13.05.2026

KI-generierte Hausarbeiten an der FernUni Hagen: Soziologie-Experiment stellt Prüfungsformate infrage

Ein Experiment an der FernUniversität Hagen sorgt für neue Impulse in der Debatte um KI und Prüfungsformate: Im Mai 2026 ließ der wissenschaftliche Mitarbeiter Benedikt Engelmeier vier komplette Hausarbeiten in soziologischen Modulen von einer KI verfassen – und testete damit, wie weit Large Language Models inzwischen in der Lage sind, wissenschaftliche Standards zu erfüllen.

Das Ergebnis: Die KI-generierten Arbeiten überzeugten durch saubere Struktur, schlüssige Argumentation und ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Bei oberflächlicher Korrektur wären sie nach Einschätzung des Prüfers geeignet, um Prüfungen zu bestehen. Erst bei genauer Analyse zeigte sich, dass viele wörtliche Zitate nicht belegbar waren – 41 von 56 überprüften Zitaten erwiesen sich als frei erfunden, obwohl sie plausibel wirkten. Auch sogenannte „Halluzinationen“ bei Quellen sind laut Engelmeier zwar seltener geworden, bleiben aber ein Risiko. Gleichzeitig zeigt das Experiment, dass KI besonders in Bereichen punktet, die Studierenden häufig schwerfallen: Strukturierung, Formulierung und Themenfindung.

Für Lehrende entsteht daraus ein Dilemma. Im Prüfungsalltag ist es kaum möglich, jede Quelle und jedes Zitat auf Echtheit zu überprüfen – der Aufwand wäre laut Engelmeier unrealistisch. Die klassische Hausarbeit als Nachweis eigenständiger wissenschaftlicher Leistung steht damit unter Druck. Die Diskussion an der FernUniversität dreht sich inzwischen verstärkt um alternative Prüfungsformate: Reflexionsgespräche, Portfolios und Aufgaben, bei denen der Entstehungsprozess und der Umgang mit KI stärker bewertet werden, gewinnen an Bedeutung. Das sogenannte 3P-Modell – Prozess, Produkt und Präsentation – wird als neuer Bewertungsrahmen diskutiert.

Die Debatte um den sinnvollen Umgang mit KI in der Hochschullehre ist nicht neu: Bereits beim Symposium „Prüfen trotz und mit KI“ wurde an der FernUni betont, dass Prüfungen so gestaltet werden sollten, dass sie die kritische Reflexion und den kompetenten Einsatz von KI-Tools fördern. Auch aktuelle Diskussionspapiere des Hochschulforums Digitalisierung plädieren dafür, AI Literacy zum festen Bestandteil der Ausbildung zu machen und Prüfungsformate entsprechend weiterzuentwickeln.

Im Masterstudiengang Soziologie – Zugänge zur Gegenwartsgesellschaft an der FernUniversität Hagen, auf den sich das Experiment bezieht, liegt ein Schwerpunkt auf qualitativen Methoden und der Vermittlung von Reflexionskompetenz. Das Programm richtet sich vor allem an Berufstätige und setzt auf ein flexibles Blended-Learning-Konzept.

Für Studierende und Hochschulentscheider bleibt die zentrale Frage: Wie können Prüfungen gestaltet werden, die sowohl den Kompetenzerwerb als auch den kritischen Umgang mit neuen Technologien abbilden? Die Entwicklungen in Hagen zeigen, dass die Zeiten klassischer Hausarbeiten als alleiniger Leistungsnachweis in vielen Fächern bald vorbei sein könnten.

Quelle: Pressemitteilung vom 13.05.2026
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