Eigenständiges Denken in Studium, Bachelorarbeit & Wissenschaft 🧠 mit Xenia Wenzel
Eigenständiges bzw. kritisches Denken ist eine wesentliche Fähigkeit im Studium, in der Wissenschaft und bei der Meinungsbildung. Diese Kompetenzen ermöglichen es uns, Informationen kritisch zu hinterfragen, reflektierte Standpunkte zu entwickeln und fundierte Entscheidungen zu treffen. Im wissenschaftlichen Kontext trägt eigenständiges Denken wesentlich zur Qualität und zum Erfolg bei.
In Podcast-Episode 33 ist Xenia Wenzel zu Gast. Xenia ist Doktorandin, Wissenschaftlerin und Coach für wissenschaftliches Arbeiten.
Im Podcast bespricht Xenia mit Christian unter anderem die Bedeutung von eigenständigem Denken und eigener Standpunkte in Studium und Wissenschaft, Methoden zur Förderung und zum Erlernen des kritischen Denkens sowie dessen Stellenwert für Abschlussarbeiten.
Inhalt:
00:00 Schönen guten Tag
01:23 Xenia stellt sich vor
05:57 Eigenständiges & kritisches Denken
08:04 Kritisches Denken vs. Standpunkt & eigene Meinung
12:07 Eigenständigkeit in Abschlussarbeiten
16:05 Tipps zum Mindset
18:57 Partizipation & Austausch in Studium & Bildung
22:18 Fachsprache verstehen
24:07 Literatur kritisch hinterfragen
26:15 Kritisch Denken in Literatur- & Quellen-Recherche
31:29 Logik & Argumentation
36:03 Bedeutung von Interdisziplinarität für kritisches Denken
39:03 Schreiben, schriftlicher Austausch & Publikation
43:36 Kontextualisierung & Anwendung
51:36 Unterstützung, Feedback & Xenias Coaching für Abschlussarbeiten
58:13 Wo man Xenia im Netz begegnet
Xenia Wenzel im Internet:
➡️ Website: https://xeniawenzel-coaching.de
➡️ Youtube: https://www.youtube.com/channel/UCTr7FAEayK0fN3Qn5mBPfYQ
➡️ Instagram: https://www.instagram.com/xeniawenzel.coaching/
Im Podcast erwähnt:
👉 Video von Xenia zum Thema Mindset https://www.youtube.com/watch?v=9QlDUNwV8_c
Christian: Schönen guten Tag, liebe Freunde des wissenschaftlichen Arbeitens! In diesem Podcast zu Gast: Xenia Wenzel. Und Xenia ist nicht nur Doktorandin und Wissenschaftlerin und Hochschuldozentin, sondern auch Coach für wissenschaftliches Arbeiten. Und als Coach für wissenschaftliches Arbeiten kennt ihr sie vielleicht sogar schon von Instagram. Und Xenia hat interessanterweise Philosophie studiert, neben anderen Fächern. Vielleicht wisst ihr ja, dass ich auch mal Philosophie studiert habe, und deswegen haben wir uns überlegt, wir reden mal über eigenständiges Denken in Bezug auf wissenschaftliches Arbeiten.
Christian: Also wir wollen erstmal gucken, was ist eigentlich mit eigenständigem Denken genau gemeint, wo sind hier auch die Unterschiede zur eigenen Meinung. Wir gucken mal, wie wichtig es ist, auch selbst zu denken bzw. eigenständig zu denken bei Bachelorarbeiten, Masterarbeiten oder auch Seminararbeiten. Und dann wollen wir darüber reden, wie kann man das Ganze fördern oder auch erlernen, wie kann ich es einüben, selbst zu denken. Was sind da für Dinge wichtig, beispielsweise sich mit Begriffen auseinanderzusetzen, wie wichtig ist es, kritisch lesen zu können, Texte auch hinterfragen zu können, wie kann man recherchieren üben, was hat das mit selbstständigem Denken zu tun. Und dann wollen wir natürlich auch mal gucken, wo es weniger angebracht ist, selbstständig zu denken oder auch eine eigene Meinung einzubringen. Über all diese Dinge wollen wir jetzt in diesem Podcast reden, und ich würde sagen, wir legen mal direkt los.
Christian: Ja, Xenia, dann herzlich willkommen hier im Podcast! Ich finde es ein ziemlich cooles Thema, Selbstdenken, eigenständig denken. Wobei ich auch so ein bisschen Bedenken habe, wie interessant das jetzt für die meisten unserer Zuhörer ist. Aber ich glaube, wir können das ziemlich interessant gestalten, irgendwie so eine Mischung versuchen aus technischen Tipps auch zu geben, wie man da reinkommt, und erstmal so überlegen, was Denken überhaupt ist. Aber vielleicht stellst du dich ja erstmal ganz kurz vor unseren Zuschauern und Zuhörern, die dich noch nicht kennen. Wer bist du eigentlich, was machst du?
Xenia: Hi Christian, danke für die Einladung erstmal! Ist mein allererster Podcast, dann total cool, die Erfahrung mal zu machen. Und genau, ich sehe es genauso wie du, also ich bin mir total sicher, dass wir hier sehr viele Tipps mitgeben werden heute für die eigene Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit. Und ich glaube, wir werden auch einigen Leuten die Augen öffnen heute, wenn sie nämlich merken, wie viel sie schon selber denken, ohne es vielleicht so wirklich bewusst wahrzunehmen.
Xenia: Genau, also ich bin Xenia Wenzel. Ich erzähle einfach mal ein bisschen über meinen akademischen Hintergrund. Ich habe Bachelor Philosophie studiert an der Humboldt-Uni, habe mit Sozialwissenschaft angefangen, dann Philosophie und Geschichte, dann Philosophie und Slavistik. Das habe ich dann auch abgeschlossen, also meine Bachelorarbeit habe ich in der Philosophie, in der Sozialphilosophie geschrieben. Und ich war eigentlich schon immer so total hin- und hergerissen zwischen Sprachwissenschaften oder Sprachen und so sehr klassischen Geisteswissenschaften. Und das hat dann dazu geführt, dass ich in meinem ersten Master dann Übersetzungswissenschaften studiert habe, dann aber relativ schnell gemerkt habe, oh, das ist ja doch nicht so theoretisch, wie ich es gern mag, weil ich liebe einfach Theorie. War sehr praktisch, habe mich aber entschlossen, okay, ich ziehe das Studium jetzt durch, und habe dann meine Masterarbeit über die Übersetzung von Philosophie geschrieben, also habe mich dann da voll ausgelebt.
Xenia: Die Arbeit wurde veröffentlicht, und ich glaube, das war für mich so ein richtiger Durchbruch. Ich habe mich nämlich vorher eigentlich nie als Wissenschaftlerin so richtig identifiziert. Ich habe immer gedacht, na ja, gerade im Bachelorstudium, ich bin so mittelmäßig, irgendwas funktioniert hier nicht so ganz. Und dann mit der Zeit, mit meiner ersten Masterarbeit habe ich mich zum ersten Mal so richtig als Wissenschaftlerin gefühlt und habe wirklich nächtelang durchrecherchiert, war ständig in der Bibliothek. Ich habe wirklich so gebrannt für mein Thema und diese Arbeit, dass ich dachte, ich muss es jetzt einfach hinkriegen, ich muss mir einfach coole Techniken überlegen. Und ich habe dann einfach so viel mehr beigebracht und mir angeeignet.
Xenia: Genau, und die Arbeit wurde dann veröffentlicht, und da mir doch die Philosophie oder Sozialphilosophie sehr gefehlt hat, habe ich noch einen zweiten Master gemacht in Gesellschaftstheorie. Das ist quasi so der theoretische, philosophische Teil der Soziologie. Und habe danach mit einer Promotion begonnen, mit der ich gerade am Ende stehe, auch im Bereich Gesellschaftstheorie. Und zum Coaching werden wir später noch mal sprechen, aber ich glaube im Lockdown war das, habe ich dann angefangen, YouTube-Videos zu machen. Ich habe vorher schon auch als Coach gearbeitet, allerdings in sehr kleinem Rahmen. Das hat alles irgendwie angefangen, dass ich Freunden geholfen habe oder dass Freunde auf mich zugekommen sind: Xenia, ich blicke nicht mehr durch bei meiner Abschlussarbeit, kannst du mir helfen, können wir mal einen Kaffee trinken? Und dann: Ja, ich habe eine Freundin, die hat auch noch Fragen. Und so fing das irgendwie alles an. Dann habe ich angefangen mit dem Coaching und habe dann einfach gemerkt, wow, ich habe irgendwie so viel zu erzählen, da kann ich auch mal ein Video aufnehmen oder einige Videos. Und das habe ich dann im Lockdown gemacht und mache ich immer noch.
Christian: Ja, und der Bedarf nach Information zum wissenschaftlichen Arbeiten ist irgendwie ziemlich hoch, so stelle ich auch mal wieder fest. Sieht man auch, wie viele Coaches und Coachinnen es irgendwie in dem Bereich gibt. Ich weiß nicht, ob die Unis hier nicht so richtig gute Arbeit leisten sozusagen, um das zu vermitteln, oder ob das Thema einfach zu komplex ist. Aber Philosophie hast du gesagt, du hast an der Humboldt-Uni studiert. Ich glaube, wir haben uns da knapp verpasst, oder so ein Jahr.
Xenia: Ja, so ein bisschen.
Christian: Ja, ich habe eigentlich in Jena und Göttingen Philosophie studiert. Muss dazu sagen, ich habe das nie abgeschlossen, ich habe es immerhin bis zur Zwischenprüfung geschafft in Philosophie. In den anderen Studienfächern, die ich hatte, habe ich das nicht geschafft. Das war noch ein Magister-Studiengang, in den Jahren, in denen ich studiert habe, kam dann diese Umstellung, und ich glaube, ich habe auch noch im Bachelor, also in diesem neuen Studiensystem, ein, zwei Semester studiert. Aber die Zwischenprüfung habe ich noch im Magisterstudium geschafft. Das war bei mir auch hauptsächlich so antike Philosophie, mit der ich mich auseinandergesetzt habe, da ging es dann auch in der Zwischenprüfung um theoretische Philosophie und so was. Genau, aber ich habe zum Beispiel auch so einen Logikkurs absolviert, da können wir dann auch im Verlaufe vom Podcast ein bisschen drüber reden.
Christian: Und ja, mich eben ganz viel auch mit Begriffen zum Beispiel auseinandergesetzt. Und ich glaube, sich mit Begriffen auseinanderzusetzen, ist auch wichtig, wenn man eigenständig denken will. Lass das vielleicht mal als ersten Punkt so ein bisschen besprechen: Was eigentlich genau Denken bedeutet, also was bedeutet es für dich, eigenständig zu denken?
