IU-Prof im Gespräch: Lehre an der IU, Soziale Arbeit & Waldbaden - mit Stefan Godehardt-Bestmann
In dieser Episode von Fernstudi.fm spricht Christian mit Professor Dr. Stefan Godehardt-Bestmann, Professor für Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule, über seinen ungewöhnlichen Bildungsweg und seinen spannenden Berufsalltag. Stefan erzählt, wie er von den Naturwissenschaften über eine Erzieherausbildung und langjährige Praxis schließlich zum berufsbegleitenden Studium und zur Professur gelangte.
Dabei gewährt er Einblicke in die digitale Lehre an der IU, die Herausforderungen und Chancen ihres Fernstudiengangs Soziale Arbeit sowie die vielfältigen Prüfungsformate und die wachsende Forschungsaktivität an der Hochschule. Außerdem berichtet Stefan von seiner Tätigkeit als zertifizierter Waldbademeister und erklärt, wie Waldbaden als entschleunigende Achtsamkeitsmethode gerade für Fernstudierende bedeutsam sein kann. Besonders wertvoll sind seine Tipps zur kritischen Reflexion des eigenen Studiums und der Bedeutung von Selbstwertschätzung im oft herausfordernden Fernstudium-Alltag.
Inhalt:
00:00:00 Vorschau
00:01:49 Stefan stellt sich vor
00:03:33 Immer wieder Lampenfieber?
00:08:13 Stefan über seinen Bildungsweg
00:18:46 Stefan über sein Studium
00:26:29 Lehrkräfte, Soziale Arbeit & Mitbestimmung im Schulsystem
00:29:44 Stefan über seine Arbeit an der IU
00:33:05 Entwicklungen von Studium & Fernstudium damals zu heute
00:40:25 Stefan über Prüfungsformate an der IU
00:43:08 Stefan über Forschung an der IU
00:55:11 Stefan erklärt Waldbaden & den IHK-geprüften Waldbademeister
01:00:26 Stefans Rat an Studierende
Dr. Godehardt-Bestmann im Internet:
➡️ An der IU: https://www.iu.de/hochschule/lehrende/godehardt-bestmann-stefan/
➡️ Website: https://transform-sozial.de/
➡️ LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/prof-dr-stefan-godehardt-bestmann-25155a/
➡️ Xing: https://www.xing.com/profile/Stefan_GodehardtBestmann/cv
Im Podcast erwähnt:
👉 Alle Infos zum Bachelor Soziale Arbeit an der IU: https://www.fernstudi.net/fernstudium/humanwissenschaften/sozialarbeit/13159
👉 Alle Infos zum Master Soziale Arbeit an der IU: https://www.fernstudi.net/fernstudium/humanwissenschaften/sozialarbeit/13435
Weiterführend:
👉 Alle Studiengänge der IU im Überblick: https://www.fernstudi.net/fernhochschulen/iu-internationale-hochschule
👉 Fragen? Vllt. kann euch unsere virtuelle Studienberaterin Frau Weber weiterhelfen: https://www.fernstudi.net/hilfe/chat
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Christian: Hallo Stefan, dann herzlich willkommen hier in diesem Podcast. Freue mich total, dass du dich bereit erklärt hast, mit mir hier über ganz viele Dinge, unter anderem über deinen sehr spannenden Bildungsweg zu reden. Bevor wir da einsteigen, stell dich doch vielleicht erst noch mal ganz kurz selbst vor.
Stefan: Ja, hallo Christian. Herzlichen Dank für die Einladung in deinen Podcast. Ich bin ja jetzt gerade 60 geworden und es ist doch nicht ganz so schlimm, weil man kann immer wieder mal was zum ersten Mal machen. Das ist nämlich mein allererster Podcast, in den ich eingeladen bin. Von daher vielen Dank.
Ich soll mich kurz vorstellen. Also, ich bin der Stefan Godehardt-Bestmann. Ich lebe in Berlin und auch ein bisschen in Stuttgart, weil ich eine Fernehe führe und da immer hin und her pendle. Habe ganz schön viele Kinder.
