Wie man die Skriptberge an der FernUni überlebt – David Lensing über Journaling & Philosophie
Was macht das Menschsein aus – und wie kann man das Fernstudium nutzen, um sich persönlich weiterzuentwickeln?
David Johann Lensing, Content Creator sowie Philosophie Master-Absolvent der FernUni Hagen und aktuell in Wirtschaftsinformatik immatrikuliert, teilt in diesem Gespräch seine Erfahrungen mit den großen Herausforderungen des Studiums: der immensen Textmenge, dem Finden der richtigen Lernmethoden und der Organisation von Wissen.
Besonders spannend sind seine Einblicke in das Journaling als Werkzeug für persönliches Wachstum und Wissensmanagement, aber auch sein Umgang mit digitalen Tools wie Obsidian, um das eigene Wissen zu organisieren. David zeigt, wie man Notizen und Literatur systematisch verwaltet und erklärt, warum lebenslanges Lernen aus seiner Sicht der Schlüssel ist, um mit der rasanten Beschleunigung unserer Zeit Schritt zu halten.
Für Fernstudierende liefert die Episode wertvolle Impulse, wie man Studium, Alltag und persönliche Entwicklung miteinander verbindet.
Key Takeaways:
➡️ Journaling kann als lebensbegleitende Praxis helfen, Gedanken zu ordnen und persönliches Wachstum besser zu verstehen.
➡️ Für das digitale Wissensmanagement sind Tools wie Obsidian oder Zotero empfehlenswert, wobei lokale Dateien mehr Unabhängigkeit vom Internet bieten.
➡️ Es ist wichtig, frühzeitig ein System zur Notizverwaltung zu entwickeln, um die eigene Literatur- und Quellenarbeit effizient zu gestalten.
➡️ Lebenslanges Lernen und Persönlichkeitsentwicklung sind entscheidend, um in einer sich schnell verändernden Welt handlungsfähig zu bleiben.
➡️ Die Suche nach dem perfekten Tool sollte nicht zur Prokrastination führen – besser ist es, früh mit einem System zu starten und es mit der Zeit anzupassen.
Inhalt:
00:00 Vorschau
00:47 Intro
03:44 David beantwortet die Frage: Was ist der Mensch?
06:14 David stellt sich vor
10:25 Davids Weg zum Fernstudium Kulturwissenschaften an der FernUni Hagen
21:28 Wie David zum Masterstudium in Philosophie kam
30:10 David über Journaling und Persönliches Wissensmanagement (PKM)
51:48 Wie organisiert David Literatur?
58:56 David über persönliches Wachstum
David im Internet:
➡️ Youtube: https://www.youtube.com/c/dajolens
➡️ Instagram: https://www.instagram.com/djlensing/
➡️ LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/djlensing/
Im Podcast erwähnt:
👉 Was läuft an eurer Fernhochschule gut oder schlecht? Lasst es uns wissen: https://www.fernstudi.net/fernstudium-bewerten
👉 Studiengänge, Tipps & Tools - holt euch unsere Fernstudi-App: https://www.fernstudi.net/app
👉 Davids Fernstudium-Bericht von der FernUni: https://www.fernuni-hagen.de/universitaet/stimmen/lensing.shtml
👉 FernUni Hagen - „Eine Hymne an das Fernstudium“ von David: https://www.youtube.com/watch?v=z4E1Llxpny8
👉 Davids Tool-Empfehlung - Notizverwaltung Obsidian: https://obsidian.md/
👉 Davids Buchempfehlung - How To Take Smart Notes: https://amzn.eu/d/9zqnDjP
👉 Davids Tool-Empfehlung - Projektverwaltung Asana: https://asana.com/
👉 Mendeley - Reference Management Software: https://www.mendeley.com/
👉 Citavi - Literaturverwaltung und Wissensorganisation: https://lumivero.com/products/citavi/
👉 Zotero - Open Source Literaturrecherche & -verwaltung: https://www.zotero.org/
👉 LaTeX - Erstellung wissenschaftlicher Dokumente (Überblick von Uni Halle): https://wiki.llz.uni-halle.de/LaTeX
👉 Davids Tool-Empfehlung - Spaced Repetition App Readwise: https://readwise.io/
👉 Karteikarten-App Anki: https://apps.ankiweb.net/
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#podcast #wissensmanagement #fernstudium
Christian: Herzlich willkommen hier im Podcast. Wir haben uns heute zu einer eher ungewoehnlichen Zeit verabredet. Wir haben es jetzt abends, ich nehme die meisten Podcasts eigentlich immer tagsüber auf, aber abends vielleicht auch eine gute oder bessere Zeit, um zu philosophieren. Aber wir hatten uns schon im Vorgespräch verstaendigt, dass wir jetzt nicht nur philosophieren wollen. Wir reden so ein bisschen über dein Studium an der FernUni Hagen und auch über ganz praktische Sachen, zum Beispiel über dein Thema Journaling. Aber trotzdem, die Zeit ist fuer mich absolut ungewoehnlich. Ich hoffe, dass ich nichts durcheinander rede. Du machst es bestimmt nicht. Fuer dich ist das eher eine gute Zeit, wo du dich triffst und austauschst, oder?
David: Ja, tatsächlich. Konversationen wie Zoom oder eben diese Videocalls, die lege ich gerne in die Abendstunden, wenn man dann offenes Ende hat, keine Termine mehr. Dann darf das Gespräch auch schon mal irgendwo hinführen, auch wenn wir hier natürlich ein gewisses Zeitfenster einhalten wollen.
Christian: Okay, dann habe ich gleich zum Einstieg mal eine ganz offene Frage an dich, bevor du dich dann natürlich gleich erstmal vorstellen kannst. Die Frage lautet: Was ist der Mensch?
David: Was ist der Mensch? Eine Frage, die zunehmend spannend wird, weil ich glaube, wir werden es noch erleben, wie sich diese Definition ganz auflöst. Noch hängt's ja an diesem biologischen Artbegriff Homo Sapiens und dann versuchen wir immer bestimmte Fähigkeiten herauszuarbeiten, die wir als spezifisch menschlich kennzeichnen, sei es Kreativität, die Möglichkeit, sich Fragen zu stellen. Und jetzt kommt so eine künstliche Intelligenz um die Ecke und wirft das alles über den Haufen und macht dieses Fass noch mal ganz neu auf. Das ist von den vier großen Fragen Kants ja die vierte und die, wie ich finde, auch schwierigste: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen und dann eben was ist der Mensch. Und ich glaube, der Mensch ist eben das Wesen, das sich mit den ersten drei Fragen intensiv auseinandersetzt aus eigener Motivation heraus.
Christian: Okay, dann erzähl uns doch erstmal ein bisschen darüber, welcher Mensch du bist. Wer bist du und was machst du?
David: Ich bin David Lensing, ein Content Creator und Manager im weitesten Sinne. Das mache ich tatsächlich hauptsächlich noch über Videos. Ich folge da so ziemlich einem roten Faden, auch wenn meine Interessen immer weit ausschweifen. Das hat mich dann auch hierher geführt, weil das momentan meine YouTube-Inhalte so widerspiegelt. Ich habe an der FernUniversität in Hagen Kulturwissenschaften und später Philosophie studiert. Schon Mitte 20 war ich, als ich das angefangen habe, und das dann berufsbegleitend so gemacht, weil ich eben auf so kreativen Lehr- und Wanderjahren war, sozusagen versucht habe, mich ein bisschen zurechtzufinden.
Dieser Prozess läuft immer mehr in Bahnen, von denen ich denke, ja, da möchte ich weiter dran arbeiten. Ansonsten bin ich mit 30, komme aus Westfalen und fröne dem lebenslangen Lernen weiterhin, auch wenn das Studium inzwischen beendet ist.
Christian: Ja, meine Kollegen haben mich im Prinzip auf dich aufmerksam gemacht, tatsächlich auch über deinen YouTube-Kanal, der doch wirklich recht groß ist. Und wenn man da in die Videos reinschaut, auch wirklich eine sehr hohe Qualität von der Produktion hat. Du hast ursprünglich Medienkaufmann gelernt, habe ich gesehen.
David: Ja, also ich wollte nach der Schule irgendwas mit Medien machen. Das Videomedium hat mich schon ziemlich früh gepackt. So mit 14 Jahren hatte ich zum ersten Mal eine Kamera in der Hand und konnte da herumexperimentieren und wusste seitdem, okay, das möchte ich machen. Damals war das noch weniger erschwinglich als heute. Man hatte noch nicht diese Handys, die das so easy können, weshalb das dann ein paar Jahre schwieriger in Gang kam. Und da war dann halt auch der Gedanke, ich will natürlich Filmemacher werden.
Das mit dem Creator-Ding, YouTube-Creator-Ding, kam für mich erst viel später. Ich wünschte mir, ich wäre schon 2006, 2007 so auf diesen Zug mit aufgesprungen und hätte das da für mich entdeckt. Letztendlich bin ich da doch relativ spät durch das Studium erst zum YouTube-Thema zugekommen. Und der Medienkaufmann war eben eine Fehlentscheidung, was das Kaufmännische angeht. Das hat mich damals nicht ganz so gepackt und abgeholt, weshalb ich auch nicht so der geborene Medienkaufmann war in dem Verlag. Da habe ich dann auch relativ schnell eine Kamera in die Hand bekommen und den Videobereich da mit übernommen oder noch aufgebaut, kann man sagen, weil Video halt da auch erst als neues Medium Einzug gefunden hat in das Verlagswesen.
