Hausarbeit mit KI: Gute Note, nichts gelernt? Debatte mit Schreibcoach Manuel Kröger
94 von 100 Punkten – für eine Hausarbeit auf Masterniveau, die Christian von Anfang bis Ende mit KI geschrieben hat. Gesamtaufwand: rund 30 Stunden für das komplette Modul. Man könnte sagen: Fall erledigt, funktioniert. Sein Gast in dieser Folge sieht genau darin das Problem. Manuel Kröger begleitet mit seiner Kröger Writing GmbH seit zwölf Jahren berufsbegleitend Studierende beim Schreiben ihrer Abschlussarbeit – über 900 Klienten bisher. Seine These: Schreiben ist Denken. Wer den Text von der KI schreiben lässt, überspringt genau den Teil, in dem die Gedanken überhaupt erst entstehen.
In diesem Gespräch legt Christian seinen kompletten Arbeitsprozess offen – von der Quellenrecherche über vier Monate Prokrastination bis zum Schreiben Absatz für Absatz mit Claude – und Manuel nimmt ihn Schritt für Schritt auseinander. Es geht um die Frage, ob Erfahrung im wissenschaftlichen Schreiben die Voraussetzung dafür ist, KI überhaupt sinnvoll einsetzen zu können, um Cognitive Offloading und die Sorge, sich damit langfristig selbst überflüssig zu machen, und um den Moment, in dem es auffliegt: Manuel erzählt von einem Klienten, der sein systematisches Review mit KI geschrieben hatte, durchgefallen ist und bei der Vorbereitung auf die Verteidigung keine einzige Frage zur eigenen Arbeit beantworten konnte. Am Ende steht die Frage, die sich alle stellen, die gerade an einer Bachelor- oder Masterarbeit sitzen: Was heißt das jetzt für die eigene nächste Arbeit?
Inhalt:
00:00 94 von 100 Punkten – Hausarbeit komplett mit KI
01:14 Wer ist Manuel Kröger?
03:30 Christians Experiment: Hausarbeit mit KI in 30 Stunden
07:29 Vier Monate Prokrastination und die Schreibblockade
10:44 Die Note – und wie Christian nach Quellen recherchiert hat
12:19 Absatz für Absatz: Wie der Text wirklich entstanden ist
13:23 Könnte Christian diese Arbeit verteidigen?
15:30 Warum Erfahrung den Unterschied macht
18:12 Würde das auch bei einer Masterarbeit funktionieren?
21:24 Warum KI nicht wirklich zusammenfassen kann
25:27 Manuels Wende: vom Skeptiker zum Kritiker
27:40 „More Than Words": Schreiben ist Denken
31:27 Wissenschaftlich oder literarisch – gibt es Unterschiede?
36:16 Cognitive Offloading: Denken an die Maschine abgeben
38:36 Was ein Arbeitgeber als Erstes merkt
39:08 Wenn Schreiben Denken ist – was ist dann Redigieren?
45:09 Praxisfall: Durchgefallen mit KI-generiertem Review
47:23 Christians eigene Panne: die falsche Jahreszahl
49:23 Wo KI wirklich hilft: Transkription, Synonyme, Übersetzung
54:30 KI als Sparringspartner – oder zu wenig Widerstand?
57:33 Fazit: Was heißt das für deine nächste Arbeit?
1:02:31 Lernt schreiben – unser Appell
1:03:31 Manuels Tipp gegen Schreibblockaden
1:07:04 Wo ihr Manuel findet
Manuel Kröger im Internet:
➡️ Website: https://manuelkroeger.de/
➡️ YouTube: https://www.youtube.com/@manuelkroeger/videos
➡️ Instagram: https://www.instagram.com/manuel.kroeger/
➡️ LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/manuel-kröger/
Im Podcast erwähnt:
📬 Fernstudium ohne die polierte Version – Christians Newsletter: https://www.fernstudi.net/newsletter
👉 Manuels erster Besuch im Podcast – Abschlussarbeiten mit der 5-Phasen-Strategie: https://www.fernstudi.net/podcast/38
👉 Quellenanalyse mit NotebookLM: https://www.fernstudi.net/videos/notebooklm-tutorial-so-organisiert-ki-dein-studium-das-aus-fuer-syntea-co
👉 Literaturrecherche mit Perplexity: https://www.fernstudi.net/videos/perplexity-tutorial-fuer-recherchen-wissenschaftliche-quellen-finden-mit-ki-2026
👉 John Warner: More Than Words. How to Think About Writing in the Age of AI: https://www.amazon.de/More-Than-Words-Think-Writing/dp/1541605500
👉 Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden: https://projekt-gutenberg.org/authors/heinrich-von-kleist/books/ueber-die-allmaehliche-verfertigung-der-gedanken-beim-reden/
Mehr zu KI & wissenschaftlichem Arbeiten:
💡 Unsere Word-Vorlage für Haus-, Bachelor- & Masterarbeiten: https://www.fernstudi.net/tutorials/vorlage
💡 Unser KI-Training für Recherche, Texte & Lernen: https://www.fernstudi.net/onlinekurse/ki-kurs-studium
💡 Wie du ChatGPT & Co. sinnvoll nutzt – Podcast mit Dr. Julia Simon: https://www.fernstudi.net/podcast/68
💡 Der komplette Thesis-Podcast mit Expertentipps von der Themenfindung bis zur Abgabe: https://www.fernstudi.net/podcast/55
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https://www.youtube.com/playlist?list=PLfaNcXsnpoxeEZPzqyvM3cFgTS-atqyxu
Transkript
Christian: 94 von 100 Punkten. Das ist das Ergebnis meiner letzten Hausarbeit, die ich von Anfang bis Ende mit KI umgesetzt habe. In sechs Monaten, aber zusammengerechnet habe ich ungefähr 30 Stunden Arbeitszeit dafür aufgewandt – und habe bestanden. Ich könnte jetzt sagen: Fall erledigt, super Ergebnis, hat funktioniert.
Christian: Mein heutiger Gast sieht das aber ein bisschen anders. Er sagt: Genau das ist das Problem. Der Gast ist Manuel Kröger, den wir hier schon einmal zu Gast hatten. Manuel Kröger ist Lektor und ist der Meinung, dass KI nicht unbedingt förderlich beim Schreiben ist, dass Schreiben Denken ist und uns KI da einfach zu viel Denkarbeit abnimmt und wir nicht mehr richtig lernen.
Christian: Darüber möchte ich mit Manuel in diesem Podcast reden und auch diskutieren. Ich werde euch erzählen, wie das bei meiner Hausarbeit ablief, wie ich das hinbekommen habe, mit KI in so kurzer Zeit so ein gutes Ergebnis zu bekommen. Wir schauen uns gemeinsam an, ob Schreiben wirklich schlauer macht und ob es vielleicht auch Anwendungsfälle gibt, bei denen man KI beim Schreiben, für Hausarbeiten und im Studium nutzen kann. Über all diese spannenden Themen möchte ich jetzt mit Manuel reden – und ich würde sagen, wir legen direkt los.
Wer ist Manuel Kröger?
Christian: Ja, Manuel, dann herzlich willkommen zum zweiten Mal in diesem Podcast. Wir haben uns überlegt, ein kleines Diskussionsformat zu gestalten, zum Thema, ob KI wirklich sinnvoll ist, wenn es ums Schreiben geht, um wissenschaftliches Schreiben – oder ob es nicht besser ist, tatsächlich erst einmal richtig schreiben zu lernen und wissenschaftliche Arbeiten selbst zu schreiben. Stell dich doch noch einmal ganz kurz vor für diejenigen unserer Zuhörer und Zuhörerinnen, die dich noch nicht kennen.
Manuel: Erst einmal vielen Dank für die zweite Einladung. Ich freue mich, wieder hier zu sein und über das Thema KI zu sprechen, womit ich mich in den letzten Jahren intensiv beschäftigt habe und auch beschäftigen musste. Ich bin Manuel Kröger, Gründer von Kröger Writing GmbH. Wir begleiten seit zwölf Jahren berufsbegleitend Studierende, die ihre Abschlussarbeit schreiben – und das machen wir mit meinem Team. Ich habe inzwischen mehr als 900 Klienten begleitet, und die Noten liegen so zwischen 1,0 und 1,7, in einer Zeit von einem bis sechs Monaten.
Christian: Vielleicht noch zur Info als Kontext: Ich habe auch lange als Lektor gearbeitet, jetzt nicht direkt als Coach, obwohl ich auch immer Coaching-Anfragen hatte. Darüber haben wir, soweit ich mich erinnern kann, im letzten Podcast geredet. Wen das interessiert: Da ging es um deine fünf Phasen, die dabei helfen sollen, eine Abschlussarbeit effizient zu gestalten und die ihr auch in eurem Alltag anwendet und mit euren Coachees und Klientinnen und Klienten durchführt. Wer sich dafür interessiert, schaut einfach einmal in den letzten Podcast.
Newsletter-Hinweis
Christian: Für meine erste Hausarbeit seit 15 Jahren habe ich sechs Monate gebraucht, für fünf ECTS. Dabei betreibe ich selbst beruflich ein Portal über Fernstudium. Ich weiß also ziemlich genau, wie es laufen sollte – und hänge trotzdem selber drin, neben Job, Familie und drei Kindern. Zweimal im Monat schreibe ich darüber einen Newsletter: was gerade so schiefgeht und was davon tatsächlich funktioniert, und was ich nebenbei über die Anbieter, die Hochschulen und Fernhochschulen lerne. Keine Erfolgsgeschichten, keine Hochschulwerbung, sondern das, was mir gerade so einfällt. Anmelden kannst du dich unter fernstudi.net/newsletter – alle zwei Wochen Post von mir in den E-Mail-Eingang.
Christians Experiment: Hausarbeit mit KI in 30 Stunden
Christian: Ich habe im Intro schon angekündigt, dass ich meine letzte Hausarbeit – und erste Hausarbeit seit vielen Jahren – mit KI geschrieben habe. Das Ganze habe ich für mich als Experiment gestaltet, um einfach mal zu gucken: Wie funktioniert das? Wie weit komme ich? Wie effizient kann ich das durchziehen? Deswegen erzähle ich jetzt noch einmal drei, vier Minuten, wie ich das umgesetzt habe, damit wir einen kleinen Aufhänger für das ganze Gespräch und die Diskussion haben. Also, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, bitte nicht wundern, wenn ich jetzt ein bisschen mehr erzähle. Manuel kann natürlich auch dazwischen Fragen stellen. Aber nur, damit ihr kurz versteht, worum es hier geht und warum uns dieses Thema so wichtig ist.
