Beruf & Karriere

Fernstudium? Nicht zu empfehlen! Ein ehrlicher Blick auf die Schattenseiten

Über 250.000 Menschen studieren in Deutschland per Fernstudium. Die Branche boomt, die Hochschulen werben mit maximaler Flexibilität, und auf jeder zweiten Website liest du, wie toll Fernstudium ist. Aber niemand redet gerne über die Schattenseiten. Ich schon.

Ich bin selbst Fernstudent. Ich betreibe fernstudi.net. Und trotzdem sage ich: Ein Fernstudium ist nicht für jeden das Richtige. Wer sich Hals über Kopf einschreibt, ohne die Konsequenzen zu durchdenken, riskiert Frust, Geld und – ja – auch Beziehungen.

  • Fernstudium erfordert brutale Disziplin – nicht eine Woche, sondern drei bis fünf Jahre lang.
  • Fernstudium macht einsam. Online-Foren ersetzen kein Campusleben. Punkt.
  • Fernstudium ist Dauerstress: Job + Familie + Studium = 150 % über Jahre.
  • Bildung ≠ Weiterbildung: Ein Studium sollte dich als Mensch formen, nicht nur deinen Lebenslauf polieren.
  • Aber: Wer die Schattenseiten kennt und trotzdem bewusst Ja sagt, kann enorm profitieren.

Grund 1: Fernstudium erfordert eine Disziplin, die die meisten unterschätzen

Kannst du dich disziplinieren – nicht eine Woche, sondern drei, vier, fünf Jahre lang? Jeden Abend nach der Arbeit, jedes Wochenende, jeden Urlaub? Kannst du lernen, wenn du keine Lust hast? Wenn alle anderen auf dem Sofa sitzen, Netflix schauen, das Leben genießen?

Ein Fernstudium neben dem Beruf bedeutet 15–25 Stunden pro Woche zusätzlich zu deinem Job. Das sind Jahre des Triebverzichts. Die Abbrecherquote an der FernUni Hagen liegt bei über 70 % – nicht weil der Stoff zu schwer ist, sondern weil die meisten die Dauer und die Belastung unterschätzen.

Überlege dir ehrlich: Rechtfertigt das Ergebnis (der Abschluss) die Strapazen (Jahre der Doppelbelastung)?

Grund 2: Fernstudium macht einsam – egal was die Hochschulen versprechen

Die Hochschulen reden von Online-Campus, Live-Webinaren, virtuellen Lerngruppen und Community-Foren. Und ja, das gibt es alles. Aber ehrlich: Das ist nicht zu vergleichen mit dem Sozialleben an einer Präsenzuni. Nicht mit dem Mensa-Gespräch nach der Vorlesung. Nicht mit dem WG-Abend. Nicht mit dem Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die dasselbe durchmacht wie du.

Im Fernstudium sitzt du allein am Schreibtisch. Du schickst Nachrichten in Foren, auf die manchmal niemand antwortet. Du kämpfst dich allein durch Studienbriefe. Und wenn du ein Motivationstief hast, ist niemand da, der sagt: „Mir geht’s genauso, lass uns zusammen durchziehen.“

Das muss nicht so bleiben – aber du musst aktiv etwas dagegen tun. Von allein passiert nichts.

Grund 3: Fernstudium ist Dauerstress – und das über Jahre

Job + Familie + Studium = drei Vollzeitjobs auf einmal. Das geht eine Weile gut, aber nicht über Jahre. Irgendwann leidet etwas: der Job, die Beziehung, die Gesundheit – oder alles gleichzeitig.

Die Studienform Fernstudium passt perfekt in unsere Leistungsgesellschaft: Arbeiten, obwohl man krank ist. Studieren, obwohl man erschöpft ist. Am Lebenslauf schleifen, obwohl man eigentlich Zeit mit der Familie verbringen sollte. Ein Fernstudium, das du neben Beruf und Familie durchziehst, bescheinigt dir Durchhaltevermögen. Aber bescheinigt es dir auch, dass du gut zu dir selbst bist?

Wer nicht aufpasst, brennt aus – nicht nach sechs Monaten, sondern schleichend über Jahre.

Grund 4: Bildung ist mehr als Weiterbildung

Ein Studium soll nicht einfach weiterbilden. Ein Studium soll bilden – den Charakter, das Denken, die Persönlichkeit. Wer nur studiert, um den Lebenslauf zu polieren, verpasst den eigentlichen Wert eines Studiums.

Ich bin glücklich darüber, dass ich mehrere Jahre an einer normalen Universität studiert habe – und nur studiert. Weil ich den Freiraum hatte, mich zu entwickeln. Das Umfeld, die Menschen, die Diskussionen – das alles hat mich geprägt. Weiterbildung und Fernstudium sind Tropfen auf den heißen Stein Bildung. Sie vermitteln Wissen, aber sie formen nicht in gleicher Weise.