Und ansonsten bin ich Professor seit 2019 an der IU Internationale Hochschule. Habe da eine Professur für Soziale Arbeit. War davor ca. 10 Jahre in Berlin an der Katholischen Hochschule, auch als Professor für Soziale Arbeit, bin aber eigentlich im Ursprung gelernter Erzieher. Das war meine erste abgeschlossene Ausbildung. War dann in der Handlungspraxis der Sozialen Arbeit in Berlin-Kreuzberg tätig, beim öffentlichen Dienst, also beim Jugendamt Kreuzberg, das gab's damals, war noch ein eigener Bezirk. Und dann auch bei einem freien Träger. Habe ein großes Jugendzentrum in Berlin-Kreuzberg aufbauen dürfen. Habe das dann geleitet, 5 Jahre lang, und bin dann so in die Praxisbegleitung gekommen.
Christian: Vielleicht mal bevor wir in die Biografie einsteigen: Du hast jetzt schon ein paar Stichpunkte genannt, erstmal noch Fragen vorweg. Du hast gesagt, das ist dein allererster Podcast, den du aufnimmst. Also, ich habe jetzt ungefähr 50 Podcast-Folgen aufgenommen und ich bin jedes Mal irgendwie vorher aufgeregt, obwohl ich das immer und immer wieder gemacht habe. Und vor allem die letzten 5 Minuten, bevor das eigentlich losgeht, bin ich so richtig aufgeregt, da tigere ich hier durch das Büro hin und her. Obwohl ich eigentlich weiß, okay, wenn das einmal läuft, dann läuft das. Ich habe immer das Gefühl, ich bin nicht richtig vorbereitet. Wie ist denn das bei dir? Als Prof hast du ja die Erfahrung mit Vorlesungen. Du hast ja zumindest an der Katholischen Hochschule wahrscheinlich sehr viele Vorlesungen gegeben. Ist es da auch so, dass man jedes Mal, selbst wenn man da schon 10 Semester lang Vorlesung gegeben hat, wieder aufgeregt ist?
Stefan: Da kann ich dir eine lustige Anekdote erzählen. Ich habe nach meiner Praxistätigkeit 1999 an ein wissenschaftliches Institut gewechselt. Die haben mich quasi abgeworben, die wollten mich haben. Und dann haben wir 2000 eine große Tagung in Brandenburg gemacht zum Thema Rechtsextremismus, und das war mit drei Ministerien, und ich war da sehr in der Leitung und Verantwortung. Wir haben einen Professor eingeladen, der Experte ist für Rechtsextremismus, also wirklich, der war die Koryphäe damals, aus Magdeburg. Und den habe ich beim Bahnhof abgeholt, so ein Riesenmann, Titus Simon, ich glaube, früher hat er Eishockey gespielt, also ein Bär von Mann, der ist kaum in diesen Kleinwagen reingekommen. Und dann habe ich so bei der Fahrt gemerkt, dass der irgendwie hibbelig ist. Und dann habe ich gesagt: „Was, sind Sie aufgeregt?" Weil er den Hauptvortrag am nächsten Tag gehalten hat. Und da hat er gesagt: „Ja, und das hört nie auf." Wieso? Sie sind doch der Experte.
Und ich muss dir sagen, ich habe jetzt auch schon so viele Vorträge gehalten im kleinen Rahmen, auch im größeren Rahmen, dann eben auch die Vorlesung, auch an der IU die Seminare, und es ist immer so eine Form von Lampenfieber vorher. Genauso wie du es beschreibst. Und ich denke, das ist auch gut, weil das merken die Menschen, dann fokussiert man sich, man nimmt die Situation ernst, man kommt nicht in Routinen, die dann die Zuhörenden oder die anderen Personen, die Teilnehmenden auch in Workshops, die ich anbiete, langweilen, weil sie merken, der spult da so sein Programm ab.
Ich glaube, was die Erfahrung so ein bisschen bringt, ist, dass man so in den ersten Minuten das dann einfach sausen lässt. Das erzähle ich auch den Studierenden immer, wenn die im Kolloquium z.B. zu ihrer Abschlussarbeit total aufgeregt sind. Dann erzähle ich immer diese Geschichte, dass man so in den ersten Minuten die Aufregung einfach zulässt. Und ich glaube, das kommt so ein bisschen mit der Erfahrung. Wird ja bei dir wahrscheinlich auch so gehen. Aber ich glaube, das gehört dazu. Schauspielerinnen haben das ja auch, hört man zumindest.