Christian: Ich musste eine Hausarbeit schreiben, das Ganze auf Masterniveau an der IU Akademie, in einem Kurs, der mir eigentlich erst einmal fachfremd ist – zumindest, was Studieren angeht. Ich habe Philosophie und so etwas studiert und bin auch deswegen immer sehr schreibaffin gewesen. Ich habe dann angefangen, dieses Modul zu bearbeiten, und gesehen: Ich muss jetzt eine Hausarbeit auf Masterniveau schreiben. Ich habe mir ein Thema herausgesucht, die ersten Hefte durchgearbeitet und dann angefangen, das zu bearbeiten.
Christian: Und für Recherchearbeiten dachte ich, das ist doch gar kein Problem, da jetzt KI zu nutzen. Es gibt ja wissenschaftliche Recherchetools, die letztendlich auch KI-basiert sind. ChatGPT war da erst einmal noch kein Thema.
Christian: Um das einmal zusammenzufassen: Für diese gesamte Arbeit habe ich knapp 30 Stunden gebraucht – oder für das gesamte Modul sogar. Also wirklich vom ersten Kapitel im Modul bis zur Abgabe der fertigen Arbeit: 30 Stunden. Das Ganze habe ich getrackt, über ein Tool, das es bei uns in der App gibt. In den Fokus-Sessions habe ich wirklich jeden Arbeitsschritt und jede Lerneinheit getrackt, damit ich im Nachhinein nachvollziehen kann, wofür ich wie viel Zeit gebraucht habe.
Christian: Das Ganze hat sich in, ich würde mal sagen, fünf Phasen aufgeteilt, abgesehen vom Skript. Das Skript war der erste Teil: Das Skript zu lesen und durchzuarbeiten, dafür habe ich ungefähr acht Stunden aufgebracht, 20 Sessions – und mich dabei schon damit auseinanderzusetzen, was ich für eine Hausarbeit schreiben möchte und eines von den vorgegebenen Themen beziehungsweise Themenbereichen herauszusuchen.
Christian: Dann habe ich angefangen, für das Thema eine Gliederung zu erstellen. Da habe ich schon intensiver angefangen, KI zu nutzen. Als Hintergrundinfo vielleicht noch: Ich nutze nicht ChatGPT, sondern Claude. Da kann ich später noch mehr dazu sagen. Das habe ich von Anfang an konsequent für das gesamte Modul genutzt. Ich habe mir ein Projekt angelegt, wichtige Dateien hochgeladen – das Skript beispielsweise und die formellen Vorgaben von der Hochschule –, damit das Projekt schon einen gewissen Kontext und ein Hintergrundwissen hat. Deswegen ging es relativ schnell, eine erste grobe Gliederung für diese Hausarbeit mit KI zu erarbeiten. Nicht so, dass ich einen Prompt eingegeben habe und dann war die fertige Gliederung da, sondern ich habe wirklich eine ganze Weile daran gearbeitet, bis ich eine Gliederung hatte, wo ich dachte: Okay, so kann ich jetzt an die Arbeit herangehen.
Christian: Für die Quellenrecherche habe ich insgesamt ungefähr acht Stunden gebraucht. Dazu kommt noch, dass ich ein kleines Praxisprojekt umsetzen musste – also etwas programmieren, was auch als Aufhänger für meine Hausarbeit diente. Das habe ich gerade nicht im Kopf, hat vielleicht so zwei, drei Stunden gedauert. Auch alles mit KI umgesetzt, weil ich im Alltag einfach mit KI programmiere. Vibe Coding nennt man das, das ist für mich einfach Standard. Ich schreibe eigentlich kaum noch Code selber – aber auch, weil ich einfach selber coden kann. Ich programmiere schon wirklich seit vielen Jahren mit den Standardsprachen, nicht mit der Sprache, die ich in diesem Modul gelernt habe, aber trotzdem ist mir da vieles sehr vertraut. Deswegen habe ich auch das Praxisprojekt so umgesetzt.
Vier Monate Prokrastination und die Schreibblockade
Christian: Dann habe ich erst einmal drei oder vier Monate prokrastiniert. Das war wirklich ganz seltsam. Ich hatte die Quellen erarbeitet, hatte angefangen, sie mir zum einen ein bisschen über KI-Tools zusammenfassen zu lassen, aber die Quellen dann auch selber gelesen. Da war klar: Okay, das geht nicht mit KI. Die Quellen muss ich einfach selber lesen und verstehen. Was für mich eine super Herausforderung war, weil es fachfremd ist, weil ich es nicht gewohnt bin, Paper dieser Art zu lesen. Da musste ich mich erst einmal reinarbeiten, das hat noch eine ganze Menge Zeit gekostet.
Christian: Ich muss auch zugeben: Ich habe nicht jede Quelle gelesen. Fast alle, sagen wir mal 80 Prozent. Die habe ich durchgearbeitet, mir Notizen gemacht und alles mit den Notizen in mein Literaturverwaltungsprogramm eingepflegt. Und dann ging es ans Schreiben – und dann kam die große Schreibblockade, wie ich sie eigentlich als Lektor aus der Lektorenperspektive kenne, wo ich immer gesagt habe: „Leute, ihr müsst einfach anfangen, irgendetwas zu schreiben. Fangt auch mitten im Text an, mit irgendetwas, was euch angenehm erscheint, dann kommt ihr irgendwie ins Schreiben rein." Das ging bei mir gar nicht. Und dann habe ich wirklich super krass prokrastiniert, vier Monate lang, bis ich dachte: Ich muss diese Arbeit jetzt abgeben.
Christian: Und dann habe ich mir noch einmal die KI-Richtlinien der Hochschule angeguckt und gesehen: Ach, eigentlich ist es erlaubt, KI für alles zu nutzen. Und ich muss auch gar nicht durchgehend kenntlich machen, wie ich KI nutze. So, dann habe ich angefangen, den Text mit KI zu verfassen – und habe gemerkt: Das geht auch nicht einfach so, wie viele Studierende sich das vorstellen. Ich packe einen Prompt in das Tool und bekomme meinen fertigen Text. Das war für mich eine super kleinteilige Arbeit, Absatz für Absatz durchzuarbeiten und zu erstellen, immer wieder zu gucken, immer wieder zu prüfen. Ich habe gemerkt, die KI kann mit den Quellen eigentlich gar nicht arbeiten, auch Claude nicht. Ich habe da eine Max-Subscription für 100 Euro im Monat, da kann man sehr viel Kontext reinpacken – aber mit vielen Quellen ist sie gar nicht so richtig zurechtgekommen. Das heißt, ich musste auch immer wieder in die Quellen gucken.
Christian: Letztendlich war das sehr viel Arbeit, auch mit KI zu schreiben – und trotzdem ungefähr acht Stunden für diesen gesamten Schreibprozess, um diese 15 Seiten zusammenzuschreiben. Dann noch einmal die Überarbeitung des Textes, was ich als Lektor einfach kann. Das habe ich teils mit KI gemacht oder einfach mal gefragt: „Passt das jetzt so?" Ansonsten selber gemacht, selber formatiert. Da habe ich nicht viel KI genutzt, aber das ist auch etwas, was ich professionell kann, weil ich das jahrelang betrieben habe.
Christian: Und ganz zum Schluss dachte ich: Okay, jetzt habe ich so wenig Zeit gebraucht, um diese Arbeit zu schreiben – sollte ich nicht jetzt noch einmal das Thema einfach lernen, auch wenn ich es nicht lernen muss, auch wenn ich es nirgendwo verteidigen muss? Da habe ich noch ein bisschen mehr als eine Stunde investiert, um das Modulskript zu lernen. Und dann habe ich aber auch KI dazu genutzt: Das Tool, das es an der IU gibt, Syntea, hat Zugriff auf das Skript, und da habe ich mir einfach Fragen generieren lassen und versucht, diese Fragen zu beantworten. Also das mal so als Zusammenfassung, wie ich diese Hausarbeit mit KI geschrieben habe.
Die Note – und wie Christian nach Quellen recherchiert hat
Christian: Dann lass uns doch mal weiter in das Gespräch einsteigen.
Manuel: Ja, du wolltest mir sagen, welche Note du bekommen hast.
Christian: Ach ja, genau, die Note. Ich habe sie eigentlich schon im Intro genannt. Ich habe heute geguckt – ich habe wirklich wochenlang ungeduldig gewartet und dachte: Falle ich da jetzt durch? Tatsächlich habe ich 94 von 100 Punkten für die Arbeit bekommen.
Manuel: Okay, gut, nicht schlecht. Erst einmal die Frage: Wie hast du denn nach den Quellen recherchiert?
Christian: Also ich habe wissenschaftliche Tools genutzt, die man zum Recherchieren nutzen kann. Ich habe es jetzt nicht mehr ganz genau im Kopf. Google Scholar habe ich bestimmt einmal reingeguckt, aber nicht so intensiv genutzt, weil mir das irgendwie zu unübersichtlich ist. Ich habe tatsächlich auch Perplexity genutzt, um eine ganz grobe Recherche nach Quellen zu machen, und ansonsten habe ich verschiedenste Tools genutzt und irgendwann so diesen Querschnitt genommen. Natürlich habe ich auch in Datenbanken recherchiert und geguckt, was es in der Hochschulbibliothek zu finden gibt. Weil es ein sehr aktuelles Thema ist, gab es da nicht allzu viel.
Christian: Und dann habe ich angefangen, meine Quellen zusammenzutragen. Irgendwann kriegt man – das kenne ich auch noch von früher, vom Recherchieren in anderen Fachbereichen – so ein Gefühl dafür: Was ist die Standardliteratur in diesem Fachbereich? Was sollte ich da nutzen? Ich habe immer wieder die Quellen zusammengefasst oder zusammenfassen lassen, um erst einmal einen groben Einblick zu bekommen, ob das überhaupt relevant ist. Und das fand ich absolut okay, da KI-Tools zu nutzen. Ich konnte jetzt nicht ChatGPT oder irgendetwas nutzen – das habe ich wahrscheinlich auch mal probiert, da gibt es ja so Deep-Research-Funktionen. Aber das war von Anfang an klar, dass das kein Tool ist, um Quellen zu recherchieren, auch nicht, um sie zusammenfassen zu lassen.
Absatz für Absatz: Wie der Text wirklich entstanden ist
Manuel: Noch eine Frage habe ich. Also ich stelle ein paar Fragen, weil ich den Kontext verstehen muss. Ich habe das, glaube ich, nicht ganz mitbekommen: Hast du denn die Texte von der KI schreiben lassen oder selbst geschrieben?
