Mein Fernabitur am ILS: Was gut lief, was nicht – und was heute anders wäre
Ich habe mein Fernabitur am Institut für Lernsysteme (ILS) gemacht – und bestanden. Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, möchte ich hier teilen: schonungslos ehrlich, mit allem, was gut lief und was nicht. Mein Abschluss liegt mittlerweile einige Jahre zurück. Vieles davon gilt erstaunlicherweise noch heute – aber es hat sich auch einiges verändert. Eine Einordnung dazu findest du am Ende des Artikels.
- Ich habe mein Abitur am ILS per Fernstudium nachgeholt und die Externenprüfung in Hamburg bestanden.
- Größte Kritikpunkte: die Mathematik-Studienhefte und die inkonsistente Betreuung durch den Studienservice.
- Trotz allem: Wer weiß, worauf er sich einlässt, und Durchhaltevermögen mitbringt, hat gute Chancen.
Jede Menge Studienhefte auf einen Schlag
Ich hatte Französisch als zweite Fremdsprache gewählt. Als das erste Paket eintraf, war ich auf den ersten Blick fast erschlagen – man bekommt gleich die Studienhefte für die ersten sechs Monate geschickt. Und das waren eine ganze Menge, weil man am Anfang noch alle Fächer bearbeiten soll und nicht nur die acht späteren Prüfungsfächer.
Wie gut sind die Studienhefte des ILS?
Bevor man sich anmeldet, fragt man sich schon, ob etwa 200 Studienhefte es tatsächlich schaffen, den kompletten Stoff der Unter- und Oberstufe des Gymnasiums zu vermitteln. Das gleich vorweggenommen: Nein, das schaffen sie in den meisten Fällen leider nicht vollständig.
Besonders problematisch waren die Studienhefte im Fach Mathematik. In der Unterstufe waren sie noch relativ verständlich, aber ab der Oberstufe war es damit vorbei. Wir saßen teilweise sogar mit Mathematik-Studenten vor den Aufgaben – und selbst sie hatten Probleme damit, diese zu lösen. Statt die Bereiche praxisnah zu erklären, stürzten sich die Unterlagen vor allem auf mathematische Beweisführung, die höchstens im Leistungskurs eine Rolle spielen dürfte. Eine angemessene Anzahl an Übungsaufgaben suchte man vergebens. Hier mussten sich die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit viel Sekundärliteratur eindecken.
Die Studienhefte im Fach Chemie waren zwar didaktisch sehr gut aufgebaut und der Stoff war gut verständlich. Leider stellte sich in der Prüfungsvorbereitung heraus, dass der vermittelte Stoff nicht ausreichend war, um die dort gestellten Fragen zu beantworten.
In den Fächern Geografie und Gemeinschaftskunde waren die Unterlagen interessant geschrieben und gut aufgebaut. Leider basierten zahlreiche Argumentationen und Erklärungen auf teils sehr alten Statistiken und Diagrammen.
Trotz allem muss ich der Fairness halber sagen, dass ich durch die Unterlagen trotzdem ausreichend auf die Prüfung vorbereitet wurde. Wer bereit ist, ergänzend eigenes Material zu besorgen – vor allem in Mathe –, kann es schaffen.
Betreuung und Korrekturzeiten am ILS
Wer beim ILS das Abi nachholen möchte, muss auch lernen, sich in Geduld zu üben. Die Korrekturzeiten für die Einsendeaufgaben konnten schon einmal vier bis sechs Wochen in Anspruch nehmen.
Auch der Kontakt zu den Fernlehrkräften funktionierte nicht immer so gut und zügig, wie man sich das vorstellen würde. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass viele der Fernlehrkräfte diese Tätigkeit ehrenamtlich und nebenberuflich ausüben, wodurch sich die Verzögerungen ergaben. Als zahlende Kundin fragt man sich allerdings schon, ob das wirklich das eigene Problem sein kann.
Wirklich zu bemängeln war aus meiner Sicht der Studienservice. Bei organisatorischen Fragen, die die Prüfung betrafen, haben wir stets von verschiedenen Mitarbeitenden unterschiedliche Aussagen bekommen – beispielsweise, ob man in der Prüfung in Mathematik Tabellenbücher oder in den Fremdsprachenfächern Wörterbücher benutzen darf. Sich gegenseitig abzusprechen, war beim Studienservice offenbar nicht möglich.
Wie waren die Seminare?
Die Seminare, die das ILS anbot, waren allesamt keine Pflichtveranstaltungen. Das Einführungs-, Unterstufen- und Mittelstufenseminar habe ich nicht besucht, weshalb ich dazu keine Aussagen treffen kann.