Also ich habe nie als Medienkaufmann gearbeitet, sondern sobald ich die Ausbildung beendet hatte, habe ich da als Kameramann, Videoproduzent weiter mitgewirkt in dem Verlag.
Christian: Ja, du hast, habe ich gesehen, auch einen Wettbewerb gewonnen, tatsächlich an der FernUni. Dadurch kennen dich vielleicht auch schon einige unserer Zuhörerinnen und Zuhörer, die an der FernUni studieren, mit einem Video im Netz der Möglichkeiten. Eine kleine Hymne ans Fernstudium.
David: Eine kleine Hymne ans Fernstudium. Genau. Und an die Besonderheit unserer Zeit, dass man so unfassbar viele Möglichkeiten heutzutage hat, was es einerseits schwierig macht, sich für etwas zu entscheiden, aber andererseits die Welt auch zu einem sehr spannenden Ort geworden ist.
Christian: Hört oder schaut euch unbedingt dieses Video mal an. Wir verlinken das natürlich in der Beschreibung für diesen Podcast. Dann habt ihr mal so einen ganz kleinen Einblick. Drei Minuten lang ist das Video, was David tatsächlich drauf hat, was das Videoproduzieren angeht. Ansonsten natürlich auch den YouTube-Kanal anschauen und abonnieren. Da geht's auch viel um Philosophie. Die FernUni empfiehlt auch eines der Videos in einem Artikel über dich, da geht's ums Höhlengleichnis.
David: Was? Das wusste ich tatsächlich noch nicht. Das Video ist schon ziemlich alt, dass die FernUni dahin verlinkt. Dann muss ich meine Neuauflage noch hochladen.
Christian: Also du hast eine Ausbildung zum Medienkaufmann gemacht. Vielleicht kann man mal so ein bisschen den Weg zeichnen, wie du dann von dort aus tatsächlich ins Philosophiestudium, also in den Master Philosophie an der FernUni Hagen gekommen bist. Du hast erst Kulturwissenschaften studiert, ne? So wie ich auch. Wie kam da deine Entscheidung zustande? Wie kommst du dazu, Kulturwissenschaften zu studieren?
David: Als ich den Traum aufgegeben hatte, Regisseur zu werden -- den habe ich nicht so wirklich an den Nagel gehängt, sondern ich hatte halt versucht, mich an Filmschulen zunächst zu bewerben. 2013, 2014 wird das gewesen sein. Das war auch eine sehr spannende Zeit, wo man hin und wieder das Glück hatte, in die engere Auswahl zu kommen und dann mal ein Wochenende in Ludwigsburg verbracht hat und diese diversen Aufgaben gemacht hat, die damit einhergehen, aber dann hat's doch nicht ganz gereicht.
Freunde von mir, die das dann mitgemacht haben, haben andere Wege in die Filmbranche gewählt und auch gefunden. Mich hat's irgendwie auf andere Wege verschlagen. Ich bin so der Frage nachgegangen, welche kreativen Ausdrucksformen gibt es noch? Ich wusste auch, dass ich viel schreiben will. Nicht nur das Regiefach, sondern auch das Drehbuchfach hatte mich interessiert. Habe dann aber mit verschiedenen Genres herumexperimentiert und mich in ein sehr großes Romanprojekt verstiegen, das dann auch etwas historisch wurde, wodurch ich viel recherchiert habe. Und irgendwann habe ich halt gemerkt, das muss systematischer werden, diese Recherche. Vielleicht kann man das ja lernen, und das ist ja so ein Metaskill, dass man halt lernt, wenn man studiert.
Deswegen dachte ich, dieses kleine Etwas im Hinterkopf, dass du sowieso vielleicht irgendwann mal vorhattest, nämlich doch noch ein Studium zu machen, nimm das doch mal ernst, hör drauf, schau dich um, was ist so möglich? Ich habe dann schnell die FernUni Hagen im Internet gefunden als Möglichkeit, das neben dem Beruf zu machen, von der Heimat aus, und habe mich dann ehrlich gesagt rückblickend etwas beschämend nach Ausschlussverfahren für die Kulturwissenschaften entschieden. So nach dem Motto, was interessiert mich von diesem langen Katalog an Studiengängen? Und damals war ich halt noch so -- und das ist halt bezeichnend dafür, wie hilfreich ein solches Studium sein kann -- damals dachte ich, mich interessiert das nicht, das nicht, das nicht. Kulturwissenschaften, ja, vielleicht fangen wir es mal an. Zu dem Zeitpunkt kannte ich Philosophie noch gar nicht. Das ist ja eins von den drei Fächern, aus denen die Kulturwissenschaften bestehen: Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte. Geschichte war für mich so ein bisschen der Aufhänger und ich dachte, das wird mein Schwerpunkt. Tatsächlich ist es dann Philosophie geworden.
Christian: Ja, Geschichte war auch bei mir der Schwerpunkt. Ich habe auch tatsächlich einfach nach einem Geschichte-Fernstudium gesucht und das war dann die einzige Möglichkeit eigentlich, die man ja hatte, um sich auch auf dem Wege des Fernstudiums mit Geschichte auseinanderzusetzen. Was war für dich der Aufhänger? Welcher Bereich der Geschichte oder welcher Abschnitt deines Lebens hat dich dahin geführt, dass du dieses Studium angefangen hast?
David: Ich hatte ja tatsächlich auch Geschichte wirklich im Präsenzstudium studiert und auch Literaturwissenschaften und Philosophie. Also als ich angefangen habe mit Studieren, war das noch so ein Magisterstudiengang. Da musste man zwei Hauptfächer wählen, und das waren bei mir damals Geschichte und Philosophie. Dann habe ich die Stadt irgendwann gewechselt, da musste ich dann drei Fächer wählen. Da ist noch Literaturwissenschaft mit dazu gekommen.
Christian: Und als ich dann das Fernstudium machen wollte, wollte ich irgendwie natürlich Geschichte weiter studieren, weil das war wirklich so mein Lieblingsfach. Aber irgendwie hat dieser Studiengang Kulturwissenschaften, der verbindet ja alle diese Disziplinen, deswegen war das absolut passend für mich. Also ein super Studiengang. Meine, man hat natürlich auch Abbildungen und was weiß ich in Geschichte, aber an der FernUni -- ich weiß nicht, ging es dir da auch so, dass du erstmal von diesen Skripten mehr oder weniger erschlagen warst?
David: Ich hatte ja keinen Vergleich zu einem anderen Studium und zu dem Zeitpunkt lag auch schon die Ausbildung relativ weit zurück und die Schulzeit. Daher dachte ich, das ist jetzt das übliche Pensum, dann nehmen wir uns dem ganzen mal an. Ich hatte das große Glück, dass, ich glaube, das wurde damals auch erst eingeführt -- 2016 habe ich angefangen zu studieren zum Sommersemester und ich glaube, ich war einer der ersten, die in dieses K-Modul eingeschrieben waren. Das war so ein Modul für kulturwissenschaftliche Grundlagen, wo man quasi erstmal ein halbes Jahr gelernt hat, wie kommt man auf dieses Textpensum überhaupt klar. Habe dann halt erst später gemerkt, dass Kulturwissenschaften ein besonders textlastiger Studiengang ist.
Philosophie insbesondere, in Literaturwissenschaften sicher auch. Also ja, es war viel. Inzwischen liegen diese ganzen Studienhefte, die es ja größtenteils dankbarerweise auch digital gibt, im Keller und da hängt so ein Regalbrett durch. Das ist so ein richtiger Klopper an Heften, der sich im Laufe eines Studiums da ansammelt.
Christian: Also im Präsenzstudium, das kenne ich ja nun noch, hat man natürlich auch wirklich Unmengen an Readern beispielsweise. Da gibt's dann jedes Semester so einen dicken Reader, den man sich in der Bibliothek abholen oder kopieren muss. Man bekommt auch einfach ganz viele Quellen zu lesen, ganz viel Literatur. Aber im Präsenzstudium hast du eben noch die Vorlesung, die alles dann doch noch ein kleines bisschen anschaulicher macht. Das hat man jetzt an der FernUni Hagen nicht so. Wer Kulturwissenschaften studiert -- wobei ich das Prinzip der Vorlesung halt nie so ganz verstanden habe. Da wird halt ein Skript vorgelesen, dann nehme ich doch gerne das Skript und erarbeite mir das selber.
David: Also so gerne ich jemanden vortragen höre und dann auch Fragen stelle, ich kann verstehen, dass dieses Format sich über so viele Jahre gehalten hat. Aber die ganze Zeit mitschreiben zu müssen, würde für mich halt die Erfahrung schmälern, diesem Vortrag folgen zu können.
