Skripte im Fernstudium schnell & effizient lernen: Lernexperte Gabriel Gorbach im Gespräch
In Podcast 22 ist wieder Gabriel Gorbach zu Gast. Christian redet mit Gabriel im Detail darüber, wie man Lernskripte im Fernstudium effizient durcharbeitet und lernt. Die beiden reden über Motivation & Prokrastination, über trockenen Lernstoff, über Listen, Tabellen, Abbildungen und natürlich über gehirngerechtes Lernen.
Inhalt:
00:00 Schönen guten Tag
02:01 Wie Gabriel auf das Thema gehirnoptimiertes Lernen kam
04:59 Was sind die größten Herausforderungen im Umgang mit Lernskripten?
10:44 Kann eine Lernsession auch kürzer sein?
13:36 Wie gehe ich mit schwierigen & trockenen Inhalten um?
18:30 Muss ich alles aus dem Skript lernen?
20:16 Wie kann ich schnell Listen auswendig lernen?
26:51 Wie sich Schlafmangel auf die Gedächtnisleistung auswirkt
29:06 Welche Rolle spielt das Selbstbild für den Lernerfolg?
31:01 Wie kann ich schnell Tabellen auswendig lernen?
32:25 Was mache ich, wenn mir Gelerntes nicht mehr einfällt?
36:18 Wie kann ich Grafiken & Bilder schnell lernen?
39:34 Wie schaffe ich es, mit Vollzeitjob & Familienleben regelmäßig zu lernen?
44:28 Was motiviert Gabriel am meisten?
46:52 Sind alle Klienten von Gabriel erfolgreich?
50:38 Abschließender Tipp von Gabriel
Gabriel im Internet:
➡️ Website: https://gabrielgorbach.com
➡️ Youtube: https://www.youtube.com/c/GabrielGorbach
➡️ Instagram: https://www.instagram.com/gabriel_gorbach/
➡️ Facebook-Gruppe: https://www.facebook.com/groups/erfolgreichstudieren
Im Podcast erwähnt:
👉 „Schnell zum Abschluss im Fernstudium (NEUE Strategie)“ https://www.youtube.com/watch?v=ybiDyc1bvyU
Christian: Gabriel, dann herzlich willkommen zum vierten Mal in diesem Podcast. Schön, dass wir wieder über das Thema sprechen können, das dir auch so sehr am Herzen liegt: das gehirnoptimierte Lernen. Vielleicht kannst du uns zum Einstieg mal ganz kurz sagen, wie du eigentlich auf dieses Thema gekommen bist. Wir wollten auch noch ein Textinterview machen für unser Magazin und unsere Redakteurin hat sich ein paar Fragen ausgedacht, und eine dieser Fragen war, wie du auf dieses Thema gekommen bist oder wie du das erfunden hast. Und dann habe ich gesagt, Gabriel hat jetzt sicherlich nicht das gehirnoptimierte Lernen erfunden, sondern sich eben ausgiebig damit beschäftigt.
Gabriel: Sehr gerne, vielen Dank dir auch für die Einladung. Auch korrekt gesagt, ich habe das gehirnoptimierte Lernen nicht erfunden. Es war so: Ich habe begonnen, Psychologie zu studieren, war natürlich hoch motiviert, war relativ schnell überfordert mit der Menge an Lernstoff, habe aber auch Vollzeit gearbeitet und hatte nur wenig Zeit. Dann war so viel was ich lernen musste und nur so begrenzte Zeit, und dann versuchen die meisten es mit Zusammenfassungen schreiben, Karteikarten ausprobieren, einfach Skripte mehrfach durchlesen, das Wichtigste markieren und so weiter. Für mich war es aber so, dass einfach relativ wenig hängen geblieben ist und das mit sehr viel Zeitaufwand verbunden war.
