Wissenschaftliches Arbeiten

Bachelorarbeit oder Seminararbeit schreiben lassen – das kann in die Hose gehen

  • Ein Kommilitone von mir ließ sich vor einiger Zeit eine Seminararbeit schreiben, die totaler Schrott war. Er hat dadurch nicht nur viel Geld verloren, sondern auch Wochen an Zeit.
  • Ich habe selbst habe viele Jahre als Wissenschaftslektor gearbeitet und vor ein paar Jahren mal eine Seminararbeit als Ghostwriter geschrieben. Ich bereue es heute noch.
  • Viele Agenturen für akademisches Ghostwriting sind hochgradig unseriös. Wie man unseriöse Agenturen erkennt, darüber hier mehr.
  • Wenn man überfordert mit seiner Bachelorarbeit oder Seminararbeit ist, kann man sich abseits von Ghostwritern trotzdem professionelle Hilfe suchen, etwa durch einen Wissenschaftslektor oder einen Schreibcoach.

Wie mein Kommilitone durch Ghostwriting massig Geld und Zeit verlor

Das ist ist die Real-Life-Story eines guten Studenten der Geisteswissenschaften, der aus einer Verzweiflung heraus sich vor ein paar Jahren dafür entschied, einen Service für akademisches Ghostwriting in Anspruch zu nehmen, und sich dabei kräftig die Finger verbrannte.

Der Student ist ein guter Freund von mir, nennen wir ihn Philosophicus, weil er sich eine Seminararbeit im Studienfach Philosophie schreiben lassen wollte (ein besserer Name wäre vielleicht Idioticus ;-)) Ich denke, dass er nichts dagegen hat, wenn ich das hier schreibe, denn aus seinem Fehler können andere in einer ähnlichen Situation ja auch lernen. Aber der Reihe nach.

Philosophicus ist eigentlich ein sehr guter Student. Einer, der studiert, um zu lernen, um sich mit Themen wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Dummerweise hat er aber immer große Schwierigkeiten mit Seminararbeiten, Prüfungen und all diesen Pflichtsachen, die man für ein Studium absolvieren muss. Er schiebt die Aufgaben dann ewig vor sich her, weiß nicht, wo er anfangen soll, und ist ganz blockiert. Prokrastination vom Feinsten.

Mittlerweile hat er sein Studium fast geschafft, unter sehr großen Anstrengungen. Vor ein paar Monaten musste Philosophicus dazu allerdings mehrere Hausarbeiten innerhalb einer kurzen Zeitspanne gleichzeitig schreiben. Am Telefon erzählte er mir davon, und ich versuchte ihn zu motivieren, denn eine Seminararbeit kann man meiner Erfahrung nach locker innerhalb von 2 Wochen schreiben.

Regelrecht verdutzt war ich dann aber, als er mir eröffnete, dass er sich dafür entschieden hatte, eine Seminararbeit für das Fach Philosophie schreiben zu lassen. Wow, hätte ich jedem zugetraut, nur nicht ihm. Und dann noch in Philosophie! Die ganze Sache war von ihm auch schon voll durchgeplant. Im Netz hatte er eine Ghostwriterin recherchiert, deren Website er mir zeigte.

Da ich selbst länger als Lektor/Korrektor tätig gewesen bin und auch als Freiberufler arbeite, kann ich die Seriosität (so man beim akademischen Ghostwriting überhaupt davon sprechen kann) von Angeboten in dieser Richtung ganz gut einschätzen. Und bei der Website, die er mir präsentierte, gingen bei mir alle Warnlampen an!

Über die Website war der akademische Grad der Ghostwriterin kaum ersichtlich. Es war letztendlich vermutlich eine Magistra in irgendeinem ganz anderen Fach; es wurden zig verschiedene Fachrichtungen angegeben, in denen die Ghostwriterin sich auskenne, und es war auch nicht ersichtlich, ob bestimmte Themen von anderen Spezialisten bearbeitet werden. Ein klassischer Bauchladen. Die ganze Website war völlig unprofessionell erstellt mit mangelhaftem Impressum usw.

Das sagte ich ihm alles, er ließ sich aber nicht beirren. Zu groß war wohl die Verzweiflung, das Studium wegen dieser einen Seminararbeit aufgeben zu müssen. Es selbst aus eigener Kraft zu schaffen, diese Möglichkeit existierte nicht im Studien-Weltbild des Philosophicus.

