaktion in fünf Schritten – und die letzte Kontrolle vor der Abgabe übernimmt Kapitel 6.

Fragen & Antworten
Hallo Herr Wolf,
ich habe folgendes Problem: und zwar schreibe ich aktuell meiner BA im Bereich Steuerrecht über ein recht aktuelles Thema. Aufgrund der Aktualität des Themas gibt es hierzu fast keinerlei Primärliteratur, lediglich einige wenige Meinungsbeiträge in Fachzeitschriften. Daher habe ich mich entschlossen, meine BA als einen eigenen Forschungsbeitrag zu schreiben.
Nun habe ich vor einer Woche aber entdeckt, dass in einer Fachzeitschrift ein Artikel erschienen ist, der exakt das gleiche Thema behandelt, mit fast der gleichen Vorgehensweise und den gleichen Schlussfolgerungen, wie ich sie geplant hatte. Der Artikel ist quasi meine BA wie ich sie schreiben wollte, nur in komprimierter Form.
Würde ich meine BA nun so schreiben wie geplant, würde der Eindruck entstehen, dass ich mir diesen Artikel als Vorlage genommen und nur etwas ausführlicher abgeschrieben habe.
Ich habe meinen Betreuer darauf angesprochen, der meinte, ich sollte in meiner BA Bezug auf diesen Artikel nehmen und Forschungslücken untersuchen. Bloß gibt es da keine Forschungslücken, der Artikel ist lückenlos.
Als Alternative hat er gesagt, ich solle dem Artikel folgen und prüfen ob die Schlussfolgerungen daraus richtig sind. Aber auch das ist schwierig, weil der Artikel alles kurz aber umfassend begründet hat, also würde das auch wieder nur auf "Abschreiben" hinauslaufen...
Meine Frage ist, wie Sie damit umgehen würden? Ist es "OK", wenn ich den Artikel nur in ausführlicher Form wiedergebe? Oder sollte ich mir ein anderes Thema suchen?
Vielen Dank für Ihre Antworten
Hallo,
ich würde mir ein anderes Thema suchen, wenn ich nichts mehr dazu sagen könnte. Ist sicher schwierig und etwas nervig, noch einmal umzusatteln, aber so funktioniert Wissenschaft nun mal :) Warum etwas erforschen, das bereits ausreichend erforscht wurde. Vielleicht gibt der Artikel ja einen Ausblick und regt weitere mögliche Untersuchungen an, der Sie nachgehen könnten?