Flexibler studieren: CHE sieht Finnland als Vorbild für deutsche Hochschulen
Das Studium in Deutschland ist weiterhin auf Vollzeit und Präsenz zugeschnitten, obwohl immer mehr Studierende neben Job und Familie lernen. Zu diesem Schluss kommt das Dossier „Flexibilisierung des Studiums“ aus der Reihe DUZ Spotlight, das das CHE Centrum für Hochschulentwicklung am 12. Oktober 2026 vorgestellt hat. Laut den Autorinnen Dr. Sigrun Nickel und Anna-Lena Thiele sind 88 Prozent der Bachelor- und 97 Prozent der Masterstudienangebote als Vollzeitstudium angelegt. Gleichzeitig arbeiten rund 64 Prozent der Studierenden im klassischen Präsenzstudium nebenher.
Wer flexibel studiert, ist im Schnitt deutlich älter. Das Dossier nennt ein Durchschnittsalter von 24,9 Jahren im Präsenzstudium, 30,2 Jahren im Fernstudium und 33,1 Jahren in berufsbegleitenden Studiengängen. Unter allen Studierenden erziehen 7,8 Prozent Kinder, 11,9 Prozent übernehmen Pflegeaufgaben, und rund ein Viertel hat vor dem Studium eine Berufsausbildung abgeschlossen. Viele sind formal in Vollzeit eingeschrieben, studieren faktisch aber in Teilzeit. Die größte Formatvielfalt sehen die Autorinnen an Fachhochschulen und privaten Hochschulen, die besonders auf berufsbegleitende Angebote und Fernstudiengänge setzen. Staatliche Universitäten bleiben überwiegend vollzeitorientiert.
Als Vergleich dient Finnland, wo Flexibilisierung als nationale Strategie verfolgt wird. Finnische Hochschulen bieten sogenannte Open Studies an, also einzelne Lehrveranstaltungen oder ganze Module aus Bachelor- und Masterstudiengängen, die ohne Zulassung und unabhängig von Alter und Schulabschluss belegt werden können. Die Hochschulen dürfen dafür bis zu 45 Euro pro ECTS-Punkt verlangen, die erworbenen Punkte lassen sich unter bestimmten Voraussetzungen auf ein späteres Studium anrechnen. Seit August 2026 können junge Menschen unter 29 Jahren, die keinen Studienplatz erhalten haben, mit einem Study Voucher innerhalb von zwei Jahren bis zu 30 ECTS kostenfrei absolvieren. Über das Programm Digivisio 2030 bündeln 37 Hochschulen zudem ihre Online-Angebote auf der gemeinsamen Plattform Opin.fi.
Ein zweiter Baustein sind Kooperationen zwischen Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Im Verbund Tampere Universities öffnen die Tampere University und die Tampere University of Applied Sciences einander mehr als 1.000 Lehrveranstaltungen. Seit Frühjahr 2026 melden sich Studierende direkt über das System ihrer Heimathochschule an, bestandene Leistungen werden automatisch in ihren Studienplan übertragen. Wer an der Fachhochschule den Bachelor macht, kann so bereits Module für einen späteren Universitätsmaster sammeln. Die frühere Vizepräsidentin der Tampere University, Dr. Marja Sutela, warnt im Interview allerdings vor zu viel Wahlfreiheit ohne Orientierung. „Flexibilität braucht klare Strukturen“, sagt sie.
Für Deutschland leiten die Autorinnen vier Empfehlungen ab. Hochschulen sollten Flexibilisierung strategisch verankern und als abgestimmten Baukasten aus Curricula, Prüfungsformen, Anrechnungsregeln, Infrastruktur und Beratung aufbauen. Studierende brauchen dabei verlässliche Studien- und Zeitpläne. Hochschulübergreifende Studienangebote gelten hierzulande noch als Neuland, böten aber Potenzial für Synergien. Und weil flexible Formate in Deutschland vor allem bei kostenpflichtigen privaten Hochschulen und in der Weiterbildung zu finden sind, plädiert das Dossier dafür, Seminare und Vorlesungen im gebührenfreien Studium staatlicher Hochschulen stärker zu öffnen. Ergänzend kommen drei Hochschullehrende zu Wort, darunter Prof. Dr. Eva Cendon von der FernUniversität in Hagen. Der gemeinsame Tenor lautet, dass eine Anwesenheitspflicht am Bedarf nach Flexibilität nichts ändert und Präsenzlehre einen erkennbaren Mehrwert bieten muss.
Ein Modell, das den finnischen Open Studies nahekommt, gibt es in Deutschland bereits mit dem Akademiestudium der FernUniversität in Hagen. Dort lassen sich nahezu alle Module ohne Abitur und ohne Einschreibung in einen Studiengang belegen, einen Abschluss gibt es dafür nicht. Bestandene Modulprüfungen zählen, wenn sich Teilnehmende später in den passenden Studiengang einschreiben. Ausgenommen sind die Module der Psychologie und des juristischen Staatsexamensstudiengangs. Die FernUniversität in Hagen ist die einzige staatliche Fernuniversität Deutschlands.
Veröffentlicht am 12.10.2026 11:04 von Christian Wolf