Dann bin ich auf die Themen Kognitionswissenschaften und Neurowissenschaften gestoßen, also die Wissenschaft darüber, wie das Gehirn funktioniert, wie das Gedächtnis arbeitet, wie wir Erinnerungen bilden. Und das Schöne ist, da gibt's ganz viele Studien dazu, was eigentlich passieren muss, damit wir Wissen speichern, welche Prinzipien gelten müssen, damit unser Gehirn Informationen auch im Langzeitgedächtnis ablegt. Dann habe ich mir diese Studien alle durchgelesen und mich wirklich eingearbeitet. Das nicht so Schöne ist: Die Wissenschaftler haben sich jetzt weniger um die Anwendung gekümmert, sondern eher darum, Paper zu publizieren und Grundlagenforschung zu betreiben. Sie waren weniger daran interessiert, das Ganze wirklich konkret anwendbar zu machen. Deswegen habe ich mir dann einfach überlegt: Wie können all diese Prinzipien, die Wissenschaftler über die letzten 10, 20, 30 Jahre herausgefunden haben, anwendbar gemacht werden? Wie kann ich dafür sorgen, dass ich aus einem trockenen Text wirklich trotzdem gut und langfristig Wissen aufnehmen kann? Also erfunden habe ich das Ganze nicht, ich habe mich um die Anwendung gekümmert. Der ganze Lob gehört eigentlich den Dutzenden und Hunderten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Jahre und Jahrzehnte diese Grundlagenforschung betrieben haben. Ich habe das einfach für mich genutzt, dass ich mein Studium auch wirklich neben dem Beruf mit sehr guten Noten abschließen konnte und mittlerweile auch professionell anderen Studierenden weiterhelfe.
Christian: Wir wollen uns in diesem Podcast ein bisschen auf das Thema Lernskripte stürzen. Vielleicht kannst du erstmal kurz erzählen, was eigentlich so die typischen Herausforderungen sind, vor die Fernstudierende gestellt werden, wenn sie ihre Skripte vor sich liegen haben.
Gabriel: Generell kann man die meisten Herausforderungen in drei Bereiche einsortieren. Das Erste ist die Umsetzung: Man muss es einfach schaffen, sich hinzusetzen. Die meisten im Fernstudium haben noch einen Beruf, eine Familie, einen chaotischen Alltag, und müssen es schaffen, sich regelmäßig hinzusetzen und zu lernen. Prokrastination, wenig Motivation machen das Ganze schwieriger.
Zweite große Herausforderung: Während man lernt, muss natürlich das Wissen in den Kopf rein und im Langzeitgedächtnis abgelegt werden. Ganz viele haben nie wirklich gelernt, wie man lernt. Oder sie machen einfach Sachen wie in der Schule, was im Fernstudium problematisch ist, weil man mehr Stoff und weniger Zeit hat. Auf YouTube gibt ja Hunderte und Tausende von Videos von irgendwelchen Anfang-20-jährigen Studenten, die Vollzeit studieren und acht Stunden jeden Tag haben. Die können natürlich Zusammenfassungen schreiben, Karteikarten machen, Mindmaps gestalten, weil sie diese Zeit haben. Wenn man diese Zeit nicht hat, muss man eben effektiver lernen.
Und die dritte große Herausforderung: Man muss es schaffen, diese Sicherheit bei Prüfungen zu haben, einfach auch gut auf das Wissen zugreifen zu können. Gerade viele Studierende, die vielleicht schon in ihren 30ern, 40ern oder 50ern sind, sind so ein bisschen unsicher, ob sie das Ganze überhaupt schaffen. Ich spreche mit ganz vielen, die wirklich diesen Zweifel haben, ob sie ihr Studium erfolgreich abschließen können, vielleicht auch Leute, die kein Abitur gemacht haben. Die Lösung für die meisten dieser Probleme ist einfach eine sehr effektive Lerntechnik, weil wenn man in kurzer Zeit viel Wissen mitnimmt, hat man natürlich nicht das Problem, dass man zu lange braucht. Aber es hilft auch bei den anderen Problemen, weil man motivierter ist, weil man merkt: Es bringt etwas, ich lerne etwas und kann es zwei Tage später immer noch. Und man bekommt mehr Sicherheit.
Christian: Der Zeitaufwand ist für mich auch so eine typische Herausforderung. Einschätzen zu können, wie lange werde ich jetzt für dieses Skript brauchen. Und im Kopf habe ich dann immer: Ich brauche da jetzt mindestens zehn Stunden, um das Skript durchzuarbeiten. Das ist dann immer schon so ein Ding, was mich an der Motivation hindert. Ist es sinnvoll, sich gleich in größeren Blöcken zu lernen, oder ist es vielleicht auch okay, wenn man im Alltag mal zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten dazwischen lernt?
Gabriel: Das hängt etwas von deinen Lebensumständen ab. Wenn es nur um den Lerneffekt geht, wäre es schon gut, länger am Stück zu lernen, nicht zwei Stunden, aber zum Beispiel so eine Stunde am Stück, weil wir brauchen eine Zeit, um warm zu werden und uns voll zu fokussieren, so 15 bis sogar 20 Minuten. Wenn man immer nur zehn Minuten lernt und dann unterbrochen wird, hat man weniger Zeit, in der man wirklich voll fokussiert ist. Allerdings ist es auch so, dass gerade wenn man zum Beispiel Kinder hat, man einfach flexibel sein muss. Dann geht es einfach darum, die Zeit, die man hat, wenn vielleicht mal die Kinder schlafen oder man gerade eine halbe Stunde Zeit hat, wirklich zu nutzen und in dieser Zeit viel Wissen mitzunehmen, auch wenn es vielleicht weniger effektiv ist als eine volle Stunde. Die andere Option gibt es halt nicht, aber man kann auch häppchenweise das Ganze relativ gut aufnehmen.
