Prokrastination im Fernstudium: Das sagen Experten & Studierende

Prokrastination gehört zu den häufigsten Herausforderungen im Fernstudium. Wenn Lernziele aufgeschoben, Skripte ungelesen bleiben und das schlechte Gewissen wächst, sprechen Expert:innen von einem ernstzunehmenden Phänomen – mit psychologischen Ursachen und konkreten Folgen für den Studienerfolg. Doch was hilft gegen das ständige Aufschieben? Und wie lässt sich Prokrastination vom funktionalen Handlungsaufschub unterscheiden?

Christian hat das Thema in vielen Folgen von fernstudi.fm aufgegriffen und sowohl Experten als auch Studierende befragt, unter anderem: Dimitra Apatzidou von „Dual ohne Qual“, Lerncoach und Dozentin Kerstin Obermeier, Norman Rost von der Hochschule Fresenius, Lernberater Gabriel Gorbach sowie Dr. Tim Reichel vom Studienscheiss-Verlag. Sie teilen persönliche Einblicke, Methoden und psychologische Hintergründe zum Thema.

Die Gespräche beleuchten individuelle Ursachen von Prokrastination – etwa Perfektionismus, mangelnde Selbststruktur oder fehlende Verpflichtung – und zeigen konkrete Wege aus der Aufschiebefalle auf. Es geht um Prokrastinationstypen, mentale Blockaden, effektive Lernstrategien und motivationale Techniken wie die „5-Minuten-Regel“.

 

Inhalt:

00:00 Vorschau
02:28 Dimitra Apatzidou über Prokrastination als Stressfaktor im dualen Studium
06:07 Kerstin Obermeier über Prokrastinationstypen, Leidensdruck und Vermeidungsstrategien
33:53 Norman Rost über Motivationseinbrüche und Modultaktik im Fernstudium
38:33 Gabriel Gorbach über Lernbarrieren, Motivation und Zeitmanagement
43:20 Tim Reichel über die 5-Minuten-Regel als Gegenmittel zum Aufschieben

 

Die Gäste im Internet:

Dimitra Apatzidou:
dualohnequal.de
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Kerstin Obermeier:
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Norman Rost:
LinkedIn | Instagram

Gabriel Gorbach:
gabrielgorbach.com
YouTube | Instagram | Facebook | LinkedIn

Tim Reichel:
studienscheiss.de
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Die Podcasts mit unseren Gästen im Überblick:

👉 Stress im Studium abbauen, Burnout vorbeugen, Leistung steigern – Dimitra Apatzidou im Interview 
👉 Alles über PROKRASTINATION! Ursachen, Anzeichen, Lösungen – Interview mit Expertin Kerstin Obermeier 
👉 Fernstudium & Arbeit an der HS Fresenius, Lernstrategie & Karriere-Talk – Norman Rost im Interview 
👉 Skripte im Fernstudium schnell & effizient lernen: Lernexperte Gabriel Gorbach im Gespräch 
👉 Mehr Produktivität im Fernstudium mit diesen 5 Tools! Tim Reichel von Studienscheiss im Interview

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In dieser Kompilationsfolge von fernstudi.fm beleuchtet Host Christian das Thema Prokrastination im Fernstudium aus verschiedenen Perspektiven. Zu Wort kommen die Prokrastinations-Coachin Kerstin Obermeier, die Studienberaterin Dimitra Apaido von Dual ohne Qual, der Fernstudent Norman Rost von der Hochschule Fresenius, der Lernberater Gabriel Gorbach sowie Tim Reichel vom Studienscheiss-Verlag.

Was ist Prokrastination und wann wird sie zum Problem?