Christian: Absolut. Ja, es gab ganz unterschiedliche Vorlesungen, es gab wirklich Vorlesungen auch in Geschichte, denen habe ich wirklich richtig gerne gefolgt. In der Regel waren das dann schon Professorinnen und Professoren, die wirklich ganz lange schon an den Hochschulen waren und einfach wirklich ihren Stoff in- und auswendig konnten und da einfach erzählt haben. Viele Vorlesungen waren auch langweilig, gerade so Einführungsvorlesungen, da kann ich mir den Stoff auch selber erarbeiten. Auch in Philosophie. Es gab Veranstaltungen, die fand ich eher anstrengend, Logik zum Beispiel, obwohl das eigentlich ein ganz wichtiger Teil in Philosophie ist. Aber dann gab es auch wirklich ganz spannende Persönlichkeiten, die da ihre Vorträge gehalten haben. Auch in Philosophie gab es bei uns im Präsenzstudium noch Veranstaltungen nach den normalen Vorlesungstagen, wo dann Dozentinnen und Dozenten aus anderen Städten kamen und dann gab's halt ein Thema wie Kant in irgendeiner Veranstaltung mit Diskussionsrunde. Das fand ich eigentlich ganz cool. An der FernUni hat man ja auch Präsenzveranstaltungen. Hast du da auch an Präsenzen teilgenommen?
David: Ja, das waren immer so die Highlights. Ehrlich gesagt, in den Coronajahren waren dann halt selbst diese Veranstaltungen wieder so Online-Meetings. Aber in den Jahren davor hatte ich ein paar seltene Gelegenheiten, wo man sich dann vor Ort in Hagen oder auch mal in Würzburg getroffen hat zu einem Heraldik-Seminar. Das hätte ich auch nicht gedacht vorher, dass ich sowas mal machen würde, aber dann geht man halt durch Würzburg und schaut sich gemeinsam die Wappen an und lernt die zu lesen, solche Dinge. Also ja, es gab allerdings wirklich für mich wenige Präsenzveranstaltungen. Ich hätte vermutlich mehr wahrnehmen können. Ich habe nicht so sehr die Fühler ausgestreckt nach allem, was da angeboten wurde.
Christian: Und in Geschichte, was waren da so die Epochen, mit denen du dich am liebsten beschäftigt hast?
David: Jetzt zuletzt hat sogar die Masterarbeit, die ich letztes Jahr erst geschrieben habe in Philosophie im europäischen Kontext, ziemlich viel geschichtlichen Kontext berücksichtigen müssen, weil das die amerikanische Revolution betraf. Ich habe den Freiheitsbegriff am Beispiel von Privatsphäre und Öffentlichkeit von Hannah Arendt und den Gründungsvätern miteinander verglichen. Arendt hat ja die amerikanische Revolution interpretiert, behandelt in einem Buch -- Über die Revolution heißt das -- und verglichen mit der französischen Revolution. Warum ist die eine gelungen, die andere gescheitert und was können wir daraus für Lehren ziehen für ihre Gegenwart im 20. Jahrhundert?
Hannah Arendt hat mich auch sehr fasziniert als Persönlichkeit, als Denkerin. Und dadurch nimmt man natürlich auch sehr viel Geschichtliches wieder auf, schon lange nach dem kulturwissenschaftlichen Studium. Im kulturwissenschaftlichen Studium ist man ja auch weniger dem eigenen Interesse gefolgt, sondern hat sich viel mit den geschichtlichen Themen beschäftigt, die dann eben schon in der Schulzeit durchgekaut wurden, nur dass da schon mehr Interesse gegeben war. Tatsächlich ist, glaube ich, europäisches 20. Jahrhundert und die amerikanische Revolution so das, was mich am meisten interessiert.
Christian: Ja, bei mir war das eigentlich die Antike.
David: Die Antike? Interessant.
Christian: Ja, man kann auch so ein bisschen sagen, ich bin auch nie über die Antike hinausgekommen.
David: Griechische oder römische oder beide?
Christian: Beide eigentlich. Und was mich dann später noch fasziniert hat, als ich Literaturwissenschaften studiert habe, war so die Goethezeit. Goethe habe ich auch wirklich gerne gelesen, mich gerne mit beschäftigt. Da gibt's auch einige Vorlesungen, die wirklich großartig waren, weil der Professor das einfach super rübergebracht hat, und eigentlich ein Thema, was man in der Schule wirklich todlangweilig fand, für mich damals dann zumindest spannend gemacht. Aber ich muss sagen, ich habe trotzdem noch nie Faust II gelesen.
David: Okay, also du hast Kulturwissenschaften studiert und auch abgeschlossen. Du hast dich durch diese Textwüsten gekämpft und das viele Lesen, weil dir Lesen anscheinend auch wirklich liegt. Wir kommen dann auch noch mal zur Organisation von Wissen im Studium und wie du das so gemacht hast, aber vorher vielleicht noch ganz kurz, wie kam es dann zum Masterstudium?
Christian: Moment, das war eigentlich meine Frage an dich.
David: Das habe ich direkt im Anschluss gemacht. Ich hatte 2019 die Bachelorarbeit über Descartes und Leibniz geschrieben, was ein ziemlicher Krampf und ziemlich schwierig war, gerade weil es halt wieder eine wahnsinnige Menge an Quellen war und ich mit dem Management dieser Quellen und vielen Notizen noch nicht so gut klarkam. Hatte mich dadurch gekämpft, war sehr erleichtert natürlich. Dachte aber, wenn du jetzt nicht sofort im Anschluss das Masterstudium anfängst, dann wird's vermutlich nie was. Bleib in diesem Modus.
Ich wollte auch unbedingt eingeschrieben bleiben, weil das einfach auch digital viele Türen öffnet, immatrikuliert zu sein an der FernUniversität. Die Bibliothek zu benutzen, viele andere Dinge, die damit einhergehen, dass man einen Studierendenaccount hat, sind sehr praktisch. Das Internet Archive, wunderbar, und von da aus gelangt man eben zu mehr Quellen, wenn man diese Immatrikulation hat. Deswegen habe ich das Studium direkt angeschlossen. Da war man halt auch im Thema und hat direkt Anschluss gefunden.
Christian: Und was es noch für Master gibt, ich habe es gerade gar nicht im Kopf. Aber Geschichte gibt's glaube ich --
David: Philosophie im europäischen Kontext war es. Ich weiß gar nicht, ob es einen Geschichte-Master gegeben hätte, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich mich ja schon für Philosophie als Schwerpunkt entschieden. Das fand ich glaube ich ab dem dritten, vierten Semester statt, dass man dann die Menge der Module im jeweiligen Fach vorgibt, was man als Schwerpunkt hat. Und dann musste man sich in meinem Fall von Literaturwissenschaften verabschieden sozusagen. Da habe ich nur ein Minimum gemacht und Philosophie wiederum den Schwerpunkt drauf gelegt.
Christian: Was macht man denn im Philosophiestudium? Das ist ja so ein bisschen das Klischee irgendwie, dass man da nur rumerzählt, um nicht zu sagen rumlabbert. Ist es wirklich so?
David: Kommt drauf an, mit wem. Also tatsächlich habe ich den praktischen Bezug auch längere Zeit gesucht, inzwischen für mich gefunden, aber das, was der praktische Bezug ist, der würde von akademischen Philosophen vermutlich wieder belächelt werden, weil das nicht die echte Philosophie ist. Philosophie ist vor allem Begriffsarbeit, die Auseinandersetzung oder Beschäftigung mit Fragen, auf die es keine finalen Antworten gibt, sondern die in jedem Zeitalter irgendwie neu diskutiert, ausgehandelt werden können, die sich entwickeln. Wobei da ja auch schon wieder ein riesiger Unterschied ist zwischen der theoretischen und der praktischen Philosophie. Also in der politischen Philosophie ist man ja schon an wirklich konkreten Problemen interessiert, wie man sie lösen kann. Insofern ja, es ist ein Laberfach.
Andererseits ist halt Konversation auch eines der wichtigsten Dinge der Welt, finde ich, dass wir uns gut miteinander verständigen können. Das macht auch den Reiz vieler sozialer Events aus. Wozu trifft man sich denn mit Leuten in der Regel? Auch um zu reden.
Christian: Ja, man lernt auch zu kommunizieren.
David: Man lernt so vieles in der Philosophie. Inzwischen ist für mich das praktische Gewicht dieses Studiengangs völlig offensichtlich, einfach weil man wirklich Klarheit im Denken gewinnen kann. Wobei Philosophie allein mir dieses Licht nicht eröffnet hätte, sondern da gehörte dann schon auch die Methode dazu. Das Studium hat mich zwar auf den Weg gebracht, mich damit zu beschäftigen, aber die Lösungen habe ich dann eher woanders gefunden und für mich das dann zusammengeführt.
Christian: Lernt man auch kritischer zu denken?
David: Ja, wobei man halt immer -- also was ist kritisches Denken und wo kippt die Skepsis um in ein Hinterfragen, wo ich nicht mehr hintergehen würde, weil für mich die Antwort gut genug ist sozusagen? Man lernt kritisches Denken. Es ist inzwischen halt so ein streitbarer Begriff geworden, weil in den Coronajahren ja so ein großer Dissens darüber herrschte, was ist noch kritisches Denken, was ist gesunde Skepsis und was ist schon irgendwie Leichtgläubigkeit, obwohl man dachte, eigentlich ein fundiertes Argument für sich gefunden zu haben.
