Fernstudium Physio, Ergo & Logopädie an der SRH Fernhochschule: Reicht die Ausbildung noch? | Prof. Tanja Scheller
Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie werden akademisiert. Damit stellt sich für viele ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten die Frage: Reicht die Ausbildung langfristig aus – oder wird ein Hochschulabschluss für Karriere, Lehre und die Selbstständigkeit in eigener Praxis immer wichtiger?
Für Therapeutinnen und Therapeuten mit Berufsausbildung bietet die SRH Fernhochschule den Bachelorstudiengang Therapiewissenschaften als verkürztes, vollständig digitales Fernstudium ohne Präsenzpflicht an – je nach Berufsabschluss mit der Vertiefung Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie.
Im Interview spricht Christian mit Prof. Dr. Tanja Scheller, Professorin und Studiengangsleiterin für Therapiewissenschaften an der SRH Fernhochschule: warum die Akademisierung der Therapieberufe voranschreitet, für wen sich das Studium lohnt und für wen nicht, welche beruflichen Perspektiven sich eröffnen, wie das Studium aufgebaut ist und wie es sich mit Beruf und Alltag vereinbaren lässt.
⏱️ KAPITEL:
00:00 Intro
03:10 Was sind „Therapiewissenschaften"?
06:20 Warum die Therapieberufe akademisch werden
08:33 Berufliche Perspektiven: Ausland, Leitung, Master-Trend
10:15 Zweite Karriere: an Berufsfachschulen unterrichten
12:50 Voraussetzungen: Studium ohne Ausbildung oder ohne Abitur?
14:51 Welcher Typ passt zu Physio, Ergo oder Logopädie?
17:00 Für wen lohnt sich das Aufsatteln – und für wen nicht?
18:35 Bachelor in 3 Semestern: Dauer, Online-Studium, Flexibilität
21:55 Ungewöhnlicher Lebenslauf: Von Bankkauffrau zur Prof. Dr. rer. medic.
27:22 Aufbau: gemeinsame Module und Spezialisierung
29:47 Wahlbereich, Prüfungsformen und Praxisbezug
32:30 Wie aufwendig ist wissenschaftliches Arbeiten wirklich?
34:29 Tipps zur Vereinbarkeit mit Beruf, Praxis & Alltag
36:53 Longevity: Tanjas Buch und das neue Wahlmodul
40:30 Verabschiedung
👤 Prof. Dr. Tanja Scheller im Internet:
👉 An der SRH: mobile-university.de/ueber-uns/hochschulteam/scheller-tanja
👉 Website: tanjascheller.com
👉 LinkedIn: linkedin.com/in/prof-dr-rer-medic-tanja-scheller-30b24720a
👉 Instagram: instagram.com/prof.dr.tanjascheller
👉 Podcast: Prime Health Club open.spotify.com/show/0zyM8HT3T63jxeuFOYNeES
👉 Buch: Der Longevity Leader amazon.de/Longevity-Leader-Selbstf%C3%BChrung-Grundlage-Lan…
🏢 SRH Fernhochschule im Überblick: fernstudi.net/fernhochschulen/srh-fernhochschule
🎓 Das SRH-Fernstudium B.Sc. Physiotherapie: fernstudi.net/fernstudium/humanwissenschaften/therapiewisse…
🎓 Das SRH-Fernstudium B.Sc. Ergotherapie: fernstudi.net/fernstudium/humanwissenschaften/therapiewisse…
🎓 Das SRH-Fernstudium B.Sc. Logopädie: fernstudi.net/fernstudium/humanwissenschaften/therapiewisse…
🔍 Fernstudium Therapiewissenschaften – Bachelor & Master für Physio, Ergo & Logo im Vergleich: fernstudi.net/fernstudium/humanwissenschaften/therapiewisse…
💬 FRAGEN? AUSTAUSCH?
Schreib sie in die Kommentare – wir antworten auf alle!
Oder nutze die Studienberatung + Community auf fernstudi.net: fernstudi.net/hilfe
📱 FERNSTUDI.NET-APP (Android & iOS):
Study Tracker, Fokus Sessions, KI-Lernbegleiter Felix & Community – alles in einer App.
👉 fernstudi.net/app
___________________________
⚠️ TRANSPARENZ:
Unsere Videos basieren nicht auf bezahlten Partnerschaften. Wir wählen Themen nach Community-Interesse, nicht nach Werbeverträgen. Einige Hochschulen sind Sponsoren auf fernstudi.net (dort entsprechend gekennzeichnet). Affiliate-Links kennzeichnen wir mit (*).
Transkript
Christian: In der Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie passiert gerade etwas sehr Grundlegendes: Die Berufe werden akademisch. Heißt das jetzt, dass diejenigen, die nur die Ausbildung haben, zusehen müssen, wie andere an ihnen vorbeiziehen? Genau das frage ich heute die Person, die es wissen müsste – Prof. Dr. Tanja Scheller von der SRH Mobile University. Tanja verantwortet dort den Studiengang Therapiewissenschaften mit Fokus auf einen dieser drei Ausbildungsberufe und erzählt uns, warum man das jetzt studieren sollte.
Wir schauen uns aber nicht nur an, warum man das studieren sollte, sondern auch: Wie sind die Studiengänge aufgebaut? Wie läuft das Studium an der SRH Mobile University ab? Was braucht man, um es zu studieren – und wer sollte es vielleicht besser nicht studieren? Außerdem erzählt Tanja etwas über ihren eigenen Werdegang, der ausgesprochen interessant ist: Sie hat mit einer Ausbildung angefangen, die in diesem Zusammenhang völlig fachfremd ist, und von dort aus eine beeindruckende akademische Karriere bis zur Professorin hingelegt. All das jetzt in diesem Interview – legen wir direkt los.
Christian: Tanja, herzlich willkommen bei uns auf dem YouTube-Kanal. Ich freue mich sehr, dass du mit mir über die Therapiewissenschaften-Studiengänge an der SRH sprichst und darüber, für wen sich so ein Studiengang lohnt. Bevor wir einsteigen, eine Frage vorweg: Du hast mir im Vorgespräch das Du angeboten – und damit bist du nicht die erste Professorin, die ich kenne, die eher auf das Du setzt. Bist du mit deinen Studierenden auch per Du?
