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Fernstudium-Abbruch FernUni Hagen: Ich bin exmatrikuliert

Ein weiterer konsequenter Schritt meiner Reorganisation des Studiums ist vollzogen. Nachdem ich eingesehen habe, dass ich mein Abi derzeit zu Unrecht „trage“, und nachdem ich ausführlich Fehler analysiert sowie vor dem Fernstudium gewarnt habe, habe ich mein bisheriges Studium nun abgebrochen. Ich bin zum WS 2010/2011 von der FernUni Hagen exmatrikuliert worden.

Schlussstrich

Das heißt, dass ich nun kein FernUni-Student mehr bin und erst einmal „leer“ dastehe, nach 7 Jahren Studium. Keine Sorge, ich weiß ziemlich genau, wie es weitergehen wird, dazu zur rechten Zeit in diesem Blog mehr. Dieser Schritt, die Exmatrikulation, der Studienabbruch, war aber für mich absolut notwendig, um einen dicken Schlussstrich unter mein bisheriges Studium zu ziehen.

Ich möchte diesen Beitrag hier daher für einen ausführlichen Rückblick meines bisherigen Studiums nutzen. Ich will jetzt nicht so sentimental werden, denn ich hatte wirklich tolle Studienzeiten, aber hier in aller Öffentlichkeit versuche ich doch lieber, das ganz nüchtern zu betrachten, auch wenn es mir nicht sehr leicht fällt.

Phase 1: Vor dem Studium

Ich habe 2003 mein Abi mehr oder wenig auf dem zweiten Bildungsweg „erkämpft“. Darüber habe ich schon einmal ausführlich hier geschrieben. Ich kann mich noch genau an den Tag errinnern, an dem ich die letzte Prüfung bestanden hatte, Philosophie/Ethik, mit 14 oder 15 Punkten glaube ich. Ich hatte Geburtstag an dem Tag, es war ein herrlicher Sommertag, ich war glücklich, so richtig. Und ich wusste genau, was ich studieren möchte: Geschichte.

Die Tage und Wochen darauf begann ich schon, „vorzulernen“, fing mit Latein an und nahm mir alte Schulbücher meiner damaligen Freundin zur Brust. Da war ich noch nicht einmal irgendwo immatrikuliert, aber startete schon voll durch.

Ursprünglich hatte ich vor, in Heidelberg zu studieren, die Stadt erschien mir damals als das Mekka der Geisteswissenschaftler, die Uni als eine der besten Unis in Deutschland. Ich fuhr dort hin, eine wunderschöne Stadt, um mir eine Wohnung oder eine WG zu suchen, aber ohne ausreichend Geld in der Hand war das schier unmöglich. Die Zeit wurde knapp, ich bekam eine Zusage zur Immatrikulation, aber hatte noch keine Wohnung.

Also entschied ich mich, in Göttingen Geschichte und Philosophie zu studieren. Dort fand ich auch ziemlich schnell ein günstiges WG-Zimmer. Etwa einen Tag später, nachdem mir die künftigen Mitbewohner (zwei Mediziner) mitgeteilt hatten, dass ich derjenige sei, der einziehen dürfte, bekam ich einen Anruf aus Heidelberg, eine nette Frau des Studienservice schwäbelte, dass ich einen Platz im Studentenwohnheim dort hätte für das Wintersemester. Argh, ärgerlich, aber da war ich schon in Göttingen immatrikuliert und alles stand fest.

Phase 2: Studium in Göttingen

Die SUB Göttingen
© Daniel Schwen,  Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 US-amerikanisch (nicht portiert)

Nun war ich also in Göttingen und mein Studium der Geschichte und Philosophie, BAföG-finanziert, begann. Ich erinnere mich noch an eine Einführungsveranstaltung, auf der der ehrwürde Prof. für mittelalterliche Geschichte Ernst Schubert (verstorben 2006) - eine beeindruckende Persönlichkeit von hohem Scharfsinn, ein begabter Rhetoriker, den man stundenlang zuhören konnte, ohne dabei einzuschlafen - sinngemäß meinte: Und denken Sie daran: Als Einzelkämpfer werden Sie es schwer haben und kaum schaffen, tun Sie sich zusammen, das ist heute die beste Strategie, um ein Studium zu bestehen. Als er das sagte, verspürte ich sofort einen inneren Widerstand, weil ich das Einzelkämpferische in mir als Stärke sah. An Prof. Schuberts Worte musste ich, der ewige Einzelkämpfer, im Verlaufe meines Studiums immer wieder denken. Er hat wirklich recht gehabt.

Jedenfalls beschäftigte ich mich in Göttingen ausführlich mit antiker Philosophie, frühmittelalterlicher Geschichte, ich erwarb mein Latinum (ein wirklich hartes Stück Arbeit!), begann Französisch zu lernen. Im Prinzip machte ich nichts Anderes als zu studieren, Tag und Nacht. Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, eine der besten Bibliotheken, die ich je kennen gelernt habe, wurde mein zweites Zuhause.

Nach zwei außerordentlich intensiven Studiensemestern ging ich dann aus privaten Gründen (von Fernbeziehungen kann ich nur abraten ;-)) zurück nach Jena, also in die Heimat.

Phase 3: Studium in Jena

Die TULB in Jena
© Andreas Praefcke, Creative Commons Attribution 3.0

In Jena immatrikulierte ich mich auch für ein Magisterstudium: Als Hauptfach wählte ich Neuere und Neueste Geschichte, als Nebenfächer Philosophie und Germanistische Literaturwissenschaft.

Die Studienzeit dort war ebenso intensiv wie in Göttingen, nein, eigentlich noch intensiver. Dort studierte ich auch nicht ganz allein, weil dort ein sehr guter Freund ebenso Philosophie studierte (und immer noch studiert :D). Wir besuchten gemeinsam viele Veranstaltungen des philosophischen Instituts und verbrachten zahlreiche Abende bei gemeinsamer Lektüre philosophischer und literarischer Schriften.