Christian: Absolut. Für mich gehört das auch dazu. Die ersten Podcast-Folgen war das super schwierig und anstrengend, und irgendwann habe ich gemerkt, ich kann trotzdem mir vertrauen, die Aufregung gehört dazu, und wenn das dann aber losgeht, dann geht die kurz darauf weg und das funktioniert dann schon alles irgendwie, und dann macht das auch Spaß.
Stefan: Also in dem digitalen Kontext merke ich das, ich habe auch schon Online-Vorträge gehalten, also während der Coronazeit. Ich merke schon, in Präsenz spürst du die Resonanz auf einer anderen Ebene noch mal. Das fällt mir dann leichter. Also mir wird immer nachgesagt, ich wäre auch eine Rampensau. Das war ich früher auch an der Katholischen Hochschule. Ich habe z.B. die Vorlesung übernommen, als ich da frisch als Gastprofessor angefangen habe, erstmal weil der Bischof mich nicht einstellen wollte, war ich erstmal Gastprofessor.
Und ich habe dann die Vorlesung bekommen, weil ich die Spielregeln nicht kannte, die keiner machen wollte. „Theorien und Geschichte sozialer Arbeit." Ich habe halt zum falschen Zeitpunkt nicht nach unten geguckt, und ich war der einzige, der nach oben geguckt hatte zur Prorektorin damals bei der Lehrverteilung. Und mir hat es totalen Spaß gemacht, weil das ein tolles Training ist, Vorlesung zu halten, Resonanz herzustellen, gerade bei Themen, die Studierende eigentlich nicht interessieren, also sie dafür zu gewinnen. Wobei über das Thema Vorlesung könnten wir auch mal grundsätzlich reden, ob das eigentlich überholt ist. Es war damals schon grenzwertig, es passt eigentlich überhaupt nicht mehr, Vorlesung zu machen an Präsenzhochschulen, also in den allermeisten Fällen.
Christian: Das habe ich mir auch als Thema notiert, das würde ich dann auch mal ansprechen.
Stefan: Sehr gerne.
Christian: Lass uns doch mal in deinen Bildungsweg erstmal einsteigen. Den fand ich auch so interessant. Da können wir auch ein bisschen mehr Zeit verwenden, um darüber zu reden. Also vielleicht sagst du mal ein, zwei Sätze noch zur Schule, so dass wir ganz am Anfang anfangen. Vielleicht kannst du dich noch dran erinnern, wie du als Schüler warst, ob die Schule Spaß gemacht hat?
Stefan: Schule hat mir richtig viel Spaß gemacht, weil da meine Freunde und Freundinnen waren. Deswegen hat mir Schule Spaß gemacht. Der Rest hat mir auf meine Art Spaß gemacht. Also, ich habe nicht verstanden, was mir das bringt, wozu ich da bin. Und deswegen würde ich sagen, gab's unterschiedliche Perspektiven. Mir hat's viel Spaß gemacht. Ich war phasenweise der Klassenkasper, ich war auch mal der Klassensprecher.
Ich bin auch fast mal wegen politischer Aktivitäten aus dem Gymnasium in der zehnten Klasse geflogen, weil wir so einen rechtsextremen Lehrer hatten, gegen den wir eine Aktion gemacht haben. Und dann sind alle aus der Schule geflogen, bis auf meinen Freund und mich, weil unsere Mütter uns geschützt haben, weil wir die „jungen Verführten" waren. Ist mir im Nachhinein nicht mehr so peinlich wie damals.
Und ich habe schlechte Noten gehabt. Also das hilft meinen Kindern z.B. in dem Leistungsstress, dass ich ihnen immer wieder mein Zeugnis zeige. Hatten wir jetzt gerade wieder mit meiner jüngsten Tochter. Und mein Ziel war immer: nicht sitzen bleiben. Mein bester Freund ist sitzen geblieben. Das war mein Ziel, nicht sitzen bleiben, das ist echt scheiße, wenn du so aus deiner sozialen Gruppe rausgenommen wirst.