Oder sogar passives Lernen: Wenn man zum Beispiel viel im Auto unterwegs ist, eine Stunde zur Arbeit und eine Stunde zurück, dann kann man währenddessen passiv viel Wissen mitnehmen. Das wäre nicht die ideale Version, aber gemessen an den Lebensumständen ist das das Beste, was man machen kann, um möglichst wenig Zeit am Schreibtisch zu verbringen und möglichst viel Zeit mit seiner Familie zu haben. Also besser ein bisschen was machen als gar nichts, mit den ganzen Konsequenzen, die man hat, wenn man gar nichts macht: schlechtes Gewissen, Schamgefühl.
Christian: Ich weiß auch, dass es sehr schwer ist, wenn man Vollzeit arbeitet und dann noch Familienleben hat, Haushalt muss auch geführt werden. Da irgendwie noch die Zeit zu finden. Wenn man da wenigstens im Alltag mal 15, 20, 30 Minuten findet, dann ist es besser als wochenlang gar nichts zu machen. Und auch motivierend, wenn man da mal 15 Minuten am Stück was durchgearbeitet hat, in der Regel macht man das ja dann auch länger.
Kann man vielleicht mal über schwierige Inhalte reden? Wenn das Ganze sehr trocken ist, ich habe hier zum Beispiel das Skript „Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten" an der IU, das ist so ein Skript, wenn man das mal durchblättert, ist alles relativ trocken, wenig Abbildungen, viele Definitionen, vielleicht für manche ein bisschen schwer verständlich. Hast du einen Tipp, was man macht, wenn man vor so einem Skript steht?
Gabriel: Egal wie schwierig der Stoff ist, immer die effektivste Möglichkeit des Lernens anwenden. Wie man lernen sollte, unterscheidet sich nicht so sehr davon, wie trocken der Stoff ist. Es gibt mehrere Prinzipien, von denen abhängt, wie das Gehirn Wissen speichert, und wir wollen möglichst viele dieser Prinzipien gleichzeitig verwenden, um unseren maximalen Lerneffekt zu erzielen.
Das erste Prinzip: Man braucht eine Übungskomponente, also man muss sich an das erinnern, was man gelernt hat. Eine Version, wie das aussehen könnte: Ich lese einen Absatz durch, dann decke ich diesen Absatz ab und probiere wiederzugeben, was ich gelesen habe. Wenn ich es schaffe, mich daran zu erinnern, wird dieses Wissen stärker im Langzeitgedächtnis verankert.
Die Kognitionsforschung hat aber entdeckt: Je schwerer es ist, sich daran zu erinnern, desto größer ist der Lerneffekt. Wenn ich direkt danach wiedergebe, ist es nicht so schwierig, dementsprechend ist der Lerneffekt geringer. Wenn ich aber heute 20 Seiten von einem Skript durchlese und am nächsten Tag probiere wiederzugeben, ist es einfach schwieriger, es hat mehr Zeit vergangen, aber dementsprechend ist der Lerneffekt auch deutlich größer. Das Problem ist nur: Wenn man 20 Seiten durchliest und am nächsten Tag nach etwas von Seite 17 gefragt wird, kann man das wahrscheinlich nicht wiedergeben. Deswegen muss man im Studienmaterial so eine Methode einbauen, die einem einen Hinweis gibt, wonach gesucht wird, ohne es zu verraten, damit man sich selbstständig daran erinnern kann.
Das ist vergleichbar mit Sport: Da gibt's auch mehrere Prinzipien, die bestimmen, wie stark man wird. Zum Beispiel, dass die Belastung konstant steigen sollte, dass Wiederholungen in einem bestimmten Abstand erfolgen sollen, dass genügend Eiweiß und Nährstoffe da sein müssen. Je mehr man diese Prinzipien gleichzeitig berücksichtigt, desto größer ist der Effekt.
Christian: Fragen sind sicherlich auch wichtig, die man am Ende vom Kapitel hat, die noch mal durchzugehen, um sich dann bewusst zu erinnern, was man gelesen hat. Aber auch das Ganze schon nach einzelnen Abschnitten zu machen. Eine Frage noch: Viele Studierende wissen gar nicht so richtig, was sie eigentlich genau lernen sollen. Soll ich da jetzt alles lernen, soll ich eine Definition bis aufs einzelne Wort lernen?