Das Oberstufenseminar war das erste, das ich besucht habe. Aus den meisten Fächern konnte ich kaum Nützliches mit nach Hause nehmen. Es war noch nicht einmal eine wirkliche Wiederholung oder Auffrischung, sondern vielmehr Übungen, die wie wahllos aus der Luft gegriffen schienen. Das einzige Fach, in dem mir der Unterricht sinnvoll vorkam, war Mathematik. Dort ist bei einigen der Groschen gefallen – auch bei mir.
Ernst wurde es beim Prüfungsvorbereitungsseminar – dachten wir zumindest. Aber auch dort ging es inhaltlich sehr seicht zu. Der Gipfel war, dass die Referentinnen und Referenten die Teilnehmenden stark demotivierten. Die Lehrkräfte gingen offenbar davon aus, dass der Großteil unter völliger Selbstüberschätzung leidet und die meisten sowieso durchfallen würden. Wir sollten uns also besser nicht darauf einstellen, die Probeklausuren zu bestehen. Diese fanden im Anschluss an das Seminar statt. Ich habe meine Probeklausuren bestanden – zwar nicht unbedingt gut, aber es hat gereicht. Das Bestehen ist Voraussetzung, um die Zulassung zur staatlichen Prüfung zu erhalten.
Das Vorbereitungsseminar für die mündliche Prüfung habe ich mir aus naheliegenden Gründen gespart – nicht zuletzt, weil vorherige Prüfungsteilnehmerinnen und -teilnehmer die Teilnahme nicht empfehlen konnten.
Die Abiturprüfungen in Hamburg
Schließlich war der Punkt gekommen: die Prüfung stand an. Die schriftlichen Prüfungen wurden in einer Schule in Hamburg abgenommen. Die äußeren Bedingungen bezüglich Lärm, Temperatur und Störungen waren katastrophal. Das größere Problem war jedoch, dass im Vorfeld der Prüfung der abgefragte Stoff von den Fernlehrkräften teilweise falsch eingegrenzt wurde, sodass viele falsch oder nicht ausreichend gelernt hatten. Kein Wunder, dass es da nicht nur gute Noten gab.
Auf dem Weg zur Hochschulreife fehlten nun nur noch die mündlichen Prüfungen. Die waren für viele eine Zitterpartie – und manche sind daran gescheitert.
Mehr dazu: Mein Erfahrungsbericht von den schriftlichen Abiturprüfungen
Was trotz allem positiv war
Trotz alledem möchte ich nicht so tun, als wäre alles am ILS schlecht. Ich weiß nicht, ob ich ohne das ILS jemals auf die Idee gekommen wäre, das Abi nachzumachen.
Nützlich war für uns Teilnehmerinnen und Teilnehmer stets das Online-Studienzentrum, in dem sich alle treffen konnten. Das Forum war rege besucht, sodass man schnell auf Hilfe hoffen konnte, wenn man mit dem Stoff mal nicht weiterkam.
Wer das Abi nachholen möchte und dabei kein Problem hat, viel Zeit und auch Geld zu investieren, hat beim ILS trotz allem eine gute Möglichkeit, das durchzuziehen. Und wenn man nicht ganz so naiv an die Sache herangeht, wie ich das damals getan habe, und Durchhaltevermögen beweist, ist die Chance groß, ein gutes Abitur hinzulegen.
Was sich seitdem verändert hat
Mein Erfahrungsbericht liegt mittlerweile einige Jahre zurück. Ich habe mir aktuelle Bewertungen und Entwicklungen angesehen – und bin überrascht, wie viel sich verändert hat, aber auch, wie viel gleich geblieben ist.
Was sich verbessert hat:
- Studienhefte jetzt auch digital: Das Online-Studienzentrum wurde ausgebaut. Studienhefte gibt es als PDF, Einsendeaufgaben können online eingereicht werden. Ein modernes E-Learning-System ist es aber nach wie vor nicht.
- Korrekturzeiten kürzer: Aktuelle Bewertungen berichten von 2 bis 4 Wochen Korrekturzeit – eine deutliche Verbesserung gegenüber den 4 bis 6 Wochen, die ich damals erlebt habe.
- Seminare teilweise online: Seit der COVID-Pandemie gibt es Online- und Hybrid-Formate. Die Präsenzseminare in Hamburg sind aber weiterhin der Standard.