Prof. Dr. Tanja Scheller: Hallo Christian, erst einmal danke für die Einladung und schön, dass ich heute hier sein darf. Nein, tatsächlich nicht. An der Hochschule leben wir eine Sie-Kultur mit den Studierenden. Das gibt auch immer einen professionellen Rahmen, in dem wir hier arbeiten. Ich persönlich bin da aber entspannt, und gerade wenn wir über Interviews reden oder wenn ich meine persönliche Sicht darlegen darf, verwende ich in diesem Kontext gern das Du.
Christian: Ich habe den Eindruck, dass Professorinnen und Professoren durch Fernstudiengänge noch ein bisschen nahbarer sind, weil man sich öfter über eine Zoom-Konferenz austauscht. An der Präsenzhochschule gibt es natürlich auch Sprechstunden, wo man sich im Büro gegenübersitzt – aber das ist so mein Eindruck. Ist es bei dir auch so?
Tanja: Ja, das kann schon sein, und vor allem ist es bei uns flexibler. Ich sage immer: Wir sind keine klassische Hochschule, sondern die Hochschule für die arbeitende Welt. Alle meine Studierenden haben zum Beispiel meine Handynummer. Die steht auch bewusst in meiner Signatur. Sie können anrufen, wenn es irgendwo brennt, mir im Notfall eine WhatsApp schreiben oder über das Tool im E-Campus mit mir chatten. Das ist sehr innovativ und auch sehr studierendenfreundlich – über den kurzen Dienstweg, würde ich sagen.
Was sind Therapiewissenschaften?
Christian: Dann lass uns ins Thema einsteigen. Auf eurer Webseite wird das als drei Studiengänge dargestellt beziehungsweise als drei Möglichkeiten. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es aber ein Studiengang Therapiewissenschaften, und man wählt seine Vertiefung: Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie. Kannst du kurz erklären, was Therapiewissenschaften eigentlich genau sind?
Tanja: Dafür dürfen wir ein kleines Stück weiter vorn anfangen. Die Therapieberufe Physio, Ergo und Logo sind in allen anderen Ländern bereits akademisiert – überall sind das Studiengänge, außer hier in Deutschland. Wir haben ein Gesetz von 1996, und das regelt, dass die Therapieberufe eine schulische Ausbildung sind. Für diejenigen, die sagen: Ich möchte noch studieren oder einen Bachelorabschluss draufsetzen – dafür gibt es verschiedene Gründe, auf die kommen wir sicher noch –, gibt es jetzt eben die Möglichkeit, diesen Bachelor zu erwerben. So sind auch unsere Studiengänge aufgebaut.
Wenn Therapeutinnen und Therapeuten zu mir ins Studium kommen, ist die erste Frage: Aus welcher Fachrichtung kommen sie? Die Physios, die Ergos und die Logos studieren dann jeweils in dem Part ihres Berufsbilds. Wir erkennen die Ausbildung voll an, und dadurch verkürzt sich die Studienzeit auf anderthalb Jahre. Wir haben also einen Bachelor, der mit vollen 180 ECTS abschließt. Weil die Studierenden die Ausbildung schon gemacht haben und wir sie voll anrechnen, bleiben drei Semester mit 90 ECTS. Die Spezialisierung ist an den Therapieberuf geknüpft: Ich als Physio kann mich nicht in der Ergotherapie spezialisieren. Das ist durch die Anerkennung der Therapieausbildung vorgegeben – und so darf jeder Studierende auch die Ausarbeitungen im eigenen therapeutischen Fachbereich absolvieren.
Warum werden die Therapieberufe jetzt akademisch?
Christian: Ich kenne das ein bisschen aus meinem persönlichen Umfeld. Meine Lebensgefährtin arbeitet an einer Pflegeschule und erzählt auch, dass das im Ausland in vielen Ländern längst akademisch ist: Man studiert primär und macht nicht erst eine Ausbildung. Wir haben ein besonderes Ausbildungssystem, das in anderen Ländern vielleicht nicht so hochwertig ist. Aber sonst studiert man das überall – auch in der Pflege. Warum entwickelt sich das jetzt hier so? Hat man ins Ausland geschaut und gesehen, dass die Qualität dieser Berufe steigt, wenn man sie studiert?
Tanja: Zum einen ja, man will vergleichbare Abschlüsse weltweit erzielen. Der andere Punkt: Wir haben seit 20, 30 Jahren eine Entwicklung Richtung Wissenschaft, Richtung evidenzbasiertes Arbeiten. Der Physiotherapeut kam ja vom Masseur und medizinischen Bademeister über den Krankenpfleger zum Physiotherapeuten – das Berufsbild hat eine Entwicklung durchlaufen, die zunächst mit einem Handwerk einhergeht. Therapeuten sind Manualtherapeuten, das ist Hands-on, wir fassen Patienten an.
Man hat aber festgestellt, dass die Forschung dahinter, dieses ganze evidenzbasierte Arbeiten und Leitlinienarbeiten, auch auf die Therapie überschwappt. Vor vielen Jahren war das vor allem in der Medizin präsent – das hat mit der Contergan-Forschung angefangen, mit der Arzneimittelforschung, wo man gewisse Studien durchlaufen muss, damit ein Arzneimittel sicher ist. Und so kam die Frage auf: Was ist eigentlich mit unseren Therapien? Warum machen wir das, was wir machen? Machen wir es, weil es ein Erfahrungswert ist, oder ist es wirklich evident? Hat es Hand und Fuß, hat es überhaupt Erfolg? So sind die Therapieberufe nach und nach in diese evidenzbasierte, wissenschaftliche Arbeit hineingerutscht – und dann hat man gemerkt: Das gibt es in unserer Ausbildung ja gar nicht. Das Curriculum von 1996 sieht wissenschaftliches Arbeiten gar nicht vor.