Das ist kein Argument gegen Fernstudium – es ist ein Argument dafür, ehrlich mit sich selbst zu sein: Warum willst du studieren? Nur für den Lebenslauf? Oder weil dich ein Thema wirklich interessiert?

Grund 5: Du bist noch mehr an den Bildschirm gefesselt

Wer einen Bürojob hat und dann abends nochmal drei Stunden am Laptop lernt, verlängert seine Bildschirmzeit auf 12+ Stunden am Tag. Das geht auf die Augen, den Rücken, die Psyche. Fernstudium heißt auch: Noch mehr sitzen, noch weniger Bewegung, noch weniger frische Luft – genau das Gegenteil von dem, was dein Körper nach einem Arbeitstag braucht.

Was sich seit 2010 verändert hat – und was nicht

Fernstudium hat auch Schattenseiten – wer sie kennt, kann besser damit umgehen.

Ich habe diesen Artikel zum ersten Mal 2010 geschrieben. Seitdem hat sich einiges geändert:

  • Vernetzung: Communities wie die fernstudi.net Community, Discord-Gruppen und Instagram haben die Isolation deutlich reduziert – wenn du sie nutzt
  • Lernplattformen: Moderne Hochschulen (IU, SRH, AKAD, Fresenius) bieten Videos, interaktive Module, KI-Tutoren – das ist ein anderes Lernerlebnis als 2010
  • KI-Tools: ChatGPT, NotebookLM und Co. machen das Lernen effizienter – wer sie klug einsetzt, spart Stunden pro Woche
  • Flexibilität: Monatliche Online-Klausuren, kostenlose Studienverlängerung, Urlaubssemester – die Rahmenbedingungen sind 2026 deutlich besser

Was sich nicht geändert hat:

  • Du brauchst immer noch Disziplin über Jahre
  • Die Einsamkeit kommt immer noch, wenn du nicht aktiv gegensteuerst
  • Die Doppelbelastung bleibt real – keine App löst das
  • Und die Frage „Warum studiere ich?“ ist immer noch die wichtigste

Wann sich ein Fernstudium trotzdem lohnt

Trotz allem: Ich bin selbst Fernstudent. Ich betreibe eine Plattform für Fernstudierende. Ich glaube an diese Studienform – aber nicht blind. Ein Fernstudium lohnt sich, wenn:

  • Du ein konkretes Ziel hast – nicht „irgendwas mit BWL“, sondern „Ich will Projektleiterin werden“
  • Du ehrlich gerechnet hast, wie viel Zeit du pro Woche investieren kannst
  • Du dein Umfeld einbezogen hast – Partner, Familie, Arbeitgeber wissen Bescheid
  • Du bereit bist, aktiv gegen die Einsamkeit anzukämpfen – Lerngruppen, Community, Study Buddy
  • Du weißt, dass es hart wird – und trotzdem Ja sagst

Wer die Schattenseiten kennt und sich bewusst dafür entscheidet, hat die besten Voraussetzungen, es durchzuziehen.

Häufige Fragen

Ja – nicht wegen des Stoffs, sondern wegen der Dauer und der Doppelbelastung. Die Abbrecherquote an der FernUni Hagen liegt bei über 70 %. An privaten Fernhochschulen ist sie niedriger, aber auch dort geben viele auf, die sich den Aufwand nicht realistisch vorgestellt haben. Wer 15–25 Stunden pro Woche neben dem Job investieren muss – über 3–5 Jahre – braucht mehr als Motivation: Gewohnheiten, Struktur und ein Netzwerk.

Für Menschen, die ohne äußere Struktur nicht lernen können. Für Menschen, die den sozialen Aspekt des Studiums brauchen (Lerngruppen, Campus, Kommilitonen). Für Menschen, die gerade in einer belastenden Lebensphase stecken (Jobwechsel, Trennung, Krankheit) und keine zusätzliche Last tragen können. Und für Menschen, die „mal schauen“ wollen, ob Studieren etwas für sie ist – dafür gibt es Nanodegrees oder ein Probesemester.

Aktiv werden. Von allein passiert nichts. Konkret: Einer Community beitreten, einen Study Buddy suchen, Instagram oder Discord für den Austausch nutzen, an Präsenzveranstaltungen der Hochschule teilnehmen. Mehr dazu: So baust du dir ein Netzwerk auf.

Entscheide bewusst – nicht begeistert

Ein Fernstudium kann dein Leben verändern. Aber nur, wenn du dich nicht von Hochschulwerbung blenden lässt, sondern ehrlich mit dir selbst bist. Lies nicht nur die Erfolgsgeschichten – lies auch diesen Artikel. Und dann entscheide.

Was denkst du? Schreib es in die Kommentare.

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