Christian: Ich hatte ja gesagt, mich hat die Geschichte vor allem der Antike interessiert und fasziniert, aber auch die Philosophie. Ich habe meine Zwischenprüfung in Philosophie gemacht. Weiter als bis zu dieser Zwischenprüfung habe ich es tatsächlich nicht geschafft. Damals gab's noch diese Zwischenprüfung im Magisterstudiengang. Nach dem vierten Semester hat man die absolviert und das war eine mündliche Prüfung in meinem Fall. Und es war tatsächlich über stoische Philosophie, also über die Philosophie der Stoa. Hast du dich damit auch mal auseinandergesetzt? Die hat ja irgendwie wieder so eine Art Renaissance erlebt in den letzten zehn Jahren, würde ich sagen.
David: Ich überlege gerade, was alles die Stoa umfasst. Ich habe mich mit dem Lustbegriff bei Aristoteles und Epikur mal intensiver beschäftigt. Ich meine, Epikur wird im Kontext der Stoa auch thematisiert, weil er ja so verknüpft ist mit dem Begriff des Hedonismus.
Christian: Das war so eine Art Gegenbewegung, Hedonismus und Stoizismus. Waren das so die drei Säulen? Ich bringe es gerade vermutlich auch durcheinander. Also für die Stoiker war irgendwie so eine Art Seelenruhe wichtig, ein Versuch, sich nicht zu sehr von den Dingen, die von außen kommen, beeinflussen zu lassen. Und dann sagt man halt, darum geht's ja letztendlich bei Epikur auch, aber ich glaube, das fällt ja nicht unter die Stoa. Das müsste man jetzt nachgucken, aber das lasse ich jetzt.
David: Das sind zwei unterschiedliche Strömungen, die aber so zu denselben Zeiten eigentlich sich entwickelt haben, vielleicht auch so ein bisschen als Gegensätze. Aber bei Epikur steht, glaube ich, wirklich dieser Lustbegriff im Zentrum. Da ging es auch um Schmerzfreiheit, aber eher durch einen sinnvollen Umgang mit Genuss.
Christian: Ja.
David: Indem man nämlich möglichst wenig überhaupt will und versucht, seine notwendigen Verlangen, die man so hat, um am Leben bleiben und teilnehmen zu können, von denen abgrenzt, die dann einfach extravagante oder völlig übertriebene Gelüste sind. Das war eines der besten Bücher, die ich im Studium gelesen hatte, von Emily Austin: Living for Pleasure über Epikur. Das kann ich jedenfalls sehr empfehlen. Und deswegen vielleicht, aber auch nur wegen Emily Austins Auslegung von Epikur, habe ich den so ein bisschen unter die Stoiker gepackt, weil es eben darum geht, mit den Wellen des Lebens klarzukommen.
Christian: Ja, ein anderer ganz wichtiger Philosoph ist ja Platon. Ich habe hier noch diese Ausgaben von -- Meiner heißt der Verlag, glaube ich. Kennst du die?
David: Ich habe die grünen, die der etwas neueren Auflagen.
Christian: Bei mir steht das auch eigentlich nur noch im Regal rum. Ich habe immer so die Vorstellung, wenn ich mal 80, 85 bin, dann nehme ich die vielleicht noch mal raus und lese noch mal.
David: Ich muss sagen, es ist halt schwer zu lesen, alles. Eine ganz andere Zeit, eine andere Sprache, dann ist auch übersetzt. Aber trotzdem, durch das Dialogische ist es irgendwie trotzdem alles sehr anschaulich. Weil bei Platon sind immer diese Dialoge, da spricht der Sokrates auch irgendwie die meiste Zeit, was ich auch sehr interessant finde.
Christian: Gut, die sokratische Methode ist ja auch durchaus noch zu empfehlen zur Gesprächsführung. Immer dahinter zu gehen, nach dem Warum zu fragen, warum ist das so. Das ist dann ja auch das kritische Denken, wo man halt irgendwo einen Punkt für sich ziehen muss. Okay, also wer sich für Philosophie interessiert, vielleicht auch überlegt, ob er das mal doch noch studiert, vielleicht sogar an der FernUni Hagen, der schaut mal auf deinen YouTube-Channel. Da geht's auch um Philosophie und philosophische Themen, oder tritt vielleicht sogar mit dir in Kontakt.
Philosophie ist tatsächlich auch spannender als viele denken und erwarten. Und ich glaube, auch in Hinsicht auf die praktische Philosophie tatsächlich heute sehr relevant, weil es auch Menschen braucht, die sich damit auseinandersetzen, wie gehen wir zum Beispiel mit den ganzen neuen technischen Möglichkeiten um, mit Grenzüberschreitungen, was das angeht, und so weiter. Also Ethik ist ein ganz wichtiges Thema aktuell, finde ich zumindest.
David: Ein wichtiges Thema für dich ist auch Journaling.
Christian: Ja, das haben wir auch im Vorgespräch besprochen. Ich hatte auch gesagt, ich kenne das so ein bisschen aus dem Kontext einer Weiterbildung im Bereich Stressmanagement, die ich irgendwann mal gemacht habe vor einigen Jahren. Da war das eher so ein Tool, um sich psychologisch etwas zu entlasten, Dinge aufzuschreiben. Aber du meinst darunter was anderes eigentlich. Kannst du uns erstmal erzählen oder erklären, was Journaling für dich eigentlich genau bedeutet?
David: Journaling heißt für mich das Erfassen der Gedanken im Laufe eines Tages und das dann Tag für Tag als lebensbegleitende Praxis. Tatsächlich ist Journaling für mich aber eher so eine Art Einstiegsdroge in das Thema persönliches Wissensmanagement und auch irgendwie ein guter Türöffner, um sich überhaupt klarzuwerden: Ist das was für mich? Kann ich das gebrauchen? Und sich nicht nur darüber klar zu werden, sondern sich selbst überhaupt besser kennenzulernen. Ich finde, Journaling ist wie so ein Selbstgespräch, in das ich mich immer wieder einklinke.
Ich habe schon sehr früh angefangen, Tagebuch zu führen, und das dann aber noch als so typisch: Ich setze mich jetzt hin mit meinem Tagebuch und mache einen Tagebucheintrag. Das ist im Laufe der Jahre übergegangen in: Ich habe permanent was geöffnet, wo ich per Kurzbefehl einen Zeitstempel machen kann. Dann weiß ich, um diese Zeit habe ich jetzt diesen Gedanken, und tippe mir den nebenher ein. Das kann ein Gedanke sein, das kann auch eine Sache sein, an die ich denken muss, oder ein Link, den ich finde. Und so eine Daily Note, die quasi mein Journal des Tages enthält, ist ein ziemliches Durcheinander im Vergleich zu den damaligen Tagebucheinträgen.
Christian: Okay. Und ist das für dich auch so ein privates Tool für alle möglichen Gedanken?
David: Ich unterscheide dann zwischen Journaling und Notetaking und finde, Journaling ist sowas fürs Leben, das Lebensbegleitende, und Notetaking für die Arbeit -- aber im Sinne von kreative Arbeit, nicht unbedingt fürs Berufsleben. Sondern sobald man projektorientiert an irgendwas arbeitet, und so ein Studium ist eben genau das, deswegen hat das Journaling für mich weniger im Studium was zu suchen, als eben dem vorgeschaltet, über sich herauszufinden, ob Studieren überhaupt was für mich ist.
Im Prinzip ist das aus der Philosophie für mich rausgegangen. Philosophie ist die Beschäftigung mit so Weltfragen, die uns alle als Menschen allgemein betreffen. Was ist der Mensch? Eigentlich falsch gestellt, die Frage, würde Hannah Arendt sagen, weil es den Mensch als Singular gar nicht gibt, sondern immer nur die Menschen. Was macht das Menschsein an sich aus? Das ist so eine Weltfrage, aber man kann diese großen philosophischen Fragen auch immer auf sich selbst beziehen. Und dann werden auch Weltfragen zu Lebensfragen. Und sich mit denen auseinanderzusetzen, ist eben kein Ding, dass man mal eben in einer halben Stunde macht oder auch nicht an einem Wochenende, sondern das sind Gedanken, die reifen müssen, mit denen setzt man sich immer wieder auseinander.
Und ein Aspekt des Journalings ist eben nicht nur das Dokumentieren von Gedanken, sondern auch die regelmäßige Rückschau. Ich mache das oft auf Wochenbasis oder mal Monatsbasis, dass man sich dann die Zeit nimmt, am Ende einer Woche zurückzuschauen und die Journal-Beiträge zu sortieren. Und da ist die Schnittstelle zum Notetaking. Dann habe ich so eine Daily Note, die teilweise sehr lang sein kann, von morgens 4:30 Uhr bis abends 22 Uhr stehen da irgendwelche Gedanken drin, die sich verschiedenen Themen zuordnen lassen. Und dann ist das für mich wie so ein Acker, auf dem ich was gesät habe und den fange ich jetzt an zu ernten. Und dann packe ich den Gedanken zu dieser Notiz und den Gedanken zu jener Notiz und dann schrumpft die Daily Note zusammen. Die ist mir nicht so wichtig. Ehrlich gesagt, wichtiger sind die Gedanken, die daraus reifen.