Gabriel: Für die meisten Fernstudierenden gilt tatsächlich, dass man alles lernen sollte, zumindest an der IU. Da werden häufig auch Nebensätze abgefragt. Man sollte im Prinzip den gesamten Stoff können. Was die Leute natürlich stört, aber wenn man eine gute Lerntechnik hat, ist das auch nicht so herausfordernd. Man kann einfach alles können. Die Frage ist dann eher, in welcher Tiefe man das können muss. Bei Fließtexten muss man das nicht Wort für Wort können, es geht darum, dass man die Inhalte begreift. Bei bestimmten Definitionen kann es schon Sinn machen, die auch Wort für Wort zu können, wenn es einfach notwendig ist, zum Beispiel in den Rechtswissenschaften. Aber wenn das nicht gefordert wird, dann muss man das auch nicht machen.
Christian: Okay, also auch mal ein bisschen überlegen und nachdenken, was will ich davon wirklich sehr gut können, und sich auch mal versuchen, in die Lehrkräfte zu versetzen. Lass uns mal ein bisschen darüber reden, wie man sich die Arbeit vereinfachen kann. Fangen wir mit Listen an, so ein Klassiker in der Hochschullehre. Lehrkräfte schreiben ganz gerne Listen, die man dann auswendig lernen soll. Hast du einen Tipp, wie man Listen optimal auswendig lernen kann?
Gabriel: Da kommt ein zentrales Lernprinzip zum Tragen. Unser Langzeitgedächtnis ist ein semantischer Speicher, das bedeutet, unser Langzeitgedächtnis speichert Informationen anhand der Bedeutung, die etwas hat. Und damit unterscheidet es sich vom Kurzzeitgedächtnis, das eher visuell oder auditiv ist. Ein gutes Beispiel: Wenn man mal in der Situation war, dass man sich kurz vor einer Prüfung noch den gesamten Stoff reingeprügelt hat, kann es vorkommen, dass man bei der Prüfung weiß, ich habe das gelernt, man weiß teilweise sogar, da stand das relativ rechts oben auf der Seite, da war noch eine Abbildung daneben, also man kann sich daran erinnern, wie das aussah, aber weniger an die Inhalte. Wenn etwas wenig oder keine Bedeutung hat, wie eine zufällige Liste, können wir dem aber künstlich eine Bedeutung geben.
Ich habe ein Beispiel mitgebracht: Es gibt ein Modell der Basisemotionen, und zwar sind das Ärger, Angst, Ekel, Überraschung, Trauer und Freude. Das sind Emotionen, die kulturübergreifend sichtbar sind. Wie kann ich mir so eine Liste merken? Wir bauen diese sechs Punkte in eine kreative Geschichte ein. Ich überlege mir: Ärger – zum Beispiel, ich gehe auf der Straße und rutsche auf einer Bananenschale aus, das ärgert mich. Kleiner Tipp: Solche Geschichten sollte man möglichst stereotyp und einfach machen, dann bleiben sie besser hängen. Ich rutsche auf der Bananenschale aus, während ich fliege, habe ich Angst, dass ich mir gleich den Kopf anhaue. Dann fällt die Bananenschale genau vor mein Gesicht und ist einfach eklig, die braunen Stellen. Dann schaue ich hoch und sehe Konfetti, Leute rufen „Überraschung" – es war ein Streich. Dann werde ich traurig, dass meine Freunde mich so auf den Arm nehmen. Und im Endeffekt muss ich aber doch lachen, weil sie mit einem Kuchen kommen – Freude. Ziemlich wilde Geschichte, aber indem ich sie erstellt habe, kann ich mich jetzt leichter an die Liste erinnern.
Christian: Das Prinzip kenne ich auch so ein bisschen aus dem Alltag. Zum Beispiel, ich laufe mit meiner Partnerin durch die Einkaufsstraße und an einem Blumenladen vorbei, und sie meint: „Ach da stehen Hortensien, die mag ich sehr." Und weil ich öfter mal gesagt bekomme, dass ich nicht so gut zuhöre, denke ich mir: Das muss ich mir jetzt irgendwie merken. Ich könnte wetten, wenn ich jetzt zwei Minuten weiterlaufe, habe ich den Namen dieser Blume schon wieder vergessen. Aber ich versuche einfach, irgendeine Verknüpfung zu finden. „Hort" zum Beispiel – meine Mutter ist Hortleiterin, meine Schwester auch Pädagogin. Also irgendeine Verknüpfung, und ich habe es mir immerhin bis heute gemerkt.