Daraus entstand die Entwicklung: In allen anderen Ländern ist es schon ein Studium, wir brauchen das hier auch – erstens, um auf Augenhöhe arbeiten zu können, und zweitens, um den wissenschaftlichen Kontext überhaupt zu verstehen, weil wir ihn in der manualtherapeutischen Ausbildung nicht gelernt haben. Das sage ich auch immer wieder den Studierenden: Ihr Handwerk können sie alle. Ich kann über den Computer keine Techniken vermitteln, die am Patienten durchgeführt werden. Meine Aufgabe ist es, genau diesen Aspekt der Wissenschaftlichkeit zu vermitteln: Was ist Wissenschaft? Wie lese ich das? Wie interpretiere ich es, wie wende ich es richtig an? Was mache ich mit den Ergebnissen, wenn etwas in der Leitlinie steht? Wie transferiere ich das in meine therapeutische Praxis? Genau darauf kommt es an, um mit ärztlichen Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe kommunizieren zu können. Die arbeiten ja seit Jahren mit Leitlinien und kommunizieren auf diese Art und Weise. Dadurch bekommen wir als Therapeuten auch ein viel besseres Ansehen.
Berufliche Perspektiven mit dem Bachelor
Christian: Also verbessert es auch die Qualität der eigenen Arbeit und die Kommunikation. Das war mir so gar nicht in den Kopf gekommen, aber sehr interessant – und der gesellschaftliche Aspekt kommt noch dazu. Wie sieht es denn mit den beruflichen Perspektiven aus? Ändert sich da etwas? Habe ich vereinfacht gesagt bessere Jobchancen?
Tanja: Auf jeden Fall. Zum einen darf der deutsche Therapeut mit Bachelorabschluss im Ausland arbeiten. Es gibt immer ein paar Ausnahmen – ich nehme gern Amerika, das habe ich am eigenen Leib erfahren: Amerika erkennt die wenigsten deutschen Abschlüsse an, egal in welchem Bereich. Grundsätzlich aber darf jeder mit einem Bachelorabschluss im Ausland arbeiten; manche Länder haben Besonderheiten, aber das steht auf einem anderen Blatt. Das ist der Punkt internationale Anerkennung.
Das Zweite: In sehr vielen Leitungspositionen – Therapieleitung, oder wenn ich an Berufsfachschulen unterrichten will – ist der Bachelorabschluss mittlerweile eine Grundvoraussetzung. Die Tendenz geht sogar Richtung Master, denn es kommen auch viele aus dem Ausland nach Deutschland, und dort ist der Bachelor die unterste Stufe. Der Master ist dort gesetzt, und so ist auch der Trend hier in Deutschland.
Es gibt außerdem sehr viele politische Diskussionen. Die Verbände, in denen ich aktiv bin und mit denen ich stark kooperiere, fordern eine Vollakademisierung, wie sie in allen anderen Ländern bekannt ist – um einen Direktzugang zu ermöglichen. Das heißt: Wenn du umgeknickt bist und eine therapeutische Einschätzung brauchst, kannst du direkt zum Therapeuten gehen. All das bietet uns die Akademisierung. Sie gibt uns mehr Kompetenz und schließt auch eine Versorgungslücke, die hier in naher Zukunft immer größer wird.
Zweite Karriere: Lehre, Leitung und der körperliche Faktor
Christian: Das kenne ich auch aus der Pflege. Ich habe vor einiger Zeit einen Vortrag an einer Pflegeschule gehalten und den Schülerinnen und Schülern aufgezeigt, wie wichtig es ist, einen akademischen Weg zu gehen – auch wenn man es nicht muss –, einfach um sich mehr Möglichkeiten zu eröffnen. Physiotherapie ist ja auch ein Beruf, der körperlich sehr anstrengend ist und wo man irgendwann vielleicht einfach nicht mehr kann. Dann ist das ein Weg, zum Beispiel in die Pädagogik zu gehen oder in eine leitende Tätigkeit. Wie es in der Logopädie ist, weiß ich nicht genau, das ist vielleicht nicht ganz so anstrengend – bei Physiotherapeuten ist es definitiv so. Ein ganz wichtiger Aspekt also, dass man durch die Akademisierung auch in die Pädagogik gehen kann. Das ist ein kompliziertes Thema wegen der unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern – hier braucht man einen Master, da noch nicht –, aber grundsätzlich wäre das der Weg.
Tanja: Ja, und da schwingen zwei weitere Aspekte mit. Therapeuten sind nach vielen Jahren nicht nur – ich sage das so gern – verbraucht, weil sie sehr lange sehr hart gearbeitet haben. Sie entwickeln auch eine Routine, die den Job nicht mehr so attraktiv macht. Wenn ich 10, 15, 20 Jahre immer den gleichen Patiententonus habe, dann habe ich erstens viel Erfahrung, die ich vielleicht gern weitergeben möchte – und mit dem Bachelor ist es möglich, an Schulen zu unterrichten. Zweitens ist es eine Abwechslung: Ich hinterfrage mein Wissen, ich arbeite noch einmal ganz anders, ich bilde mich weiter. Diese beiden Aspekte machen die eigene Arbeit wieder viel attraktiver, als sie vorher vielleicht war.
Dass du das Unterrichten an Schulen ansprichst, ist gut, denn das ist aktuell sehr präsent, wenn ich meine Studierenden befrage. Es werden händeringend Lehrkräfte für die Berufsfachschulen gesucht, und da ist der Bachelor relevant. Weil uns das so wichtig ist, haben wir in unserem Wahlbereich auch drei Module genau für diese Therapeuten, die unterrichten wollen – denn die Regierung sagt natürlich: Uns langt nicht nur der Bachelor, ein bisschen Pädagogik und Didaktik sollte auch dabei sein. Genau diese Module haben wir mit hineingepackt.
Zielgruppe und Voraussetzungen
Christian: Interessant. Für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer: Denkt ein bisschen wie Leistungssportler. Die bereiten sich sehr frühzeitig auf eine zweite Karriere vor, weil irgendwann – vielleicht Mitte 30 – die sportliche Karriere vorbei ist und man sehen muss, was danach kommt. Je früher man sich darauf vorbereitet, desto besser. Aber lass uns über die konkrete Zielgruppe reden. Das sind natürlich Menschen mit einer Ausbildung in Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie. Soweit ich weiß, geht es aber auch ohne die Ausbildung, oder?