Christian: Nein, die Texte habe ich schreiben lassen, sozusagen. Aber trotzdem immer Absatz für Absatz. Ich bin immer so vorgegangen: „Okay, lass uns jetzt mal den nächsten Abschnitt angehen. Schlag mir mal vor, was wir schreiben." Was ich zuallererst versucht habe, ist zu sagen: „Mach mir mal bitte Stichpunkte zu dem, was ich schreiben soll." Das hat für mich gar nicht funktioniert. Deswegen bin ich dann dazu übergegangen zu sagen: „Mach mir jetzt mal den nächsten Abschnitt. Wir wollen ungefähr eine Dreiviertelseite Text, damit das Ganze im Rahmen bleibt. Schreib mir jetzt mal bitte diese Dreiviertelseite."
Christian: Und dann bin ich wirklich jeden einzelnen Absatz durchgegangen, habe in den Quellen noch einmal geschaut, ob das richtig paraphrasiert oder auch zitiert ist. Ich habe tatsächlich wenig direkt zitiert, bin immer wieder in die Quellen hineingegangen, habe viel gesehen, was einfach auch falsch war oder nicht so richtig gut funktioniert hat – und habe dann so Abschnitt für Abschnitt einfach gestaltet.
Könnte Christian diese Arbeit verteidigen?
Manuel: Und wie glaubst du, bist du jetzt vorbereitet auf die Verteidigung? Wie gut könntest du es verteidigen?
Christian: Wahrscheinlich nicht so gut. Also wenn ich wüsste, ich müsste jetzt eine Verteidigung machen, dann würde ich mich natürlich noch einmal gezielt darauf vorbereiten. Was ich merke, ist natürlich, dass ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, weil das auch ein Thema ist, das für mich interessant ist.
Christian: Es ging tatsächlich um Visualisierung, in meinem Fall von Webseiten-Traffic, und um die Frage, ob statische Visualisierung – also einfach ein Bild, was man zum Beispiel in einer PDF-Datei hat – sinnvoller ist als interaktive Visualisierung, beziehungsweise in welchen Anwendungsfällen. Interaktive Visualisierung hast du häufig, wenn du Anzeigen bei Google oder bei Meta schaltest, dann kannst du dich durch Statistiken klicken und durchbrowsen. Die Frage war, ob nicht solche statischen Grafiken in ganz vielen Anwendungsfällen einfach sinnvoller sind. Dann ging es viel um Cognitive Load und solche Sachen. Was ich wahrscheinlich nicht gut könnte, ist, die Quellen tatsächlich im Detail wiederzugeben. Da würde ich mich dann drauf vorbereiten, wenn ich das jetzt verteidigen müsste.
Manuel: Das heißt, von dem Thema hattest du vorher schon viel Ahnung gehabt, dich auch viel damit beschäftigt – oder nicht?
Christian: Eigentlich nicht. Natürlich kenne ich das Ganze aus meinem beruflichen Alltag, weil ich immer wieder mit Statistiken zu tun habe, und deswegen gab es viele Anknüpfungspunkte und Momente, wo ich dachte: Ach ja, stimmt. Und gerade wo es um die verschiedenen Arten von Visualisierungen ging, da hatte ich mir nie so richtig Gedanken darüber gemacht. Das habe ich dann wissenschaftlich aufgedröselt – und dann habe ich gemerkt: Ja, stimmt, im Alltag ist es eigentlich auch so. Wenn ich so eine Art von Grafik habe, dann brauche ich Ewigkeiten, bis ich da drin bin. Verschiedene Arten von Grafiken sind eigentlich völlig egal, da reicht auch eine Tabelle. Das ist mir auch nie so im Alltag aufgefallen.
Christian: So gesehen: Ich habe einfach Erfahrung in dem Bereich, weil ich auch im Marketing tätig bin, viel auswerten muss, viel Visualisierung und Grafiken angucke – aber bin jetzt kein Experte in der Form, wie ich mich da jetzt wissenschaftlich damit auseinandergesetzt habe.
Warum Erfahrung den Unterschied macht
Manuel: Okay, ich habe dann noch zwei Fragen. Sorry, aber ich muss das Ganze noch verstehen. Du bist ja jetzt kein Anfänger, sondern du kennst dich mit wissenschaftlichem Schreiben sehr gut aus. Das heißt: Glaubst du, dass dir das sehr stark geholfen hat?
Christian: Du meinst, dass ich diese Arbeit jetzt so geschrieben habe – oder generell, dass ich die Arbeit überhaupt geschrieben habe?
Manuel: Dass du sozusagen den Prozess kontrollieren konntest, also das Schreiben. Dass du mit der KI so gut arbeiten und ein gutes Ergebnis produzieren konntest, weil du schon an sich Erfahrung mit dem wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben hast.
Christian: Auf jeden Fall, sonst hätte ich viele Sachen gar nicht einschätzen können. Die hätte ich einfach ungeprüft oder relativ ungeprüft übernommen. Weil ich beispielsweise als blutiger Anfänger gar nicht verstehe – so geht es ganz vielen im ersten Semester –, wie ein guter wissenschaftlicher Text aufgebaut ist. Da hilft mir die KI natürlich viel und schlägt mir etwas vor.
Christian: Aber was ich zum Beispiel gemacht habe – und das würde wahrscheinlich kaum jemand machen, der auf diese Art und Weise im ersten oder zweiten Semester eine Arbeit schreibt: Ich habe mir erst einmal ein Dokument angelegt, das meinen Stil beschreibt, also den Schreibstil, den ich überhaupt erreichen möchte. Weiß ich nicht: Beamtenstil vermeiden, aktiv schreiben, alles solche Dinge. Wie gehe ich mit „ich" versus „der Autor" um und so weiter und so fort. Das habe ich in einem Dokument zusammengetragen und der KI immer als Referenz mitgegeben, wie der Text ungefähr sein soll.
Christian: Letztendlich ist der Text trotzdem nicht so geworden, wie ich das jetzt schreiben würde. Dafür gab es dann noch einmal den Überarbeitungsprozess, dass ich an ganz viele Stellen herangegangen bin und das noch einmal überarbeitet habe. Und das könnte ich wahrscheinlich nicht als Anfänger. Das mache ich, weil ich eben, was Redigieren angeht, einfach ein Profi bin, weil ich das halt kann. Jemand, der im ersten Semester ganz frisch ist und seine erste Arbeit schreiben möchte, der sieht diese Probleme und Fehler wahrscheinlich gar nicht.
Manuel: Genau, das sehe ich auch beim Arbeiten mit anderen Studierenden, die so etwas noch nie gemacht haben – bei uns geht es ja eher um Abschlussarbeiten, Bachelor-, Master-, Doktorarbeiten. Auch wer vielleicht schon eine Hausarbeit geschrieben hat, weiß trotzdem viele Dinge noch nicht, ist also noch Anfänger. Und es kommt bei einer KI immer darauf an, dass man diesen Prozess steuert. Das heißt, man muss den Prozess erst einmal überhaupt verstanden haben, um ihn dann mit einer KI effizient durchführen zu können. Um so etwas, wie du meinst, detektieren zu können, falls da Fehler sind – oder dass man es berichtigen kann, in die richtige Richtung lenken kann, überhaupt erst die richtigen Fragen stellen kann.
Würde das auch bei einer Masterarbeit funktionieren?
Manuel: Und die zweite Frage: Glaubst du, du könntest eine empirische Arbeit auf dem Level einer Masterarbeit oder einer Doktorarbeit auf diese Art und Weise mit KI schreiben?
Christian: Ich denke, ich würde anders herangehen, weil das einfach viel umfangreicher ist, weil da viel mehr Quellen zu bearbeiten sind. Das ist mein erster Eindruck, mein erster Gedanke: Dieser Aufwand, den ich hatte – immer wieder in die KI zu gehen, Text zu kopieren, hin und her, den Text immer wieder zu prüfen –, der wäre mir einfach zu groß. Das erscheint mir effizienter, wenn ich gerade bei so einer langen Arbeit einfach selber ins Schreiben komme und den Text runterschreibe.
Christian: Ich weiß, ich kann ins Schreiben kommen. Ich habe vor vielen Jahren meinen Roman geschrieben, da habe ich auch 100, 200 Seiten oder so etwas zusammenbekommen. Oder früher auch Hausarbeiten – die habe ich auch geschrieben. Und ganz viele Texte, auch Artikel im Internet, früher einfach selber geschrieben. Das kann ich alles. Ich weiß, ich brauche einfach eine Zeit, um da wieder reinzukommen, weil ich es gar nicht mehr gewöhnt bin, aber ich kann das. Ich würde das wahrscheinlich bei so einer umfangreichen Arbeit selber machen und KI einfach für anderes nutzen – zu Recherchezwecken beispielsweise, oder um meine Quellen schnell zu analysieren und zusammenfassen zu lassen.
Manuel: Okay, also worauf ich hinaus möchte, ist das Verständnis. Wenn man empirisch arbeitet, muss man ein tiefes Verständnis gewinnen für den Inhalt, für die aktuelle Forschung, um überhaupt die Empirie gut vorbereiten zu können. Also beispielsweise beim Interview: Ich muss die richtigen Fragen stellen, und dafür muss ich erst einmal wissen, was es eigentlich für Theorie, für bestimmtes Wissen gibt – um dann zu sehen, welche Lücken es gibt, die ich erfragen könnte. Welche Widersprüche gibt es in der Theorie? Welche Dinge sind vielleicht noch interessant, die mir bei meiner Forschungsfrage helfen, und so weiter.
Manuel: Und das kann ich halt nicht, oder es ist super aufwendig, wenn ich den Text von der KI schreiben lasse und selbst gar nicht weiß, worum es da geht. Dann wäre die Aufgabe einfach, mich noch einmal durch die ganzen Quellen durchzuarbeiten – aber das würde ich ja sowieso tun, wenn ich schreibe. Das heißt, da wäre gar keine wirkliche Zeitersparnis, wenn man dann später noch eine empirische Arbeit schreiben müsste.