Xenia: Ich finde auch diesen Punkt erstmal Philosophie, also mir ist natürlich klar, dass jetzt nicht nur ein philosophisches Publikum oder Studies in der Philosophie da sitzen. Aber ich finde es ganz spannend, auch noch mal zu schauen, wie uns dieses Studium halt geprägt hat. Und ich kann von mir sagen, dass mich dieses Philosophiestudium extrem kritisch gemacht hat und mich extrem im eigenständigen Denken geprägt hat, ein bisschen zu einem Punkt, dass ich sagen muss, dass ich heutzutage kaum noch irgendwie normale Romane genießen kann, weil mein Gehirn so getrimmt ist auf alles zu hinterfragen, jeden Satz zweimal zu lesen, alles miteinander zu kombinieren. Was ja natürlich ein super guter Skill ist, der mir jetzt gerade im Coaching meinen Klientinnen extrem viel hilft.
Xenia: Also ich würde es glaube ich eher auf eigenständiges und kritisches Denken gerne eingrenzen. Und ich finde, dass man im Studium immer eigenständig denken und kritisch denken sollte. Das heißt, dass wir alle Informationen, die wir erhalten, sei es in dem Seminar, sei es bei der Lektüre von dem Text, sei es beim eigenen Schreiben unserer wissenschaftlichen Arbeit, immer kritisch an die Informationen herantreten sollten, mit denen wir konfrontiert werden. Das heißt im Seminar, da muss man natürlich auch mutig sein, das gebe ich auf jeden Fall zu. Aber auch wenn die Dozentin, der Dozent was sagt, ruhig mal nachfragen: Wie meinen Sie das? Oder: Wie sehen Sie denn das? Oder vielleicht mal was gegenüberstellen, was man selber gelesen hat. Wirklich in die Diskussion gehen, sich trauen, also nicht einfach nur passiv irgendwie Sachen runterschlucken und sich irgendwie klein und ohnmächtig fühlen, sondern sich auch als eigenständiger Teil dieser Scientific Community begreifen. Also dass man wirklich versteht: Ja, ich bin vielleicht nur in Anführungszeichen ein Student, ich bin vielleicht noch nicht in Anführungszeichen so erfahren, aber trotzdem gebe ich ja hier einen Beitrag. Und ein Beitrag im wissenschaftlichen Denken heißt zu partizipieren, mitzusprechen, mitzudenken, Fragen zu stellen und sich wirklich als aktiven Teil zu begreifen.
Christian: Jetzt hast du uns schon ganz viele Tipps eigentlich gegeben, über die sprechen wir gleich auch noch mal ein bisschen im Detail. Vielleicht noch eine Frage zur Abgrenzung von diesem Begriff: Gibt es einen Unterschied zur eigenen Meinung? Also ist eigenes Denken oder ...
Xenia: Ja, ganz ganz wichtige Frage! Ich glaube, ich habe dazu auch ein YouTube-Video gemacht, eigene Meinung und eigenes Denken. Wir hatten das auch kurz im Vorgespräch angedeutet, vielleicht haben wir da nicht exakt die gleiche Meinung. Aber was auf jeden Fall in der Wissenschaft, zumindest wenn wir jetzt einen klassischen wissenschaftlichen Text schreiben, ich rede jetzt nicht von irgendwelchen populärwissenschaftlichen oder Podiumsdiskussionen, aber wenn wir jetzt in dem Seminar sitzen oder eine eigene Arbeit schreiben: Eigene Meinung im Sinne von ja, das finde ich gut, das finde ich schlecht, hat in meinen Augen dann nichts verloren. Auch nicht, wenn du jetzt eine wissenschaftliche Arbeit schreibst, dass du am Ende nochmal sagst, irgendwie, wie findest du das denn jetzt alles? Ich finde die Theorien toll. Das ist ja eine Bewertung, vor allem eine individuelle, persönliche Bewertung, und damit würde ich mich zurückhalten.
Xenia: Aber eigenständig denken heißt natürlich trotzdem, dass ich die Dinge zueinander in Bezug setze, also in Relation setze, dass ich Dinge auf eine neue Art und Weise zusammendenke, dass ich vielleicht Gedanke A und Gedanke B neu zusammendenke, dass ich Dinge kritisch hinterfrage oder auch natürlich bestätige mit dem Wissen, dass ich mich also auf Wissen beziehe, mit dem Wissen, dass ich selber gewonnen habe. Das auf jeden Fall.
Christian: Das ist ein Muss, ja, also ein Muss eigentlich schon, auch eine eigene Meinung, eigene Standpunkte zu entwickeln, auch im Laufe des Studiums. Wie man das Ganze in welcher Form man das dann verpackt und nach außen trägt, ist ja noch mal eine andere Frage.
Xenia: Ja, das schon, also in dem Sinne, da vielleicht noch kurz was: Man sollte sich schon positionieren innerhalb der Wissenschaft, innerhalb seines Fachs. Es gibt ja einfach immer verschiedene Scientific Communities, die einen lesen und arbeiten ganz an den einen Theorien, die anderen an den anderen, die einen forschen das, die anderen beforschen das. Da kann es auf jeden Fall nicht schaden, im Laufe des Studiums, gerade wenn man Richtung Abschlussarbeit geht, dass man sich schon irgendwie positioniert und weiß, was sind denn hier so meine Lieblingstheorien oder meine Lieblingsthemen. Dass man nicht so ein Fähnchen im Wind ist, sondern schon sagen kann: Ja, ich gehe jetzt halt in der Philosophie, bin ich vielleicht eher mit Kant unterwegs oder eher mit Hegel oder eher mit Marx. Das kann auf jeden Fall nicht schaden.
Christian: Wir wollten jetzt eigentlich nicht zu philosophisch werden, aber vielleicht nur so kurz als Anmerkung: In der Zeit, in der ich Philosophie studiert habe, und irgendwie ist es heute immer noch so ein bisschen, war ein ganz großes Thema das Thema Willensfreiheit. Also wie frei ist unser Wille eigentlich? Und da ging die Überlegung immer so in die Richtung, auch schon bei den alten Griechen: Wenn alles irgendwie so nach Ursache und Wirkung funktioniert, dann kann unser Wille doch eigentlich logischerweise nicht so richtig frei sein, weil alles irgendwie eine Ursache hat. Und entsprechend auch meine ganzen Entscheidungen, die gehen ja auf irgendwelche Ursachen zurück, und dann gibt es so eine Kette von Ursache und Wirkung, und daraus resultiert meine Entscheidung. Also ist mein Wille nicht so richtig frei in dem Sinne. Und warum soll ich dann für Dinge verurteilt werden, die ich gemacht habe, wenn ich sowieso in dem Sinne nichts dafür kann? Weil das kommt nicht aus mir heraus, sondern ist immer nur Folge der Entscheidung. Wir wollen aber nicht das Willensfreiheitsthema jetzt besprechen, oder?
Xenia: Nee.
Christian: Worauf ich jetzt hinaus wollte, ist, dass dann eigentlich ich mich da auf eine Seite stelle, wenn ich da eine Meinung dazu habe, bzw. einen Standpunkt. Also wenn ich jetzt sage, mein Wille ist nicht frei, dann nehme ich ja an, dass dieses Weltbild, sage ich mal, für mich zumindest so ist, dass alles eben auf Ursache und Wirkung funktioniert oder basiert.
Xenia: Aber ja, das ist ja nicht deine eigene Meinung, die hast du dir ja nicht allein geformt. Also es ist ein Standpunkt, dem würde ich auf jeden Fall zustimmen.
Christian: Und das würde ich auf jeden Fall auch so bemühen im Studium. Ich sage mal so, im Studium habe ich das als meine Meinung angenommen, weil ich einfach nicht nachvollziehen konnte, ob das nicht auch anders funktionieren kann, weiß ich nicht, so quantenmechanisch oder wie auch immer.
Xenia: Das verstehe ich. Das könnte man auch als diese Theoriebrille bezeichnen, von der ich ganz oft spreche. Weil jeder Wissenschaftler, jede Wissenschaftlerin hat ja einen bestimmten akademischen Background und wird auch oft im Laufe der Zeit immer festgefahrener. Das ist auf jeden Fall auch eine Gefahr, die es gibt. Also wie gesagt, es ist schon gut, sich in bestimmten Bereichen besser auszukennen und sich da zu positionieren, aber es ist auch wichtig, immer noch offen zu bleiben.
Christian: Ja, das war dann die Schwierigkeit für mich, dann irgendwie da offen zu bleiben in dem Sinne. Okay, also wir haben jetzt darüber geredet, was Denken eigentlich ist, oder was du auch unter eigenständigem Denken verstehst und auch so ein bisschen die Abgrenzung zur eigenen Meinung. Kannst du uns vielleicht ein paar Worte dazu sagen, wie wichtig das jetzt ist in Bezug zur Bachelorarbeit? Also wie wichtig ist die Eigenständigkeit jetzt bei einer Bachelorarbeit, bei einer Masterarbeit?
Xenia: Ja, sehr wichtige Frage, zu der ich auch ein YouTube-Video gemacht habe und mit der auch sehr viele immer auf mich zukommen. Der Grad der Eigenständigkeit in einer Arbeit nimmt natürlich zu mit der Erfahrung im Studium oder mit dem Abschluss. Das heißt, natürlich wird von einer Dissertation viel, viel, viel mehr Eigenleistung als von einer Masterarbeit und von einer Masterarbeit viel mehr Eigenleistung als von einer Bachelorarbeit erwartet.
Xenia: Und natürlich hängt es immer total am Professor, der Professorin ab oder von der Betreuung, was sie sagen. Ich habe da schon ganz strenge Sachen gehört. Also fragt noch mal nach. Wenn wir jetzt von der normalen Hausarbeit sprechen, fangen wir mal da an. Hausarbeit oder Seminararbeit schreibt ja jeder irgendwann mal. Da geht es eigentlich normalerweise wirklich nur darum zu üben, zu zeigen: Ich weiß, wie man wissenschaftliche Literatur recherchiert, ich weiß, wie man einen wissenschaftlichen Stil bemüht, ich kann eine eigene Forschungsfrage entwickeln und ich kann hier Literatur zusammentragen und diskutieren. Super, das ist, was wir erstmal üben wollen.