Tanja: Ohne Ausbildung geht es nicht. Unsere Studierenden müssen mindestens das erste Ausbildungsjahr in einem der Therapieberufe – Logo, Ergo oder Physio – absolviert haben. Es gibt ein paar Besonderheiten: Seit zwei Jahren darf man auch ohne Abitur studieren, aber dann muss die Ausbildung abgeschlossen sein. Wenn ich also Therapeut bin, kein Abitur habe, aber drei Jahre in meinem Beruf gearbeitet habe, dann habe ich die Hochschulzugangsberechtigung erworben und darf direkt ins Studium einsteigen. Bin ich noch in der Ausbildung, habe das erste Ausbildungsjahr absolviert und habe Abitur, darf ich ebenfalls direkt studieren.
Die Ausbildung ist in den drei Studiengängen, die ich leite, aber Pflicht – denn wir haben eine verkürzte Studienzeit und eine Anrechnung, und wir können diese Studiengänge nur ermöglichen, wenn diese Anrechnung gewährleistet ist. Mit dem Therapiezeugnis in der Hand kann ich nach dem ersten Jahr schon anfangen; dann habe ich etwas länger Zeit, bis die Ausbildung abgeschlossen ist, und erst dann dürfen wir den Bachelorabschluss verleihen. Es ist aber eine tolle Möglichkeit, schon während der Ausbildung anzufangen oder im Nachgang dranzuhängen.
Christian: Die meisten eurer Studierenden haben diese Ausbildung sicherlich schon abgeschlossen. Aber es gibt eben auch Menschen, die schon vor Beginn der Ausbildung überlegen: Ich könnte im Laufe der Ausbildung dieses Studium mit dazunehmen – einfach, um mehr zu machen, weil ich vielleicht die Zeit habe, familiär noch nicht so stark eingebunden bin, wie man es wird, wenn man älter ist.
Welcher Typ passt zu Physio, Ergo oder Logo?
Christian: Eine ganz grundlegende Frage: Angenommen, ich überlege noch zwischen Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie als Ausbildung und kann mich nicht richtig entscheiden. Kannst du sagen, welcher Typ Mensch zu welcher Ausbildungsrichtung gut passt?
Tanja: Das kann ich, obwohl man hier stark pauschalisiert – denn generell ist es erst einmal das Arbeiten mit und am Menschen. Aber differenzieren wir ein bisschen. Meine alte Schulleitung hat immer gesagt: Die Physios, das sind die Sportler; die Ergos basteln gern; und die Logos sprechen und singen viel. Ich finde, das pauschalisiert sehr, aber es gibt die Richtung an.
Physiotherapie ist sehr viel körperliche Aktivität, Muskelarbeit in Form von Stabilisation, Regeneration, nach Operationen, Sportvorbereitung, Laufanalysen, Krafttraining – alles im körperlichen Bereich. Bei der Ergotherapie geht es viel um Motorik, Sensibilität, Funktionserhalt und Alltagskompetenzen. Wenn ich einen Schlaganfall hatte und wieder fit werden möchte, helfen Ergotherapeuten dabei, die Activities of Daily Living wieder zu erlernen. Da sind Ergotherapeuten sehr stark. Und die Logopäden beschäftigen sich mit allem rund um Sprache – also Sprach-, Sprech- und Stimmbildung. Wenn Verzögerungen oder Sprachfehler vorliegen oder wenn durch Krankheiten die Stimme beeinträchtigt ist, sind Logopäden gefragt.
Christian: Bei Logopäden ist sicherlich auch ein überwiegender Teil Kinder, mit denen sie arbeiten, oder?
Tanja: Ja – oder auch alle neurologischen Erkrankungen: nach Tumoren im Halsbereich, nach Schlaganfällen, nach Verletzungen, bei Trachealkanülen. Wenn Patienten lange im Koma waren und erst einmal nicht mehr sprechen können, geht es darum, die Sprache wieder zu erlernen, Lautbildung, richtiges Sprechen. Natürlich auch sehr viele Kinder, wenn es um Lispeln, Stottern oder Schluckstörungen geht oder um Zungenbewegung – da sind Logopäden ebenfalls sehr gefragt.
Für wen lohnt sich das Aufsatteln – und für wen nicht?
Christian: Jetzt überlegen unsere Zuschauerinnen und Zuschauer: Lohnt sich dieses Studium wirklich für mich? Ich habe meine Ausbildung in einem dieser Bereiche schon abgeschlossen – oder brauche ich das nicht? Gibt es Menschen, für die es sich nicht wirklich lohnt? Einmal abgesehen von den Kosten und der Doppel- oder Dreifachbelastung.
Tanja: Ich würde sagen, das Studium ist für jeden sehr sinnvoll, denn es bietet noch einmal einen Blick über den Tellerrand. Als ich vor über vier Jahren angefangen habe, diesen Studiengang zu entwickeln, habe ich mich immer gefragt: Was haben die Therapeuten in der Ausbildung absolviert, und wie schaffen wir es, dieses breite Spektrum – von Menschen mitten in der Ausbildung bis kurz vor der Rente – in ein Studium zu packen und dabei Flexibilität und eine individuelle Studiengestaltung zu ermöglichen? Deswegen glaube ich, dass dieser Studiengang für jeden Therapeuten einen Mehrwert liefert, vor allem beim Thema Wissenschaftlichkeit – da geht die Zukunft hin.
Wenn du sagst, du hast schon viel im wissenschaftlichen Kontext gearbeitet und viele Weiterbildungen besucht, dann sage ich: super, dann geht es dir leichter. Aber der Studiengang ist wirklich für jeden Therapeuten geeignet, der in seinem Therapieberuf arbeitet. Wenn du natürlich sagst: Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich als Therapeut weiterarbeiten will – dann ist er es wahrscheinlich nicht. Das muss man klar sagen.
Dauer, Flexibilität und Studienorganisation
Christian: Was es noch interessanter macht: Die Studiengänge sind verkürzt, weil so viel durch die Ausbildung angerechnet wird. Man hat nicht im Hinterkopf, dass man berufsbegleitend noch einmal vier oder fünf Jahre studieren muss – es geht relativ flott im Vergleich zu einem normalen Bachelorstudium. Drei Semester. Kannst du uns sagen, wie lange eure Studierenden im Schnitt brauchen?
