Wie man Prokrastination im Studium mit Commitment & Belohnungen überwindet | mit Kerstin Obermeier
Warum fällt es uns oft schwer, im Studium diszipliniert zu bleiben, obwohl wir im Job einfach unsere Aufgaben erledigen? Wieso fehlt beim Lernen oft die Motivation, die im Berufsalltag selbstverständlich scheint?
Kerstin Obermeier ist freiberufliche Dozentin an der @SRH.Fernhochschule und Professioneller Coach. Sie unterstützt Studierende unter anderem dabei, Aufschieberitis zu überwinden. Im Gespräch mit Christian erklärt sie, warum Commitment und ein aktiviertes Belohnungssystem entscheidend für Motivation und Disziplin sind – und wie man diese gezielt fördern kann.
In Podcast Folge 9 haben Christian und Kerstin über die Hintergründe von Prokrastination gesprochen – von psychologischen Ursachen bis hin zu praktischen Methoden, um endlich ins Handeln zu kommen.
Die ganze Folge: youtube.com/watch
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Transkript
Du hattest Punkte genannt, zumindest einen, nämlich die Motivation – du hast ja die Temporal Motivation Theory erwähnt. Ich wollte eigentlich ein bisschen ausführlicher über Motivation und auch über Disziplin reden, aber ich glaube, ganz so ausführlich müssen wir das nicht machen, weil du dazu schon einiges gesagt hast.
Warum funktioniert Disziplin auf der Arbeit?
Was mich aber interessiert: Warum ist man auf der Arbeit eigentlich… Also wenn man irgendwo angestellt ist, dann arbeitet man eigentlich nur mit Disziplin. Man wird ja dafür bezahlt, dass man seine Arbeitszeit, in dem Sinne auch seine Lebenszeit, zur Verfügung stellt. Dann bekommt man eine Aufgabe, und die macht man einfach – die macht man auch sofort, wenn man dafür bezahlt wird, egal ob man motiviert ist oder nicht, einfach aus Disziplin heraus.
Warum macht man das denn nicht genauso, wenn man sich vornimmt, ein Studium zu absolvieren? Warum hat man da nicht auch diese Disziplin? Ich verstehe den Zusammenhang nicht ganz: warum man da so sehr auf die Motivation angewiesen ist. Vielleicht kannst du auch ein bisschen etwas zur Disziplin sagen.
Commitment: Wer schließt schon mit sich selbst einen Vertrag?
Ich verstehe dich sehr gut, denn das ist mit eines der ersten Dinge, die ich mit meinen Coachees tatsächlich immer mache.
Wenn du selbst mal an ein Anstellungsverhältnis denkst – ich weiß nicht, ob du jemals angestellt warst –: Da unterschreibst du einen Vertrag. Das heißt, du gehst wirklich ein Commitment ein. Und dieses Stichwort Commitment ist für mich in meinen Coachings immer ganz wichtig.
Denn wer schließt schon mit sich selbst einen Vertrag? Klar, ich unterschreibe bei der Hochschule einen Vertrag und überweise dann monatlich die Studiengebühren – aber das hat immer noch nichts mit meinem Commitment zu tun.
Deswegen ist das für mich ganz wichtig, und das ist auch das, was wir als Allererstes in meinem Coaching-Programm machen: dass wir uns alle gemeinsam committen. Ganz wichtig: Wir gehen als Gruppe ein Commitment miteinander ein, auf das wir uns alle verständigen und mit dem wir alle auch mitgehen.
Das Belohnungssystem bei der Arbeit
Und was du bei der Arbeit natürlich noch dazu hast: Da wird unser Belohnungssystem aktiviert.
Es gibt Menschen, die werden über das Thema Gehalt belohnt, das heißt, sie wissen ganz genau: Wenn ich diesen Job jetzt mache, bekomme ich am Ende des Monats mein Gehalt. Manchmal gibt es auch noch Bonuszahlungen, das heißt: Wenn ich die und die Aufgabe besonders gut erfülle, dann bekomme ich am Jahresende noch einen Bonus obendrauf. Das kann zur Motivation beitragen.