Xenia: Und dann üben wir das, bis wir unsere erste Abschlussarbeit schreiben, die Bachelorarbeit. Und da wird im Normalfall auch verlangt, dass man zumindest ein bisschen neues Wissen kreiert, dass man vielleicht so in einem Satz oder in zwei Sätzen sagen kann, was ist denn jetzt hier die neue Erkenntnis, die es so vorher noch nicht gab. Und das Ganze wird dann noch mal komplexer in der Masterarbeit. Und bei einer Dissertation sollte man eigentlich jetzt schon was komplett Neues erstellen, also auch Theorien neu nutzen, Methoden neu nutzen und all diese Sachen. Also die Übergänge sind hier so ein bisschen fließend, vom eigenen Denken zur Eigenleistung letztendlich.
Christian: Auch die Wahl der Methoden beeinflusst ja schon so ein bisschen diese Eigenständigkeit. Also wenn ich jetzt versuche, neues Wissen zu generieren, dann ist es ja auch so eine Art von eigenem Denken, wenn ich jetzt eigene Daten erhebe und da versuche, irgendwie auch Wissen zu generieren, was vielleicht vorher jetzt noch nicht so da war. Ist das ja auch eine Art von eigenem Denken?
Xenia: Ist ein total wichtiger Punkt. Also ich glaube, jetzt geht es so ein bisschen darum, inwieweit denke ich dann schon selber, wenn ich eine wissenschaftliche Arbeit schreibe. Und ich glaube, hier will ich euch gerne mal die Augen öffnen. Ich glaube, ihr macht schon viel, viel mehr, als ihr denkt oder als euch eigentlich bewusst ist. Warum? Nämlich weil jede wissenschaftliche Arbeit, die man schreibt oder die existiert, einzigartig ist, also sollte zumindest so sein.
Xenia: Die Art und Weise, wie du dein, ich nenne es mal immer gerne, Projekt, dein wissenschaftliches Projekt, sei es jetzt eine Bachelor- oder Masterarbeit, je nachdem wie du das aufbaust, das ist schon einzigartig. Also das Thema, das du gewählt hast, in Kombination mit der Forschungsfrage, in Kombination mit genau den Theorien, die du gewählt hast, mit genau den Methoden, die du gewählt hast, genau der Auswertungsmethode und so weiter, mit genau deinem Background. Du hast ja auch noch mal einen ganz individuellen akademischen Background, du hast ja nicht exakt dieselben Seminare wie eine andere Person an exakt denselben Unis belegt. Das heißt, dein Wissensbestand ist auch noch mal total einzigartig.
Xenia: Und das alles in Kombination zeigt dir glaube ich schon, wie einzigartig erstmal dein Projekt ist. Und in dem Moment, wo du dir eigene Theorien raussuchst und Methoden und die auf eine ganz spezielle Art und Weise kombinierst, hast du ja schon selber gedacht, das hast du dir selber überlegt. Oder die Forschungsfrage, die du aus der Forschungslücke abgeleitet hast oder aus dem Forschungsstand, auch das kommt ja aus dir selbst heraus. Also mach dir das mal bewusst, ich glaube, das machen sich viele gar nicht so bewusst. Oder auch im Theorieteil, wenn ich dann die theoretische Literatur diskutiere und aufbaue, also dann, ich nenne es immer gerne so, eine Art Storytelling, jedes Kapitel ist eine eigene Geschichte. Und diese Geschichte, die du da erstellst und entwickelst und erzählst, hast du dir auch so überlegt. Also die Art und Weise, wie du verschiedene Erkenntnisse und Aussagen aus der Literatur kombinierst, ist auch schon wieder eigenes Denken.
Christian: So, und jetzt fragen sich unsere Zuschauer und Zuhörer natürlich, wie kann ich das Ganze einüben? Also was kann ich machen, um im Studium vielleicht ein bisschen selbstständiger zu werden, um eigenständiger zu werden, auch um eigenständiges Denken einzuüben? Du hast jetzt eben gesagt, wir machen natürlich schon ganz viel automatisch, aber gibt es irgendwie Möglichkeiten, wie ich das Ganze auch so ein bisschen einüben kann, von Anfang an, vielleicht vom ersten Semester an?
Xenia: Ja, gute Frage, vielleicht fallen dir spontan schon paar Sachen ein. Auf jeden Fall, also erst noch mal diese Wiederholung: Mach es dir erstmal bewusst. Das ist schon mal ein Job an sich, das erstmal wirklich sich bewusst zu machen und zu verstehen, was man alles schon selber macht.
Xenia: Und dann ganz praktisch: Nimm von Anfang des Studiums alles mit, was du kriegen kannst an zusätzlichen Seminaren oder Übungen zum wissenschaftlichen Schreiben, Literaturrecherche, Argumentieren. Das bieten eigentlich fast alle Geistes- und Sozialwissenschaften zumindest an. Also nimm alles mit, was du kriegen kannst, das ist erstmal das Erste. Bilde dich auch neben deinen Pflichtkursen, die du so haben wirst, weiter. Nimm das ernst.
Xenia: Auch was ich schon gesagt hatte: Begreif dich als Mitglied der Scientific Community, begreif dich als Wissenschaftlerin. Das sage ich auch ganz auf dieses Mindset bezogen. Auch wenn du vielleicht noch Schwierigkeiten hast, fake it till you make it. Erinnere dich daran, was ist so deine kindliche Vorstellung von dem Wissenschaftler, von der Wissenschaftlerin, was machen die. Fühl dich da mal rein, und dann kommt eigentlich ganz oft auch dieser Entdeckungsdrang, diese Neugier: Oh, ich will was rausfinden und ich will es richtig machen, ich will ganz viel lernen. Also viel auch mit Mindset, ganz wichtiger Punkt.
Christian: Ja, so eine gewisse Einstellung zu entwickeln. Hast ja am Anfang von unserem Gespräch jetzt auch schon viel dazu gesagt, dass man sich eben schon von Anfang an auch als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin begreifen sollte. Ich glaube, zum Thema Mindset gibt es auf deinem YouTube-Kanal auch ein Video, das kann man auch gerne in der Beschreibung für diesen Podcast verlinken.
Xenia: Ja, auch mutig sein! Also es gehört dann wahrscheinlich dazu, dass man sich vielleicht mal, ich will nicht sagen schämt, aber vielleicht ein bisschen ängstlich oder nervös ist im Seminar. Aber es lohnt sich wirklich, Leute, probiert es einfach aus. Es ist am Anfang klar, auch wenn man mit älteren Kommilitoninnen vielleicht so in einem Seminar ist, ich kenne das Gefühl total gut, gerade an der Humboldt-Uni. Philosophie konnte da sehr einschüchternd sein. Aber macht es für euch und traut euch zu partizipieren, traut euch kritisch zu sein, Dinge zu hinterfragen, weil ihr lernt ja dann was davon, ihr nehmt das mit. Ihr macht das wirklich für euch.
Xenia: Und ich glaube, Lernen, gerade an der Universität oder Hochschule, geht auch nicht ohne. Es wird nicht ein steiler Weg bergauf sein, es werden immer mal wieder Momente kommen, wo man sich denkt, oh ja, ich habe mich vielleicht blamiert, oder ich wollte das eigentlich ganz anders sagen. Aber anders glaube ich geht die Lernkurve nicht nach oben.
Christian: Genau, das wäre jetzt der zweite Punkt gewesen neben dem Mindset, den ich angesprochen hätte, den du jetzt auch schon mehrfach angesprochen hast: Seminare und so Veranstaltungen, Partizipation, Diskussion, auch an denen man irgendwie teilnehmen sollte, schon im Seminar. Also ich kann das noch so aus meiner Studienzeit, ich hatte mal super große Schwierigkeiten im Seminar, gerade auch in Philosophie, teilzunehmen an den Diskussionen, weil ich mal dachte, okay, ich bin eigentlich viel zu blöd, die sagen hier alle so schlaue Sachen, was ist, wenn ich jetzt irgendwas Falsches sage? Aber ich glaube, so funktioniert das nicht so richtig, da kommt man eben auch nicht so richtig voran, auch nicht, da seine eigene Meinung zu entwickeln, sondern das schafft man eben auch ganz gut durch ein Gespräch, auch eigene Gedanken zu entwickeln und durch Beitragen natürlich.
Xenia: Und natürlich sind wir auch alle verschieden, es gibt einfach Leute, die trauen sich weniger, die sind introvertiert oder schüchtern, ist auch okay. Also schau halt auch für dich, was passt denn für mich. Vielleicht traue ich mich jetzt nicht vor versammelter Mannschaft was zu sagen, aber es gibt ja auch ganz oft so Gruppenarbeiten, und vielleicht blühe ich dann eher in so einer Gruppenarbeit auf. Oder ich blühe halt dann voll in der Seminararbeit am Ende auf: Ich war vielleicht ruhig, okay, ich arbeite lieber allein und ich schreibe lieber in Ruhe, aber dann packe ich da meine ganze Energie rein.
Xenia: Und was mir auch geholfen hat, war, vielleicht auch solche Art Vorbilder zu finden an der Hochschule. Also andere Studis, die vielleicht ein bisschen erfahrener sind, aber sehr sympathisch, also da gab es einige, wo ich dachte, wow, total cool, da lasse ich mich total gerne von inspirieren. Und auch Lehrpersonen, gerade in Tutorien, das sind ja oft auch Studies, also ältere Studies, vielleicht jüngere Leute, zu denen man ein bisschen leichter Bezug aufbaut. Ich glaube, das kann ganz gut helfen, und zu denen man vielleicht auch ein bisschen mehr Vertrauen hat und sich dann in diesem Raum vielleicht eher so eine Safe Space mit denen kreiert.
Xenia: Und auch Kommunikation mit den Lehrpersonen, das hat mir auch mal geholfen. Also ruhig mal, klar, sind nicht alle dafür offen, aber gerade jüngere Leute, wenn die mal eine E-Mail über Verteiler schicken, ruhig mal drauf antworten, ruhig mal mit denen ins Gespräch kommen. Ich glaube, so fühlt man sich dann auch viel schneller zugehörig.
Christian: Ja, also ganz wichtiger Punkt. Man sollte sich da jetzt auch nicht unter Druck setzen, dass man da unbedingt im Seminar teilnehmen soll, außer es wird irgendwie bewertet vielleicht. Aber es kann mich nicht dran erinnern, dass das irgendwo gefordert war in dem Sinne, man konnte durch die Seminare eigentlich mal ganz still durch, außer wenn jetzt mal Referat oder so was anstand. Aber bei mir war das tatsächlich auch so, ich hatte auch einen Studienfreund, Studienkollegen, Kommilitonen, mit dem ich mich eigentlich immer ausgetauscht habe, regelmäßig. Wirklich, wir haben gemeinsam gelesen, auch teilweise laut vorgelesen, das hilft ja auch mal ganz gut bei philosophischen Texten, und dann darüber diskutiert. Also das war dann eben dieser Safe Space, das war auch super hilfreich, um da wirklich eigene Gedanken zu entwickeln.