Und ich habe dann wirklich noch mal mein Zeugnis geholt, ich war überrascht. Ich bin wirklich erst nach der elften Klasse aufgewacht. Ich war immer so zwischen drei und vier im Durchschnitt. Und in der 12. und 13. hat sich so unsere Clique, das kann man sich jetzt bei mir gar nicht vorstellen, aber wir waren die langhaarigen Hippies ungefähr, wir haben uns zusammengesetzt und wir haben gebüffelt. Wir haben einfach gelernt, gelernt, gelernt. Ich habe einen älteren Bruder und dadurch habe ich ein bisschen verstanden, was so ein Abitur eigentlich ist und was es auch für eine Chance ermöglicht, weil wir nicht aus so einem akademischen Milieu kommen. Unseren Eltern war das wichtig, dass wir eine gute Ausbildung haben, aber es gab da keine Vorbilder in der Familie.
Und dann haben wir uns hingesetzt, und das war krass, vor allem für die Lehrerinnen. Auf einmal waren wir richtig gut. Also ich habe ein, finde ich, verhältnismäßig gutes Abitur gemacht mit 2,1, und davor halt immer zwischen 3 und 4. Und das hat die richtig fertig gemacht, weil immer so die Idee bestand, wenn du das nicht jetzt machst, dann wirst du es später nicht mehr schaffen. Dieses kumulative Wissen. Und diese These haben wir widerlegt, die ganze Clique hat wirklich gute Abiturnoten gemacht.
Und ich finde, wenn man so ein formales System hat und nicht versteht, wozu man drin ist – Schule kommt ja aus einem ganz anderen Jahrhundert und ist immer noch so ein anderes Funktionssystem. Es geht ja nicht wirklich um Bildung, würde ich sagen, im klassischen humanistischen Verständnis. Und wenn da nicht die intrinsische Motivation da ist, muss man es zweckorientiert machen. Und deswegen sage ich meinen Kindern immer: Am Ende müsst ihr gucken, aber zwischendrin dürft ihr ruhig gerne auch mal euren Spaß haben.
Und das Abi war natürlich schon dann hilfreich. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Zwischendrin wollte ich auch mal die Schule hinschmeißen. Hat mein Vater gesagt, also nach der zehnten hat er gesagt: „Ja, kannst du machen, aber nach den Sommerferien hast du eine Ausbildung." Und dann habe ich mich informiert, also wenn ich das gemacht hätte, wäre ich heutzutage wahrscheinlich irgendwo in einer Töpferei. Ich wollte unbedingt Töpfer werden. Und dann habe ich mich informiert und gemerkt, oh, ich gehe lieber in die Schule, weil bei so einer Ausbildung muss man sich richtig anstrengen.
Und deswegen habe ich dann nach dem Abitur erstmal gar nicht gewusst, was ich mache, und habe gesagt, gut, ich studiere. Und dann habe ich in Tübingen angefangen zu studieren.
Christian: Und das im naturwissenschaftlichen Bereich.
Stefan: Genau. Ich habe Geologie und Paläontologie studiert, weil ich in Süddeutschland aufgewachsen bin. Ich fand die Berge immer spannend. Hatte in der Schule auch einen Geologiegrundkurs, den es damals gab. Und es hat mir viel Spaß gemacht. Fand ich auch ein sehr interessantes Studium. Habe in Tübingen mein Grundstudium gemacht und bin dann Ende der 80er an die TU Berlin gewechselt, um mein Hauptstudium da zu machen, und war dann auch in der Diplomarbeit. Und habe dann erst in der Phase eigentlich geguckt, was kann man damit beruflich machen. Heute heißt es ja Employability, Beschäftigungsfähigkeit. Und habe festgestellt, das, was ich eigentlich will – in die Grundlagenforschung –, da ist die Konkurrenz zu hoch, da hätte ich schon viel früher einsteigen müssen und mir irgendeinen Prof suchen, bei dem ich mich einschleime und dann sein Assistent werde, studentische Hilfskraft und so.
