Beruf & Karriere

Fernstudium? Nicht zu empfehlen!

Fernstudium boomt - „82.000 Fernstudierende an staatlichen Hochschulen in Deutschland“ ließ die Arbeitsgemeinschaft für das Fernstudium an Hochschulen neulich verlauten. Und dabei ging es nur um staatliche Hochschulen, obwohl auch private Fernhochschulen einen hohen Zulauf an nebenberuflich Studierenden verbuchen können. Über die Gründe für den Boom kann man spekulieren. So wie „lebenslanges Lernen für alle“ immer lauter propagiert wird, wird auch das Thema Fernstudium gehyped. Die Schattenseiten dieser Form von Weiterbildung werden regelmäßig unter den Tisch gekehrt.

Warum? „Bildung“ in Form von Weiterbildung und Ausbildung ist ein riesen Geschäft für fast alle Beteiligten, vom Jobcenter über kommerzielle Schulen bis hin zu staatlichen Hochschulen. E-Learning entwickelt sich schnell und vereinfacht das Lernen von zu Hause aus, und die Potenziele des Internets für das Thema Weiterbildung fangen gerade erst an, sich zu entfalten. Und E-Learning ist billiger, spart Raum und Personal.

Die Studienform Fernstudium passt gut in unsere Leistungsgesellschaft. Ihr wollt arbeiten, obwohl ihr krank seid, ihr wollt arbeiten und gleichzeitig eine Familie gründen, ihr wollt arbeiten und euch gleichzeitig weiter- und ausbilden. Und immer schön am Lebenslauf schleifen, in dem sich Bachelor und Master ganz gut machen. Ein Studium, das Ihr neben Eurem Beruf und neben der Familie absolviert habt, bescheinigt Euch Durchhaltevermögen, einen starken Willen. Das ist es vielleicht sogar egal, ob es „nur“ an der FernUni Hagen absolviert wurde.

Aber bescheinigt es Euch auch Sozialkompetenz, wenn Ihr für Eure Karriere so viel aufgebt?

Ein Studium soll nicht einfach weiterbilden. Ein Studium soll bilden, sage ich, und zwar den Charakter und den Körper. Ich bin glücklich darüber, dass ich viele Jahre an normalen Unis studiert und nur studiert habe. Weil ich ausreichend Freiraum hatte, um mich, mein Persönlichkeit zu entfalten, mich zu bilden. Weiterbildung und Ausbildung sind nur Tropfen auf den heißen Stein Bildung. Das Umfeld und der soziale Raum, innerhalb dessen Weiterbildung oft stattfindet, wie eine Schule, ist oft für die persönliche Entwicklung wichtiger als der Lernstoff an sich.

Fernstudium - auch Multitasiking hat seine Grenzen

Sich weiterzubilden und auszubilden, nur für den Lebenslauf, ist nichts, worauf man besonders stolz sein müsste. Es ist materiell und heißt nur, mehr und mehr Wissen zu horten, das einem für seine Zwecke nützlich sein könnte, dass letztendlich dafür sorgen soll, materiell reicher zu werden. Das muss nicht per se verurteilt werden und hat sicher auch Berechtigung; es ist halt nur nicht viel mehr.

Das ist die eine Sache, die gilt ja auch für ein Präsenzstudium. Hier die anderen Gründe, warum ich dringend rate, sich nicht Hals über Kopf in ein Fernstudium zu stürzen:

  • Ein Fernstudium erfordert Disziplin. Kannst Du Dich disziplinieren und konsequent das Ziel verfolgen, auch dann, wenn Du mal überhaupt keine Lust hast?
  • Ein Fernstudium erfordert Ausdauer. Sich eine Woche lang zu disziplinieren, Triebverzicht zu üben, das geht schon mal. Aber kannst Du das auch über ein Jahr? Über zwei Jahre und vielleicht sogar fünf Jahre? Denn fünf Jahre wirst Du vielleicht investieren müssen, wenn Du neben dem Beruf studierst. Fünf Jahre Triebverzicht, fünf Jahre 150 %, fünf Jahre Arbeit, Arbeit, Arbeit? Überlege Dir gut, ob Dir der Benefit des Fernstudiums die Strapazen rechtfertigt.
  • Ein Fernstudium ist eine unsoziale Sache. Klar, Du wirst den ein oder anderen Kommilitonen kennen lernen, E-Mails schreiben, chatten, hin und wieder telefonieren. Aber glaube mir, das ist nicht zu vergleichen mit dem Sozialleben an einer normalen Uni. Mit dem berühmten Studentenleben. Mit dem vielen Freiraum, innerhalb dessen sich Persönlichkeiten gemeinsam entwickeln.
  • Fernstudium macht einsam, wirklich, da können Fernstudis sagen, was sie wollen. Das ist wie mit Apple. Ein Apple-Nutzer wird sein super Gerät schon alleine deswegen verteidigen, weil er viel dafür bezahlt hat, mehr als für vergleichbare Geräte. Da muss es doch einfach besser sein.
  • Fernstudium zwingt auch euch an den Rechner. Vielleicht ist den meisten das ja egal. Aber ich bin froh über jede Minute, die ich nicht am Rechner verbringen muss. Ich bin lieber draußen unterwegs, in der Sonne, im Wald, an der frischen Luft. Wer einen Bürojob hat und dann noch nebenbei studieren will, soll sich darüber bewusst sein, dass so ein Fernstudium die tägliche Bürozeit um ein paar Stunden verlängern kann, und zwar auch denn, wenn man überwiegend mit Heften und Büchern lernt statt am Laptop.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin selbst Fernstudent. Aber ich bin es sehr gerne. Ich habe durch mein vorheriges Studium ein Studentenleben, das ich als Freiberufler immer noch mehr oder weniger pflege. Ich liebe es einfach, mich zu bilden und zu entwickeln, wozu auch Weiterbildung gehört, daher ist mir der Abschluss nicht so wichtig. Ich betreibe kein Lebenslaufdesign.

Wenn ich aber meinen Job nicht hätte, der mir so viel Zeit abverlangt, mir aber auch so viel gibt, würde ich aber auch wieder an einer ganz normalen Präsenzuni studieren.

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