Tanja: Wie du sagst: anderthalb Jahre, drei Semester. Ich habe damals noch sieben Semester für meinen Bachelor studiert. Genau das ist der Punkt – berufsbegleitend und flexibel in anderthalb Jahren. Wir starten monatlich, wir haben keine klassischen Semester, das ist vielleicht auch noch wichtig, und alles ist bei uns zu 100 Prozent online. Niemand muss irgendwohin, jeder kann flexibel alles online absolvieren. Wir bieten Veranstaltungen an, man kann auch in Studienzentren kommen, aber das ist nie ein Muss.
Diese anderthalb Jahre sind auf jeden Fall machbar, denn alle unsere Inhalte sind so konzipiert, dass sie berufsbegleitend machbar sind. Das war ein Riesenwunsch von mir, weil mir das immer gefehlt hat. Ich weiß es selbst: Wir haben vier Kinder, ich habe zwei Kinder während des Masters bekommen und weiß, wie es ist, mit Familie, Arbeit und Schule der Kinder zu studieren. Das ist eine Herausforderung. Deshalb habe ich mir immer gewünscht, dass Studieninhalte so aufbereitet sind, dass ich flexibel entscheiden kann: Wie möchte ich heute lernen? Höre ich einen Podcast, schaue ich ein Video, habe ich heute Zeit zum Lesen? Wann kann ich meine Prüfung machen – vielleicht auch abends um 21 Uhr? Das geht bei uns.
Sollte ich es nicht schaffen, weil etwas Unerwartetes dazwischenkommt, haben wir von der Hochschule die Möglichkeit, anderthalb Jahre dranzuhängen. Der Studierende zahlt also anderthalb Jahre und bekommt noch einmal anderthalb Jahre obendrauf geschenkt – wir wissen ja, wie es ist, wenn man im Berufsleben steht. Die Studierenden haben bei uns also bis zu drei Jahre Zeit. Und wir haben die Option von zwei kostenfreien Urlaubssemestern, das heißt, sie können noch einmal ein ganzes Jahr dranhängen. In diesem Jahr dürfen sie den Campus komplett nutzen; das Einzige, was nicht geht, ist Prüfungsleistungen abzugeben – denn wenn ich im Urlaub bin, kann ich keine Prüfung ablegen. So denken wir da.
Insofern ist es absolut machbar, und die Hochschule bietet extrem viel Flexibilität. Bei mir sind alle Studierenden berufstätig – wir haben inzwischen über 200 im Studiengang. Nicht alle in Vollzeit, manche arbeiten halbtags, manche dreiviertel, ganz verschiedene Lösungen, aber ein Großteil arbeitet Vollzeit und absolviert das Studium nebenbei.
Der persönliche Weg: von der Bank über die Physiotherapie zur Professur
Christian: Über die Vereinbarkeit reden wir gleich noch einmal. Du hast eben gesagt, dein Studium hat sieben Semester gedauert – und du hast eine sehr interessante akademische Karriere. Kannst du die einmal nachzeichnen? Wenn ich es richtig gesehen habe, ging das mit einer Ausbildung zur Bankkauffrau los.
Tanja: Ja, ich habe als Bankkauffrau gestartet, weil mein Papa gesagt hat: Geh in die Bank, damit kannst du immer etwas anfangen. Recht hatte er, es war aber nicht meine Welt. Ich war selbst im Leistungssport, im Tanz, und hatte große Probleme mit den Knien. Ich musste oft operiert werden, war ein Jahr im Rollstuhl und konnte erst einmal nicht mehr laufen. So kam ich zur Physiotherapie – und die hat mir geholfen, dass ich wieder tanzen konnte, das war mein größtes Ziel. Das ging mit 14 los und hat bis 18 gedauert.
Dann hatte ich diese Bankausbildung – schön und gut, aber eben nicht meine Welt. Also habe ich gesagt: Ich mache noch eine Therapieausbildung, weil ich mir selbst helfen können möchte. Ich möchte nicht abhängig sein, sondern wissen, wie der Körper funktioniert. Parallel wurde damals ein Bachelorstudiengang angeboten, und da ich schon Abitur hatte, habe ich den dazugenommen – im Bereich komplementäre Methoden, also alles, was ergänzend zur Schulmedizin gemacht wird. Das hat mich so gepackt, dass ich gesagt habe: Ich mache weiter. Ich habe in Praxen gearbeitet und einen Master im Fernstudium mit Blockpräsenzwochen absolviert, den ich in der Elternzeit abgeschlossen habe.
Dann kam eine Bekannte und sagte: Hast du nicht Lust zu promovieren? Ich sagte: Oh, ich habe zwei kleine Kinder, das ist gar nicht drin – vor allem, wenn, dann würde ich gern integrative Medizin machen, und das gibt es hier nicht. Das gab es in Berlin, in Essen und in München. Ich sitze in Unterfranken, also habe ich überall hin mindestens dreieinhalb bis vier Stunden. Sie sagte: In Bamberg bei dir ums Eck macht eine Klinik auf, die suchen noch drei Doktoranden, bewirb dich mal. Also habe ich mich dort beworben – aber mit der Einstellung: Ich als Frau mit zwei kleinen Kindern, ich weiß, wie oft Kinder krank sein können, und ich kann nur halbtags arbeiten, weil ich es anders nicht organisiert bekomme. Ich fahre hin, aber ich mache mir keine großen Hoffnungen.
Es waren tatsächlich 200 Bewerber, und sie haben gesagt: Doch, wir nehmen Sie, wir ermöglichen es, dass Sie vormittags da sind. Wenn ich früh anfange, kann ich um 14 Uhr gehen und die Kinder abholen. So haben wir das drei Jahre lang gemacht. In der Promotionszeit arbeitet man halbtags und ist die andere Zeit für die Promotion freigestellt, in der man forscht und seine Publikationen macht. Ich habe viel abends gearbeitet, wenn die Kinder im Bett waren, und am Wochenende – mit ganz viel Organisation. Nach drei Jahren war ich fertig. Corona hat mir dabei in die Karten gespielt, weil dadurch sehr viel online lief; ich konnte zusätzlich viel von zu Hause absolvieren, auch bei den Publikationen. Plötzlich ging alles leichter, weil alles digitaler wurde.