Kerstin Obermeier erklarte, dass Prokrastination ein umfassendes Thema sei, bei dem man differenzieren musse. Jeder schiebe mal Dinge auf, doch das Entscheidende sei der Leidensdruck: Jemand, der wirklich prokrastiniert, der leidet darunter. Sie orientiere sich an einer Definition, die Prokrastination als eine Handlung beschreibe, die man ausfuhren mochte, aber aufschiebe, obwohl man keinen Grund dafur habe, und die mit negativen Konsequenzen einhergehe. Prokrastination sei kein Krankheitsbild und werde weder in der ICD noch in anderen internationalen Krankheitsverzeichnissen aufgefuhrt. Sie konne aber zu psychischen Erkrankungen fuhren, allen voran Depressionen.

Obermeier grenzte Prokrastination klar von verwandten Phanomenen ab:

  • Der funktionale Handlungsaufschub, bei dem man bewusst aufschiebe, weil man unter Druck besser arbeite, sei keine Prokrastination.
  • Selfhandicapping liege vor, wenn man andere Aufgaben erledige, um hinterher sagen zu konnen, man habe keine Zeit gehabt.
  • Faulheit sei schwer abzugrenzen, gehe aber in der Regel nicht mit Leidensdruck einher.

Zu den Symptomen der Prokrastination zahlte Obermeier auf: ein permanentes schlechtes Gewissen, Schlafstorungen, Essstorungen und im Extremfall Depressionen. Sie betonte, dass es wichtig sei, sich fruhzeitig professionelle Hilfe zu holen: Im Zweifel lieber einmal zu viel professionelle Hilfe holen als einmal zu wenig.

Personliche Erfahrungen mit extremer Prokrastination

Christian berichtete offen von einer schweren Phase in seinem Leben um die Jahre 2011 bis 2013, in der Prokrastination extreme Ausmasse angenommen habe. Er habe jahrelang seinen Briefkasten nicht mehr geoffnet, sei Tag fur Tag daran vorbeigeschlichen und habe sich alle paar Monate einen Mullbeutel geschnappt, um die Post blind herauszuschaufeln. Er habe dabei die Augen zugemacht und die Beutel aufgehoben, um die Post spater aufzuarbeiten. Im Nachhinein sei nicht viel Dramatisches darin gewesen, aber die Situation habe sich zu einer schweren Depression entwickelt, verbunden mit sozialer Isolation und Scham. Ich habe mich von allem so ein bisschen uberfordert gefuhlt, schilderte er.

Obermeier erganzte, dass dieses Schamgefuhl haufig zum sozialen Ruckzug fuhre, was alles noch verstarke. Was Christian erlebt habe, sei die klassische Laufbahn bis hin zu einem Extrem.

Prokrastination als Stressfaktor im Studium

Dimitra Apaido nannte Prokrastination als typischen Stressfaktor fur Studierende. Manche schoben Aufgaben aus Faulheit oder Angst so lange auf, dass sie nicht mehr hineinkamen und sich Angste und Uberforderung aufbauten. Sie differenzierte zwischen dem gelegentlichen Aufschieben und dem pathologischen Zustand, bei dem Prokrastination zur Arbeitsstorung werde: Es kann auch pathologisch sein, wenn das wirklich zu einem Dauerzustand wird und man dann auch richtig darunter leidet.

Apaido wies darauf hin, dass im dualen Studium das Problem weniger ausgepragt sei, da das Studium starker getaktet sei und es engere Deadlines gebe. Im Fernstudium und Online-Studium hingegen fehlten Kommilitonen, die einen antrieben, und es gebe weniger feste Fristen, was Prokrastination begunstigen konne. Allerdings gehe es auch im dualen Studium darum, Aufgaben nicht auf den letzten Drucker zu erledigen. Sie berichtete von Kommilitonen, die mit dicken Augenringen zur Klausur erschienen seien.

Zudem betonte Apaido, dass Stress nicht nur aus dem Studium komme, sondern auch aus anderen Lebensbereichen wie dem beruflichen Umfeld, etwa durch toxische Kollegen oder Vorgesetzte, was sich wiederum auf das Studium auswirken konne.