Was gleich geblieben ist:
- Mathe bleibt Schwachstelle. Aktuelle Bewertungen bestätigen meine Kritik fast wortgleich: zu wenig Übungsaufgaben, zu großer Sprung zum Prüfungsniveau. Wer Mathe im Fernabitur schaffen will, braucht zusätzliches Material. Mehr dazu: Mathe im Fernabitur – ist Mathematik zu schaffen?
- Prüfungsprozess unverändert: Externenprüfung in Hamburg, zwei Termine pro Jahr. Prüfungsgebühr 278 €.
- ILS-Bewertungen: 3,5 bis 4 von 5 Sternen. Positiv: Flexibilität, ZFU-Zertifizierung, Kursstruktur. Negativ: veraltete Materialien (besonders MINT-Fächer), Betreuung ausbaufähig.
Der größte Unterschied zu damals:
Was meine Fernabitur-Zeit am stärksten von heute unterscheidet, sind die externen Lernressourcen, die es damals schlicht nicht gab. Hätte ich die gehabt, wäre vieles leichter gewesen – besonders in Mathe:
- YouTube: Kanäle wie Daniel Jung oder simpleclub erklären den kompletten Abitur-Stoff in Mathe und Naturwissenschaften – kostenlos und oft besser als jedes Studienheft.
- KI-Tutoring: ChatGPT und ähnliche Tools können dir Aufgaben erklären, Lösungswege zeigen und als geduldiger Nachhilfelehrer dienen – rund um die Uhr.
- Lern-Apps: StudySmarter, GeoGebra und Flashcard-Apps helfen beim Wiederholen und Vertiefen.
- Online-Lerngruppen: Über Discord, Telegram oder Facebook findest du heute schnell Mitstreiterinnen und Mitstreiter – die Isolation, die ich damals erlebt habe, muss heute nicht mehr sein.
Häufige Fragen zum Fernabitur am ILS
Für die meisten Fächer ja – für Mathematik und teilweise für die Naturwissenschaften eher nicht. Sabines Erfahrung deckt sich mit aktuellen Bewertungen: Die Hefte vermitteln den Stoff solide, aber der Sprung zum Prüfungsniveau ist in Mathe zu groß. Ergänzende Materialien (Stark-Bücher, YouTube-Kanäle, Schulbücher) sind fast unverzichtbar. Mehr dazu: Mathe im Fernabitur.
Die reinen Kursgebühren liegen bei etwa 4.600 bis 6.500 € je nach Einstiegsstufe. Dazu kommen Nebenkosten für Seminare, Reise, Übernachtung, Lehrbücher und die Prüfungsgebühr in Hamburg (278 €). Realistisch sind Gesamtkosten von 7.000 bis 9.000 €. Alle Details: Fernabitur Kosten: Schulgebühren und Nebenkosten.
Beides. Seit der COVID-Pandemie gibt es Online- und Hybrid-Formate. Die Präsenzseminare finden weiterhin in Hamburg statt und sind der Standard für die Prüfungsvorbereitung. Die Seminare sind freiwillig, aber das Prüfungsvorbereitungsseminar wird dringend empfohlen.
Das ILS ist eine solide Wahl – nicht perfekt, aber mit einer bewährten Struktur und guter Kursorganisation. Die SGD und die Fernakademie für Erwachsenenbildung gehören zur gleichen Klett-Gruppe und bieten im Wesentlichen vergleichbare Programme. Das Lernzentrum am Killesberg ist eine unabhängige Alternative, spezialisiert auf Baden-Württemberg. Ein ausführlicher Vergleich: Fernabitur-Anbieter im Vergleich: Welche Fernschule soll ich wählen?
Kommentare
habe das Abi auch extern gemacht. Du musst nicht den Lernstoff von 200 Fächern im Gedächtnis haben. Vielfach geht es z.B. darum, Fertigkeiten zu erwerben, etwa in Mathematik, oder in Deutsch, wo du lernst, zu interpretieren etc.
Freilich ist da jede Menge Lernstoff dabei, aber zum einen hast du nicht alle Prüfungen an einem Tag, zum anderen sind es, wie gesagt, nicht 200 Hefte, die du auswendig lernen musst. Prüfungsrelevant ist meist zudem nur der Stoff der Oberstufe, der Rest ist quasi Grundlage.
Dennoch finde ich es wichtig, sich so vor einem Projekt ausführlich mit dem Theme Lernen zu beschäftigen und "lernen, wie man lernt". Lies evtl. auch mal diesen Beitrag hier von mir, das kann eigentlich so auch für Fernschüler gelten: https://www.fernstudi.net/magazin/10903