Christian: Ich habe das auch beim Erarbeiten des Textes gemerkt. Es kostet mich viel Zeit, mir immer wieder genau durchzulesen, was da jetzt für Text generiert worden ist, und zu verstehen, was da jetzt überhaupt Phase ist – und das auf die Quellen rückzubeziehen, die ich gelesen hatte. Wahrscheinlich wäre es wirklich schneller gewesen. Ich habe wenig Zeit für das gesamte Modul gebraucht, aber ich denke, dass ich gar nicht so viel mehr Zeit gebraucht hätte, wenn ich den Text von Hand geschrieben hätte. Viele gehen vielleicht so ran, mit dem Versuch: ein Prompt, ein kompletter Text. An sich ist das auf eine Art wahrscheinlich möglich, oder ein halber Text. Das geht möglicherweise, aber so würde ich nicht herangehen. Dafür bin ich viel zu penibel, was Texte und Schreiben angeht.
Warum KI nicht wirklich zusammenfassen kann
Manuel: Meine Frau, sie ist bei uns die zweite Geschäftsführerin, hat mal ein YouTube-Video veröffentlicht mit dem Namen „One Prompt to Rule Them All". So gehen die meisten ran und sagen: „Okay, ich gebe da etwas ein" – sozusagen die KI als allwissendes Instrument. Ich muss nur sagen: „Mach mal", und dann macht es. Und da ist schon das grundlegende Verständnis von KI einfach falsch. KI ist ja einfach etwas, was mithilfe von Statistik Ergebnisse herauswirft und dafür ganz viele Daten braucht. Aber schon der Name: künstliche Intelligenz.
Manuel: Ich hatte vor einiger Zeit ein Gespräch mit einem Informatiker, der sich schon in den 70ern und danach mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und sie mitentwickelt hat und jetzt auch einen Blog darüber schreibt, über ChatGPT und so weiter. Wir hatten über das Thema Zusammenfassung gesprochen, ob solche LLMs wirklich gut zusammenfassen können. Und er meinte: Es liest sich immer ganz gut, was zusammengefasst wurde – aber erstens weiß man, man kann Intelligenz noch gar nicht definieren. Man weiß gar nicht, was Intelligenz wirklich ist. Deswegen kann man auch gar keine künstliche Intelligenz entwickeln, weil man es nicht definieren kann.
Manuel: Das heißt: Das, was da als Denkendes erscheint – die Menschen wissen es auch langsam, dass das Ding nicht denken kann –, was aber einfach so aussieht, als ob da etwas wirklich denkt und etwas auf Grundlage von Verständnis auswirft, das sieht häufig sinnvoll aus. Als Beispiel: die Zusammenfassung von einem Text. Es kann natürlich sinnvoll sein, was dir ausgespuckt wird – aber nur, wenn du wirklich weißt, wie du so etwas anschaust und kontrollierst. Wenn man nur sagt: „Fass mir das zusammen", und man vertraut dem blind: Es kann ein einziger Satz, ein Halbsatz, ein einziges Wort herausgeschnitten oder falsch wiedergegeben worden sein – und der ganze Kontext stimmt nicht mehr.
Manuel: Gerben Wierda heißt der. Für ihn war ganz wichtig herauszustellen: Bei KI geht es eher darum, dass der Text gekürzt wird. Zusammenfassung ist etwas ganz anderes. Zusammenfassung ist ja: Ich lese das durch, verstehe wirklich den Kontext und die Essenz davon und fasse die Essenz auf Grundlage von echtem Verständnis zusammen. Und das kann eine KI nicht, auch wenn es so aussieht, als würde sie es tun.
Christian: Ja, das ist auch mein Eindruck. Es wirkt alles immer ganz überzeugend, was da an Text generiert wird – aber man versteht wirklich nur, wenn man selber die Fachkenntnisse hat, ob das jetzt korrekt ist oder nicht.
Newsletter-Hinweis
Christian: Kurze Unterbrechung in eigener Sache. Es kommt nämlich vor, dass wir in einer Redaktionsrezension schreiben, die Studieninhalte dieser oder jener Hochschule sind schlecht, veraltet und unleserlich – und die Hochschule ist gleichzeitig zahlender Kunde bei uns. Das ist unbequem. Und genau deshalb machen wir es, weil ein Vergleichsportal, das nur schreibt, was den Anbietern gefällt, kannst du dir sparen.
Christian: Zweimal im Monat schreibe ich einen Newsletter, in dem genau so etwas landet: was bei den Anbietern schlecht oder auch gut läuft, was in meiner eigenen Weiterbildung gut oder wirklich schiefläuft – und alles neben Job, Familie und drei Kindern. Keine Erfolgsgeschichten, keine Hochschulwerbung, sondern wirklich das, was mir gerade so einfällt. Und du kannst einfach antworten: Die Mail landet nicht im Teameingang oder sonst irgendwo, sondern direkt in meinem Posteingang. Und manchmal wird daraus eine Antwort oder eine Frage für einen der nächsten Podcasts oder ein Thema im nächsten Newsletter. Also: alle zwei Wochen Newsletter von mir, anmelden unter fernstudi.net/newsletter. Und jetzt geht es weiter.
Manuels Wende: vom Skeptiker zum Kritiker
Christian: Lass uns einmal einen ganz kleinen Themenschwenk machen, bevor wir dann wieder darauf zurückkommen und noch ein bisschen über dich reden. Im letzten Podcast hatten wir auch über das Thema KI geredet – wenn ich mich richtig erinnere, hast du dich ein bisschen skeptisch geäußert. Mittlerweile bist du eher Kritiker. Das sehe ich auch auf LinkedIn, da folge ich dir beziehungsweise sind wir miteinander connected, und da kommt auch der eine oder andere Beitrag, der sich wirklich kritisch damit auseinandersetzt. Was ist so passiert seitdem? 2024 war dieser letzte Podcast, fast zwei Jahre her mittlerweile. Was ist seitdem bei dir passiert?
Manuel: Also wegen meines Berufs – eigentlich muss sich fast jeder jetzt damit beschäftigen, was KI bedeutet. Und deswegen musste ich mich irgendwann entscheiden: Bin ich jetzt für KI oder bin ich gegen KI? Ich kann gar nicht wirklich sagen, ich bin komplett gegen KI, weil es ja auch Fälle gibt, wo man sie anwenden kann. Beziehungsweise ich spreche da jetzt nicht wirklich von LLMs, die man großartig sinnvoll verwenden kann, sondern von KI-gestützten Tools, wie beispielsweise Übersetzungen und so weiter.
Manuel: Ich musste einfach schauen: Auf welcher Seite stehe ich? Und natürlich liest man auf LinkedIn ganz viele Posts von Professoren, die davon erzählen, welche negativen Auswirkungen es hat – auf das Gehirn, auf die Gesellschaft, auf die Umwelt, auf ganz viele Aspekte. Ich hatte mich auch oft davon täuschen lassen und dachte, wenn ich so etwas eingebe: Ist ja toll, was da geschrieben wird.
Manuel: Ich wollte auch selbst verstehen, was eigentlich Schreiben bedeutet. Was bedeutet Schreiben? Das hat mich dazu gebracht – auch da habe ich prokrastiniert. Ich wollte schon seit vielen Jahren wirklich herausfinden, welche Zwecke Schreiben hat, was wirklich Schreiben ist. Obwohl ich die ganze Zeit mit Schreiben zu tun habe, ist es noch einmal etwas anderes, sich wirklich hinzusetzen und das richtig zu definieren. Auch da bin ich noch bei Weitem nicht zu Ende. Auch darüber werde ich ein Buch schreiben.
„More Than Words“: Schreiben ist Denken
Manuel: Aber ich bin dann mit meiner Frau in ein Wellnesshotel gegangen, vor einem Jahr, ich weiß nicht genau, und habe da ein Buch gelesen: „More Than Words" heißt das. Da hat sich jemand, der auch Autor ist, damit beschäftigt, was denn Schreiben bedeutet. Und das Grundlegende ist beim Schreiben, dass Schreiben nicht bedeutet, einfach nur Wörter auf das Papier zu packen, sondern: Schreiben bedeutet Denken.
Manuel: Um überhaupt etwas Sinnvolles auf das Papier zu bringen, muss ich erst einmal darüber nachdenken: Was will ich eigentlich kommunizieren? Während ich schreibe, entwickeln sich Gedanken. Das heißt, ich denke das, was ich schon gedacht habe, noch weiter, und ich schärfe das durch das Aufschreiben. Und dadurch entsteht nach und nach ein Ergebnis.
Manuel: Und wenn ich das nicht selbst umsetze, dieses Denken, dann hat es große Auswirkungen. Nämlich: Ich kann gar nicht mehr einschätzen, was auf dem Papier steht, wenn mir eine KI das ausspuckt. Eine KI durchdenkt das nicht, sondern hat einfach ganz viel Datenmaterial, sucht sich das zusammen und setzt es dann irgendwie auf statistische Art und Weise zusammen – und baut häufig auch Fehler ein, weil statistisch gesehen ein Fehler sehr häufig auftaucht, in Foren und so weiter. Meine Lektorin Katja hat mir zum Beispiel mal gezeigt, dass es bestimmte Wörter gibt, die immer wieder falsch geschrieben werden – und dann steht es im Text richtig, aber die KI berichtigt es falsch, weil es statistisch gesehen häufiger falsch geschrieben wird.
Schreiben als Training – verlernen wir das Denken?
Manuel: Wenn wir das jetzt weiterdenken: Schreiben ist für mich auch ein Training von Denken, von Argumentation, von Sich-ausdrücken-Können. Wenn wir mehr Wörter zur Verfügung haben, haben wir auch mehr Möglichkeiten, uns auszudrücken, und unsere Denkwelt ist größer. Und wenn wir das nach und nach abgeben – das geht ziemlich schnell, dass man sich an bestimmte Wörter nicht mehr erinnern kann. Das ist wie ein Muskel: dass man die Denkfähigkeit, die Kommunikationsfähigkeit verlernt.
Manuel: Ich weiß nicht – dazu habe ich jetzt keine Studie gefunden, ob uns das wirklich dümmer macht. Ich kann es mir aber vorstellen. Und wenn wir das nicht mehr trainieren, dann führt das dazu, dass eigentlich nur noch eine KI mit einer anderen KI kommuniziert. Das kennt man ja von Bewerbungsprozessen: Jemand schreibt eine Bewerbung mit einer KI, bei der Firma wird die Bewerbung dann von der KI ausgewertet. So ist es auch bei LinkedIn-Posts: Leute schreiben per KI, andere kommentieren Posts mit KI. Niemand kommuniziert mehr wirklich auf schriftliche Art und Weise.