Prokrastinationstendenzen und individuelle Ursachen

Kerstin Obermeier erklarte, dass es kein Allheilmittel gegen Prokrastination gebe, da sie ein hochst inter- und intraindividuelles Problem sei. Die Grunde, warum eine Person prokrastiniere, konnten sich von Person zu Person und sogar von Aufgabe zu Aufgabe unterscheiden. Sie arbeite in ihrem Coaching nach der Temporal Motivational Theory, die vier unterschiedliche Prokrastinationstendenzen identifiziere. Ihre erste Aufgabe im Coaching sei es, gemeinsam mit den Klienten herauszuarbeiten, warum sie bei einer bestimmten Aufgabe prokrastinierten.

Als besonders betroffen nannte sie perfektionistische Menschen: Perfektionistische Menschen sind ganz, ganz stark von Prokrastination betroffen. Sie schoben Aufgaben auf, weil sie immer noch eine bessere Quelle suchen oder einen Satz noch einmal umformulieren wollten. Sie schilderte Falle von Studierenden, die eine fertige Arbeit hatten, aber sie nicht abschickten, weil ein Satz noch nicht ganz passte.

Eine weitere haufige Tendenz sei mangelndes Zeit- und Selbstmanagement, das besonders Fernstudierende betreffe, da diese kaum feste Fristen hatten. Wenn man am Jahresanfang eine Aufgabenstellung wahle und zwolf Monate Zeit habe, falle die Selbstorganisation vielen schwer.

Vermeidungsstrategien

Obermeier berichtete aus ihrer Coaching-Praxis uber die haufigsten Vermeidungsstrategien. An erster Stelle stehe das Smartphone: Ich schaue mal schnell artet sehr schnell aus. An zweiter Stelle stehe bei vielen ihrer Klientinnen der Haushalt. Frauen erzahlten ihr: Kerstin, seitdem ich studiere, hatte ich nie so einen sauberen Haushalt wie jetzt. Prokrastinierende Menschen seien nicht faul, sondern machten unheimlich viel, nur nicht zielgerichtet.

Christian erganzte, dass fur ihn in seiner schwierigen Phase das Arbeiten selbst zur Vermeidungsstrategie geworden sei. Er habe als Lektor weitergearbeitet und Geld verdient, aber die eigentlich notwendigen Dinge nicht erledigt. Auch die Fotografie habe ihm als Flucht gedient, um aus dem Haus zu kommen und unter Menschen zu sein.

Motivation und Disziplin im Fernstudium

Obermeier ging auf die Frage ein, warum Menschen auf der Arbeit diszipliniert funktionieren, aber im Studium prokrastinierten. Im Arbeitsverha ltnis gehe man ein Commitment ein und das Belohnungssystem werde aktiviert, etwa durch Gehalt, Boni oder gute Kollegen. Zu Hause am Schreibtisch fehle diese Belohnung, und man musse lernen, sich selbst zu belohnen. Sie betonte: Das konnen die wenigsten von uns tatsachlich, sich einfach mal selbst zu belohnen. Im Coaching arbeite sie daher intensiv am Belohnungssystem ihrer Klienten.

Gleichzeitig sei es wichtig, sich zum richtigen Zeitpunkt zu belohnen. Christian merkte an, dass es kontraproduktiv sein konne, sich bereits nach einem Kapitel mit Instagram zu belohnen, wenn man eigentlich funf Kapitel lesen wollte.

Obermeier berichtete, dass viele ihrer Klienten bereits sechs bis zehn Jahre studierten und noch mitten im Studium steckten. Bei diesen beginne sie mit ganz kleinen Schritten: Du schreibst heute einfach mal einen Satz, weil wenn du einen Satz heute geschrieben hast, ist es schon mehr als gestern. Die Klienten sollten lernen, eigenverantwortlich mit sich umzugehen und den richtigen Zeitpunkt fur eine Belohnung selbst einzuschatzen.