Und sonst wäre es die Industrie gewesen, Erdölplattform, Uranbergbau für Atomkraftwerke, das habe ich alles nicht so gut mit mir vereinbaren können. Und dann habe ich wirklich in der Diplomarbeit das Studium abgebrochen, weil ich wusste, wenn ich nach dem Studium fertig bin, werde ich Geld verdienen und dann noch mal in die Studienphase zu gehen, das wird schwierig. Also verzichten ist ja immer schwierig. Deswegen habe ich mich quasi selber ausgetrickst und gesagt: Du brichst jetzt ab, hast keinen Abschluss, dann musst du irgendwas anderes tun. Ich wusste halt noch nicht, was ich tun will. Und das war ein guter Cut.
Und dieser bildungsbiografische Weg – also ich war auch abgenervt von der Universität, die hat mich sehr enttäuscht damals. Also inhaltlich lief es ganz gut, aber die ganze Atmosphäre da hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich war ein bisschen desillusioniert und habe dann an der Fachschule vier Jahre lang eine Erzieherausbildung gemacht. Das war auch nicht wirklich besser, aber irgendwie musste ich ja mal was zu Ende kriegen. Habe ich dann durchgezogen.
Christian: Wie kam denn da die Entscheidung zustande? Also das wäre dann eigentlich schon relativ ein starker Cut, von einem naturwissenschaftlichen Thema zur Erziehung.
Stefan: Also eigentlich wollte ich schon immer Lehrer werden. Und in der Schule, kannst du dir ja vorstellen, Christian, wenn du so ein Schüler bist, haben die alle gesagt: „Um Gottes Willen." Und dann noch so schlechte Noten immer. Und damals war auch so: bloß kein Lehrer werden, demografischer Wandel war damals schon in der Diskussion. Und dann habe ich gedacht, gut, Lehrer, das machst du nicht.
Aber eigentlich wollte ich immer was mit Menschen machen. Das war schon so. Und Kinder und Jugendliche fand ich immer toll. Ich bin auch sozialisiert in dem Jugendzentrum damals in Süddeutschland. Und ich habe dann nach diesem Abbruch erstmal zur Orientierung so einen 6-Stunden-Test beim Arbeitsamt gemacht. Da kam raus, ich könne alles machen, ich wäre sogar ein Sprachtalent. Ich sollte nur nichts Künstlerisch-Kreatives machen. Ich habe halt damals getöpfert, ich habe gemalt, ich hatte sogar eine Ausstellung. Also ich war sehr desorientiert trotz dieses langen Tests.
Und dann bin ich einfach diesen Weg gegangen. Also diese Erzieherausbildung war krass. Vier Jahre, ich musste ein einjähriges Vorpraktikum machen, zwei Jahre Fachschule, dann noch ein einjähriges Anerkennungspraktikum. Und dieses Vorpraktikum hat mir sehr geholfen. Ich wusste, auf was ich mich da einlasse, auf eine verantwortungsvolle, tolle Tätigkeit als Erzieher.
Das ist ja heutzutage auch anerkannt als ein Bildungsprozess, Kita, und nicht nur ein Versorgungsprozess, also zumindest in den Wissenschaften, in der Praxis nicht immer. Und das hat mich sehr fasziniert. Und deswegen bin ich dann auch mit dieser Erzieherausbildung in die Praxis gegangen. Erst in der Kita gearbeitet, in der Krabbelgruppe. Das war sehr irritierend für die Chefin, für die war völlig klar, wenn da ein Mann kommt, geht er in den Hort. Macht sowas mit den größeren Jungs und Mädels. Aber ich habe gesagt, ich will in die Krabbelgruppe, also bei den Säuglingen.
Habe da gearbeitet und bin dann vom Bezirksamt abgeworben worden, ob ich nicht einen Abenteuerspielplatz leiten will. Und so ging das dann Stück für Stück weiter. Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber ich habe gemerkt, mit so einer Fachschulausbildung hängst du fest. Es ging relativ schnell, meine Karriere in dem Sinne, aber ich habe dann in kürzester Zeit das erreicht, was man mit einer Erzieherausbildung erreichen kann. Ich war Leiter in der Anerkennung eines Sozialarbeiters, weil ich den Abschluss nicht hatte. Und damit war ich an der höchsten Stufe. Und dann hätte ich das noch 40 Jahre weitermachen können.