Manuel: Und das sehe ich als großes, nicht nur wissenschaftliches Problem: dass dann keine wirklich wissenschaftliche Forschung mehr betrieben wird und dass auch die Fähigkeit von Menschen verloren geht, den Prozess einer KI zu steuern und zu überwachen, wenn die mal wissenschaftlich arbeiten sollte. Und wenn wir dieses Argumentieren, Kommunizieren, Denken und so weiter nach und nach nicht mehr trainieren, kann ich mir auch vorstellen, dass es große gesellschaftliche negative Auswirkungen hat.
Wissenschaftlich oder literarisch – gibt es Unterschiede?
Christian: Schreiben ist für dich ein ganz wichtiges Thema, aus der beruflichen Tätigkeit heraus, aber auch als Autor. Ich habe gesehen, du bist tatsächlich auch als Autor beziehungsweise als Co-Autor für Menschen tätig, die ihre Biografie oder Autobiografie verfassen möchten – also auch für literarisches Schreiben. Und damit sind wir auch schon in dem Thema drin, das wir besprechen wollten, und du hast jetzt ganz viel dazu gesagt: nämlich, dass Schreiben Denken ist. Oder die Frage überhaupt erst einmal: Ist Schreiben eigentlich Denken, und was hat Schreiben mit Denken zu tun?
Christian: Eine Frage, die mir jetzt in den Kopf gekommen ist, als du das erzählt hast: Gibt es da eigentlich Unterschiede zwischen den Textformen? Also ist es etwas anderes, wenn ich einen wissenschaftlichen Text schreibe, als wenn ich einen belletristischen Text schreibe? Ich kenne das aus meiner Tätigkeit als Autor. Der Roman, den ich geschrieben habe, war sehr gefühlsbetont. Da ging es ganz viel darum, Gefühle auszudrücken, wie bei einem Gedicht beispielsweise auch. Da ging es auch um Denken, aber das Denken fand dann eher beim Überarbeiten statt, ist mein Eindruck. Gibt es da Unterschiede zwischen den Formen?
Manuel: Also Denken sollte man immer.
Christian: Ich wollte damit sagen: Im Schreibprozess direkt habe ich nicht viel darüber nachgedacht, was ich schreibe, sondern ich habe wirklich runtergeschrieben, was mir in den Sinn gekommen ist – und habe dann ganz intensiv überarbeitet. Das war wirklich ein ewig langer Prozess. Das Runterschreiben ging relativ schnell, und dieses Überarbeiten hat mich dann ewig Zeit gekostet, auch im Alltag die ganze Zeit darüber nachzudenken: Wie mache ich das? Und was für mich auch wichtig war dabei, waren Sprachspiele zum Beispiel. Ich habe ganz viel mit Sprache gearbeitet und mit Sprache gespielt.
Christian: Das hatte erst einmal nicht wirklich etwas mit Denken zu tun, sondern einfach mit Kunst in dem Sinne, die mehr versucht, ein Gefühl auszudrücken, als etwas zu überdenken oder zu bedenken. Da ist natürlich trotzdem ein roter Faden herausgekommen in dem ganzen Roman und auch, in Anführungszeichen, eine Moral. Aber ich denke, das ist bei wissenschaftlichen Arbeiten mehr gegeben. Da geht es wirklich darum, etwas intensiv zu durchdenken, logisch zu denken, auch logisch zu argumentieren. Deswegen meine Frage danach, ob es Unterschiede zwischen den literarischen Formen gibt.
Manuel: Ja, auf jeden Fall. Beim wissenschaftlichen Arbeiten ist es sehr analytisch und auch sehr Argument auf Argument auf Argument auf Argument. Aber natürlich gibt es dann die Vernetzungen zwischen verschiedenen Argumenten – auch da ist natürlich der kreative Prozess dabei. Klar, man muss Schlussfolgerungen ziehen, aber das ist wirklich sehr systematisch.
Manuel: Und auch schon vom Schreiben selbst: Da muss man möglichst immer schauen, dass jedenfalls im deutschen Wissenschaftsraum das Wort „ich" nicht verwendet werden sollte – möglichst objektiv, auch von der Sprache her, auf das zu schauen, was man untersucht, und sich so auszudrücken. Das ist schon ein wichtiger Punkt, um das Gefühl auch möglichst ganz herauszulassen. Natürlich ist es nie möglich, das Gefühl ganz herauszulassen. Aber beim Literarischen geht es vor allem darum, Gefühle zu vermitteln, mit Metaphern, mit Erlebnissen. Da geht es sehr viel um die Innenwelt und Zwischenmenschliches – also ganz einfach Geschichten.
Manuel: Obwohl ich auch wissenschaftliche Arbeiten schreibe. Ich habe mich zwölf Jahre stark damit beschäftigt und dann irgendwann, 2017, angefangen, mich mit Biografien zu beschäftigen, und habe es in den letzten Jahren richtig zum Business gemacht. Bei uns im Business geht es überall ums Schreiben, um verschiedene Arten des Schreibens. Und ich habe gemerkt, dass ich durch dieses Coaching, in dem ich anderen Menschen beigebracht habe, wie man schreibt, mir auch selbst Systematiken entwickeln musste, wie man sinnvolle Texte schreibt.
Manuel: Und auch das hilft mir beim literarischen Schreiben. Denn kreativ kann man nur sein, wenn man sich vorher auch vernünftige Strukturen gebaut hat. Alle meinen ja: Ich will jetzt kreativ sein und einfach wild Gedanken und Gefühle und keine Ahnung was herauslassen. Dafür gibt es bestimmt auch Raum. Ich sehe es eher so, dass man schon eine bestimmte Struktur braucht. Auch beim Roman sollte man immer eine einzige Frage beantworten im gesamten Buch – so, wie man bei einer wissenschaftlichen Arbeit auch möglichst eine Hauptforschungsfrage haben sollte. Und im Literarischen kann man natürlich kreativer sein: Da muss man es nicht so chronologisch erzählen, da kann man verschiedene Szenen bauen, das mehr als Geflecht darstellen und so weiter. Trotzdem hilft mir dieses Framework: Ich habe eine einzige Frage – und wie baue ich alles drumherum so auf, dass ich am Ende diese eine Frage durch einen Roman beantwortet habe?
Cognitive Offloading: Denken an die Maschine abgeben
Christian: Ein Begriff, über den wir im Vorgespräch gesprochen hatten und der damit zusammenhängt, ist Cognitive Offloading. Kannst du uns erzählen oder erklären, was das bedeutet und wie das mit Denken beim Schreiben zu tun hat?
Manuel: Ja, ist ganz einfach. Ich entledige mich des Denkens. Ich gebe das Denken ab an die Maschine. Und dadurch verliere ich natürlich die Fähigkeit, immer mehr selbst zu denken.
Manuel: Ich hatte ein Interview geführt mit Professor Dr. Gerlich. Er hat dazu ganz viel geforscht, auch Studien erarbeitet, und er meinte, dass diejenigen, die schon an sich nicht so mit Denkvermögen gesegnet sind, eher dazu neigen, sich mit ChatGPT und Claude und so weiter zu beschäftigen, sich von dort Informationen zu holen, damit Texte schreiben zu lassen und so weiter – und dass sie einfach immer mehr Denkfähigkeiten verlieren werden, weil der Denkmuskel nicht trainiert wird, und sich nach und nach selbst obsolet machen.
Manuel: Ich hatte mal unter einem TikTok-Video oder auch unter Facebook-Posts, wenn ich über Bachelorarbeiten oder Abschlussarbeiten spreche, seit ein, zwei Jahren immer wieder den Kommentar: „Ja, das kann auch ChatGPT machen." Oder: „Alles, was du für eine Bachelorarbeit brauchst, ist ChatGPT." Diese Menschen haben das Gefühl, dass sie mit der Maschine die große Lösung gefunden haben – aber wahrscheinlich können sie gar nicht so weit reflektieren, was es eigentlich mit ihnen macht. Nämlich, dass sie immer weniger Fähigkeiten haben werden und dadurch auch immer weniger attraktiv für den Arbeitsmarkt.
Manuel: Keine Ahnung, was mit ihnen passiert – vielleicht finden sie auch ihren eigenen Zweck im Leben. Aber das ist eben eine große Gefahr: obsolet werden im Arbeitsmarkt. Da wird es einfach schwer, einen Job zu finden oder einen Job auch länger zu behalten. Das sind eben die Jobs, die aktuell von KI bedroht sind, weil eine KI verschiedene Dinge einfach besser macht als ein Junior.
Christian: Also ein ganz wichtiger Punkt, finde ich, auch in diesem Gespräch. Das ist super relevant. Natürlich erscheint es mir erst einmal einfach, meine Hausarbeit, Masterarbeit oder was auch immer auf diese Art und Weise zu schreiben. Aber wenn ich nichts dabei lerne, dann habe ich einfach nichts davon – und vor allem auch ein Arbeitgeber nicht. Der merkt das dann nämlich als Erstes: dass ich in dem Studium eigentlich nicht viel gelernt habe, dass ich vielleicht nicht denken kann. Und setzt mich dann für Tätigkeiten ein, die dem entsprechen, was ich halt nicht kann. Und das ist wirklich super problematisch.
Wenn Schreiben Denken ist – was ist dann Redigieren?
Christian: Dann lass uns mal den nächsten Schritt gehen. Wir haben besprochen: Schreiben ist Denken, ein ganz wichtiger Prozess, auch um Denken zu lernen, Denken zu üben, auch im Studium. Und dann kommt noch die Redaktion dazu, was ja dein professionelles Feld ist – also das Redigieren. Wenn Schreiben Denken ist, was ist dann Redigieren eigentlich? Ich hatte ja schon meine Gedanken dazu gesagt: Ich finde, Redigieren hat auch ganz viel mit Denken zu tun, seinen Text noch einmal zu überdenken und noch einmal nachzudenken. Kannst du deine Gedanken dazu äußern?
Manuel: Meinst du jetzt, dass jemand einem Feedback gibt zu einem Text, oder dass einer den Text sprachlich überarbeitet? Was meinst du damit?
Christian: Ich finde generell das Überarbeiten – das Sprachliche, aber natürlich auch das Inhaltliche. Für mich ist das immer der wichtigste Prozess: Nachdem ich den Text erst einmal grundlegend oder als Manuskript geschrieben habe, entsteht für mich aus diesem Überarbeiten heraus erst ein richtig guter Text. Das kann manchmal schnell gehen, weil ich vielleicht einen guten Tag hatte, wo ich das Manuskript oder einen Artikel relativ schnell runtergeschrieben habe, und dann muss ich nicht mehr viel überarbeiten. Aber in der Regel dauert das für mich immer sehr lange: das alles wirklich hin und her zu ändern, anzupassen, zu verbessern, bis ich denke: Okay, das ist jetzt ein runder, geschliffener Text, der äußert genau das, was ich damit äußern wollte. Das gefällt mir.