Und dann stelle ich halt fest, wenn ich das über Jahre praktiziere -- Monate reichen auch schon --, es sind eigentlich immer wieder sehr ähnliche Fragen und Themen, die uns so umtreiben. Und dann wachsen eben zu diesen Fragen und Themen Notizen heran. Die Gedanken aus den Journaling-Beiträgen wandern in die thematischen Notizen und in denen entsteht dann wiederum so ein Gedankengang. Ich denke das gerne als Threads, als Fäden, die ich immer weiter stricke. Und wenn ich dann mal die Muße habe, mich mit einer Frage oder einem Thema auseinanderzusetzen, habe ich eine ganz andere Startgrundlage, weil dann gehe ich in diese Notiz rein und habe alle Gedanken auf einen Blick, die ich über die Wochen und Monate hinweg zu diesem Thema gedacht habe. Und da fing dann für mich das Notetaking und das Arbeiten mit den Fragen an.
Christian: Okay, das erinnert mich so ein kleines bisschen an Twitter, so wie es noch vor einigen Jahren war. Ich habe in Berlin gelebt und habe da eigentlich über vier, fünf Jahre lang wirklich jeden Tag fotografieren gehen, die Stadt irgendwie fotografiert. Fast jeden Abend ist dann so ein Foto aus der Kamera gekommen, ich habe mir irgendwas rausgesucht, und ein kleiner Text dazu, den ich dann auf Twitter gepostet habe. Und das habe ich wirklich ganz lange gemacht. Da kann man irgendwie auch so drin rumscrollen in den Gedanken, die man da hatte, in den Eindrücken, Gefühlen teilweise. Das habe ich mir dann irgendwann später runtergeladen, nachdem ich diesen Account dann nicht mehr betrieben habe, und da schaue ich mal ab und zu noch mal rein.
David: Wo hast du es hinkopiert?
Christian: Ja, wo liegt das jetzt? Auf meiner Festplatte irgendwo im Archiv sozusagen. Das konnte man sich da so als HTML runterladen, dann kann man da wirklich noch, wie das Twitter damals war, in den Beiträgen schauen.
David: Sehr schöne Gewohnheit.
Christian: Ich habe das dann später genutzt. Ich habe dann irgendwann die Fotos tatsächlich mal systematisch aufgearbeitet und einen Bildband daraus gemacht und da war das super nützlich für mich, dass ich diese ganzen Tweets noch hatte, weil die mir wirklich geholfen haben, dann auch noch kleine Texte zu den Fotos zu erstellen und einfach zu gucken, wie habe ich mich in dem Moment oder an dem Tag vielleicht auch gefühlt.
David: Ja, du machst das aber ein bisschen professioneller, würde ich sagen. Aber das ist tatsächlich auch für mich ein großer Grund, Journaling zu betreiben. Ich bin ja auch Familienmensch inzwischen und habe ein reges Interesse an Fotobüchern entwickelt und gestalte da in manchen Mußestunden auch fröhlich rum und finde es sehr bereichernd, eben nicht nur Fotos zu haben, sondern auch diverse Notizen, Gedanken, Erinnerungsfetzen, die man sich festhält. Die müssen auch nicht immer nur schriftlich sein. Ich brauche nicht mein Journal, meinen Laptop geöffnet neben mir, sondern ich kann Dinge -- ich habe immer irgendwie ein Notizbuch oder so in der Tasche, weil ich halt vor den Kindern nicht die ganze Zeit mit diesen Geräten rumlaufen will, außer vielleicht diesem kleinen Gerät, wo ich da mal schnell irgendwie was reinquatschen kann, weil es eine lustige Erinnerung ist. Und das kann dann in diese Fotobücher reinwandern. Also diese Art von Journaling ist für mich ein multimedialer Begriff. Selbst das, was du jetzt mit den Fotos gerade beschreibst, würde für mich fast da reinfallen, weil man halt auch Bilder in sein Journal reinfließen lassen kann.
Christian: Und wie ist das dann ganz konkret? Nutzt du da irgendeine bestimmte Software?
David: Ich hab lange gesucht und das war für mich das Einstiegsproblem sozusagen. Als ich 2020 -- wir haben ein neues Projekt gestartet. Inzwischen ist das Projekt abgeschlossen, die kurze Geschichte Westfalens. Zu sehen auf dem Kanal des LWL, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Der Kanal heißt Westfalen im Film, glaube ich. Da gibt's die kurze Geschichte Westfalens von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Da habe ich -- der ja nicht mal Geschichte richtig studiert hat, sondern nur Kulturwissenschaften mit ein bisschen Geschichte -- mich mit Experten getroffen, besprochen und versucht, Skripte zu erarbeiten, um die Regionalgeschichte zu erzählen. Und ich wusste, da werden jetzt viele Notizen wieder auf mich zukommen. Ich hatte das Bachelorstudium gerade hinter mir und gemerkt, du verhebst dich mal wieder, das ist wieder die gleiche Situation. Du hast lauter Quellen, du hast lauter Notizen und du hast keinen Plan. Du hast deine Word-Dateien, die wie so Texttapeten sind, die den Bildschirm bevölkern, manchmal auch ausgedruckt die Zimmerwände. Das ist nicht systematisch.
Und ich habe nach einem System gesucht, besser mit Notizen umzugehen. Oft fehlen einfach die Begriffe für die Dinge, sonst hätte man sie längst für sich gefunden, weil mein Interesse an so Wissensmanagement -- das ist halt einer dieser Begriffe, den ich noch nicht auf dem Schirm hatte -- das war schon sehr früh angelegt, das hatte nur noch nie den richtigen Werkzeugkasten dafür.
Und 2020 war auch so ein Jahr, in dem viele Entwickler irgendwie Langeweile hatten, warum auch immer, und viele neue Tools auf den Markt gekommen sind, gerade was so Notizen angeht. Habe mich da viel umgeschaut, viel ausprobiert. Ich glaube, angefangen hat's bei mir mit Roam Research, dann gab es Athens -- ich weiß gar nicht, ob es das noch gibt. Das fand ich einfach so cool, weil es so heißt wie das antike Athen. Auch wieder dieses Prinzip der Knowledge Base, der persönlichen Wissensdatenbank, dass man sich damit machen konnte. Habe Notion ausprobiert, LogSeq und letztendlich auch Obsidian. Und da bin ich bis heute geblieben, auch wenn ich immer gerne noch in andere Tools reinschaue. Obsidian ist vom Prinzip her so, dass man letztendlich Markdown-Dateien erstellt und Obsidian bietet den Rahmen, aber am Ende sind die Notizen nur Dateien, die man auch mit einem anderen Programm öffnen könnte.
Deswegen ja, die Toolfrage ist sehr wichtig für mich, die Antwort aber gar nicht so entscheidend. Also wichtig ist, dass man sich damit auseinandersetzt und guckt, was brauche ich, was will ich, wie kann ich damit arbeiten, dann aber auch irgendwann einfach damit zu arbeiten, damit zu fahren, ohne sich auf die ewige Suche nach dem perfekten Tool zu begeben.
Christian: Okay, also für den Einstieg, für diejenigen, die zum Beispiel jetzt eine Bachelor- oder Masterarbeit schreiben und in dem Prozess und dem Projekt auch ihre Gedanken und Notizen ein bisschen sammeln möchten, reicht eigentlich auch erstmal eine Word-Datei. Aber sobald das dann mehr wird, sollte man anfangen --
David: Ich würde empfehlen, also wer wirklich anfängt: How to Take Smart Notes. Dieses Buch war für mich ziemlich einschlaggebend. Es ist schon sinnvoll, sich sehr früh damit zu beschäftigen, wie man seine Notizen digital verwaltet, weil das einen großen Unterschied macht, wie man diese Notizen wieder aufgreift. Man kann sie direkt in die Word-Datei reinschreiben, aber dann neigt man dazu, sie nicht miteinander zu verknüpfen, weil es einfach technisch nicht möglich ist. Und das ist sehr gewinnbringend, das zu können. Das ist der Unterschied zwischen Notizen und Wissen, das daraus erwachsen kann.
Christian: Und nutzt du in dem Zusammenhang auch irgendwie KI? Da habe ich auch ganz viele Vorstellungen im Kopf, dass man zum Beispiel Notizen von sich, die auf zehn Jahre oder so zurückgehen, die dann mal auszuwerten, zu verschlagworten ganz schnell. Nutzt du sowas auch? Mit Notion könnte man das zum Beispiel eigentlich machen.
David: Ja. Notion ist sehr stark, was KI angeht. Obsidian bietet inzwischen auch die Möglichkeit, sich über diverse Plugins Agenten reinzuholen sozusagen. Für die Organisation von Notizen nutze ich es noch nicht so viel, weil ich da halt oft die Erfahrung gemacht habe, die Idee, die ich jetzt gerade habe, die werde ich noch mal infrage stellen. Deswegen werde ich nicht alle meine tausenden Notizen sofort irgendwie anpacken und ändern wollen, sondern ich arbeite mal projektbasiert an diesen Notizen, gucke, klappt das für mich, und so weiter.