Und dann kam eine Freundin und sagte: Bei der SRH suchen sie jemanden, der den Therapiebereich aufbaut, hast du Interesse? Ich sagte: Jetzt bin ich gerade mit der Doktorarbeit fertig – aber ich schaue es mir an. Sie hatten damals jemanden gesucht, der den Studiengang Physiotherapie aufbauen sollte. Das ist per se gut, aber mein Ansatz ist ein anderer: Ich finde, die Therapie soll zusammengreifen. Wir wollen interdisziplinär denken, wir wollen gemeinsam an den Patienten. Wir wollen eben nicht in diesen Sparten Physio, Ergo, Logo denken, sondern den Patienten gemeinsam betrachten: Jeder sagt, was er macht, wir schauen uns die Verbesserung an, wie es hilft, wie es wirkt – und dann arbeiten wir gemeinsam.
Das hat dazu geführt, dass sie gesagt haben: Super Idee, machen wir – wir bauen den Studiengang Therapiewissenschaften mit drei Spezialisierungen. Und dann durfte ich ihn erstellen. Alles, was in diesem Studiengang vorliegt, ist aus meiner Feder; es hat fast zwei Jahre gedauert, bis alle Materialien so fertig waren, wie ich mir das vorgestellt habe. Jetzt läuft der Studiengang seit drei Jahren, und jetzt kam die Professur dazu. Das ist mein Weg, kurz zusammengefasst.
Christian: Sehr kurz zusammengefasst – das ist ja wirklich ein riesiges Ding, total beeindruckend. Eine Frage noch: Sehnst du dich manchmal nach der physiotherapeutischen Arbeit? Bist du jetzt mehr theoretisch tätig?
Tanja: Nein, denn mir war immer wichtig, noch eine kleine Praxis zu haben. Ich arbeite jede Woche an Patienten, weil ich am Patienten bleiben möchte. Damit habe ich seit der Ausbildung nie aufgehört – egal, ob in der Klinik, in der ich promoviert habe, oder während der Studiengänge, da habe ich sogar Vollzeit als Physio gearbeitet und parallel studiert. Ich habe außerdem eine Heilpraktikerprüfung gemacht und sehr viele Weiterbildungen, mache viel Integrativmedizinisches und habe hier ein Haus weiter noch eine kleine Praxis, in der ich therapiere, sofern es die Zeit hergibt. Aber am Patienten zu bleiben, ist mir sehr wichtig – denn anders könnte ich es ja gar nicht lernen.
Aufbau und Inhalte: gemeinsamer Kern und Spezialisierung
Christian: Dann lass uns über die Inhalte reden. Die Ausbildung wird ja anerkannt – dadurch gibt es wahrscheinlich gar nicht mehr so viele gemeinsame Module, sondern alles ist sehr spezifisch. Was ist denn noch gemeinsam, egal ob man sich für Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie entscheidet?
Tanja: Wir haben zwei wissenschaftliche Grundlagenmodule, die alle Studierenden durchlaufen. Das vergleiche ich gern mit der Anatomie: Alle Therapeuten haben erst einmal dieselbe Anatomie gelernt, und da steht man am Anfang und denkt, oh Gott, was für ein großer Berg, wie soll ich das jemals schaffen? Genauso geht es einem in diesem Modul am Anfang auch. Man denkt, wissenschaftliches Arbeiten sei eine komplett neue Sprache mit ganz anderen Begriffen – aber Stück für Stück kommt man rein und findet mit der Zeit den Zugang. So lernen erst einmal alle Studierenden die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens, so wie wir in der Therapie erst die Anatomie lernen, ohne die wir nicht arbeiten können.
Dann gibt es ein Modul „Einführung in die Therapiewissenschaften", in dem wir viele Grundlagen für Wissenschaft in der Therapie legen – da sitzen alle drei Bereiche in einem Modul. Als Nächstes kommen allgemeine Module: institutionelle Rahmenbedingungen, das Gesundheitswesen, evidenzbasierte Praxis und Leitlinienarbeit. Die sind erst einmal gleich. Da gibt es einen interdisziplinären Austausch, denn genau den wollen wir: dass wir merken, wir sind gar nicht so unterschiedlich und machen vieles gemeinsam. Die Logos brauchen auch Haltung, die Physios brauchen auch Stimme – so hängt alles zusammen.
Dann kommen zwei Spezialisierungsmodule, die fachspezifisch sind, es also nur für den jeweiligen Bereich gibt und die das Wissen aus der Ausbildung vertiefen und ergänzen. Dann kommt noch ein Modul, und das musste mit hinein: Naturheilkunde und integrative Medizin. Das ist eines meiner Steckenpferde. Es gibt mittlerweile fünf Kliniken in Deutschland, die Fachärzte für integrative Medizin ausbilden, und auf diesen Stationen arbeiten Therapeuten. Das haben wir aber nicht in unserer Ausbildung gelernt. Deswegen habe ich hier ein Modul mit 150 Stunden und 6 ECTS mit hineingepackt, in dem man genau das lernt, was in diesen Kliniken praktiziert wird – um das Wissen zu erweitern, vielleicht für die eigene therapeutische Praxis oder das eigene Gesundheitsbewusstsein.
Und dann gibt es drei Wahlbereiche, die flexibel gewählt werden können. Hier habe ich einen Koffer aus 40 Modulen, und der wächst immer weiter: von Kunsttherapie über die genannten Pädagogikmodule, falls ich in die Lehre will, bis hin zu Arbeitsrecht, Praxisführung, Kommunikation und der Vorbereitung auf den sektoralen Heilpraktiker. Denn denken wir einen Schritt zurück: Bei uns studiert der, der das erste Ausbildungsjahr abgeschlossen hat, genauso wie der, der schon 30 Jahre im Beruf ist. Deshalb habe ich versucht, so viele Module anzubieten, dass für jeden drei dabei sind – wer eine Praxis gründen möchte, holt sich hier die Basics, und wer in die Lehre will, findet das ebenfalls.