  • Altgriechisch (eine herrliche Sprache) und die Kultur der alten Griechen
  • Psychologie (Freud, Fromm & Co.)
  • Ich lernte weiter autodidaktisch Französisch.
  • griechische und römische Philosophie (Platon/Sokrates, Stoa); eine Zwischenprüfung in Philosophie absolvierte ich übrigens auch
  • Römische Geschichte und Geschichte des Hochmittelalters
  • Ein erster Einstieg in die Geschichte der Neuzeit, Französische Revolution
  • Literatur der Weimarer Klassik, sehr viel Goethe, sehr gute Vorlesungen bei Prof. Dr. Gottfried Willems
  • Ein erster Einstieg in die Geschichte des Nationalsozialismus

Nebenbar arbeitete ich in der sehr guten Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek als Aushilfe. Übrigens war mein damaliges Studienziel immer noch der akademische Karriereweg. Den ich in Jena jedoch mehr und mehr begann anzuzweifeln.

Weil ich mit der Zeit mehr und mehr "verkauzte", entschied ich mich, relativ spontan, in die Welt zu gehen.

Phase 4: Studium in Berlin

HU Berlin
© Friedrich Petersdorff Creative Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 Deutschland

Da war ich nun in Berlin, mittellos, denn das BAföG war mir gestrichen worden, was mich dazu bewog, einen Studienkredit aufzunehmen. Berlin war für einen so "feinfühligen" Geisteswissenschaftler und Kopfmenschen, der ich damals noch war, ein Kulturschock ohnegleichen. Alter Schwede, da hatte ich mich auf was eingelassen, fast alleine in der Stadt, die Goethe als "veloziferisch" beschrieben hatte, der Stadt, von der die großen europäischen Kriege mit ausgegangen waren.

Die ersten Monate war ich erst einmal krank und überfordert, das dicke Fell, dass man hier braucht, legte ich mir aber dann doch rasch zu.

Immatrikuliert war ich an der HU für Geschichte und Philosophie. Ich besuchte wenige Vorlesungen und Veranstaltungen, die mir meist auch überhaupt nicht mehr zusagten und studierte fast nur noch auf eigene Faust. Themen:

  • Französische Sprache
  • Geschichte der NS-Zeit
  • Geschichte Preußens
  • Frauen ;-)

Ich las sehr viele Biografien und begann, Biografien als einen hervorragenden Einstieg in historische Epochen kennenzulernen.

Das Leben in Berlin fesselte mich aber mehr; der Studienkredit lief aus und ich musste anfangen zu arbeiten, als Barkeeper bzw. im gastronomischen Bereich. Nach etwa zwei Semestern wechselte ich dann an die FernUni, parallel absolvierte ich ein halbes Jahr lang ein Praktikum in einem Berliner Kleinverlag, um mir über meine berufliche Zukunft klarzuwerden.

Phase 5: FernUni Hagen

Die FernUni entdeckte ich über eine Freundin, die sich während ihrer Schwangerschaft an der FernUni Hagen immatrikuliert hatte. Ich sah das als gute Möglichkeit, die Notwendigkeit des Geldverdienens mit dem Studium zu verbinden. Ich immatrikulierte mich für Kulturwissenschaften und studierte die erste Zeit eher saftlos vor mich hin. Außerdem machte ich mich selbstständig, was die erste Zeit 150 % meiner Zeit und Energie erforderte. Die Selbstständigkeit war das Resultat des Praktikums, denn mir war klar, dass ich nicht für ein Angestelltendasein geboren wurde.

Vorletztes Semesters, als ich merkte, dass es einfach nicht vorangeht, wechselte ich den Studiengang und immatrikulierte mich für Wirtschaftswissenschaften. Nur um zu merken, dass das nichts für mich ist und dass es mir für meine Selbstständigkeit wenig bis gar nichts bringt.

So steht’s im virtuellen Studienplatz neuerdings geschrieben.

Parallel aber baute ich diese Fernstudium-Plattform hier auf, fernstudi.net, nun seit 2 Jahren, und machte damit Studieren und Bildung quasi zu meinem Beruf.

Seit mehreren Monaten denke ich nun intensiv darüber nach, wie es weitergehen soll. Mittlerweile weiß ich es, daher auch die Exmatrikulation.

Was hat diese ganze Studiererei mir gebracht?

Zumindest keinen Abschluss. Was mir das Studium alles gebracht hat, kann ich nur schlecht in so wenige Worte fassen, daher nur die folgenden drei Sätze. Ich bin umfassend humanistisch gebildet und besitze eine hervorragende Grundlage für ein vertiefendes Studium. Mein Horizont ist stark erweitert und ich habe ausreichend Methodenkompetenz erworben. Ich weiß, dass eine akademische Karriere nichts für mich ist, weil ich nicht als weltfremder Kauz enden möchte - eine Gefahr, die gerade in den Geisteswissenschaften sehr hoch ist.

Und wie geht's nun weiter?

Das werde ich hier zu gegebener Zeit publik machen, nicht jetzt. Vorher möchte ich Tatsachen schaffen, was ich ja mit der Exmatrikulation bereits getan habe. Wer sich dafür interessiert, folgt uns auf Facebook.

Nach diesem recht ausführlichen Rückblick jedenfalls heißt es für mich nur noch: Nach vorn schauen, mit voller Kraft voraus steuern!

 

Was denkt Ihr dazu? Haltet Ihr diesen Schritt für richtig und konsequent oder ist es ein Fehler und ich bin nun ein weiterer von vielen Studienabbrechern?


Kommentare

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