Warum Feedback wichtiger ist als Korrektur
Manuel: Also, was ich merke – ich erzähle vielleicht mal aus unserem Alltag, wie wir mit unseren Klienten arbeiten. Denn eines der Wichtigsten, eigentlich das Wichtigste für unsere Klienten ist das Feedback, das sie erhalten. Ich nenne es mal gerne inhaltliches Lektorat. Und dann haben wir am Ende noch ein sprachliches Lektorat.
Manuel: Ich erkläre jetzt einmal, warum das Feedback so wichtig ist. Also erst einmal gibt es Sicherheit. Das heißt, man darf dann auch Fehler machen und weiß: Okay, das wird mir sowieso gesagt, dass ich einen Fehler gemacht habe, und dann kann ich das verbessern. Das hilft, Schreibblockaden zu beseitigen. Man kann einfach freier arbeiten. Aber natürlich bedeutet das nicht, dass man das Denken abgibt – man geht dadurch eigentlich noch stärker ins Denken rein.
Manuel: Um überhaupt vernünftiges Feedback erhalten zu können, muss man auch etwas Vernünftiges liefern. Das heißt, es gibt bei uns ganz klare Prozesse, wenn jemand einen Text einreicht. Unsere Klienten strukturieren ihre Arbeit mit uns erst einmal, indem sie eine Orientierung hinbekommen. Dafür ist die Hauptforschungsfrage eben ganz wichtig. Dann entwickeln sie darauf aufbauend mit uns eine Gliederung. Dann strukturieren sie die einzelnen Kapitel mithilfe von Fragen. Wenn sie einen Text haben, beantworten wir ganz viele Fragen. Deswegen sagen wir: Okay, beispielsweise Problemstellung in der Einleitung – welchen Zweck hat die Problemstellung? Welche Fragen müssen wir beantworten, um diesen Zweck zu erfüllen? Und dann schreiben wir diese Fragen in roter Schrift rein, die sogenannten roten Fragen. Die ergeben automatisch den roten Faden durchs Kapitel, durch die ganze Arbeit.
Manuel: Wenn ein Klient diese Vorarbeit nicht leistet, die Struktur, dann kommt da meistens ein wilder Text heraus. Der ist dann schon kreativ, ja, aber es ist vieles dabei, was nicht relevant ist, was herausgestrichen werden muss. Man macht sich viel zu viel Arbeit und kann, sagen wir mal, 30 Prozent, vielleicht auch 50 Prozent davon wegwerfen und muss dann sowieso stark überarbeiten. Das heißt: Erst einmal muss diese Struktur gebaut werden, sinnvoll und miteinander abgesprochen, diese roten Fragen, damit der Klient überhaupt einen vernünftigen Text schreiben kann – und zwar effizient schreiben kann.
Manuel: Und in jedem Schritt bekommt er Feedback. Das heißt, er bekommt Feedback zu den roten Fragen, er bekommt Feedback zur Hauptforschungsfrage, er bekommt Feedback zu den Texten. Wenn er zum Beispiel ein Unterkapitel von fünf Seiten einschickt und da sind keine roten Fragen dran, dann sagen wir: „Wo sind die roten Fragen?" – „Ich habe keine gemacht." – „Warum nicht?" – „Ja, ich wollte einfach anfangen zu schreiben." Und ich sage: „Okay, schön. Schauen wir uns nicht an. Bitte pack die roten Fragen rein, dann schauen wir es uns an." Das heißt, wir haben gemerkt: Wenn man das nicht macht, dann brauchen wir es gar nicht durchzulesen. Das ist einfach viel zu viel Aufwand, den man vermeiden kann, wenn man vorher die Struktur baut. Und das ist erst einmal super wichtig – das Verstehen, was ein gutes Feedback überhaupt bedeutet und dass der Klient sich vorher vernünftig Gedanken machen muss.
Manuel: So, und dann natürlich: Während er daran arbeitet, arbeitet er auch immer mit uns gemeinsam an den Dingen. Das heißt, er denkt es mit uns durch – und das ist auch Wissenschaft. Wissenschaft lebt vom Austausch. Wenn ich irgendetwas schreibe, dann tausche ich mich immer erst einmal mit anderen Menschen aus. Ich habe auch selbst meine Schreibcoaches, weil ich sehe: Ich bin in so einem Tunnel drin und muss erst einmal noch eine Perspektive von außen haben, von Menschen – und möglichst von Menschen, die sich mit meinem Thema nicht auskennen, um einen frischen Blick zu haben. Und dadurch entstehen dann neue Gedanken, neue Ideen, Verschaltungen und so weiter. Das heißt, das schärft eher mein Denken, das regt mich auch selbst zum Denken an.
Manuel: Und dann natürlich das Feedback. Klar, jemand schaut auf den Text: „Okay, hier verstehe ich etwas nicht." Das ist super wichtig. Deswegen ist es sowieso wichtig, dass jemand sich mit meinem Thema nicht auskennt, damit er überhaupt die Lücken findet. Deswegen: Viele meinen, „ich brauche irgendeinen Coach oder Lektor, der sich in meinem Fach oder meinem Thema auskennt" – nein, genau das Gegenteil ist der Fall. Und dann sagt er mir: „Okay, das verstehe ich nicht." Alles klar, da muss ich noch klarer schreiben, muss noch einmal nachschärfen. Oder: „Hier ist eine Lücke." Okay, alles klar. Oder er sagt mir: „Das ist unlogisch, das kann nicht stimmen."
Manuel: Also ganz wichtiger Punkt: Redigieren ist nicht einfach nur – so, wie ich das vorhin etwas verkürzt beschrieben habe –, dass ich mich an den Text setze und hier und da überarbeite. Dazu gehört auch Feedback, ganz wichtig. Am besten mit einem Menschen. Das kann keine KI ersetzen. Und einfach darüber zu reden. Und das ist letztendlich auch schon eine super Vorbereitung auf eine Verteidigung, beispielsweise.
Praxisfall: Durchgefallen mit KI-generiertem Review
Christian: Hast du Beispiele aus deiner eigenen Praxis beziehungsweise von Klienten? Zum Beispiel: Gibt es auch Klienten, die mit KI-generierten Texten ankommen und dann wollen, dass ihr da noch irgendetwas herausholt?
Manuel: Ja. Da hatten wir letztens einen Fall: Er hatte seine medizinische Masterarbeit, ein systematisches Review, mit KI geschrieben. Das heißt, er hatte zu viel im Job zu tun und hat es dann von – ich weiß nicht, von welchem LLM – schreiben lassen, ich glaube ChatGPT. Dann wurden ihm die Theorien geschrieben, die Quellen wurden davon rausgesucht und von der KI beziehungsweise dem LLM geschrieben. Dann die Studien, die er ausgewertet hat, wurden davon gesucht, und die wurden dann auch reviewt.
Manuel: Ist durchgefallen. Weil der Dozent dann nachgeschaut und gesehen hat: Okay, da gibt es Quellen, die gibt es gar nicht. Und dann waren da Quellen, die waren total sinnlos ausgewertet. Dann hat der Dozent gesagt: „Okay, du darfst das noch einmal überarbeiten und noch einmal einreichen." Also hat er schon mal Glück gehabt. Und er hat gesagt: „Okay, ja klar, das Risiko darf ich nicht noch einmal eingehen, jetzt muss ich wirklich jemanden haben, der sich damit auskennt, ich brauche einen Profi." Hat sich dann bei uns gemeldet, und dann haben wir mit ihm gearbeitet.
Manuel: Da haben wir das tatsächlich ziemlich schnell hinbekommen. Ich glaube, in drei Wochen haben wir das gefixt bekommen, weil er nur diesen Review-Teil noch einmal überarbeiten musste. Dann musste er auf die Verteidigung vorbereitet werden, und meine Coaches haben mit ihm gearbeitet, haben Fragen zu der Arbeit gestellt. Er konnte keine einzige Frage beantworten. Er wusste nicht, was in diesen Texten drinsteht. Das heißt, sie mussten extrem mit ihm arbeiten, damit er sich diese Inhalte erarbeitet und weiß, was da eigentlich steht. Haben mit ihm dann auch das Review gemeinsam entwickelt. Hat er auch bestanden – jetzt nicht mit einer supertollen Note, aber er hat bestanden, auch bei der Verteidigung. Das ist so ein Beispiel.
Christians eigene Panne: die falsche Jahreszahl
Christian: Das ist mir übrigens in meiner Arbeit auch passiert. Mir ist erst ganz zum Schluss beim Überarbeiten aufgefallen, dass ich wirklich tagelang mit einer falschen Jahreszahl bei einer Quelle gearbeitet habe. Eine Quelle, die eigentlich von, ich sage mal, 1982 war, hatte ich im Text die ganze Zeit als 2003er Quelle. Und dann dachte ich: Eigentlich ist das doch ein älteres Dokument, warum steht da jetzt 2003? Ist mir vorher gar nicht aufgefallen. Habe ich noch einmal geguckt: Das war die KI, die mir die Jahreszahl so genannt hatte, weil da irgendwo diese Zahl auf den ersten Seiten in dem Dokument vorkam und es für sie logisch oder wahrscheinlich erschien, dass das von 2003 sein muss. Ist mir auch nur aufgefallen, weil ich da wirklich noch einmal genau hingeguckt und genau gelesen habe.
Manuel: Ja, und das war früher ständig bei unseren Klienten. Wir haben irgendwann auch bei uns solche Sicherungsmechanismen eingebaut. Das heißt, wir informieren die immer vorher, welche Gefahren es gibt, dass sie sich immer, wenn sie mit KI arbeiten, mit uns zusammensetzen sollen und wirklich abchecken müssen, ob das sinnvoll ist, was sie tun, oder nicht. Erst einmal müssen wir uns auch absichern, dass wir sie nicht falsch beraten. Und auch dadurch tauchen jetzt viel weniger oder kaum noch Fehler auf, wie eben so etwas – das ist früher ständig aufgetaucht, dass die Quellen die falschen Autorennamen oder die falschen Jahreszahlen hatten.
Wo KI wirklich hilft
Christian: Okay, jetzt haben wir ganz viel über KI geschimpft, sage ich mal. Oder einfach – ich hoffe zumindest, ein Verständnis dafür geschaffen, dass es super problematisch ist und dass man auf jeden Fall erst einmal schreiben können muss, bevor man das überhaupt anwendet, und deswegen in den ersten drei Semestern, vielleicht sogar im ganzen Bachelorstudium, nur richtig schreibt. Also wirklich richtig, wie man die letzten 500 Jahre geschrieben hat oder eine wissenschaftliche Arbeit die letzten 100 Jahre.