Aber trotzdem finde ich KI sehr spannend. Oft denke ich, du nanntest gerade Platon, dass man sich vielleicht später mal mit ihm hinsetzt und anfängt ihn zu lesen. Platons Werk ist ja wahnsinnig umfangreich. Die Texte der Antike sind wahnsinnig umfangreich. Es brauchte immer ein ganzes Menschenleben, da wirklich Experte in einer Epoche auch nur zu werden. Und heute haben wir diese Tools, die sich so einen ganzen Textkorpus aneignen können und ganz andere Möglichkeiten haben, dass man Fragen an sie stellt und die Antworten geben, die vielleicht ein Mensch gar nicht geben konnte, weil man diese Textmenge nie präsent haben konnte, weil ein ganzes Menschenleben das einfach nicht hergibt.
Deswegen, was man selber an Notizen hat, ist ja nichts im Vergleich zu dem Gesamtwerk von wirklich produktiven Denkern und Denkerinnen. Hannah Arendts Werk ist auch too much for me, um das zu erarbeiten. Und da sehe ich noch viel spannendere Anwendungsfälle für KI. Aber auch im eigenen Gebrauch ist es schon sehr praktisch, sich einen Sparringspartner zu haben, den man andauernd nerven kann mit seinen Gedanken und Fragen. Ich hatte zeitweise ein Plugin, sodass ich quasi einen KI-Agenten in meinen Notizen hatte, der auch einen Blick auf meine Notizen hatte und mit dem ich dann über die Notizen sprechen konnte. Will ich ehrlich gesagt auch irgendwann mal wieder ausprobieren. Zeitweise habe ich die technische Infrastruktur so geändert, dass ich das Plugin gerade nicht im Einsatz hatte.
Es gibt so viele spannende Anwendungsfälle. Da bin ich nicht zu scheu, das auszuprobieren, auch wenn es in puncto Privatsphäre natürlich immer Diskussionsbedarf gibt, berechtigterweise. Ein Journal ist ja immerhin -- also privater geht's eigentlich nicht. Es ist der Liveticker der Gedanken und die Geschichte alldessen, was man so gedacht hat. Lässt man da jetzt eine KI drauf blicken, dann kann dieser Inhalt ja womöglich auch zu Trainingszwecken irgendwo wieder herausgeschwurbelt werden.
Christian: Ja, also ChatGPT nutze ich ja jeden Tag im beruflichen Kontext. Das ist für mich auch so eine Art Journal eigentlich. Ich will nicht wissen, wenn ich da jetzt mal frage, wie war meine Stimmung letzte Woche im Vergleich mit heute, da bekomme ich bestimmt eine verlässliche Antwort. Es ist nur schade, dass es da keine guten Zeitstempel gibt. Mich interessiert das immer, wann etwas gesprochen wurde, und sei es halt ein KI-Gespräch, Datum, Uhrzeit, das vermisse ich noch bei den ChatGPT-Gesprächen.
David: Ja, dann müsste man sich selber ein Tool bauen. Aber der Pain ist noch nicht groß genug, dass ich mich damit beschäftigt hätte.
Christian: Aber Obsidian, was du jetzt genannt hattest, muss man sich das selber hosten oder kann man sich das als Programm auf Windows zum Beispiel installieren?
David: Obsidian ist eine App wie viele frei verfügbare Apps heutzutage, die man kostenlos nutzen kann, und dann gibt's natürlich Bezahlfeatures. Aber es ist wesentlich kostenloser sozusagen als Notion zum Beispiel. Vom Prinzip her kann man Obsidian in ganzen Umfang kostenlos nutzen, herunterladen. Die Dateien liegen auf dem eigenen Gerät, das ist so ein bisschen das Alleinstellungsmerkmal bei Obsidian. Ich habe mich irgendwann gegen Softwares entschieden, bei denen die Notizen in einer Cloud liegen, wie OneNote oder eben Notion, weil ich nicht immer Internet haben muss, wenn ich gerade an meinen Notizen arbeite. Das ist halt für mich so eine richtige Mußetätigkeit. Wenn ich in den Wald gehe, dann gerne mit Laptop, um mich genau damit zu befassen, nämlich mit meinen Notizen. Da will ich kein Internet haben, manchmal sogar bewusst ausschalten können, damit ich nicht auch mal eben kurz die News checke. Das war für mich ein absolut wichtiger Faktor und deswegen wollte ich die Dateien lokal auf dem Computer, unabhängig vom Internet sein.
Heißt aber auch, dass man selber dafür sorgen muss, wie man sie synchronisiert zwischen verschiedenen Geräten, weil die liegen dann halt immer lokal auf den jeweiligen Geräten -- auf dem Handy, auf dem festen Computer, auf dem Laptop. Und für dieses Sync-Feature könnte man jetzt Obsidian Sync bezahlen, das sind dann acht oder neun Euro im Monat. Aber man kann auch einfach die Dateien in eine Cloud reinlegen, in die eigene Dropbox oder so, und hat es dadurch synchronisiert. Man kann diese Bezahlfeatures umgehen. Ich nenne sie jetzt nur, weil es einfach frech wäre, das nicht zu tun. Ich nutze Obsidian so unfassbar viel den ganzen Tag über, dass ich es nur fair und gerecht finde, wenn die Entwickler dahinter auch ein bisschen was damit verdienen. Die Obsidian Community auf Discord kann ich auch sehr empfehlen. Da bekommt man sehr viele Fragen beantwortet. Überhaupt gibt's zu Obsidian und zu vielen dieser neuen Notetaking-Tools sehr hilfreiche Einführungen auf YouTube.
Christian: Schaut euch das Tool auf jeden Fall mal an, wenn ihr euch wirklich für ein professionelles Management von Notizen und auch für Journaling interessiert. Ich bin eigentlich absoluter Notion-Verfechter, oder? Heißt Verfechter, ich nutze es einfach. Ich habe aber auch so ein bisschen das Problem, was du jetzt eigentlich indirekt beschrieben hast. Ich habe auch einen Wust da an Notizen. Ich weiß gar nicht, wie ich die da jemals rauskriegen sollte, wenn ich da jetzt mal anfange, auf ein anderes Tool umzusteigen. Also es ist natürlich schon alles strukturiert und einigermaßen ordentlich, weil wir das im beruflichen Kontext auch gemeinsam nutzen.
David: Gut, aber das sind jetzt auch keine -- für kollaboratives Arbeiten ist das, glaube ich, auch immer noch das geeignetere Tool, also wenn man mit mehreren Personen -- wobei es immer die Frage ist, was man so macht, das klingt dann eher nach Projektmanagement.
Und dafür eignen sich dann eventuell eher so Tools wie Asana. Im Microsoft-Universum arbeiten wir mit dem Microsoft Planner, aber das ist halt, wie alles von Microsoft, eine holprige Alternative innerhalb dieses Microsoft-Universums und dafür gut geeignet für die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Microsoft-Tools. Ansonsten kann ich für Projektmanagement eigentlich sowas wie Asana eher empfehlen.
Für den persönlichen Gebrauch, das ist auch -- ich habe das hin und wieder versucht, in Obsidian Projektmanagement für mich aufzuziehen. Habe da dann aber eine der Grenzen gezogen. Man muss sich irgendwann entscheiden, will ich wirklich ein Tool für alles. Die Antwort ist eigentlich nein. Muss vielleicht auch jeder für sich selbst lernen, aber in der Regel ist es sinnvoll, drauf zu achten, wofür wurde ein Tool gemacht? Gibt es eventuell für andere Dinge andere Tools, die wiederum dafür gemacht wurden?
Christian: Ja, weil mit Notion haben wir hier sozusagen ein Tool für alles. Wir nutzen das halt auch zur Wissensorganisation einfach innerhalb der Firma, Dokumentationen für Software und alles, was man so braucht an Notizen, aber natürlich auch Projektmanagement, Content, also die Verwaltung von den ganzen Inhalten, die wir online erstellen. Dafür nutzen wir Notion.
David: Ja, momentan -- ich bin mir gar nicht sicher, ob meine Aussage stimmt. Notion gibt es auch for free noch, glaube ich.
Christian: Soweit ich weiß, für Studierende, die können das kostenlos nutzen.
David: Und wenn, dann ist wirklich der Betrag, den man da als Einzelnutzer zahlt, gering. Also 30, 40 Euro im Jahr vielleicht.
Christian: Soweit ich weiß, konnte man sich als Studierender mit einer E-Mail-Adresse von einer Hochschule das insgesamt kostenlos nutzen. Da gibt's keinen Studierendenmodus in dem Sinne, du kannst einfach damit machen, was du möchtest. Notizen anlegen, Projektmanagement-Boards und kleine Datenbanken, was es da nicht alles so gibt.