Ich hatte auch erzählt, so ein bisschen Schlafmangel mit Kindern, und ich habe gemerkt, dass ich wahrscheinlich durch den Schlafmangel einfach so ein bisschen unter Gedächtnisproblemen leide, nicht pathologisch, aber es gab Zeiten, da sind mir Dinge einfach besser eingefallen. Wenn ich aber versuche, mir bewusst etwas im Alltag zu merken, dann merke ich mir das auch ein bisschen einfacher.
Gabriel: Richtig, die Intention, sich etwas merken zu wollen, spielt da eine Rolle. Und das ist aufgrund mehrerer Effekte so. Erstens der Schlafmangel: Während des Schlafs, genau genommen während des REM-Schlafs, findet die sogenannte Gedächtniskonsolidierung statt. Unser Gedächtnis entscheidet, was von den gesamten Informationen, die wir am Vortag aufgenommen haben, ins Langzeitgedächtnis kommt und was aussortiert wird. Wir leben in einer Informationsflut, wir erleben jeden Tag so enorm viel, dass wir verrückt werden würden, wenn wir uns an alles erinnern würden. Deswegen ist es gesund für uns, ganz viel auszusortieren. Wenn man aber weniger schläft oder weniger REM-Schlafphasen hat, passiert weniger Konsolidierung. Und besonders kritisch: Am Ende der Schlafzyklen haben wir die größten REM-Schlafphasen. Wenn man nur fünf oder sechs Stunden schläft, hat man nicht nur zwei Drittel des normalen Schlafs, sondern vielleicht nur die Hälfte des REM-Schlafs, weil das nicht gleichmäßig über die Nacht verteilt ist.
Andererseits benötigt unser Langzeitgedächtnis, um Informationen zu speichern, Serotonin, einen Neurotransmitter, den wir haben, wenn wir glücklich sind. Wenn ich den Stoff überhaupt nicht mag, habe ich weniger von diesem Klebstoff im Gehirn, den ich eigentlich benötige, um das abzuspeichern. Insofern kann es helfen, eine kleine Routine vor dem Lernen zu haben, wo man sich wirklich gut und glücklich fühlt.
Und ein letzter Effekt: Es gibt selbstverstärkende Prozesse, besonders bei stereotypen Sachen wie Mathematik. Ganz viele Studierende haben irgendwie Angst vor Mathematik oder Statistik. Aber mathematische Inhalte sind oft gar nicht schwierig. Weil man aber denkt „ich bin nicht gut in Mathe", geht man mit einer anderen Einstellung ans Lernen ran, hat keine Lust alleine, macht es nur halbherzig, nimmt weniger Wissen mit. Weil man weniger mitgenommen hat, ist man bei der Prüfung auch nicht so gut, das verstärkt dann wiederum die Überzeugung. Ein selbstverstärkender Prozess, wo man nur durch die Überzeugung tatsächlich weniger kann. Das muss man einfach durchbrechen. Es gibt fast keine Disposition, die dafür sorgt, dass manche Menschen grundsätzlich besser sind als andere. Das geht zu 99 Prozent darum, wie man lernt und wie man sich an die Sache heranmacht.
Christian: Kommen wir mal zurück zum IU-Skript, wo man sehr viele Sachen auswendig lernen muss. Listen haben wir abgehakt. Wie kann ich gut Tabellen lernen, lässt sich das auch übertragen?
Gabriel: Genau, im Prinzip gilt dasselbe Prinzip. Wir müssen der Information eine Bedeutung zuschreiben, um uns das Ganze besser zu merken. Ich habe ein anderes Beispiel mitgebracht, von der Euro-FH: Kommunikationsstile nach Schulz von Thun. Da gibt es eine Tabelle mit einem bedürftig-abhängigen Stil, einem helfenden Stil, einem selbstlosen Kommunikationsstil, einem aggressiv-entwertenden Stil und so weiter. Da würde man genauso eine kreative Geschichte daraus machen. Zum Beispiel: Der bedürftig-abhängige Stil – ich stelle mir einfach einen Drogenabhängigen vor, der am Boden sitzt. Dann kommt ein Sozialarbeiter hin, der helfende Stil, und setzt sich selbstlos neben die Person. Der Drogenabhängige reagiert aber aggressiv-entwertend. Und so weiter. Also ich baue aus dieser Tabelle einfach eine kreative Geschichte, und kann mir das Ganze dann dementsprechend besser merken.