Wenn die drei Wahlmodule abgeschlossen sind, kommen das Praxisprojekt und die Abschlussarbeit – und dann ist man fertig. Eine Besonderheit: Man kann sich bei uns die Reihenfolge der Module selbst zusammenstellen. Ich spiele die ersten fünf ein, und der Studierende sagt dann: Ich brauche gerade dieses Modul, weil ich den Job gewechselt habe, oder ich brauche etwas zu Kommunikation und Führung, weil ich neu in der Leitung bin. Dann kann er sich diese Module herauspicken.
Prüfungen: Wahlmöglichkeiten und Praxisbezug
Tanja: Alle Module haben außerdem immer Optionen – das ist das Schöne, was uns diese Flexibilität gibt, die mir ganz wichtig war. Es gibt zum Beispiel eine Ankreuzprüfung, also eine MC-Prüfung; man kann sich quasi aussuchen, ob man Option A, B oder C bearbeiten möchte.
Und jede Prüfung wird auf das eigene therapeutische Feld übertragen. Wenn du gerade mit Kindern arbeitest, brauche ich dir nicht zu sagen: Was würdest du jetzt mit dem Senioren machen? Bist du in der Pädiatrie, brauchst du keinen geriatrischen Fall. Ich gebe dir den Rahmen, den du ausarbeiten sollst, und du entscheidest: Mache ich das in der Neurologie, in der Pädiatrie, in der Geriatrie, oder zum Thema Sportphysiotherapie? So hast du einen Mehrwert. Ich finde immer: Wenn wir Dinge ausarbeiten, die uns erstens interessieren und die wir zweitens gleich verwenden können, geht es leichter, es macht Spaß, und wir kommen besser durch. Denn es ist natürlich ein Studium, das auch einen wöchentlichen Mehraufwand hat – den dürfen wir nicht kleinreden.
Das Studium ist also sehr flexibel, sehr innovativ und individuell zusammenstellbar, und es gibt immer eine Betreuung von mir. Ich bin viel im Austausch mit den Studierenden, sodass wir sie gut durchbegleiten.
Wissenschaftliches Arbeiten: der unterschätzte Aufwand
Christian: Im Studienverlaufsplan habe ich gesehen – darüber hatten wir im Vorgespräch auch schon geredet –, dass ihr sehr wenige Klausuren habt, dafür sehr viele Ausarbeitungen. Ich finde, man beschäftigt sich damit intensiver mit dem Thema. Man muss aber auch beachten, dass das viel Arbeit mit sich bringt, die für einige erst einmal unerwartet ist. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Ich habe früher Geschichte und Philosophie studiert, das ist viele Jahre her, und nie abgeschlossen. Da habe ich Hausarbeiten geschrieben, das war überhaupt kein Problem. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal wieder eine Hausarbeit geschrieben, in einem ganz anderen Fachbereich – Informatik – und musste völlig anders herangehen, anders denken. Ich habe ein halbes Jahr für diese Hausarbeit gebraucht. In Stunden zusammengerechnet war es gar nicht so viel, vielleicht eine halbe Woche. Aber ich habe wirklich viel prokrastiniert, weil ich nicht ins Schreiben gekommen bin. Das Quellenlesen war zu Beginn aufwendig: wissenschaftliche Quellen nicht nur zu lesen, sondern durchzuarbeiten und zu durchdringen. Das nur als Tipp – so etwas kommt auch auf euch zu. Aber es macht dann auch Spaß; ich war richtig glücklich, als ich die Arbeit abgegeben hatte.
Tanja: Da hast du vollkommen recht. In meiner ersten Vorlesung sage ich immer: Das, was andere an Universitäten und Hochschulen vielleicht in Vollzeit machen, machen Sie hier jetzt nebenbei. Das darf man nicht vergessen – es ist trotzdem ein Studium. Ich vergleiche das am Anfang gern mit einem Jetlag: Man kommt irgendwo an, ist plötzlich in einem anderen Land, zu einer anderen Zeit, mit einer anderen Sprache. Man kennt keine Straßenecke, muss sich erst umsehen und ist total reizüberflutet, alles ist neu. Ist man aber ein, zwei Wochen dort, kennt man die Straßenecken, kennt Restaurants, versteht ein paar Wörter, hat sich orientiert.
Das sage ich auch immer zu den Studierenden: Seien Sie bitte mit sich und Ihrem Umfeld nachsichtig, denn es ist gerade wie ein Jetlag. Sie sind in einer neuen Welt, Sie beginnen einen komplett neuen Lebensabschnitt. Das darf Ihnen und Ihrem Umfeld erst einmal bewusst werden. Hier macht Ihnen niemand Druck – Stück für Stück, ich bin da, melden Sie sich, dann funktioniert es auch gut.
Vereinbarkeit mit Beruf und Familie: Struktur ist das A und O
Christian: Damit haben wir eigentlich schon einen ganz wichtigen Tipp, den wir zum Schluss geben wollten – wie sich das Ganze gut mit dem Beruf vereinbaren lässt. Es ist auch ein Mindset-Thema: keine Angst davor zu haben. Beim wissenschaftlichen Arbeiten weiß ich nicht, inwiefern zum Beispiel Statistik eine Rolle spielt und ob man sich damit auseinandersetzen muss. Ich kenne das aus der Studienberatung: Viele Menschen haben Angst vor mathematischen Themen, weil sie das aus der Schule so kennen – mit viel Leistungs- und Notendruck, in großen Klassen, wo die Lehrkraft sich häufig nur an die Besten wendet. Für viele keine gute Erfahrung. Aber jetzt ist es anders, weil man sich viel selbstständiger mit den Themen auseinandersetzen kann – also wirklich keine Angst davor haben. Hast du noch einen Tipp, wie sich das mit der Familie vereinbaren lässt?