Und das hat mir damals den Schwung gegeben, neben meiner Leitungstätigkeit mit dem Jugendzentrum – also ich hatte immer das Glück, dass da jemand mich wollte in dem Bewerbungsverfahren – dass ich gesagt habe: Nebenbei werde ich noch studieren. Und dann habe ich mit 30 noch mal angefangen, Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Wieder an der TU Berlin, und habe das studiert neben der Leitungstätigkeit.
Und das ist bei uns jetzt auch vor allem an der IU ein großer Vorteil. Wir haben sehr viele, die so eine Bildungsbiografie haben, also z.B. für Soziale Arbeit viele Erzieherinnen und Erzieher, die dann noch mal so ein Studium drauflegen. Und wenn ich denen so ein bisschen erzählen kann, dass ich auch so einer bin, der weiß auch, was für eine Anstrengung das ist neben der Arbeit, neben der Familie. Da ist auch viel Verzicht drin. Aber diese Studierenden z.B. bei uns, die haben eine extrem hohe Motivation, die wissen, wozu die das studieren. Also ganz anders als ich damals mit 19, als ich Geologie studiert habe.
Christian: Ja, das merke ich auch immer in den Gesprächen mit den Studierenden. Hatte ich auch hier im Podcast schon, ich glaube, ein, zwei Gäste, die tatsächlich auch erst die Erzieherausbildung gemacht haben, dann sich dafür entschieden haben, noch mal zu studieren, teilweise auch wirklich aus dem Interesse heraus, auch aus dem Drang heraus, sich da noch ein bisschen zu professionalisieren. Und das geschieht dann eben auch berufsbegleitend.
Also du hast dieses Studium dann auch neben dem Vollzeitjob gemacht?
Stefan: Absolut. Ja, aber eben nicht – sage ich jetzt mal im Rückblick – in einem Fernstudium. Also die FernUni Hagen gab's damals auch schon, aber wie heute leider auch immer noch nicht mit Sozialer Arbeit. Den Studiengang hat die FernUni Hagen meines Wissens nach immer noch nicht. Und eben auch nicht berufsbegleitend, sondern ich habe das Regelstudium an der TU gemacht neben einer Vollzeitleitungsstelle.
Das war schon krass. Aber ich war ganz anders aufgestellt. Also es war sehr lustig. Als ich mit 19 angefangen habe, habe ich auch so ein paar ältere Männer da im Geologiestudium gesehen und habe gedacht: „Boah, was sind das für verkrachte Existenzen, wenn die da mit 30, Anfang 30 noch studieren." Und auf einmal war die Sicht andersrum, da haben mich so 18-, 19-Jährige angeguckt: „Was macht der Alte hier?"
Aber ich konnte natürlich ganz anders studieren als im ersten Studium. Das hat natürlich schon Vorteile, aber es war eine krasse Erfahrung. Aber hat sich gelohnt.
Christian: Sage ich meinen Studierenden dann auch immer. Also eine ähnliche Erfahrung habe ich auch: Ich habe so 2018 oder 2019 auch gedacht, okay, ich werde mich noch mal an einer richtigen Hochschule, also an der Uni, Präsenzhochschule einschreiben. Und dann bin ich ja auch mal zu den Vorlesungen, das war natürlich noch mal eine ganz andere Perspektive. Die ganzen jungen Menschen, ganz andere Generation eigentlich auch als die Generation, in der ich war, als ich noch jung war und studiert hatte. Das war super interessant. Leider kam dann die Coronazeit, dann war plötzlich keine Präsenz mehr möglich. Beim Digitalen war völliges Chaos, das hat gar keinen Spaß gemacht, und deswegen habe ich das dann auch nicht fortgesetzt.
Aber ja, das kann ich voll nachvollziehen, diese Perspektive. Und sag mal, du hast das Studium dann abgeschlossen – kam da im Studium dann die Entscheidung dazu, zu promovieren?