Christian: Sag mal, was kann ich denn eigentlich machen, wenn mir Dinge partout nicht einfallen? Ich habe zum Beispiel seit Monaten einen Fall, da fällt mir ein Name nicht ein. Ich hatte mal einen Freund und der hatte eine Freundin, und ich überlege seit Ewigkeiten, wie sie heißt. Normalerweise wenn mir irgendwas nicht einfällt, dann merke ich, ich bin kurz davor, vielleicht weiß ich schon den Anfangsbuchstaben. Aber in dem Fall, es fällt mir einfach nicht ein, das ist komplett in irgendeinem schwarzen Loch verschwunden. Hast du vielleicht einen Tipp, wenn man in einer Prüfung sitzt und einem Sachen partout nicht einfallen wollen?
Gabriel: Strategie wäre natürlich schon, dafür zu sorgen, dass es einfach gut abgespeichert ist. In deiner Situation muss ich sagen, wenn du wirklich den Namen nicht im Gedächtnis hast, dann kann man sich auch nicht daran erinnern. Aber wenn einem Sachen nicht hängen bleiben, heißt es eigentlich nur, dass das noch so eine zufällige Information ist, und man muss dem einfach künstlich eine Bedeutung geben. Zum Beispiel: Du stellst neben der neuen Person eine andere Person vor, die du kennst mit demselben Namen, und überlegst, wie die beiden interagieren.
Wenn man wirklich in der Situation ist, dass man in einer Prüfung sitzt und weiß, ich habe das gelernt, ich kann mich jetzt aber nicht erinnern: Wie gut man auf sein Wissen zugreifen kann, hängt von der Erinnerungsfähigkeit ab. Man hat eigentlich immer fünf bis zehn Prozent mehr Wissen abgespeichert, als man sich gerade erinnern kann. Da ist etwas, das wie in einer großen Bibliothek abgestellt ist, und wir wissen nicht, in welchem Regal das Buch steht.
Was man da verbessern kann: Erstens auf seine Gefühle achten, sich glücklich und optimistisch fühlen. Es gibt Studien dazu, dass wenn man sich auch bei trockenem Stoff wie Mathematik einfach gut fühlt, man bei der Prüfung besser abschneidet als die andere Gruppe, weil man einfach besser auf vorhandenes Wissen zugreifen kann. Man kann teilweise auch versuchen, die Situation bei der Prüfung ähnlich zu machen zu der Situation, in der man gelernt hat, weil wir Wissen am besten in der Situation abrufen, in der wir es gelernt haben. Und natürlich: ausgeschlafen sein vor der Prüfung.
Christian: Was mir auch aufgefallen ist: Ich merke mir Gesichter einfacher als Namen. Gehen wir mal zurück zum Skript. Dann gibt's noch Grafiken und Bilder in Skripten. Diejenigen, die Kulturwissenschaften studieren, kennen vielleicht noch den DTV-Atlas für Geschichte, mit ganz vielen Karten drin. Oder den DTV-Atlas für Philosophie, wo man versucht hat, philosophische Inhalte in Bilder zu packen. Da sind wirklich teilweise skurrile Bilder rausgekommen. Hast du vielleicht einen Tipp, wie man Bilder und Grafiken auswendig lernen oder zum Lernen nutzen kann?
Gabriel: Ich habe etwas mitgebracht, eine Grafik von der Fernuni Hagen. Eine Grafik oder ein Bild möchte immer eine bestimmte Information vermitteln. Das Schöne an Grafiken ist, dass man da relativ viel Informationen kompakt vermitteln kann, wofür man sonst zwei Seiten Fließtext bräuchte. Was man quasi machen soll: sich überlegen, was genau sagt das Ganze aus, und das dann lernen. Oder man versucht, sich das visuell zu merken, und baut Simplifizierungen ein, zum Beispiel scheinbare Muster erkennen oder es mit einer Erinnerung verknüpfen. Das Höhlengleichnis in der Philosophie könnte ich mir zum Beispiel wirklich vorstellen, wann war ich das letzte Mal in einer Höhle oder einem dunklen Raum. Das sind aber auch Sachen, die sind manchmal anwendbar, aber nicht immer, da braucht man noch die anderen Prinzipien dazu.
Christian: Beim Studium sind das ja häufig Diagramme, die als ergänzende Abbildungen den Lernstoff auf grafische Art vermitteln.
Vielleicht als abschließende Frage zu den Strategien noch mal zum Thema Selbstorganisation und Zeitmanagement. Es ist halt schwierig, neben Beruf, Familie und Haushalt das Lernen noch mit einzubauen. Hast du vielleicht noch ein, zwei Tipps, wie man das machen kann?