Xenia: Total wichtiger Punkt, ja. Und auch das hatte ich in meinem Studium in der Gesellschaftstheorie, da waren wir wirklich ganz oft unterwegs danach in Cafes, Restaurants, in der Mensa, im Park auf dem Campus und haben uns da wirklich noch mal nachträglich unterhalten. Das ist auch eine Chance, das noch mal nachzuholen, wenn man vielleicht auch im Seminar das Gefühl hatte, ich bin nicht ganz mitgekommen oder ich habe mich nicht getraut, dann gibt es immer Personen, mit denen man sich dann traut.
Christian: Ja, und im Fernstudium, weil unsere Zuhörer und Zuhörerinnen sind ja meistens Fernstudierende, sollte man dann einfach vielleicht versuchen, irgendwie einen Study Buddy zu finden oder irgendjemanden, mit dem man sich dann auch über Zoom und so austauschen kann.
Xenia: Ja, oder auch per E-Mail. Oder WhatsApp-Gruppen, glaube ich, also einige meiner Klientinnen machen ja auch ein Fernstudium. Genau, also WhatsApp-Gruppen, tauscht euch aus, auch gemeinsames Co-Working, Co-Studying auf jeden Fall.
Christian: So, dann ein weiterer Punkt, mit dem man das Ganze üben kann, habe ich so überlegt bei der Vorbereitung auf diesen Podcast, und hattest du tatsächlich auch schon erwähnt, ist, sich mit Begriffen auseinanderzusetzen. Also tatsächlich wirklich mit einzelnen, nicht Wörtern in dem Sinne, sondern richtig mit Begriffen und mit der Begriffsgeschichte. Was sagst du dazu, ist es hilfreich, um sozusagen selber zu denken?
Xenia: Ja, jein. Also einerseits ist natürlich die Philosophie eine Begriffswissenschaft. Aber was können jetzt unsere Hörenden mitnehmen, die nicht Philosophie studieren? Wichtig ist, und teilweise forsche ich auch dazu in meiner Promotion, dass jedes Fach eine eigene Fachsprache hat, eine eigene Terminologie, eigene Fachbegriffe. Und es ist total wichtig zu verstehen, weil ich sehe das ganz oft in meinen Lektoraten, dass wir uns eingliedern müssen in diese Sprache. Wir können halt nicht unsere eigene Sprache sprechen oder irgendwie die Dinge jetzt umbenennen oder ganz viele Synonyme finden, das kann ich überhaupt nicht empfehlen. Sondern Wissenschaft ist immer eine Fachsprache oder mehrere Fachsprachen. Das heißt, wenn du dann in die Literatur gehst, du schreibst jetzt zum Beispiel gerade die Bachelorarbeit und du hast dich jetzt positioniert, du hast also deine Literatur gefunden, mit der du arbeiten willst, dann übernimm diese Sprache, übernimm diesen Stil, übernimm diese Begriffe. Also kenne die Begriffe deines Fachs oder deines Forschungsproblems, das auf jeden Fall.
Xenia: Aber eine Begriffsgeschichte würde ich jetzt vor allem in der Philosophie und in angrenzenden Fächern empfehlen, aber jetzt nicht unbedingt für alle Fächer.
Christian: Nein, okay, dann ist eher wichtig, so verstehe ich das jetzt, dass man sich über Begriffe austauscht in dem Sinne, dass man einfach versteht, was der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin für eine Vorstellung von dem Begriff hat. Also wenn wir über Denken reden, habe ich ja vielleicht eine andere Definition und Vorstellung von diesem Begriff, als wenn du darüber redest. Sich da einfach bewusst zu werden, auch wenn man Literatur liest. Und dann kommen wir schon zum nächsten Punkt, der vielleicht auch hilfreich ist, um Denken zu lernen in dem Sinne: Literatur kritisch zu lesen.
Xenia: Genau, ganz wichtig. Wenn du jetzt wissenschaftliche Texte liest, nimm die nicht einfach so hin. Also denk nicht, das ist jetzt so die Bibel, die Wahrheit, das muss ich jetzt verstehen und wenn nicht, dann bin ich dumm. Und das ist hier Gott gegeben. So ist es nicht. Also mach dir auch immer bewusst, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Menschen sind, die auch eine eigene Biografie haben, einen eigenen Forschungsbackground oder Studienbackground. Und der ist auch bei jeder Person anders und individuell. Und dass sie ja auch Teil einer Scientific Community sind, und aus diesem ganzen Background heraus schreiben sie ja auch wieder ihren Text.
Xenia: Und deswegen sage ich immer, es ist so wichtig, immer zu schauen, was habe ich hier gerade in der Hand? Angenommen, ich habe jetzt ein Buch in der Hand, heute ist natürlich vieles auch digital, aber was lese ich hier eigentlich gerade? Was ist das für eine Person? Ruhig mal googeln, einfach mal ein Foto von der Person anschauen, vielleicht die Webseite von der Uni oder Hochschule anschauen, an der diese Person lehrt, die Publikationsliste anschauen, den Lebenslauf anschauen. Jetzt natürlich nicht von Hunderten von Leuten, aber zumindest von den wichtigsten Werken, die du so liest, auf jeden Fall.
Xenia: Also die Person, ganz wichtig. Dann das nächste: der Verlag. Schau dir mal an, wo wurde diese Schrift, dieser Text, dieses Buch hier überhaupt veröffentlicht. Und da gibt es natürlich schon Qualitätsunterschiede, das kann man schon sagen. Es gibt halt große, bekannte, erfolgreiche Verlage mit einem hohen Anspruch, und dann gibt es so, ja, klein heißt jetzt nicht unbedingt schlechtere Qualität, aber auch da mal ruhig recherchieren, auch schauen, was veröffentlichen die denn sonst noch so. Genau, Verlage sind ganz, ganz wichtig, Verlage und Personen. Und natürlich auch zu schauen, was will dieser Text, warum hat diese Person diesen Text geschrieben. Wenn man sich diese Dinge alle bewusst macht, wird es viel leichter zu lesen und dann natürlich auch zu kritisieren oder zu hinterfragen. Weil es macht einen Unterschied, ob das jetzt eine Festschrift ist, also einfach eine verschriftlichte Rede von einer Feier, das ist was ganz anderes, als wenn jemand eine Standardmonografie schreibt.
Christian: Ja, vielleicht gehen wir da mal noch einen Schritt zurück, und es wäre dann auch der nächste Punkt: Wie wichtig ist es denn zu recherchieren und schon bei der Recherchearbeit von Literatur sozusagen auch so eine gewisse Eigenständigkeit an den Tag zu bringen? Und vielleicht auch, das wäre der zweite Teil dieser Frage, eher sich mit Quellen auseinanderzusetzen als mit Sekundärliteratur?
Xenia: Ja, auch ein sehr wichtiger Punkt. Also ich glaube, wir hatten auch vorher schon kurz gesprochen, natürlich sollte man das Handwerk der Literaturrecherche beherrschen und verschiedene Typen von Literaturrecherche auch können. Also es reicht halt nicht, einfach nur eine Schlagwortsuche zu machen. Das kann gerade am Anfang, wenn wir erstmal überhaupt einen Überblick gewinnen wollen, welche Literatur gibt es dann überhaupt zu dem Thema, klar, dann müssen wir erstmal so anfangen. Aber viel ergiebiger ist natürlich das Schneeballsystem. Das heißt, wir haben schon einen Ausgangstext, der extrem gut zu unserem eigenen Vorhaben passt, und dann gehen wir da in die Literaturliste von diesem Text und finden darüber weitere Literatur. Das sollte so ein Standardprinzip sein, das du auf jeden Fall beherrschst.
Christian: Und wenn ich jetzt beispielsweise Personen recherchieren möchte, wie gehe ich da vor? Hast du da vielleicht einen Tipp? Google ich da einfach nach dem Autor oder der Autorin und gucke?
Xenia: Genau, also man muss natürlich schauen, da muss man sich natürlich ein bisschen Zeit nehmen. Google spuckt ja auch vielleicht veraltete Informationen aus, dass man wirklich schaut, dass man da auf dem neuesten Stand ist. Aber das sieht man ja auch, wenn zum Beispiel eine Person an der Hochschule angestellt ist, dann kann ich ja auch ihren Lehrplan, also ihre Lehrveranstaltungen sehen, und dann sehe ich ja, ist die Person aktuell wirklich noch da, oder ist die Person vielleicht gerade im Sabbatical. Manchmal sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch ein halbes oder ein Jahr nicht da. Also ja, würde ich jetzt aber nicht stundenlang drauf verschwenden, aber so ein paar Minuten auf jeden Fall schauen, was macht die Person, wo ist die gerade, forscht die gerade, ist die vielleicht gerade auf Forschungsreise im Ausland. Aber mit Google funktioniert das super gut.
Christian: Hast du dann noch andere Vorschläge?
Xenia: Es kommt immer ein bisschen drauf an, was ist das jetzt für Literatur. Also nehmen wir mal Kant so als Beispiel. Ich lese jetzt Kant, dann ist es natürlich relativ einfach, da viele Informationen über Kant an sich zu finden.
Christian: Aber ich weiß nicht, vielleicht weißt du das noch, ich glaube, Kant hat auch so geografische Schriften verfasst.
Xenia: Ja, auch physikalische, habe ich sogar ein Seminar zu gemacht. Aber ich glaube, du wolltest gerade noch auf was anderes hinaus.
Christian: Ja, ich wollte darauf hinaus, dass ich irgendwann mal gehört habe, ich weiß nicht, ob das wirklich ein Fakt ist, dass Kant eigentlich nie so richtig durch die Welt gereist ist. Also er war glaube ich die meiste Zeit in Königsberg oder fast nur. Ich weiß gar nicht, ob der jemals da irgendwie weggekommen ist. Und trotzdem sozusagen geografische Schriften verfasst hat über andere Länder. Also das finde ich irgendwie interessant. Da ist jetzt dann für mich die Frage, wie wertvoll ist es dann als Sekundärliteratur in dem Sinne oder überhaupt auch als Quelle.
Xenia: Aber vielleicht sind wir gerade ein bisschen in verschiedene Richtungen abgedriftet. Ich war gerade so bei sehr aktuellen Wissenschaftlern, also bei denen, die noch am Leben sind, die gerade noch forschen. Ich habe jetzt nicht so historisch gedacht, ehrlich gesagt.