Es gibt aber auch ganz andere Dynamiken: dass die Kollegen einfach unheimlich toll sind und dass ich deswegen so viel Spaß an meiner Arbeit habe. Da hat jeder ein anderes Bedürfnis, was das Belohnungssystem angeht. Und je nachdem, wie gut das in der Firma erfüllt wird, desto motivierter bin ich – und deswegen habe ich dann auch die Disziplin, weil ich die Freude daran habe, das tatsächlich auszuführen.
Zu Hause muss man sich selbst belohnen
Jetzt sitze ich aber allein zu Hause vor meinem Rechner – wer belohnt mich denn da? Das muss ich wirklich selbst machen.
Und das ist auch so ein Punkt aus meinem Coaching-Programm, bei dem dieses Thema Belohnungssystem ganz oben in meinem Fokus steht. Ich sage, es ist ganz wichtig, das auch zu aktivieren: Was brauchen meine Coachees, um immer wieder motiviert zu werden – und auch, um zu lernen, sich selbst zu belohnen? Denn das können die wenigsten von uns tatsächlich: sich einfach mal selbst zu belohnen.
Du hast es vorhin gesagt: Du belohnst dich dann vielleicht mal mit fünf Minuten Instagram. Und es ist so wichtig, dass man wirklich lernt, sich auch selbst zu belohnen – weil nur dann die Motivation auch wirklich dauerhaft erhalten bleibt.
Der richtige Zeitpunkt für die Belohnung
Ich denke aber, es ist auch wichtig zu lernen, sich zum richtigen Zeitpunkt zu belohnen. Also wenn ich bei einer Aufgabe gerade nicht so richtig weiterkomme oder wenn ich erst ein Kapitel gelesen habe, obwohl ich eigentlich mindestens fünf machen wollte, und dann schon nach ganz kurzer Zeit anfange, mich zu belohnen – ich weiß nicht, ob das so gut ist. Ob es gut ist, sich dahingehend zu trainieren, dass man sich immer ganz schnell und kurzfristig belohnt und sich so von kleinen Aufgaben zu kleinen Aufgaben hangelt, sodass dann eigentlich immer mehr Zeit für die Belohnung draufgeht als für die Erledigung der Aufgaben an sich.
Es kommt darauf an, wo man steht
Das kommt aus meiner Sicht tatsächlich darauf an, woher du kommst.
Ich habe wirklich viele Studierende – und da möchte ich ganz kurz einen Satz einschieben –, die studieren wirklich schon sehr lange. Im Prinzip sagt jede und jeder Studierende, die oder der sich bei mir vorstellt und glaubt, ich würde sonst was von ihnen denken: Ich studiere schon so und so lange. Dann muss ich immer schmunzeln, weil ich sage: Nein, damit bist du genau in meinem Schnitt. Die studieren wirklich im Schnitt schon sechs bis zehn Jahre und hängen aber noch mittendrin – die sind nicht kurz vor dem Abschluss, sondern hängen noch mittendrin.
Und da muss ich wirklich in ganz kleinen Schritten anfangen. Wenn ich zu denen sage: So, und du schreibst mir jetzt fünf Seiten in der Woche – da komme ich nicht weiter. Sondern da muss ich wirklich ganz kleine Schritte machen und sagen: Du schreibst heute einfach mal einen Satz. Denn wenn du heute einen Satz geschrieben hast, ist es schon mehr als gestern. Und wenn du jeden Tag einen Satz schreibst, kommst du auch irgendwann zum Ziel. Und automatisch entwickelt sich dann auch ein gewisser Ehrgeiz.
Ich meine, im Coaching arbeiten wir dann natürlich auch noch tiefer daran. Aber ich fange tatsächlich mit ganz kleinen Schritten an, um das einfach mal zu lernen und wieder ein Gefühl dafür zu bekommen – und dann wird das natürlich gesteigert.
Und das ist auch ein bisschen Selbstverantwortung: dass die Klientinnen und Klienten lernen, eigenverantwortlich mit sich umzugehen. So wie du sagst: Wenn ich mich jetzt nach jedem Kapitel belohnen würde, würde ich ja nie fertig werden. Genau das sollen sie bei mir lernen: Wann ist für mich der richtige Zeitpunkt, mich wirklich auch mal für etwas zu belohnen?

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