Okay, also eigentlich sind wir jetzt schon zum Thema Notizen übergegangen. Da hast du jetzt auch schon viel dazu gesagt. Zettelkasten ist ja noch so ein älterer Begriff eigentlich. Kennt man noch so ein bisschen aus der Bibliothek, zum Beispiel diese Zettelkästen, wo Bücher verzeichnet waren. Vielleicht kennen das auch noch einige Studierende vom Vokabellernen zum Beispiel, die hatten auch so Kästen mit Zetteln. Aber heutzutage macht man das alles mehr oder weniger digital, bis auf kleine Ausnahmen mit Notizbüchern, was du jetzt gezeigt hast.
Ich will noch mal ganz zum Schluss zu diesem Thema sagen, das hat natürlich einen ganz wichtigen Bezug zum Studium und zur Organisation von den vielen Wissensbausteinen, die man im Studium hat. Vielleicht eine Abschlussfrage zu dem Themenkomplex: Literatur, wie organisierst du die? Oder hast du die organisiert, auch mit Obsidian?
David: Teils, teils. Reference Management ist nämlich auch wieder so ein Thema, das man eigentlich besser auslagern kann hin zu Tools, die wiederum dafür geeignet sind. Da gibt es Mendeley, Citavi oder eben Zotero. Dafür habe ich mich letztlich entschieden. Das ist, glaube ich, eine Open-Source-Software. Jedenfalls ist das ein Reference Manager, in den man sehr einfach vor allem literarische Quellen importieren kann, um sich dann Quellenangaben ausgeben zu lassen in diesem oder jenem gewünschten Format. Man kann das dann auch connecten mit Word auf eine Weise, wie das halt Obsidian nicht so ergeben würde.
Wenn ich mir aber Notizen zu den Werken wiederum mache, die ich lese, mache ich das wiederum eher in Obsidian. Also den PDF-Reader, da nutze ich wiederum Zotero. Das war jetzt vor allem in der Masterarbeit zuletzt sehr intensiv der Fall. Ansonsten fließen aber die Notizen in Obsidian immer wieder zusammen. Da habe ich dann halt auch oft eine Notiz für eine Erkenntnis aus einem Werk, das dann ja wiederum in diversen Ausgaben erschienen ist. Und in Zotero sind diverse Ausgaben ein und desselben Werkes hinterlegt. Das liegt dann da wieder viel zerstreuter vor als in der Wissensdatenbank, wo es zusammenfließt.
Christian: Okay, also Literatur wird auch verwaltet. Da hast du jetzt nicht einfach nur eine Excel-Liste gehabt für deine Masterarbeit zum Beispiel, sondern das wird auch professionell --
David: Ja, professionell leider nicht ganz, sonst hätte ich gerne zum Beispiel auch LaTeX benutzt, um das noch ein bisschen -- also ich habe schon viel manuell darum gefriemelt. Es lässt sich ja unfassbar viel heutzutage automatisieren. Manchmal lohnt es sich, einfach mal eine Stunde sich mit einer Automatisierung zu beschäftigen, um sich dann sehr viel Zeit im Nachgang zu ersparen.
Aber ein Tool, das ich sehr empfehlen kann, Stichwort Umgang mit Literatur, ist Readwise. Das nutze ich auch schon seit vielen Jahren inzwischen intensiv. Das ist quasi ein Tool, das connected ist mit meinem Kindle-Reader und selbst einen PDF-Reader anbietet. Und wenn ich mir irgendwo Highlights mache in meiner digitalen Literatur, dann sammelt Readwise diese ganzen Highlights und gibt mir jeden Tag ein kleines Daily Review, wo ich dann, je nachdem wie ich es eingestellt habe, fünf bis fünfzehn Highlights anzeigen lassen kann, zusammengewürfelt aus der ganzen Literatur, sei es nur des letzten halben Jahres oder der letzten sechs Jahre. Das finde ich sehr cool, sich so Dinge, die man irgendwann mal für merkenswert hielt, wieder ins Gedächtnis zu rufen, obwohl man sie eigentlich längst vergessen hatte. Ist jetzt nicht für das strukturierte Arbeiten an einem Studienprojekt gerade relevant, aber um generell einfach mehr verbunden zu bleiben mit dem, was man so gelesen hat.
Christian: Und vielleicht auch noch ein Stichpunkt. Man trifft ja auch im Netz eigentlich jeden Tag auf irgendwelche interessanten Artikel. Hast du da auch irgendeine Möglichkeit, die für dich zu speichern, dann zum Beispiel am Handy zu lesen? Nicht alles will man sich ausdrucken.
David: Auch da hätte ich gerne einen einheitlicheren Workflow. Es gibt so viele Baustellen. Aktuell ist Literaturverwaltung auch so ein Thema, wo ich weiß, da kann man viel streamlinen und besser machen, indem man sich einmal einen Workflow überlegt und dann stick to it. Es gibt zum Beispiel auch von Obsidian natürlich einen Webclipper, mit dem man sich die Sachen direkt in den Vault reinholen kann, in seine Wissensdatenbank.
Ich nutze meistens den Reader von Readwise. Also Readwise ist einmal dieser Service, den ich gerade beschrieben habe, und dann haben die einen Webreader inzwischen im Angebot, der wie Instapaper funktioniert, dass man alles, was man irgendwie für lesenswert hält, sich dahin speichern kann und dann im Browser lesen und seine Highlights machen kann. Das nutze ich hauptsächlich dafür.
Zotero bietet natürlich auch so einen Webclipper an. Letztendlich gibt es von vielen Softwares die Erweiterung für den Browser, um sich solche Lektüren zu merken. Aber Stichwort uneinheitlicher Workflow: Wenn ich am Handy die News lese und denke, interessanter Artikel, mache ich einen Screenshot, was ja auch wieder ein ganz anderes, unnützes Format eigentlich ist, weil dann muss ich ja erstmal den Link wieder irgendwo finden und den Artikel suchen.
Christian: Ich nutze auch Instapaper schon lange. Ich habe auch länger Pocket genutzt, das wurde irgendwann für mich unbenutzbar, ich weiß gar nicht mehr warum. Dann bin ich wieder umgestiegen auf Instapaper. Das finde ich eigentlich okay, weil ich habe wenig Zeit zum Lesen. Also wenn ich Instapaper nutze, ist das eher so Lesen zur Muße. Ich setze mich irgendwohin und möchte jetzt wirklich irgendeinen Artikel lesen, der nicht unbedingt beruflich veranlasst ist. Da ist weniger Zeit dazu in den letzten Monaten und vielleicht sogar Jahren, aber normalerweise nutze ich das, wenn mir irgendwas auffällt, was mich wirklich interessiert, dann hebe ich mir das in diesem Reader auf.
David: Sehr hilfreich für Mental-Load-Probleme sozusagen. Das ist quasi die Trennung von Browsing und Consuming, dass man nicht Gefahr läuft, mal eben die News checken zu wollen und dann da eine halbe Stunde zu verbringen, sondern halt in dem Modus zu sein: Ich browse gerade nur, ich gucke nur kurz, was interessiert mich, und speichere das. Ob ich das dann später wirklich lese, also konsumiere -- andere Frage.
Ähnlich bei YouTube, da nutze ich sehr intensiv die Watch-later-Funktion. Also ich habe den Browsemodus, wo ich weiß, ich erlaube mir gerade mal zu gucken, was ich eventuell interessant finde. Verbitte mir dann aber, da draufzuklicken, weil dann bin ich ja schon wieder zehn Minuten weiter. Stattdessen wandert das dann in die Watch-later-Liste. Ob man die dann regelmäßig guckt -- das sind dann ja wirklich so Inboxen, die ich eher vernachlässige. Ich versuche sonst schon, viele Inboxen so regelmäßig zu pflegen, dass sie quasi leer und sortiert sind. Was Readinglist und Watchlist angeht, keine Chance. Dafür ist die Hemmschwelle, sich irgendwas zu speichern, zu gering.
Christian: Okay, jetzt haben wir ganz viel über Notizen geredet, auch über Journaling, und beides hängt ja ganz eng auch mit dem Thema Lernen und lebenslanges Lernen, was du auch schon genannt hattest, zusammen. Lass uns im letzten Abschnitt noch so ein bisschen über ein psychologisches Thema reden, über persönliches Wachstum, über Persönlichkeitsentwicklung. Das hatten wir auch im Vorgespräch schon festgestellt, dass das auch ein Thema für dich ist und natürlich auch ganz eng mit dem Thema lebenslanges Lernen zusammenhängt. Was fällt dir spontan dazu ein?
David: Persönliches Wachstum ist für mich ein wichtiger Begriff. Offensichtlich, wenn ich meine Notiz dazu angucke, weil die inzwischen sehr gewachsen ist, passenderweise.