Christian: Na ja, aber ich meine, wenn ich jetzt so eine Schrift nehme von Autoren, die weiß ich nicht 300, 400 Jahre oder vor 300, 400 Jahren gelebt haben, dann will ich mich auch mit dem Autor auseinandersetzen, oder mit der Autorin, einfach wissen, wer das ist, um einfach beurteilen zu können, wie wertvoll ist das jetzt als Quelle oder was auch immer. Und deswegen, du hattest die Primär- und Sekundärliteratur angesprochen, ist dieser Wechsel halt so wichtig.
Xenia: Ja, wenn es zum Beispiel jemand ist, der historisch einfach sehr berühmt und sehr bekannt ist und sehr einflussreich war, dann findest du natürlich extrem viel Sekundärliteratur über Kant, wer er war, was hat er alles gemacht. Da würde ich jetzt nicht unbedingt googeln.
Christian: Klar, ich meinte jetzt eher ja Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die noch am Leben sind und die jetzt vielleicht keine großen Philosophen sind, über die es jetzt keine Sekundärliteratur gibt.
Xenia: Aber prinzipiell solltest du, wenn wir schon über Primär- und Sekundärliteratur sprechen, natürlich immer eine gute Mischung haben aus beidem. Du solltest auch, wenn du in einer Literatur einen anderen Literaturverweis findest, dir natürlich diesen Literaturverweis auch im Original anschauen und dich nicht nur auf die Interpretation verlassen, die du da gerade liest. Also das ist auch kritisch, überprüfe auch das, was in den wissenschaftlichen Büchern oder Texten steht, die du liest. Also hol dir dann die dort zitierte Literatur auch noch mal ran, die für dich relevant ist, und schau nach. Weil vielleicht hättest du diesen Text anders verstanden oder anders interpretiert, oder die Person, von der du gerade das erfahren hast, hat vielleicht auch Sachen ausgelassen oder hat eben einfach eine andere Theoriebrille draufgelegt und hat deswegen bestimmte Dinge mehr gesehen und mehr betont als andere. Also habe immer eine gute Mischung. Und gerade bei so historischer oder älterer oder philosophischer Literatur, da kannst du nicht nur Sekundärliteratur nehmen, das geht auf jeden Fall nicht.
Christian: Okay, also recherchieren lernen, super wichtig. Da reichen eigentlich die Skills, die man jetzt so an der Hochschule lernt, nicht aus. Wie man den Bibliothekskatalog benutzt, das ist jetzt nicht so kompliziert, aber man sollte eben auch lernen, darüber hinaus zu recherchieren, und sei es erstmal nur mit Google, um Personen zu recherchieren beispielsweise, oder vielleicht auch im Gespräch mit Lehrkräften. Da erfährt man ja auch ganz viel, ist ja auch so eine Art Schneeballprinzip in dem Sinne.
Christian: So, dann haben wir vielleicht noch einen Punkt, über den haben wir auch im Vorgespräch schon so ein bisschen gesprochen, und zwar Logikseminare, oder sich überhaupt erstmal mit logischem Denken an sich auseinanderzusetzen, vielleicht auch mal so einen Argumentationskurs zu besuchen. Ist möglicherweise hilfreich für die eigene Schreibe, was wirst du denn dazu sagen? Bringt es was, oder ist es eher nicht so sinnvoll, außer wenn man jetzt Philosophie studiert?
Xenia: Würde sagen, so ein bisschen Philosophie schadet nie, auch für die Nichtphilosophinnen. Logik, na da kann man es natürlich sehr weit treiben, sehr mathematisch. Das ist gar nicht mein Ding, muss ich ehrlich sagen. Ich habe dadurch, dass ich Philosophie studiert habe, natürlich einige super gute Argumentationsseminare gehabt. Und ich merke es halt in meinen Coachings auch immer wieder, wie schwer es vielen Leuten fällt zu argumentieren. Dass eben einfach Dinge vorausgesetzt werden, so mitgedacht werden, aber nicht explizit geäußert werden, und dann irgendwelche Schlussfolgerungen, also Konklusionen daraus abgeleitet werden, die sich einfach nicht aus dem Text ergeben. Und das ist schade, weil das mindert die Qualität der Arbeit und eben der Argumentation. Und Argumentation heißt ja nichts anderes als etwas logisch zu begründen und dann das Gegenüber davon zu überzeugen.
Xenia: Und wenn du zum Beispiel eine Eins oder eine sehr gute Note haben möchtest, dann musst du diesen Skill beherrschen. Und wir hatten glaube ich ganz kurz über das Prinzip der Deduktion gesprochen, vielleicht kennen es auch die Nichtphilosophen von euch, dieses klassische Prinzip der Argumentation. Man hat zwei Prämissen und eine Konklusion. Also Prämisse eins wäre: Alle Menschen haben zwei Beine. Prämisse zwei wäre: Sokrates hat zwei Beine. Und die Konklusion ist: Also ist Sokrates ein Mensch. Ist bestimmt auch für Nichtphilosophen verständlich.
Christian: Ja, total, würde jeder sagen, total logisch, ja klar.
Xenia: Und so funktioniert eine saubere klassische Standardargumentation, sage ich mal. Das Problem ist aber, dass die meisten die erste Prämisse weglassen, wenn sie schreiben. Sie würden dann einfach nicht schreiben: Ja, Menschen haben zwei Beine. Weil man denkt sich, ja, ist ja logisch, natürlich haben Menschen zwei Beine, kann ich ja einfach direkt aufschreiben, dass Sokrates ein Mensch ist. Und genauso funktioniert aber leider wissenschaftliches Schreiben nicht. Weil wir dürfen keinen Schritt aus der Argumentation auslassen. Also was ich mir wünsche, was du jetzt hier mitnimmst, ist, dass wenn du eine Argumentation aufbaust, dass du die Dinge nicht stillschweigend mitdenkst, sondern immer offen und transparent alles kommunizierst. Denn nur so hat die Leserin eine Chance, dir zu folgen.
Xenia: Was ich ganz oft nämlich sehe, auch noch ein praktischer Punkt, den ich gerne anbringen würde: Auch wenn du eine sehr gute Note haben willst, begründe immer in deiner Arbeit, warum du gewisse Kapitel so gemacht hast, wie du es gemacht hast, warum du gewisse Themen ansprichst, begründe es. Und da kommt ganz oft eine Formulierung von: Die Theorie X wird hier jetzt verwendet, weil die Theorie X ist so und so und so. Aber das ist keine Argumentation. Du hast quasi nur gesagt, ich verwende die Theorie X, weil sie bestimmte Eigenschaften hat. Da fehlt aber ein Schritt in der Argumentation, und zwar: Warum sind diese Eigenschaften der Theorie denn für dich, für dein Forschungsvorhaben so wichtig? Also inwiefern passen denn die Eigenschaften dieser Theorie zu genau deinem Forschungsvorhaben? Und das wird gerne mal ausgelassen und wahrscheinlich auch wieder eben stillschweigend mitgedacht. Also ich ermutige dich hier: Denke die Dinge nicht stillschweigend mit, sondern schreib sie auf.
Christian: Ja, Logikseminar hatte ich natürlich auch in Philosophie, hatten wir auch schon drüber gesprochen. Beim allerersten Mal auch durchgefallen bei der allerersten Klausur, und dann habe ich es gerade so geschafft. So ging es fast allen Kommilitonen, weil das halt zumindest in Philosophie dann auch sehr mathematisch abgehandelt wurde, und dann wird es, wenn es so abstrakt wird, ist irgendwie alles ein bisschen schwerer sich vorzustellen als diese einfachen Sätze, die du jetzt schon genannt hast.
Christian: Aber was ich auch mitgenommen habe, sind so Fehlschlüsse, mit denen man sich da auch auseinandergesetzt hat, und so kognitive Verzerrungen. Ich glaube, damit haben wir uns auch so ein bisschen beschäftigt. Und das ist vielleicht ganz sinnvoll, sich damit einfach mal auseinanderzusetzen, und sei es mal nur eine Stunde oder zwei Stunden. Das hilft dann nämlich auch beim kritischen Lesen, um zu gucken, wie argumentiert denn der Autor oder die Autorin, ist das wirklich schlüssig, was der oder sie hier schreibt, oder ist es eigentlich total unlogisch? Und das kann man dann ja in seiner Arbeit auch so wiedergeben, dass das tatsächlich wirklich nachvollziehbar und nicht logisch ist, und sich da dann eben auch einfach trauen.
Xenia: Ja, also dann das sage ich immer: Nehmt dann die Person von ihrem hohen Ross runter, oder habt nicht zu viel Respekt. Also habt immer Respekt, habt immer Respekt vor der Wissenschaft und vor Wissenschaftlern, wissenschaftlichen Texten, aber nicht so viel, dass du halt eingeschüchtert bist. Weil Menschen machen Fehler, und gerade Geistes- und Sozialwissenschaften sind ja auch Textwissenschaften, und Textwissenschaften sind Interpretation. Das muss man sich auch noch mal bewusst machen.
Christian: Ja, dann hätte ich noch einen Punkt, der baut irgendwie so ein bisschen auf auf dem Thema kritisches Lesen und auch auf der Recherche: Wie wichtig ist es deiner Ansicht nach, auch interdisziplinär zu lernen und zu lesen?
Xenia: Super wichtig, super wichtig! Habe ich direkt gemerkt in meinem eigenen Bachelorstudium. Ich hatte ja einen Zweifach-Bachelor, ich glaube, es gibt heute immer noch ganz viele, und im Magister konnte man sogar drei Fächer zusammen studieren. Und da ist mir natürlich dann auch aufgefallen, was sind denn hier die Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten zwischen den Fächern, die ich studiere? Und welche Skills, die ich aus dem einen Fach mitbringe, kann ich im anderen dann anwenden? Also finde ich extrem wichtig, einfach um den Horizont zu erweitern und um einfach einen relativ großen Horizont zu haben.
Xenia: Also Scientific Community schön und gut, aber schau, was gibt es denn noch so für Scientific Communities. Also weil da gibt es ja auch manchmal so Streits und Konkurrenz oder Bündnisse oder Kooperationen. Und das Ding ist ja, kein Thema in den Geistes- und Sozialwissenschaften gehört nur zu einem einzigen Fach. Du wirst, sobald du mal tiefer gehst in die Literatur, sowieso merken, dann bist du in der Philosophie, dann bist du ganz schnell in den Kulturwissenschaften, dann bist du ganz schnell in der Soziologie, in der Geschichte. Natürlich muss man dann auch schauen, wo setzt man dann die Grenze, gerade für die eigene Arbeit, aber es schadet auf jeden Fall nie, über den Tellerrand hinauszublicken.