Tanja: Aus elf Jahren parallelem Studieren und Familienkoordinieren kann ich nur eins sagen: Das Hauptwort ist Struktur. Das ist das A und O, und das erlebe ich auch immer bei den Studierenden. Diejenigen, die sich wirklich Slots in der Woche herausbuchen – das kann jeden Morgen eine halbe Stunde sein, mittwochs mittags drei Stunden, samstagvormittags oder zwei Abende –, die sind strukturiert und kommen Stück für Stück weiter. Diejenigen, die sagen: Ich habe da drei Wochen frei, dann mache ich etwas – da gibt es Einzelfälle, wo es gut funktioniert, aber häufig fehlt dann wieder das Hineinkommen, und man schiebt alles in den Urlaub.
Meine persönliche Erfahrung: Es gibt immer Individualitäten, manche machen es anders – aber es sind Struktur, kleine Schritte, kleine Pläne. Wir haben jedes Modul in 15 Kapitel unterteilt, die man einzeln durcharbeiten kann. Wenn man Stück für Stück durchgeht, sich die Materialien anschaut und dranbleibt, fällt es leicht, und der Berg ist nicht so groß. Klarheit und Struktur – das sind meine Mantras, die ich den Studierenden und meinen Kindern sage, wenn es ums Lernen geht: Macht euch Steps, macht euch Pläne, macht kleine Schritte. Das muss nicht perfekt getimt sein, und es darf eine Variabilität dabei sein – wenn Weihnachten ist, kann man auch mal drei Wochen nichts machen. Aber so, dass man seine Sachen im Blick hat und durchstrukturiert. Das hilft wirklich am besten.
Persönlicher Ausblick: Longevity
Christian: Zum Schluss noch eine eher persönliche Frage. Du hast im Vorgespräch gesagt, Longevity ist ein Thema für dich. Kannst du kurz etwas dazu sagen? Ist das der Trend, älter werden zu wollen, länger zu leben – oder der Trend, im Alter gesünder zu sein?
Tanja: Ich habe tatsächlich ein Buch zum Thema Longevity geschrieben, das am 18. August erscheint – zusammen mit meinem Podcast-Kollegen, mit dem ich mich viel damit beschäftige. Longevity ist für mich kein Trend, und es geht ausdrücklich nicht darum, irgendwelche Supplements zu nehmen oder Biohacking-Tools einzusetzen. Es geht wirklich darum: Wie kann ich lange und gesund leben, das Leben leben und mich in meinem Körper wohlfühlen? Dafür gibt es ein paar einfache Tipps. Es geht nicht um Phasen, in denen wir etwas kontrollieren, sondern darum, wie ich es schaffe, meinen Alltag so umzustellen, dass er mich automatisch gesund hält. Da gibt es viele kleine Themen, die bei etwas so Banalem wie ausreichend Wasser trinken anfangen – Dinge, die aber einen extremen Einfluss auf unsere Gesundheit haben.
Wir bekommen tatsächlich auch ein neues Wahlmodul zum Thema Longevity ab dem 1. Januar – das kann ich schon einmal spoilern –, und es kann auch separat gebucht werden. Wir haben eine Kooperation mit der SPIEGEL Akademie, und da darf ich gerade ein Zertifikat zum Thema Longevity-Gesundheitsberatung erstellen. Das ist ab dem 1. Januar 2027 verfügbar, darauf freue ich mich riesig.
Da tut sich viel im Bewusstsein. Gerade für uns Therapeuten und für alle, die viel in der Arbeitswelt unterwegs sind, ist es wichtig, dass wir uns gesund halten. Und wenn wir Kinder haben, dürfen wir ihnen das vorleben und auf uns selbst achten – nach dem Motto wie im Flugzeug: Wenn du anderen die Maske aufsetzen willst, setz sie erst dir selbst auf, damit du Sauerstoff hast. Erst dann kannst du anderen helfen. Wenn du herumrennst und allen hilfst, liegst du irgendwann selbst da, und dann hat keiner etwas gewonnen. Deswegen ist die eigene erste Hilfe so wichtig – unter dem Deckmantel Longevity mit den Bereichen Bewegung, Ernährung, Schlaf, Regeneration und soziale Kontakte.
Christian: Schlaf ist ein super wichtiges Thema, gerade wenn man unter dieser Mehrfachbelastung durch ein Fernstudium steht. Schwierig wird es, wenn man das noch mit der Familie unter einen Hut bekommen muss – aber auch da gibt es sicher einige Tipps und Tricks.
Tanja: Genau. Für mich ist es so: Ich lebe gern die 1-Prozent-Methode, also jeden Tag ein Prozent. Wir müssen nicht alle ab morgen auf die Minute genau siebeneinhalb Stunden schlafen, nur weil die Wissenschaft sagt, dass das sinnvoll ist – das darf auch variieren. Aber wenn ich jeden Tag ein Prozent mehr für mich in einem Bereich mache, ist das schon etwas. Wenn ich nie Wasser trinke und jetzt jeden Tag ein halbes Glas mehr trinke, dann habe ich das irgendwann adaptiert. Dasselbe gilt für Bewegung oder Ernährung. Ich muss nicht morgen alles perfekt umgestellt haben, das ist gar nicht das Ziel – es geht darum, das Bewusstsein dafür zu entwickeln. Und dann vielleicht eine 80/20-Methode in der Woche zu leben: 80 Prozent gesund, damit die Basis passt – und dann darf ich 20 Prozent der Woche auch mal Sahnetorte essen und mich nicht bewegen. Das ist auch okay, denn wir wollen ja genießen, und das darf natürlich sein.
Verabschiedung
Christian: Schöne Schlussworte – herzlichen Dank. Dein Buch verlinken wir in der Beschreibung zu diesem Interview. Du hast auch einen Podcast, den ich mir schon angesehen habe, mittlerweile mit sehr vielen Folgen, und man kann dir auf Instagram folgen – das verlinken wir natürlich ebenfalls in der Beschreibung. Und wer dir wirklich folgen und mit dir in Austausch treten möchte, schreibt sich am besten an der SRH Mobile University ein und studiert Therapiewissenschaften. Vielen herzlichen Dank für die ganzen Informationen und auch für die sehr persönlichen Einblicke. Alles Gute und bis zum nächsten Mal.
Tanja: Danke dir, dass ich da sein durfte. Bis bald, tschüss.

Kommentare