Ich stelle halt so fest, dass es für mich das Gegenstück zum Sterben ist. Entweder ich wachse oder ich sterbe. Es gibt irgendwie kein wirkliches Stagnieren lange, sondern man wächst und gedeiht und irgendwann zerfällt man eher, und das geht in die andere Richtung. Deswegen möchte ich natürlich wachsen, solange ich irgendwie kann. Aber was heißt wachsen? Alles wächst und wuchert irgendwie vor sich hin. Was man als Mensch kann, ist dieses gerichtete Wachsen, dieses sich Ziele stecken und dann versuchen, da hinzustreben. Das finde ich, ist für mich ein Umgang mit einem der großen Phänomene unserer Zeit, nämlich der massiven Beschleunigung, die wir so wahrnehmen. Alles ist in Bewegung. Veränderung ist so ein Urprinzip des Lebens, das es seit jeher gibt, aber die Dinge beschleunigen sich, seit nicht nur Evolution diese Entwicklung vorantreibt, sondern eben auch Technologie als Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln. So hat Ray Kurzweil Technologie, glaube ich, mal definiert. Seitdem nehmen die Dinge ja ganz schön an Fahrt auf. Das merken wir alle.
Und irgendwie müssen wir uns mit diesem rasanten Wandel befassen, irgendwie darauf reagieren. Und ich finde, lebenslanges Lernen und persönliches Wachstum ist eine sehr produktive Art, sich damit auseinanderzusetzen. Es ist auf jeden Fall nicht irgendwie die Augen verschließen, sondern anzuerkennen, da passiert gerade was. Ich will mit in Bewegung bleiben und ich will versuchen, mir eine Richtung zu setzen, in die ich strebe, auch wenn das Leben einen dann immer wieder daraus kegeln kann.
Christian: Von dieser Beschleunigung hat übrigens auch Goethe schon gesprochen, also der hat das auch schon so empfunden, hat auch schon gemerkt -- der war ab und zu mal in Berlin zu Besuch und dachte, das ist ja wirklich eine ganz krasse Stadt. Das ist so ein Paradebeispiel eigentlich für die Beschleunigung unserer Zeit.
Ich habe auch so überlegt, als ich mich auf diesen Podcast vorbereitet habe, was mit persönlichem Wachstum eigentlich ganz genau gemeint ist. Da ist mir aufgefallen, wo bin ich denn jetzt eigentlich in letzter Zeit oder in den letzten Jahren tatsächlich persönlich wirklich gewachsen? Weil das Thema Persönlichkeitsbildung für mich auch mal ein wichtiges Thema war. Und da habe ich so überlegt, in vielen Dingen bin ich eigentlich auch wieder geschrumpft eher. Es gibt viele Sachen, die konnte ich früher einfach besser, die habe ich früher besser gemacht, habe ich so den Eindruck. Dann kam da irgendwie so das Leben dazwischen und da bin ich in manchen Sachen gar nicht so richtig gewachsen. Selbstreflexion ist irgendwie ein wichtiger Begriff, wenn es ums Wachsen geht, oder? Da sind ja deine ganzen Notizen, die man dann auch hat, eigentlich ein hilfreiches Tool.
David: Würde ich auch sagen. Also diesen Anspruch können wir auch leider gar nicht haben, dass alles, was uns irgendwann mal interessiert hat, was wir irgendwann mal gut gekonnt haben, dass man das so beibehält. Das ist eines dieser Probleme der unfassbar vielen Möglichkeiten, die man heutzutage hat. Das ist ja überhaupt ein krasses Luxusproblem oder ein Privileg zu sagen, ich kann mir aussuchen, wo ich lebe, mit wem ich lebe, was ich mache, in meiner Freizeit, beruflich. Wir haben die Wahl, das ist sehr neu seit den letzten paar Jahrzehnten. Früher war das alles gesetzt.
Heutzutage kann man diverse Dinge ausprobieren, aber da muss man halt auch erkennen, wenn ich mich für eine Sache entscheide, klammere ich unfassbar viele Sachen aus. Und wenn ich mich jetzt für ein neues Thema entscheide, vernachlässige ich das, was ich vorher intensiv gemacht habe, und vieles verlernt man eben. Das berühmte Fahrradfahren ist ja anscheinend so ein Beispiel, dass man beibehält, aber das wenigste ist so. Ich habe letztens Kraulen mal wieder versucht -- ich konnte einst vereinstauglich schwimmen -- und gemerkt, irgendwie musst du das noch mal lernen, mit der Technik, das geht nicht so easy wie Fahrradfahren.
Und mit theoretischem Wissen ist das natürlich viel krasser, dass man das wieder vergisst. Da finde ich Anki auch sehr hilfreich, um sich so ein bisschen Wissen noch im Kopf zu halten, dass man regelmäßig ein paar Begriffe oder kleine Bits auffrischt. So eine Software für digitale Karteikarten.
Christian: Ja, also wenn du das verbindest mit Bildung, verstehe ich das eigentlich auch so, dass bei dir der Begriff der Bildung eigentlich noch wichtiger ist. Also Bildung wirklich auch in diesem Humboldtschen Sinne, dass es hier mehr darum geht, sich wirklich zu bilden, auch seine Persönlichkeit zu bilden, sich zu entwickeln, vielleicht auch die Menschen um sich herum mit zu entwickeln oder entwickeln zu sehen.
David: Ja, Bildung kann nicht von außen geschehen, sondern muss irgendwie aus einem intrinsischen Interesse folgen. Und damals hatte ich halt, wie ich vorhin erzählt hatte, alles Mögliche ausgeschlossen und mich dann für Kulturwissenschaften entschieden. Das beschreibe ich so auch in einem Video von 2019 übers Fernstudieren, Philosophie, wie ich dazu gekommen bin. Und in diesem Video scherze ich noch darüber, dass ich Wirtschaftsinformatik -- oh Gott, oh Gott -- völlig ausgeschlossen habe für mich. Inzwischen bin ich in Wirtschaftsinformatik immatrikuliert, weil mich durchaus etwas daran interessiert, wie ich halt über die Jahre erst entdeckt habe.
Also wenn man einmal diesen Interessemuskel sozusagen stärkt -- Muskel ist eigentlich der falsche Begriff dafür. Ich finde, Interesse ist wie so eine Kraft zwischen uns. Wenn man sich dem hingibt und öffnet, merkt man auf einmal, dass diese Kraft irgendwie überall auf mich einwirkt und alles Mögliche interessant wirken kann, wenn man sich nur aus dem richtigen Winkel nähert. Aber dazu muss man sich halt -- und dazu zwingt so ein Studium schon -- sehr intensiv mit den Dingen beschäftigen, um zu merken, was eigentlich daran so interessant ist.
Christian: Okay, also jetzt Wirtschaftsinformatik, das kommt jetzt für mich auch überraschend. An der FernUni auch?
David: An der FernUni auch, allerdings ohne die Ambition, den Abschluss da wirklich anzustreben. Ehrlich gesagt, ich wollte immatrikuliert bleiben. Da gibt es jetzt nach dem Master an der FernUniversität verschiedene Möglichkeiten. Man kann sich in ein Akademiestudium einschreiben, um einfach nach eigenem Interesse dem einen oder anderen Modul zu widmen, unabhängig von dem Studiengang und eben nicht auf einen Abschluss ausgerichtet. Das wäre der vermutlich sinnvollere Gang der Dinge gewesen. Ich habe Wirtschaftsinformatik genommen, weil mich das aktuell mehr interessiert. Ich bin tatsächlich im Content Marketing aktiver geworden, bin inzwischen in die IT-Branche gewechselt, finde diese Geschäftsprozesse dahinter, was Digitalisierung, Automatisierung so mit sich bringt, sehr interessant und wollte da so ein paar Grundlagen mir mal anschauen.
Christian: Okay, ich würde sagen, wir sind zum Abschluss gekommen, David. Wir haben über ganz viele Sachen geredet, aber vor allem, wie ich finde, über Bildung, über Persönlichkeitsentwicklung letztendlich auch. Natürlich auch ein paar praktische Tools, die aber eigentlich dabei unterstützen, sich zu bilden und Wissen nicht nur zu erwerben in dem Sinne, sondern sich mit Dingen wirklich intensiv aus dem eigenen Interesse heraus zu beschäftigen. Kannst du uns vielleicht ganz zum Schluss noch sagen, wie man dir folgen kann? Was muss man zum Beispiel machen, damit du auf deinem YouTube-Kanal wieder aktiver wirst?
David: Da bin ich gerade sehr intensiv dran, das bald zu werden. Aktuell kann man vermutlich am besten den abonnieren und einfach ein bisschen abwarten. Also den Kanal abonnieren, nicht deabonnieren. Es gibt einen deutschen und einen englischen Kanal, je nachdem, in welcher Sprachwelt man sich lieber aufhält. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich meine Interessen verlagere, aber ich möchte beide Kanäle irgendwie am Leben halten, auch meinem Newsletter mal wieder neues Leben einhauchen. Aber da sind noch viele Baustellen im Hintergrund. Nächstes Jahr denke ich, wird man wieder von mir hören, und YouTube ist die sicherste Adresse, um da was mitzukriegen.
Christian: Okay. Und wer nur hören möchte: Podcast gibt's auch, habe ich gesehen.
David: Ja, das war so ein Projekt, von dem ich noch nicht weiß, ob das wieder zum Leben erweckt wird.
Christian: Okay, also ganz vielen Dank für dieses inspirierende Gespräch und ich wünsche dir noch einen schönen Abend.
David: Ja, vielen lieben Dank. Bis dann.

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