Christian: Ja, das habe ich auch mal versucht in meinem Studium. Also ich habe mich auch zum Beispiel immer in andere Vorlesungen, also Vorlesungen anderer Fachbereiche gesetzt. Beispielsweise im Philosophiestudium, ich habe mich dann auch eine ganze Zeit lang in Psychologie-Vorlesungen gesetzt. Tatsächlich hatte ich auch mal überlegt, noch Psychologie zu studieren, habe dann gemerkt, okay, das ist jetzt nichts für mich, das ist mir vielleicht auch zu technisch. Lag möglicherweise auch an dieser einzelnen Vorlesung, in der ich da war. Aber ich glaube, es ist auch hilfreich, in diese anderen Fachbereiche mal zu schauen, um sich auch mit anderen Methoden zu beschäftigen. Also in der Geschichte wird man jetzt eher selten so Methoden der empirischen Sozialforschung verwenden, zumindest in der älteren Geschichte nicht, wie das jetzt in der neueren Geschichte ist, ist vielleicht noch ein bisschen anders, da hat man eben auch viele Zahlen und so was zur Verfügung. Und sich damit einfach mal so ein bisschen auseinanderzusetzen, kann auch total bereichernd für den eigenen Fachbereich sein, um vielleicht auch in seiner Arbeit mal eine andere Methode auszuprobieren als das, was so üblich ist im eigenen Fachbereich.
Xenia: Total cooler Punkt! Also das kann ich auch noch, ich habe das auch gemacht. Ich habe schon bevor ich Philosophie studiert habe, mich in Vorlesungen reingesetzt. Das kann man ja machen, und man kann sich bestimmt auch online in Vorlesungen reinschalten, hoffe ich zumindest. Oder was man auch machen kann, was bestimmt heute auch noch geht: Wenn ihr zum Beispiel aus einem angrenzenden Fach ein total spannendes Seminar findet, manchmal kann man sich das auch anrechnen lassen für das eigene Studium. Ihr seid zum Beispiel in der Philosophie und dann findet ihr aber ein total spannendes Seminar in Politikwissenschaft. Und da einfach noch mal diese andere Theoriebrille, diese neue Scientific Community kennenzulernen, ist extrem bereichernd. Und da gibt es auf jeden Fall viele Mittel und Wege.
Christian: Ja, ein Punkt hätte ich vielleicht noch als Mittel und Weg sozusagen, um das so ein bisschen zu üben. Vielleicht hältst du jetzt nicht so viel davon, aber ich für mich war es immer hilfreich, viel zu schreiben, um selber denken zu lernen. Also jetzt nicht nur die Hausarbeiten und Seminararbeiten. Ich hatte ja gesagt, am Anfang habe ich mich im Seminar an sich jetzt nicht so viel ausgetauscht mit anderen, das war dann eher so nach der Uni mit Freunden und Freundinnen, mit denen ich da wirklich viel geredet habe und gemeinsam gelesen habe.
Christian: Und ich hatte tatsächlich auch ganz lange so eine Art Brieffreundschaft, das waren jetzt keine richtigen Briefe mehr, die man dann per Post verschickt hat, sondern E-Mails. Das ging aber teilweise über Jahre so, und da war wirklich ganz viel philosophischer Austausch. Es hat irgendwie auch so ein bisschen geholfen, die eigenen Gedanken zu formen, auch eigene Meinungen zu finden und zu bilden, und sich da irgendwie mit jemandem auszutauschen. Also dadurch habe ich ganz viel geschrieben. Das wird wahrscheinlich heute keiner mehr machen, heute schreibt man WhatsApp-Nachrichten oder so was. Aber es gibt ja hier und da auch noch Blogs, da könnte man eigene Gedanken auch publizieren, teilweise auch schon mal so ein bisschen das Publizieren einüben. Was hältst du davon, machst du auch so was?
Xenia: Ja, also ich kann mich auf jeden Fall, ich hatte gerade in der Philosophie, oder den vielen Geistes- und Sozialwissenschaften, da sind ja oft Menschen unterwegs, die vielseitig interessiert sind. Und ich denke, es ist auf jeden Fall total bereichernd und total super und cool, wenn du dir noch Hobbys suchst oder Interessen hast, die schon auch irgendwas mit dem Studium zu tun haben, aber eben sich auch davon abgrenzen. Also ich kannte viele Philosophinnen und Philosophen, die im Bereich Kunst unterwegs waren oder Ästhetik oder Filmkritik und da eben auch Blogs geschrieben haben oder Veranstaltungen organisiert haben. Gerade auch die Überschneidung Politik und Philosophie.
Xenia: Also doch, ich glaube schon, ich persönlich schreibe auch und habe auch schon mal sehr viel geschrieben. Ich glaube, die Abwechslung ist das, was einen irgendwie auch so flexibel hält im Kopf. Weil das habe ich ja auch schon angedeutet, wenn man immer nur so extrem analytisch und logisch unterwegs ist, kann man auch ein bisschen so sich darauf versteifen, und das wäre halt schade. Also ich würde das eigentlich auch empfehlen, und schau, was da für dich passt, dass du ein bisschen Abwechslung auch bekommst und dass du auch das, was du lernst im Studium, vielleicht auf eine andere Ebene im Leben überträgst oder diese beiden Ebenen miteinander verbindest. Das kann auch extrem bereichernd sein. Ja, würde ich auf jeden Fall empfehlen.
Christian: Ja, und wenn wir schon dabei sind, das war für mich auch so eine Sache im Philosophiestudium, dass da eigentlich gar kein Sport gemacht wurde, und irgendwie meine ganzen Kollegen und Kommilitoninnen eher unsportlich unterwegs waren. Weil man denkt halt irgendwie einfach so viel und würde den ganzen Körper wahrscheinlich am liebsten ausschalten, nicht mehr schlafen, damit man einfach genug studieren kann. Ich glaube, das ist auch hilfreich, um zu denken, einfach zu versuchen, mit dem ganzen Körper zu denken, nicht nur mit dem Gehirn. Und da hilft auch manchmal einfach eine Runde spazieren zu gehen oder laufen zu gehen oder Yoga oder so was zu machen, oder auch einfach um mal abzuschalten sozusagen und da mal auf andere Gedanken zu kommen, oder sich mit Kunst zu beschäftigen, was du gesagt hast.
Xenia: Gerade dieses Element Bewegung finde ich, und Pausen, das hatte ich auch neulich auf meinem Instagram-Kanal relativ groß besprochen, das ist extrem wichtig. Also denken, logisches Denken, argumentieren, alles schön und gut, aber unser Gehirn ist ja auch eine Maschine, und die muss auch mal abkühlen. Wenn wir da permanent uns auf was versteifen und da ganz viel Druck aufbauen und nicht lockerlassen, dann können auch keine schönen schlauen Gedanken daraus entstehen. Also das Gehirn braucht auch Leerlauf, braucht sogar manchmal Langeweile.
Xenia: Also ich glaube, ich habe mir irgendwann, das war auch in meinem Bachelorstudium, in irgendeiner der vielen Zeitschriften der Zeit, ich glaube, das war dieses Studium oder Campus oder so, da gab es ein Interview mit einer Psychologin, die hat gesagt: Verplanen Sie immer nur 50 Prozent Ihrer Zeit. Und das hat mich irgendwie so inspiriert, weil ich war vorher total der durchgetaktete Mensch, da gab es überhaupt keinen Platz für irgendwelche Überraschungen oder für Leerlauf. Und ich habe mich dann seitdem wirklich versucht, immer daran zu halten. Das hat mein Leben extrem bereichert. Und ich bin zum Beispiel auch während meines Philosophiestudiums regelmäßig ins Fitnessstudio gegangen. Mittlerweile bin ich nicht mehr so der Typ fürs Gym, aber jeder findet da ja was für sich. Mittlerweile liebe ich einfach Yoga total und spazieren und wandern, dass du eben wirklich diesen Ausgleich hast. Weil nur in einem gesunden Körper kann halt auch ein gesunder Geist wirklich leben und gut funktionieren.
Christian: Ja, absolut. Und jetzt haben wir ganz viel darüber gesprochen, wie wir ins Denken kommen sozusagen, und auch, dass Kreativität irgendwie damit zu tun hat und dass das ja eigentlich auch ein kreativer Akt ist, wenn wir da eigene Gedanken formulieren, ausformulieren und einbringen sollen. Gibt es denn auch Momente an der Uni, wo das nicht so angebracht ist, aus deiner Erfahrung vielleicht? Also wo es jetzt nicht so sinnvoll ist, oder wo es gar nicht notwendig vielleicht auch ist, dass ich da jetzt groß mit eigenen Gedanken, eigenen Ideen oder auch einer eigenen Meinung ankomme?
Xenia: Ja, hatten wir vorher auch schon mal besprochen. Ich glaube, vielleicht hast du da ein bisschen mehr als ich, aber insgesamt habe ich da jetzt zuerst einfach an eine Vorlesung gedacht. Also heißt nicht, dass du keine Fragen stellen sollst, in Vorlesungen gibt es ja am Ende oft so fünf bis zehn Minuten, wo man Fragen stellen kann. Aber eine Vorlesung ist ja kein Seminar, das heißt, es ist nicht dazu da, in erster Linie um zu diskutieren. Und da finde ich es total legitim, wenn man in eine Vorlesung geht und vielleicht dann danach rausgeht und auch mit dem Kopf schüttelt oder sich sein Ding denkt irgendwie, das ist total okay. Aber da muss man jetzt glaube ich nicht so ganz auf den Tisch hauen, das kann man auch einfach irgendwie für sich stehen lassen und mitnehmen, was man für sich selber braucht. Gerade vielleicht, wenn es einen irgendwie getriggert hat, dann darf man auch schauen, was habe ich denn jetzt, was kann ich denn hier mitnehmen. Vielleicht merke ich ja heute, die Vorlesung fand ich irgendwie nicht so gut, aber dadurch habe ich gemerkt, was mich wirklich interessiert, und das inspiriert mich dann vielleicht, in die Bibliothek zu gehen und mich dazu zu belesen.