Also ließ er sich ein Angebot erstellen, das um die 300,– € lag. Die auch noch im Voraus bezahlt werden mussten. Im Voraus! 300,– € für eine Seminararbeit, an der man sicher eine ganze Woche, eher zwei oder drei, sitzen wird. Als Fachfremder! Aber es war nun zu spät, die Seminararbeit war quasi auf dem Weg.

Hier ist die Story eigentlich schon wieder zuende. Wir hörten dann ein paar Monate nichts voneinander. Als wir irgendwann wieder telefonierten, fragte ich beiläufig, was denn eigentlich aus der Seminararbeit geworden sei. Er lachte peinlich berührt auf und meinte nur: Die kam pünklich, aber war völlig unbrauchbar und ein großer Quatsch und Mist voller Mängel und Fehler. Er habe sie dann doch selbst schreiben müssen (und hat zeitlich doch noch alles irgendwie geschafft). So hatte die Sache vielleicht doch noch etwas Gutes.

Ich habe selbst als Ghostwriter gearbeitet

Jetzt zu mir. Ich habe von 2008 bis 2018 als Wissenschaftslektor gearbeitet. In diesen Jahren habe ich unzählige Abschlussarbeiten korrigiert und formatiert, überwiegend Dissertationen, aber auch viele Bachelorarbeiten. Von daher kann ich euch sagen: Ein Doktorgrad ist nichts Besonderes und einfach nur das Ergebnis von 2, 3 Jahren Fleißarbeit. Zumindest nichts, was gesellschaftlichen Respekt begründen sollte Aber das nur am Rande.

Jedenfalls habe ich um 2010 mal den Fehler gemacht, selbst als akademischer Ghostwriter zu arbeiten. Ein Student hatte mich über meine Lektorats-Website angeschrieben und gefragt, ob ich eine Arbeit in Geschichte schreiben könne. Ich hatte spontan und aus Neugier zugesagt.

Für 150,– Euro!

Also habe ich mich hingesetzt und diesem Studenten seine Seminararbeit geschrieben, für die lächerlichen 150,- Euro. Das war extrem stressig, und ob er bestanden hat, kein Ahnung. War mir dann auch egal. Ich bin mir auch nicht sicher, ob er je bezahlt hat.

Ich habe dann beschlossen, nie mehr als Ghostwriter zu arbeiten, sondern lieber richtig gute Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Seitdem gibt es beispielsweise meine beliebte Vorlage für Bachelorarbeiten im Netz 4 free.

Übrigens: Die meisten Ghostwriting-Kunden, die lassen ihre Arbeit nicht schreiben, weil sie faul oder gemein sind. Sondern weil sie überfordert sind und vonseiten Ihrer Uni oder FH wenig Hilfe angeboten wird. Ich denke, dass gerade diese Überforderung sehr gut mit Schreib-Coaching von einem Lektor angegangen werden kann.

So erkennt man unseriöse Ghostwriting-Agenturen

Jetzt komme ich mal zu den Agenturen für akademisches Ghostwriting. Mit denen habe ich nämlich so das ein oder andere Problem.

Versteht mich nicht falsch. Ghostwriting an sich ist absolut okay. Wenn jemand eine Autobiografie veröffentlichen will, aber nicht so gut schreiben kann, sucht er sich einen Ghostwriter oder einen Co-Autor.

An der Uni gilt Ghostwriting von Abschlussarbeiten allerdings als Betrug. Und da geht es schon los, mit diesen Agenturen. Die verkaufen eine Dienstleistung, die andere dazu nutzen, einen Betrug zu vollziehen. Halte ich für moralisch echt fragwürdig.

Aber wenn ihr jetzt wirklich und unbedingt die Finger nicht von Ghostwriting lassen könnt, dann versucht bitte wenigstens auf ein paar Dinge zu achten:

  • Hat die Website der Agentur ein gültiges Impressum? Was steht genau im Impressum? Es gibt beispielsweise Websites von Ghostwriting-Agenturen, dort steht im Impressum ein Firmenname drin, aber wenn man nach der Firma im Handelsregister recherchiert, dann gibt es diese Firma gar nicht. Hm. Sowas sollte stutzig machen.
  • Falls die Firma eine GmbH oder ähnlich ist, wird ein Geschäftsführer für die Firma aufgeführt?
  • Ist die Firma eine UG (haftungsbeschränkt)? Eine UG ist quasi eine Mini-GmbH, die mit sehr wenig Kapital gegründet werden kann. An sich eine absolut legitime Rechtsform, aber immer auch ein kleiner Warnhinweis.
  • Handelt es sich um einen Einzelkämpfer oder um eine Firma? Beides hat so seine Vor- und Nachteile. Aber einem Einzelkämpfer würde ich beispielsweise niemals einen Bauchladen an Fachgebieten abnehmen. Und bei einer Firma sollte klar sein, wer die Arbeit schreibt.
  • Was für einen akademischen Titel hat der Ghostwriter? Als ich damals eine Arbeit für jemanden schrieb, hatte ich gar keinen Titel. Nur mein Abitur.
  • Was gibt es für Erfahrungsberichte und Bewertungen im Netz? Bestimmt viele. Die dürft ihr komplett ignorieren. Denn aus meiner Erfahrung der letzten 10 Jahre heraus kann ich euch getrost sagen, dass die meisten davon fake sind.
  • Zahlt niemals den kompletten Betrag im Voraus. Lasst euch erst ein unverbindliches, schriftliches Angebot erstellen. Dann erteilt ihr den Auftrag. Üblich ist hier und da, einen geringen Betrag als Anzahlung zur Sicherheit zu nehmen (50,– Euro etwa). Aber der Gesamtbetrag wird erst fällig, wenn die Dienstleistung erledigt und abgenommen ist.

Was tun, wenn die Seminararbeit oder Bachelorarbeit überfordert?

Wenn euch eure Seminararbeit oder Bachelorarbeit überfordert, verschafft euch Zeit und holt euch Hilfe. Es gibt mittlerweile einen sehr großen Markt an Lektoren.

Hier einige Tipps zur Wahl eures Lektors (auch lesen: Lektorat für Bachelorarbeiten – das gibt es zu beachten):

  • Sucht euch lieber einen Einzel-Lektor bzw. Coach als eine Agentur. Die Betreuung ist so viel intensiver, die Zusammenarbeit wird euch mehr Spaß machen. 
  • Ein Lektorat ist normalerweise teuer. Wenn Ihr beispielsweise Seitenpreise bezahlt, und der Preis unter 2,– € pro Seite liegt, könnt ihr davon ausgehen, dass der Lektor kaum etwas verdient und entsprechend wahrscheinlich eine schlechtere Leistung abliefert. Bezahlt fair.
  • Sucht euch jemanden, der auch Text-Coaching anbietet. Der wird euch helfen, Sicherheit beim Recherchieren und beim Verfassen reinzubekommen. Was ihr so lernt, lernt ihr für immer.
  • Lektorat und Korrektorat sind natürlich sehr hilfreich. Aber erst, wenn ihr einen fertigen Text habt. Ihr sollte für ein Lektorat je nach Arbeit noch einmal 50 % der Zeit einplanen, die ihr fürs Schreiben gebraucht habt.
  • Beschäftigt euch mit Word und Textverarbeitung. Ich habe einen sehr ausführlichen Videokurs dazu erstellt: Texte formatieren und optimieren: Das große Word-Training für Uni, Abschlussarbeiten und Beruf.

Fazit

Akademisches Ghostwriting ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch mit einem enorm hohen Risiko behaftet. Ihr riskiert damit immensen Zeit- und Geld-Verlust, und im schlimmsten Fall riskiert ihr damit euren Abschluss und euren Ruf.

Außerdem macht sich jemand, der seine Abschlussarbeit nicht selbst geschrieben hat, potentiell erpressbar. Denn auch Ghostwriter sind dazu verpflichtet, eure Kundendaten aus Abrechnungsgründen für ein paar Jahre aufzubewahren.

Statt Ghostwriting kann man sich auch von einem Lektor oder Textcoach helfen lassen. Das ist völlig legal und man lernt dabei noch, wie man eine gute Abschlussarbeit oder Seminararbeit selbst schreibt und überarbeitet.

Kommentare

Interessante Beiträge

Alles über Lektorat für Bachelorarbeit & Dissertation: 5 Tipps vom Wissenschaftslektor

Ex-Wissenschaftslektor gibt Tipps, für wen Lektorat & Korrektorat geeignet sind, wie teuer es maximal sein sollte, wie man einen guten Lektor findet.

Abschlussarbeit überarbeiten: Schlussredaktion in 5 Schritten

Für Bachelorarbeit, Masterarbeit & Dissertation: Ich zeige dir, wie du deinen Text in 5 einfachen Schritten finalisierst & druckreif bis zur Abgabe machst.

Aufschieberitis im Studium: Thesis-Coach Silvio Gerlach im Interview über Ursachen & Bewältigungsstrategien bei Prokrastination

Aufschieberitis im Studium: Wo sie herkommt & wie sie wirkt + wie man sie wirksam bekämpfen kann - darüber habe ich mit Thesis-Coach Silvio Gerlach gesprochen.