Praktische Strategien: Modulwechsel und Neues anfangen

Norman Rost, der an der Hochschule Fresenius studierte und arbeitete, schilderte, dass er sich nach der Arbeit oft nicht mehr konzentrieren konnte und von Freunden abgelenkt werde. Wenn die Motivation abends fehle, lasse er es manchmal ganz sein und baue fur den nachsten Tag mehr Druck auf. Eine erfolgreiche Strategie sei fur ihn, in solchen Momenten auf einfachere Themeninhalte umzusteigen oder sogar ein komplett neues Modul zu beginnen: Mir hilft dann immer, was komplett Neues anzufangen. Gerade zu Beginn eines neuen Moduls gebe es viele offene Aufgaben, und die neue Herausforderung bringe frische Motivation. Er verglich dies mit dem Sport, wo man bei Mudigkeit auf leichtere Ubungen umsteige, statt ganz aufzuhoren.

Christian bestatige diesen Ansatz und betonte, dass gerade die Flexibilitat des Fernstudiums es ermogliche, einfach ein neues Modul anzufangen, was im Prasenzstudium mit festen Semesterplanen schwieriger sei.

Typische Herausforderungen im Fernstudium

Gabriel Gorbach, Lernberater und Lerncoach, identifizierte drei grosse Herausforderungen fur Fernstudierende:

  • Umsetzung: Die meisten Fernstudierenden hatten Beruf, Familie und einen chaotischen Alltag. Sie mussten es schaffen, sich regelmassig hinzusetzen und zu lernen, wobei mangelnde Motivation dies zusatzlich erschwere.
  • Effektives Lernen: Viele hatten nie gelernt, wie man wirklich lerne, und verwendeten weiterhin Methoden aus der Schulzeit. Im Fernstudium gebe es aber mehr Stoff und weniger Zeit. Er warnte davor, Lernstrategien von Vollzeitstudierenden auf YouTube zu ubernehmen, die acht Stunden taglich zum Lernen hatten und sich ineffektive Methoden leisten konnten.
  • Prufungssicherheit: Gerade Studierende in ihren 30ern, 40ern oder 50ern seien unsicher, ob sie das Studium uberhaupt schaffen konnten. Man musse die Sicherheit entwickeln, zur Prufung gehen und wissen zu konnen: Ich kann das Ganze.

Die Losung fur die meisten dieser Probleme sei eine effektive Lernroutine. Wenn man in kurzer Zeit viel Wissen aufnehme und es langfristig behalte, sei man motivierter, weil man den Fortschritt spure, und gehe sicherer in Prufungen.

Die 5-Minuten-Regel gegen Prokrastination

Tim Reichel stellte die sogenannte 5-Minuten-Regel vor, einen psychologischen Trick, um die Anfangshurde zu uberwinden. Man mache mit sich selbst einen Deal: Man definiere eine Aufgabe und vereinbare, nach funf Minuten aufhoren zu durfen, wenn man keine Lust mehr habe. Die 5 Minuten hat jeder. Jeder schafft das, 5 Minuten etwas zu machen. Es sei wichtig, sich diese Option einzuraumen. Der Trick funktioniere, weil es eigentlich nur die Anfangshurde sei, die einen davon abhalte, mit einer unliebsamen Aufgabe zu beginnen. Sei man einmal dabei, mache man sehr wahrscheinlich weiter: In 99 Prozent der Falle wird dein Hirn sagen: Mach weiter. Du bist jetzt dabei.

Reichel betonte, dass man auch mit nur einer halben Stunde pro Tag erheblichen Fortschritt erzielen konne. Halbe Stunde ist besser als gar nichts. Macht das mal jeden Tag. In der Woche zweieinhalb Stunden, wenn man das Wochenende nicht mitrechnet. Gamechanger. Wichtig sei dabei, sich Aufgaben auszusuchen, die man in Zwischenziele herunterbrechen konne, damit man nach funf Minuten tatsachlich aufhoren konne, ohne etwas Unvollstandiges zu hinterlassen.

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