Christian: Das, woran ich zuerst gedacht hätte, wir hatten auch drüber gesprochen, dass die eigene Meinung die sollte natürlich da sein, aber es ist halt immer eine Frage, wo formuliere ich die jetzt aus, in welchem Kontext. Und im Kontext einer wissenschaftlichen Arbeit muss das vielleicht nicht immer so sein, soll eben wissenschaftlich sein. Wo es auch ein bisschen drauf ankommt, denke ich, ist die Art der Arbeit. Manchmal möchte ich einfach nur eine Übersichtsarbeit erstellen, wo ich eben nur eine Studienlage oder Literatur wiedergebe. Da ist es jetzt gar nicht so notwendig, dass ich da so viel Eigenleistung in dem Sinne mitbringe, außer dass natürlich die Arbeit an sich jetzt eine Eigenleistung ist. Das kann ja super aufwendig sein, wenn ich jetzt ein Lexikon schreiben möchte beispielsweise, da wirklich ganz viel zusammenzutragen. Das ist ja auch häufig in der Wissenschaft so, die besteht ja teilweise wirklich auch zu weiten Teilen aus so einem Zusammentragen von Dingen.
Christian: Also ich weiß nicht, in der Philosophie kennst du es wahrscheinlich auch, da gibt es teilweise wirklich riesige Lexika, die da ganze Regale eigentlich in der Bibliothek einnehmen. Das muss ja irgendwie irgendjemand mal zusammengetragen haben, das dauert ja manchmal jahrelang, Jahrzehnte sogar glaube ich. Es gibt echt sehr, sehr lange Projekte. Aber ja, also ich würde schon sagen, dass man immer selber denken sollte oder muss, dass es wirklich ein Muss ist. Aber die Frage ist natürlich, wie groß ist dieser Anteil oder wie stark variiert er.
Xenia: Ist auf jeden Fall ja. Und gerade bei Überblickswerken, Lexika, was du angesprochen hattest, trotzdem darf man nicht vergessen, es ist halt trotzdem immer eine Interpretation. Also es lässt sich nie ganz ausblenden, dieser Faktor Interpretation. Aber da muss man jetzt nicht lange irgendwie rumargumentieren oder Leute überzeugen, sondern man trägt halt dieses Wissen zusammen, natürlich immer so objektiv und nüchtern wie möglich. Aber auch hier, was ziehe ich denn dann wieder für Schlüsse aus dem Wissen, das ich zusammengetragen habe? Also man muss am Ende dann trotzdem dieses neugewonnene Wissen wieder verorten, kontextualisieren und daraus irgendwelche Schlüsse ziehen und dann vielleicht einen Ausblick liefern für weiterführende Forschung. Also deswegen ja, das eigenständige Denken auf jeden Fall nie ganz ausschalten.
Christian: Und gibt es da vielleicht Unterschiede zwischen den Fachbereichen, also deiner Erfahrung nach, oder auch so, was man sich so überlegt? Irgendwie gibt es ja auch so ein bisschen das Klischee, die Philosophen, die denken ganz viel. Da kann ich nur sagen, das ist in meiner Erfahrung so aus meinem Philosophiestudium heraus nicht mal unbedingt so gewesen. Das war halt auch, also was man da studiert, ist ja eigentlich auch Philosophiewissenschaft. Man möchte ja auch, also bei mir war es zumindest so, ich habe mich ganz viel mit älterer Philosophie auseinandergesetzt, wenig mit Gegenwartsphilosophie. Und da war auch wirklich ganz viel einfach nur lesen, sich beschäftigen. Die Meinungen, die waren alle schon total vorgefertigt, weil es da irgendwie so viel Sekundärliteratur zu manchen Sachen gab. Was soll ich denn da jetzt noch an eigenständigem Denken sozusagen mit einbringen? Ist es vielleicht so, dass es gar nicht so ist, dass man in Philosophie jetzt so viel denken muss, oder auch in Geschichte teilweise, aber in naturwissenschaftlichen Fächern da viel mehr Eigenständigkeit gefordert ist?
Xenia: Ja, auch eine spannende Frage. Und ich denke, auch hier kommt es immer so ein bisschen darauf an. Es kommt auch hier wieder so sehr auf die Lehrperson an. Es gibt einige, die dich total ermutigen und ermuntern, ganz viel selbst zu denken, und die dich gerade darin stärken wollen. Und dann gibt es halt, häufiger sind es ältere Professoren, die eben vielleicht schon sehr festgefahren sind und jetzt irgendwie in ihren letzten Jahren, die sie noch an der Uni arbeiten, jetzt vielleicht nicht alles irgendwie neu revolutionieren wollen.
Xenia: Tendenziell, wie gesagt, ich habe jetzt nicht alle Fächer studiert, ich habe auch nicht in alle Fächer reingeschaut, mir ist aber schon aufgefallen oder ich behaupte es jetzt einfach mal, dass gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften schon eine sehr starke Reflektiertheit vorherrscht, auch fürs eigene: Was machen wir hier eigentlich als Soziologie, als Philosophie, als Linguistik? Und das finde ich, das weiß ich jetzt nicht ganz genau, wie das in den Naturwissenschaften abläuft, vielleicht gibt es da jemanden, der sich auskennt. Aber das finde ich extrem wichtig, also ich finde, es sollte in jedem Fach dazu ermutigt werden, selber zu denken.
Xenia: Und gleichzeitig, das hattest du ja auch von angesprochen, hat ja jedes Fach einen eigenen Zweck und will eine bestimmte Art von Wissen produzieren. Zum Beispiel BWL, na gut, da geht es halt wirklich um praktisches Wissen für Unternehmen. Die scheren sich jetzt und müssen sich auch nicht so um Argumentation und Philosophie so sehr scheren, das verstehe ich schon. Und gleichzeitig hat aber auch jedes Fach verschiedene Ausprägungen, verschiedene Schulen, verschiedene Ansätze, und du wirst in jedem Fach einen kritischen Zweig finden, das steht außer Frage. Das heißt, wenn du irgendwie für dich merkst, der Mainstream meines Fachs, der taugt mir irgendwie nicht so gut, ich habe Lust, kritischer zu sein. In der Soziologie da gibt es halt eine kritische Soziologie, da war ich zum Beispiel sehr viel unterwegs. Es gibt aber auch deutlich konservativere Soziologie, die man betreiben kann. Es ist immer auch eine persönliche Entscheidung, die du dann fällen kannst im Studium. Danach kannst du deine Seminare auswählen oder vielleicht sogar den Master, da kannst du dich dann noch mal einen neuen Schwerpunkt wählen.
Christian: Also in den unterschiedlichen Fachbereichen gibt es da einfach nur unterschiedliche Herangehensweisen. In der BWL, die hast du erwähnt, ist es eher so, dass man, wenn man da ganz eigenständig arbeiten und denken will, muss man halt zum Beispiel einen Businessplan schreiben oder irgendein neues Geschäftsmodell entwickeln, was es jetzt so in dem Sinne noch nicht gab. Da gehört ja auch ganz viel Kreativität dazu. Oder in den Naturwissenschaften ein neues Verfahren, um irgendwas chemisch irgendwie zu entwickeln oder so. Also überall kann man da wirklich auch ganz kreativ und mit wirklich ganz viel Eigenständigkeit rangehen. Das ist eben nur so von Fachbereich zu Fachbereich unterschiedlich, das sind ja dann eben auch einfach verschiedene Methoden. Natürlich gibt es so einen Pool an Methoden und da gibt es auch Schnittmengen, aber trotzdem hat ja jedes Fach so seinen bestimmten Pool an Methoden. Und dann kann man ja auch einfach schauen, was macht mir vielleicht ein bisschen mehr Spaß. Vielleicht bin ich der Typ, der eher super gern viel schreibt und denkt und alles hinterfragt, dann go for it, dann mach Philosophie. Aber wenn man sich sagt, ja, ich bin halt wirklich eher kreativ unterwegs, dann wie das, was du gerade gesagt hast, passt vielleicht besser mit dem Businessplan oder Design oder was auch immer. Weil es gibt eben verschiedene Arten des eigenen Denkens.
Christian: Und was ich auch noch spannend finde, ich habe ja auch teilweise im Ausland studiert, dass es auch in den verschiedenen akademischen Kulturen oder Traditionen auch noch mal anders bewertet wird, das eigenständige Denken.
Xenia: Und da muss ich sagen, aus eigener Erfahrung und von vielen Kolleginnen, es wird in Deutschland schon immer noch sehr groß geschrieben, würde ich sagen, dass man hier in den Seminaren wirklich ein bisschen hitziger diskutiert. Ich war zum Beispiel in Frankreich an der Sorbonne, habe ich studiert, da war dafür eigentlich überhaupt kein Platz. Und es passt auch gar nicht zu der Auffassung in Frankreich, wie man Lehrer oder Professorinnen wahrnimmt. Die werden da ganz anders wahrgenommen als in Deutschland, und das wäre schon fast eine Unverfrorenheit, irgendwie die zu hinterfragen oder zu kritisieren.
Christian: Total spannend! Und dann im Großbritannien ist es wieder anders.
Xenia: Ja, interessant.
Christian: Also wusste ich gar nicht, dass es in Frankreich dann eher nicht so gefordert ist in dem Sinne. Sag mal, du bist Coach, oder sagt man heute eigentlich Coachin? Ich bin mir nicht sicher.
Xenia: Einige sagen das. Also ich bin schon eigentlich auch mit gendersensibler Sprache viel unterwegs, ich promoviere auch im Bereich Gender, also ist ein Teilbereich. Ich selbst habe es einfach noch nicht benutzt, warum kann ich dir nicht sagen. Aber ich habe einige Kolleginnen, die das sagen. Aber wenn du Coach sagst, ist für mich okay.
Christian: Okay, du bist also Coach für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen letztendlich, für Studierende. Wie kann man denn durch einen Coach unterstützt werden, so daran irgendwie auch eine Eigenständigkeit sich zu erarbeiten oder zu erlernen? Gibt es da irgendwie Möglichkeiten?
Xenia: Also das ist wirklich etwas, worauf ich besonders viel Wert lege in meinem Coaching. Weiß jetzt nicht, ob das so ein Schwerpunkt in jedem Coaching ist, jeder Coach macht es ja noch mal ein bisschen anders. Aber ihr habt es jetzt schon ein bisschen mitbekommen, was mein Background ist. Und bei mir ist eine ganz wichtige Sache, die bei mir lernt: wirklich dieses Argumentieren, gutes Schreiben, wissenschaftlicher Stil. Also wir arbeiten viel am Text und wir arbeiten viel an der Argumentation. Und da teile ich natürlich mein Wissen mit dir.