Gabriel: Vielleicht zwei Sachen, die man implementieren kann. Erstens: Input-Ziele beim Lernen haben. Ich würde weniger darauf fokussieren, „ich möchte heute zehn Seiten lernen", weil man das weniger gut kontrollieren kann – der Stoff kann komplexer sein, man hat schlechter geschlafen. Was man besser kontrollieren kann, sind Input-Ziele, also „ich möchte heute eine Stunde lernen" oder „zwei Stunden lernen". Und dann sollte man vorher einplanen, was man macht, bevor man es ausführt. Nicht einfach „ich komme nach Hause und dann schaue ich halt, ob ich lerne", sondern wirklich sagen: „Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, lerne ich eine Stunde fix, und vielleicht noch eine variable Stunde, das hängt davon ab, ob ich Überstunden mache." So einen Plan im Voraus machen und ihn dann auch durchführen, weil immer im Moment ist es schwierig, sich zum Lernen aufzuraffen, aber wenn man sich dazu verpflichtet hat, macht man es einfach doch.
Christian: Was ich auch gemerkt habe, was sehr wichtig ist: dass man sich abspricht, gerade wenn man mit Familie oder Freund, Freundin zusammenlebt und dann Zeit nutzt, die man eigentlich miteinander hätte. Dass man da versucht, miteinander zu reden und sich Zeiten auszuhandeln. Vielleicht kann man auch zusammen sitzen, jeder arbeitet an seiner Sache, dann verbringt man noch ein bisschen Zeit miteinander. Mit Kindern ist es dann natürlich schwieriger, die fordern je nach Alter natürlich sehr viel Aufmerksamkeit ein. Aber wichtig, dass man darüber redet und sagt: Okay, das wird jetzt meine Phase sein, wo ich ein bisschen mehr lernen muss, und an diesen Wochentagen stecke ich abends noch eine Stunde ins Lernen.
Gabriel: Vielleicht noch als letzte Ergänzung: Es ist auch einfach möglich, Familie, Berufsleben und Studium gleichzeitig zu machen, auch wenn das etwas ist, was enorm mit Anspannung verbunden ist. Wir haben immer wieder Studentinnen, die sagen, sie haben gefühlt weniger Zeit für ihr Kind, als ihnen eigentlich lieb ist, teilweise ihrem Kind sagen müssen: „Ich habe jetzt gerade keine Zeit zum Spielen, ich muss eine Prüfung vorbereiten." Das ist natürlich innere Anspannung, weil Kinder sind natürlich die höchste Priorität. Aber es ist wirklich möglich, auch mit Kindern und Beruf im Studium einfach zügig voranzukommen, wenn man sehr effektiv lernt und eine gute Struktur und Organisation hat. Wobei man gleichzeitig Zeitmanagement auch nicht zu hoch bewerten sollte. Viel wichtiger ist, dass in der Zeit viel Wissen hängen bleibt. Wenn ich jetzt eine halbe Stunde mehr raushole durch perfektes Zeitmanagement, aber dann Zusammenfassungen schreibe, bleibt auch kaum Wissen hängen. Lieber einfach sehr effektiv lernen.
Christian: Gabriel, wir haben jetzt schon über vieles geredet, auch über Motivation. Kannst du uns vielleicht zum Schluss noch sagen, was dich eigentlich am meisten motiviert, deinen Job zu machen?
Gabriel: Ich glaube, ich bin einfach sehr interessiert an Exzellenz. Ich mag es, wenn Leute wirklich gut sind in dem, was sie machen. Ich bin auch ein Effektivitäts-Freak. Und ich liebe es, anderen Leuten zu helfen, auch dabei, ihre Selbstzweifel abzulegen. Ich bin sehr überzeugt von Menschen, ich glaube mehr an viele Menschen, als sie vielleicht selbst an sich glauben. Was mich wirklich reizt, ist zum Beispiel: Michaela studiert an der IU und war schon am Überlegen, ob sie das Studium abbrechen soll, weil es einfach mit so viel Aufwand verbunden war und sie nicht gut vorangekommen ist, vielleicht 30 ECTS im Jahr absolvieren konnte. Und jetzt hat sie eine Prüfung nach der anderen absolviert und einfach diese Strahlung, diese Sicherheit, dass sie das Ganze erfolgreich abschließen wird. Was mein Herz zum Strahlen bringt, ist, wenn ich sehe, dass Leute wieder an sich selbst glauben, wirklich sehen, sie schaffen das Ganze. Das Vehikel dazu ist das Studium, dass ich den Leuten da weiterhelfe, aber richtig cool ist, wenn sie auch auf der Arbeit sicherer und selbstbewusster geworden sind.