Christian: Und lass uns doch vielleicht im nächsten Abschnitt ein bisschen überlegen, ob es auch Anwendungsfälle gibt, wo KI wirklich hilfreich sein kann. Vielleicht sagst du uns erst einmal, wo du KI im Alltag für dich einsetzt. Gibt es bei dir im Alltag KI-Nutzung, oder vermeidest du es völlig?
Manuel: Ja, auf jeden Fall. Also ich habe beispielsweise – das hilft mir ganz stark auch beim Schreiben – mein Plaud. Ich habe mich mal kurz mit meiner Frau zusammengesetzt und aufgelistet, wo wir KI selbst verwenden. Beziehungsweise, das ist ja nicht wirklich KI, das sind einfach nur sozusagen KI-gestützte Tools.
Christian: Was ist das? Kannst du das kurz erklären?
Manuel: Das ist so ein Diktiergerät. Wenn ich für jemanden dessen Buch schreibe und mich mit dem Thema auskenne, also nicht viel Recherche betreiben muss, dann hilft mir das: reinsprechen, und innerhalb von ein paar Minuten wird das transkribiert. Das heißt, ich habe einfach meine Gedanken eingesprochen, eins zu eins transkribiert, dann kann ich es in mein Dokument kopieren. Und ich mache es tatsächlich lieber als zum Beispiel diese Diktierfunktion von Word, weil mich das total stresst, wenn ich bei Word ständig sehe, wie der mitschreibt. Denn so, wie wir sprechen – das eins zu eins transkribierte mündlich Gesprochene ist ziemlich schwer zu lesen und verwirrt mich eher. Dafür ist dieses Tool echt gut, weil es zum Beispiel auch Pausen rausschneidet und so weiter. Also das hilft tatsächlich.
Christian: Und vielleicht noch ein kurzer Hinweis: Das ist nicht für eine wissenschaftliche Transkription gedacht. Also nicht, wenn man Interviews hat und die nach bestimmten Regeln – von Mayring oder anderen – transkribieren muss. Da gibt es andere Regeln. Das ist nur für den Fall, wenn man einfach nur den rohen Text braucht.
Manuel: So, dann: Synonyme finden. Das finde ich häufig super. Und für Übersetzungen.
Christian: Benutzt du dafür ChatGPT oder irgend so etwas? Oder gibt es da spezialisierte Tools? Synonyme habe ich früher zum Beispiel noch bei Woxikon recherchiert, kann ich mich erinnern. Das war einfach so lexikonartig im Prinzip: ein Wort eingegeben, und dann habe ich passende Synonyme bekommen.
Manuel: Ja, Synonyme: Claude oder ChatGPT. Für die Übersetzung nutzen wir DeepL. Meine Frau schreibt häufig meine LinkedIn-Beiträge oder meine Instagram-Beiträge, weil wir dann einfach mehr Output haben und weil ich mich nicht die ganze Zeit darum kümmern kann. Und sie kommt aus Mexiko, und wir sprechen zu Hause die ganze Zeit Englisch. Das heißt, sie trainiert nicht so viel Deutsch und überlegt sich erst mal die Dinge auf Englisch, setzt es dann mit DeepL auf Deutsch – und ich muss immer noch mal rübergehen, weil das manchmal total merkwürdige Formulierungen hat. Und manchmal, wenn ich die Zeit nicht dazu habe und sie einfach was postet und ich mir das dann durchlese, sage ich mir: Oh Mann, das hört sich so nach KI an.
Manuel: Also auch da, bei der Übersetzung, muss man echt aufpassen, was einem da ausgeworfen wird. Und tatsächlich, wir hatten das mal: Es kann manchmal sein, dass ein Wort aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wird, aber eine ganz andere Bedeutung hat. Deswegen muss man auch hier ganz stark nicht nur vom Wort her, sondern auch von der Bedeutung her ganz genau durchlesen: Was steht in der Quelle? Wie wurde es übersetzt? Und ob das wirklich vom Inhalt her richtig übersetzt wurde.
Manuel: Dann als Suchmaschine, also wie ein besseres Google – wobei Google jetzt auch die KI-Funktion hat.
Christian: Eine mehr oder weniger gute.
Manuel: Ja, auch da sehe ich manchmal, dass es sich bei den Quellen, die es nutzt, auch Dinge ausdenkt und dass gar nicht in der Quelle vorkommt, was es dann zusammenfasst. Vielleicht dazu eine Geschichte: Wir hatten letztens einen LinkedIn-Post geschrieben darüber, wie man mit Büchern als Unternehmer erfolgreich wird. Haben Claude gesagt: „Finde uns die fünf oder sechs erfolgreichsten Unternehmer in Deutschland, die mit Büchern erfolgreich geworden sind." Wurden dann eben aufgelistet: Madame Moneypenny, Dirk Kreuter, keine Ahnung was – das wurde uns ausgespuckt. War auch der Großteil davon richtig. Aber da war beispielsweise gesagt worden – die genauen Infos muss man mal schauen –, dass Dirk Kreuter eine bestimmte Anzahl an Büchern, ich glaube 100 Bücher, geschrieben hat. Da haben wir noch mal nachgeschaut: Dirk Kreuter hat aber 100 solcher Content-Pieces veröffentlicht, also Bücher, Hörbücher und was es alles noch an Sachen gibt – und nicht 100 Bücher.
Manuel: Also es hilft schon, um zu schauen: Wir suchen jetzt irgendwie die besten Netzwerk-Events in den nächsten zehn Tagen für Unternehmer. Es hilft in solchen Fällen schon, da einen ersten Einblick zu gewinnen – so, wie ich früher Wikipedia genutzt habe, um schnell einen Überblick zu bekommen.
KI als Sparringspartner – oder zu wenig Widerstand?
Christian: Wie sieht es aus mit Sparring? Ist das etwas, wo man es nutzen kann, auch als Studi? Vielleicht, dass man sich einfach ein bisschen Anregung holt, über ein Thema erst einmal grundlegend nachdenkt. Und wenn man jetzt niemanden hat, mit dem man reden kann – vielleicht ist niemand direkt da. Nachts um drei überlegst du dir: Ich würde gerne über das Thema schreiben, und wirfst es dann bei ChatGPT rein, nimmst vielleicht sogar den Sprachmodus, der mittlerweile wirklich interessant gut funktioniert, mit „Ähm" und hin und her und „Ja, ich suche mal kurz, lass mich mal kurz suchen." Ist das ein Thema?
Christian: Ich benutze das im Alltag zum Beispiel auch. Ich habe keinen Mitgeschäftsführer oder keine Mitgeschäftsführerin, so wie du. Ich nutze einfach häufig ein Tool, wo ich gewisse Gedanken ein bisschen sortiert bekomme. Ich versuche natürlich, Entscheidungen nicht auszulagern bei so etwas. Also nicht zu sagen: „Überleg mal, ob wir das jetzt so machen oder so", sondern: „Lass uns mal überlegen, wie wir das am besten angehen können." Also Sparring vielleicht noch eine Möglichkeit?
Manuel: Ich habe es früher auch viel genutzt: Wie kann man zum Beispiel das Business noch weiter ausbauen und so weiter. Es gibt auch bestimmte Prompts, ja, kenne ich auch. Ich habe mir zum Beispiel letztens einen Kurs gekauft, wo es darum ging, ein erstes Einstiegsprodukt für Marketing zu entwickeln. Klang auch erst einmal ganz sinnvoll, was die KI mir da ausgegeben hat. Als ich es umgesetzt habe, hat es in der Realität nicht wirklich funktioniert.
Manuel: Also ich finde es als Sparringspartner nicht wirklich sinnvoll, weil es einen zu wenig challenged. Ich habe es noch nicht genug ausprobiert, ob man das so programmieren kann, dass es einen genug challenged – aber es tendiert schon immer dazu, einem zu sagen: Ist ganz toll, was du sagst. Und es hat auch nicht wirklich einen Erfahrungsschatz. Es hat nicht dieses Bauchgefühl, das der Mensch hat. Es hat zwar ganz viele Informationen, aber die sucht es sich von irgendwo zusammen. Es kann auch einfach sein, dass Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengesucht werden, die gar nicht kompatibel sind, und dass einem dadurch Dinge vorgeschlagen werden, die einfach kompletter Nonsens sind. Natürlich kann das auch mit einem Menschen passieren – ich denke gerade ein bisschen laut.
Manuel: Aber das große Problem finde ich eben, dass kein wirklich sinnvoller Austausch passiert, wie es mit einem Menschen möglich ist. Also ich sehe es als Sparringspartner vielleicht für den Anfang, für ein paar erste Ideen kann man es mal verwenden, um erst einmal reinzukommen – aber man sollte möglichst schnell mit einem Menschen anfangen, wirklich Entscheidungen zu treffen.
Christian: Okay, also auch hier vorsichtig sein und vielleicht eher als Notlösung nutzen oder einfach mal kurz gucken. Aber optimal ist natürlich, jemanden zur Seite zu haben oder irgendjemanden zu haben, mit dem man über Dinge reden kann.
Fazit: Was heißt das für deine nächste Arbeit?
Christian: Dann lass uns das ganze Gespräch mal ein bisschen abrunden und noch ein kleines Fazit ziehen. Ich denke, viele unserer Zuhörerinnen und Zuhörer oder Zuschauerinnen und Zuschauer überlegen jetzt: Was heißt das jetzt alles für mich? Was mache ich denn jetzt? Ich weiß einfach nicht mehr so richtig, wie ich es jetzt richtig oder falsch mache. Vielleicht weiß ich noch nicht mal so richtig, was meine Uni jetzt erlaubt – oder ich weiß zumindest, was meine Uni erlaubt und was nicht. Und ich habe jetzt zum Beispiel die Möglichkeit, KI zu nutzen. Was heißt das alles jetzt für meine nächste eigene Arbeit, wenn ich jetzt eine Bachelorarbeit schreibe? Soll ich jetzt KI nutzen, oder soll ich es einfach komplett sein lassen und mich wirklich darauf fokussieren, selber zu schreiben?
Manuel: Ist das die Frage an mich?
Christian: Ja, an dich. Ich kann aber auch noch meine Gedanken dazu äußern.