Xenia: Aber auch ganz allgemein lernst du davon, dass du eben diese andere Perspektive hast. Das heißt, du hast, das ist ganz wichtig, sowieso in der Wissenschaft, und das ist ja, was leider sehr oft fehlt bei Abschlussarbeiten, dieses Feedback, dieser Austausch, weil die Betreuenden eben keine Zeit haben, oder dann wird eben doch kein Kolloquium angeboten oder es fällt irgendwie ganz oft aus. Und das ist essenziell für wissenschaftliches Wissen, um das zu produzieren. Wissenschaft ist eben nicht: Ich sitze allein in meinem Kämmerchen und erfinde die Weltformel. Also ja, es ist eine soziale Angelegenheit. Und deswegen ist dir so eine Feedbackschleife, regelmäßiges Feedback extrem wichtig.
Xenia: Und ich finde es gerade cool, wenn in meinem Coaching eben auch jemand ist, der nicht aus deinem Fach kommt. Das ist extrem bereichernd, weil du musst es ja trotzdem schaffen, dein Projekt verständlich rüberzubringen, auch für eine Person, die schon akademisch gebildet ist und schon auch irgendwie so aus deinem Dunstkreis kommt, aber eben wie ich jetzt vielleicht nicht exakt dieselben Dinge genauso studiert hat wie du. Und da bin ich einfach ein super guter Spiegel, um dir zu zeigen: Schreibst du verständlich? Kann man dir folgen? Macht das Sinn, was du da alles gerade machst?
Xenia: Und dann natürlich hast du aber einfach diese fachliche Expertise von mir als Coach und weißt eben, mache ich es gerade richtig oder mache ich es nicht. Und auch hier kommt es wahrscheinlich total auf den Coach an, aber natürlich gibt es schon eine Art richtig und falsch in der Wissenschaft. Also es gibt schon Grenzen, aber es gibt auch Freiraum, Freiraum für Kreativität und für einen eigenen Stil. Und das ist mir auch ganz wichtig, dass das auf jeden Fall nicht untergeht. Und da bemühe ich diese Freiheit sehr viel auch in meinem Coaching.
Christian: Ja, ich war ja auch lange als Lektor unterwegs für akademische Arbeiten. Ganz viele Masterarbeiten habe ich betreut, paar Bachelorarbeiten, also nicht ganz so viele, aber auch sehr, sehr viele Dissertationen. Und ich war auch nicht vom Fach in dem Sinne, also die meisten Arbeiten, die ich gelesen habe, die hatten jetzt tatsächlich nichts mit Geschichte oder Philosophie oder so zu tun gehabt. Und es war trotzdem immer super hilfreich für diejenigen, mit denen ich da gearbeitet habe, da wirklich eine gute Arbeit zu schreiben, zu gucken, ist es verständlich, ist es irgendwie nachvollziehbar, was ich da schreibe, ist es auch schlüssig in seinen Argumentationen und so weiter.
Christian: Also nur weil du gesagt hattest, manche verstehen es nicht so richtig, die suchen sich dann jemanden, der wirklich tatsächlich vom Fach ist. Aber diese Person hat man ja auch in der Uni, dafür sind ja auch die Lehrkräfte da, die sind ja alle vom Fach. Aber manchmal ist auch ganz hilfreich, wirklich sich von außen sozusagen dann mal jemanden zu holen, der da mal ganz von außen draufschauen kann.
Xenia: Und man darf halt nicht vergessen, wenn wir jetzt mal weiterspinnen und uns wirklich vorstellen, wir sind schon echte Berufswissenschaftlerinnen, dann wirst du im Laufe deiner wissenschaftlichen oder akademischen Karriere ja immer wieder an einen Punkt kommen, wo du einem bestimmten Publikum oder einem Gremium deine Arbeit vorstellen musst. Und da werden hundertprozentig nicht alle Leute das Gleiche studiert haben wie du. Sei es bei einer Bewerbung für ein Stipendium, sei es später, wenn du angestellt bist und vielleicht Geldmittel eintreiben musst für dein wissenschaftliches Projekt. Das ist eben auch ein Skill, den Wissenschaftler auch entwickeln müssen, sich verständlich auszudrücken und ihr eigenes Forschungsthema und Forschungsproblem auch spannend und einfach zu transportieren an ein Publikum.
Xenia: Weil das, das sage ich auch ganz oft in meinen Coachings, darfst du nicht vergessen: Die Währung der Wissenschaft sind Zitate. Das heißt, dein Ziel als Wissenschaftler, Wissenschaftlerin ist, dass du gelesen, verstanden und dann zitiert wirst. Das ist dein Ziel, du möchtest möglichst viel zitiert werden, denn dann bist du erfolgreich und bekannt und so weiter. Das ist wie gesagt die Währung der Wissenschaft. Wenn du unverständlich schreibst und dich niemand versteht, dann was passiert mit deinem Buch? Das landet in irgendeiner Ecke und staubt ein. Das möchtest du vermeiden.
Christian: Ja, so, ich habe noch eine kurze abschließende Frage. Kennst du von Kleist diese Schrift, ich bin mir jetzt über den Titel nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, der heißt so ähnlich Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden oder beim Sprechen oder so. Ich weiß nicht, kennst du das, hast du irgendwann mal im Studium gelesen?
Xenia: Okay.
Christian: Ich hatte ja auch ein bisschen Literaturwissenschaft studiert, da war das ein Text, den man da mal gelesen hat. Und da geht es eigentlich genau darum, dass man auch oder gerade beim Sprechen eigentlich besonders gute Gedanken entwickelt. Ich glaube, der beschreibt da so in dem Text, wie er da sitzt und irgendwas schreibt und dann fällt ihm nichts mehr so richtig ein, und wie es ihm dann hilft, tatsächlich einfach mal aufzustehen und mit irgendjemanden, der da gerade im Raum anwesend ist oder im anderen Raum, darüber zu reden und das mal zu versuchen zu erklären, also wirklich auch mündlich zu erklären, was man da irgendwie gerade durchdenkt. Und diese Erfahrung habe ich eben auch im Studium gemacht, in den Gesprächen mit Kommilitonen und Kommilitoninnen, dass das wirklich besonders hilfreich war, um eigene Gedanken zu entwickeln, ja, nicht nur das Schreiben an sich, sondern auch zu sprechen.
Xenia: Ja, das ist eine Sache, die ich im Coaching extrem gerne mache, da kommt auch keiner dran vorbei. Gerade am Anfang ist immer meine erste Frage, und die könnt ihr gerne mal für euch mitnehmen: Beschreib mir mal das, was du machen willst in deiner Abschlussarbeit, in zwei bis drei einfachen Sätzen, dass ein zehnjähriges Kind es verstehen kann. Du glaubst nicht, wie herausfordernd das ist für viele. Aber durch dieses Mündliche, ad hoc, spontan, nicht so viel nachdenken, jetzt nicht irgendwie alle Fachbegriffe, klar, im Schriftlichen müssen die natürlich kommen, aber wenn es erstmal darum geht, das Problem, das Forschungsproblem, was eigentlich hinter der Arbeit steckt, das erstmal einfach zu formulieren im Austausch, und ich stelle dann Fragen, ich frage nach. Diese Einfachheit, die dahinter steckt, die ist so erleuchtend für so viele Leute wirklich. Und danach hat man so viel Klarheit. Also probiert das gerne mal aus und denkt dran, für ein zehnjähriges Kind. Das ist schon ein Mensch, der schon was weiß und was gelernt hat, aber der eben die Dinge einfach erklärt haben muss.
Christian: Das ist ein super Tipp! Also der abschließende Tipp noch mal: Auch zu reden, einfach zu sprechen, zu kommunizieren. Und vielleicht kannst du uns noch kommunizieren, wo man dich am besten trifft online, wie kann man mit dir in Kontakt treten?
Xenia: Ja, danke dafür! Also ich habe, wie ihr schon gehört habt, einen eigenen YouTube-Kanal mit, ich glaube, mittlerweile über 30 Videos zum wissenschaftlichen Schreiben und Arbeiten. Eben ganz speziell: Wie fertigt man eine Abschlussarbeit an? Da gibt es für die verschiedenen Teile, die zu einer Abschlussarbeit gehören, oder für alles, was dazu gehört, also auch Literaturrecherche, Mindset und so weiter, Videos. Schaut euch die gerne an. Ich empfehle auch gerne, schaut euch die auch mehrmals an, macht euch Notizen. Ich gehe da schon sehr ins Detail und gebe euch praktische Tipps.
Xenia: Und ich habe auch einen Instagram-Kanal, genau, xwenzel.coaching. Und auch bei YouTube einfach Xenia Wenzel, ihr werdet es finden. Auf Instagram habe ich eigentlich fast jeden Tag irgendwelchen Content und Stories. Auch hier empfehle ich die Highlights, schaut euch alles an, klickt das alles durch, also ihr könnt da sehr, sehr viel Content auf jeden Fall mitnehmen, sehr viel Inspiration. Und ich freue mich, wenn ihr da vorbeischaut.
Xenia: Und klar, natürlich Coaching! Wenn ihr sagt, Abschlussarbeit, da sitze ich jetzt schon seit Monaten oder sogar Jahren dran, und ich habe da voll die Blockade, da geht gar nichts mehr, ich brauche jemanden, der mich unterstützt, der mir die Fachexpertise mitteilt, der mich motiviert, dann könnt ihr euch sehr gerne zum Coaching bei mir melden.
Christian: Ja, super! Wir verlinken das natürlich alles in der Beschreibung für den Podcast. Und vielen, vielen Dank für das Gespräch! Das war super interessant und für mich irgendwie kam so ein Haufen Erinnerungen aus dem Philosophiestudium, was bei mir auch schon sehr lange her ist, hoch. Und da waren wirklich jetzt auch ganz viele Aspekte dabei, die wir so jetzt nicht vorher besprochen hatten. Und ich glaube, das sind auch sehr, sehr viele hilfreiche Tools und Tricks und Kniffe, die man da wirklich tatsächlich auch im Studienalltag anwenden kann, um wirklich auch gute Arbeiten zu schreiben.
Xenia: Ja, danke an dich, Christian! Also ich fand es auch total bereichernd und musste auch an meine Studienzeit in Berlin denken und dachte mir auch gerade, ja, es wäre schön, wenn ich es schon damals gewusst hätte. Und ich hoffe, dass es einfach jetzt viele inspiriert und vielen auch Mut macht, sich mehr zu engagieren und sich mehr zu trauen und an sich zu glauben. Und deswegen ja, riesiges Dankeschön an dich für die Einladung.
Christian: Vielleicht haben wir sogar jemanden inspiriert, Philosophie zu studieren.
Xenia: Yeah, das wäre natürlich das Coolste! Also ja, kann ich nur empfehlen, war der Grundstein für alles und prägt mich bis heute.
Christian: Ja, okay, tschüss!

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