Christian: Und wie sieht es in deiner Coaching-Praxis aus, schafft es da jeder, die Ergebnisse zu bekommen?
Gabriel: Tatsächlich muss man schon sagen, es schafft nicht jeder die gewünschten Ergebnisse. Von, ich glaube gestern waren es 283 Studenten im Training, gibt es auch zwei Fälle, wo man wirklich sagen muss, die haben nicht die gewünschten Ergebnisse bekommen. Einmal kam vor einem Jahr ein Student ins Training, der hat ein Onboarding bekommen, Videokurse, WhatsApp-Verbindung und so weiter, aber hat seitdem tatsächlich kein einziges Mal kurz eingeloggt, nichts konsumiert. Ich habe ihn 15 bis 20 Mal angerufen, SMS geschrieben, WhatsApp geschrieben, sogar einen Brief geschrieben. Nach fünf Wochen kam die Rückmeldung: „Ich habe gerade auf der Arbeit so viel zu tun, können wir später starten?" Natürlich kein Problem, die Zeit wird einfach hinten drangehängt. Aber auch dann kam er schlussendlich nicht dazu. Das ist etwas, was passiert, wenn man arbeitsmäßig so im Stress ist.
Zweiter Fall: Vor zwei Jahren mit einer Studentin zusammengearbeitet, mega glücklich, hat ihrer Schwester das Coaching empfohlen. Die Schwester ist Anfang 30, hatte Depressionen und war an einem Biologie-Examen festgehangen, schon zweimal nicht geschafft, letzter Versuch. Durch die Depression – das ist ein Faktor, den ich schwerer kontrollieren kann – hat sie super gelernt, konnte den Stoff richtig gut, war richtig gut vorbereitet, hat dann aber beim Examen bei einer von drei Aufgaben einfach Panik bekommen, hat die Sachen nicht mehr lesen können, nicht mehr erkennen können, und hat dann dieses Examen auch nicht bestanden. Richtig schade, weil sie konnte den Stoff. Aber es gibt einfach so einen kleinen Faktor, den man nicht kontrollieren kann. Muss man leider dazu sagen: zwei Leute von 283, bei denen es nicht die gewünschten Ergebnisse gegeben hat.
Christian: Okay, aber alle anderen haben sich auf jeden Fall deutlich verbessert. Hast du vielleicht noch zum Schluss ein, zwei Tipps für diejenigen, die nicht unbedingt ins Coaching kommen wollen und auch wenig Zeit haben?
Gabriel: Was man auf jeden Fall machen sollte, ist einfach mal mehr zu reflektieren: Bringt das, was ich mache, eigentlich etwas? Weil viele Studierende sind im Stress und lernen einfach drauflos, aber komplett ineffektiv. Dann macht es mehr Sinn, einfach mal langsamer zu machen. Wie viel bleibt eigentlich wirklich hängen? Kann ich da vielleicht einfach effektiver lernen? Selbst wenn man keinen Coach hat, wird man wahrscheinlich allein schon durch Nachdenken auf ein, zwei Punkte kommen, durch die man Wissen besser speichern kann. Es macht enorm Sinn, gerade beim Lernen einfach mal Zeit zu investieren, um zu lernen, wie man wirklich lernt, weil das zahlt sich so schnell mit Zinsen zurück, und dann hat man einfach endlich mal wieder Wochenende.
Christian: Vielleicht kannst du ganz zum Schluss noch sagen, wo man dir am besten folgen kann?
Gabriel: Einerseits YouTube-Kanal Gabriel Gorbach. Dann gibt es eine Facebook-Gruppe „Erfolgreich Studieren" mit 5.000 Studierenden mittlerweile, wo dreimal täglich einfach Tipps und Ratschläge reinkommen. Und natürlich auf der Webseite gorbach.com, da sind einfach alle Ressourcen verlinkt. Es gibt einen Report, wo es einfach darum geht, schnell zum Abschluss im Fernstudium zu kommen neben Beruf oder Familie, den man kostenlos anfordern kann. Oder einfach eine kostenlose Lernanalyse buchen, einfach mal schauen: Wie lernst du, was könnte man noch optimieren, um mit weniger Zeitaufwand wirklich bessere Ergebnisse im Studium zu erzielen.
Christian: Super, Gabriel, dann tausend Dank für die vielen Tipps, die du hier wieder gegeben hast. Und ich würde mal sagen, bis zum nächsten Podcast zusammen.
Gabriel: Vielen Dank dir, freue mich schon drauf. Tschüss.

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