Manuel: Also erst einmal, was ich am Anfang schon sagen wollte: dass die IU sagt, man müsse nicht mehr dokumentieren, wenn man KI verwendet, sondern man kann es einfach verwenden.
Christian: Ja, die versucht sich als KI-Hochschule zu positionieren, und das ist tatsächlich so in den Richtlinien – das habe ich dann eben auch gesehen, nachgelesen. Man kann KI wirklich ganz weitläufig verwenden. Es wird natürlich empfohlen, die Quellen selber zu lesen. Du musst oder sollst in der Lage sein, das alles wirklich auch zu verstehen. Auch Code, den du generierst, so wie ich das gemacht habe, den musst du natürlich auch verstehen. Da fragt dann aber auch eigentlich keiner nach – so wie bei meiner Hausarbeit, wo es dann kein Kolloquium gibt.
Christian: Und was ich gemacht habe: Ich habe das natürlich trotzdem dokumentiert. Ich habe dann zusätzlich zur eidesstattlichen Erklärung noch eine Erklärung ans Ende meiner Arbeit gepackt, wo steht: Hier, ich habe wirklich umfangreich KI genutzt – einfach fairerweise auch dem Dozenten oder der Lehrkraft gegenüber. Hat offensichtlich keinen Einfluss auf die Note genommen. Aber ja, die IU ist hier natürlich sehr weit in ihrer KI-Erlaubnis. Ich denke aber, das hat auch ein bisschen was damit zu tun, dass die Hausarbeiten dort nicht das hauptsächliche Prüfungsformat sind. Die IU setzt eben überwiegend auf Klausuren, und da kann man jetzt keine KI einsetzen.
Manuel: Trotzdem, ich finde, eine Hochschule, eine Universität muss das Schreiben und Denken fördern, und das passiert eben durch solche Prüfungsformen. Es wäre auch fatal, wenn es so etwas gar nicht mehr geben würde. Deswegen finde ich auch empirische Arbeiten sehr wichtig, weil man da eben wirklich, wie ich vorhin schon meinte, schreiben muss, um dann die Empirie aufzubauen.
Manuel: Um einfach die Frage zu beantworten: Nein, die Arbeit muss man selbst schreiben – auch wenn man natürlich damit durchkommen kann. Es gibt immer wieder eine ganze Menge an Fällen, die die Arbeit von der KI vollständig haben schreiben lassen und durchgekommen sind. Ich habe letztens von einer Klientin gehört, dass ihr Dozent gesagt hat, er habe sich so sehr gefreut, endlich mal eine nicht KI-generierte Arbeit zu lesen. Das finde ich schon richtig krass.
Manuel: Und da wünsche ich mir von den Hochschulen auch, dass sie einfach stärkere Prüfungsformate, auch die mündliche Verteidigung, stärker in den Vordergrund rücken, um die Studenten wirklich dazu zu animieren, selbstständig – man muss nicht alleine arbeiten, aber selbstständig – sich Dinge schreibend zu erarbeiten. Um schreiben zu können, muss man lesen, recherchieren und so weiter. Deswegen meine ich: schreibend. Und eben Forschungsergebnisse wirklich selber zu entwickeln.
Manuel: Wie gesagt, man kann KI punktuell bei bestimmten Dingen einsetzen. Hier immer auf die Richtlinien schauen, natürlich von den Universitäten, auch mit dem Betreuer absprechen. Und ich warne trotzdem auch vor der Einschätzung von Betreuern. Ich habe schon Fälle gehabt, wo die Betreuer dazu geraten haben: „Ja, du findest keinen Interviewpartner? Dann lass doch einfach die Interviews von ChatGPT generieren."
Manuel: Wie soll ich sagen? Es gibt einfach das eine, das Moralische oder das Ethische, dass man einfach ethisch Wissenschaft betreibt. Man muss sich nur vorstellen: Es gibt eine ganze Menge an Fake-Studien, die zum Beispiel in Nature veröffentlicht werden, weil man das gar nicht mehr so richtig detektiert. Das heißt, falsche Studien, die dann auch wieder zurückgezogen werden – aber es ist im System drin, und dann glaubt das System noch weiter, dass es die Studie gibt, und das wird wieder ausgespuckt. Wenn man sich einfach vorstellt, dass aufgrund dieser Studien, die keine echten Ergebnisse sind, Medikamente entwickelt oder irgendwelche Entscheidungen in der Politik getroffen werden – was das für krasse Auswirkungen haben kann. Deswegen muss da schon angesetzt werden, auch bei der Uni und bei der Hochschule, vernünftige Forschung zu betreiben. Deswegen bin ich ein totaler Gegner davon, KI übermäßig einzusetzen und die Arbeit machen zu lassen.
Lernt schreiben – unser Appell
Christian: Also Leute, ganz wichtig: Lernt schreiben. Nicht nur im ersten Semester oder im zweiten Semester, sondern das ganze Studium über. Ihr müsst einfach in der Lage sein, selber Texte zu formulieren, weil – ich hoffe, das haben wir euch jetzt gezeigt – das Denken ist. Und das sagen wir euch als Menschen, die wirklich schreibaffin sind, die das Schreiben letztendlich lieben.
Christian: Und ich sage euch auch dazu: Ich bin da jetzt vielleicht teilweise im Alltag anders unterwegs als Manuel, weil ich sehr viel KI nutze, um Texte zu generieren. Aber trotzdem – in meinem Herzen bin ich sozusagen immer noch Autor, und irgendwann, wenn ich viel Muße habe und ein bisschen mehr Zeit als jetzt in dieser turbulenten Zeit, dann setze ich mich auch wieder hin und schreibe vielleicht noch einen Roman oder irgendetwas anderes, was ich dann einfach so aus mir herausschreibe. Also: Schreiben ist Denken. Ich hoffe, dass wir viele hier animieren können, wirklich selber ihre Texte wieder anzugehen – für sich, aber auch für die Hochschule und für die Wissenschaft.
Manuels Tipp gegen die Schreibblockade
Christian: Manuel, hast du vielleicht zum Schluss noch einen Schreibtipp für uns, für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer? Vielleicht, wie man zum Beispiel eine Schreibblockade überwinden kann? Was hätte ich machen sollen mit meiner Schreibblockade?
Manuel: Ich schreibe übrigens gerade ein Buch, wie man wissenschaftliche Arbeiten richtig schreibt. Das kommt jetzt hoffentlich in den nächsten zwei Monaten heraus, und da habe ich gestern gerade daran geschrieben, wie man eine Schreibblockade überwindet.
Manuel: Das Wichtigste ist, dass man Strukturen baut. Das heißt, wie ich vorhin schon gemeint habe: Dieser Prozess muss wichtig sein. Also Orientierung haben, eine klare Forschungsfrage, Subforschungsfragen – und dann eine klare Struktur bauen und Systeme bauen, damit man auch, wenn man manchmal einen schlechten Tag hat, trotzdem einfach diszipliniert weiterarbeiten kann.
Manuel: Dann kann man manchmal das Medium wechseln. Ich habe letztens für das Buch nämlich an zwei Wochenenden 120 Seiten geschrieben – mit der Hand, mit Stift und Papier. Nicht mit dem Computer, weil das häufig das Denken anregt: Die Handbewegungen sind stärker mit dem Denken verbunden, und deswegen regt es die Kreativität an. Dadurch kann man auf dem Papier noch einmal besser denken, und der Computer hilft einem dann, das, was man vorher erdacht hat, noch einmal strukturiert aufzuschreiben.
Manuel: Dann für viele, auch für Legastheniker, ist es ganz wichtig: Die können beispielsweise tatsächlich das hier nutzen – das Transkribiergerät. Das habe ich auch ganz häufig: Also ich baue mir eben Strukturen mithilfe der roten Fragen und beantworte meine roten Fragen mithilfe des Einsprechens. Der Mensch ist nicht so sehr fürs Schreiben gemacht, er ist eher fürs Sprechen gemacht. Unsere Gehirne – das machen wir evolutionstechnisch und historisch schon viel länger als das Schreiben, und deswegen können wir es besser. Und deswegen hilft es einem, wenn man niemanden zum Sprechen hat, es einfach einzusprechen und dann zu übernehmen. Hier sollte man natürlich bei wissenschaftlichen Arbeiten vorher mit der Quelle gut arbeiten, sich Dinge herausschreiben und dann das einsprechen. Klar, deswegen mache ich ja den Service, deswegen kommen die Menschen ja zu uns.
Manuel: Eine Schreibblockade kommt nicht, weil man irgendwie nicht fürs wissenschaftliche Arbeiten gemacht ist oder vielleicht nicht intelligent genug ist oder so etwas, sondern weil man einfach an einem bestimmten Punkt nicht vorankommt, wo man vielleicht eine Unsicherheit hat, eine Angst, dass man es nicht gut gemacht hat. Oder gestern wieder eine Klientin: „Ich finde nicht alle Quellen, die ich dazu finden könnte." Also es gibt bestimmte Ängste, die man auflösen muss, und dabei hilft es, mit einem erfahrenen Menschen zu sprechen, sich anleiten zu lassen, Feedback zu bekommen. Und was auch häufig hilft: sich in eine Umgebung zu begeben, wo es normal ist, gute Ergebnisse zu erreichen.
Wo ihr Manuel findet
Christian: Ja, mein Abschlusstipp: Schaut euch einmal den Text von Kleist an, den habe ich früher sehr gerne gelesen. Der heißt, glaube ich, „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden". Das passt zu dem, was du gerade gesagt hast: sich erst mal vielleicht auch Gedanken zu machen, indem man sich mit jemandem unterhält – und dann kommt man leichter ins Schreiben hinein.
Christian: Manuel, ganz vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch. Sag uns doch zum Schluss noch, wie und wo man dir folgen kann, wie man mit dir in Kontakt treten kann.
Manuel: Also erstens auf Instagram: @manuel.kroeger, oder einfach nach Manuel Kröger suchen. Oder natürlich auf manuelkröger.de – da kann man sich auch einen Termin buchen, um zu schauen, ob man zusammenarbeiten kann. YouTube natürlich, da auch einfach nach Manuel Kröger schauen, da findet man meinen Kanal, wo es viele Tipps zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben gibt.
Christian: Vielen Dank. Verlinken wir natürlich alles in der Beschreibung für das Video und für den Podcast. Und wenn dein Buch dann heraus ist, sagst du einfach Bescheid, dann können wir das auch gleich mit verlinken. Also ganz vielen Dank für dieses super interessante Gespräch, und bis bald, bis zum nächsten Mal.
Manuel: Vielen Dank. Tschüss.
Christian: Tschüss.
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