Stefan: Nein, gar nicht. Also Promotion – meine damalige Frau hat promoviert und ich habe mein Diplom gemacht. Ich versuchte sozusagen, akademisch ihr noch wenigstens halbwegs folgen zu können. Und damit war für mich das Thema akademische Ausbildung abgeschlossen. Ich bin damals aus der Praxis wieder abgeworben worden von so einem Praxisforschungsinstitut. Die wollten mich in ihrem Team haben, weil die auch Praktikerinnen und Praktiker haben wollten. Und das war 2000, da hatte ich mein Diplom und da war ich glücklich.
Und dann kam meine älteste Tochter auf die Welt, und mit meiner damaligen Frau hatten wir die Vereinbarung – da bin ich ihr bis heute dankbar, dass sie sich auch darauf eingelassen hat – dass wir uns die Erziehung teilen, ganz pragmatisch auch halbe Woche immer. Ich war die erste halbe Woche zuständig für unsere Tochter damals und sie die zweite Hälfte, weil sie eine halbe Stelle hatte.
Und ich habe dann Jobs gesucht, weil ich mich dann aus diesem Institut gelöst habe, als das Kind auf der Welt war, weil wir da Streitereien hatten. Und ich habe mich selbstständig gemacht, weil das die einzige Chance war, als aktiver Teilzeitvater einen anspruchsvollen Job zu machen. Ich habe keinen bekommen. Ich bin zweimal eingeladen worden, war sozusagen vor der Unterschrift des Vertrags, gute Jobs, und da habe ich eben gesagt: flexible Arbeitszeit, ich arbeite gerne 50 Stunden, aber die halbe Woche werktags bin ich nicht da. Homeoffice, all sowas gab's damals nicht in der Form.
Und deswegen habe ich mich entschieden, mich selbstständig zu machen. Das war hart. Es war richtig hart. Die ersten 5 Jahre, kann ich so offen sagen, waren echt scheiße. Aber ich war 15 Jahre lang selbstständig tätig als Fachkräftetrainer, als Praxisberater, habe Organisationsentwicklung gemacht im Sozialbereich, Praxisforschung gemacht.
Und bin dann an die Katholische Hochschule gekommen und war da Lehrbeauftragter. Und eine Professorin, die Silvia Kroll, werde ich ja auch nie vergessen, die hat dann irgendwann zu mir gesagt: „Mensch, du bist – die Lehre macht dir so einen Spaß und das ist doch dein Feld. Willst du nicht promovieren?" Und ich: „Ich promoviere? Froh, dass ich mein Diplom habe. Mir geht's gut." Und dann hat sie halt weiter an mir rumgeackert: „Mensch, du wärst echt ein guter Prof. Du bist ein guter Hochschullehrer." Und dann habe ich mit 40 erst angefangen zu promovieren, und das neben meiner Selbstständigkeit, mit den Kindern halbe Woche Papa, habe ich noch eine Promotion quasi als mein damaliges Hobby durchgezogen, 5 Jahre lang. War auch eine krasse Erfahrung.
Und so bin ich quasi aus Versehen – es war nie mein Karriereziel – aus Versehen in die Hochschule gekommen. War dann erstmal Gastprofessor mit einer halben Professur ohne Berufungsverfahren. Und dann haben die mich irgendwann überzeugt, ich soll mich doch da richtig bewerben, was dann wegen des Bischofs erstmal nicht ging, weil ich mehrfach verheiratet war. Eine katholische Hochschule, kannst dir vorstellen. Also kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen, aber es war damals ein echtes Problem. Es brauchte drei Bischöfe, bis der dann irgendwann sagte: „Mensch, der arbeitet jetzt schon seit 15 Jahren bei uns hier in der Lehre. Also so schlimm kann er wohl nicht sein." Der jetzige Bischof hat dann gesagt, er lässt das Verfahren zu, dass ich mich in so ein Berufungsverfahren begebe. Also er kriegt ja die Stelle nicht einfach so. Das war eine spannende Erfahrung, meine erste Berufung. Aber es war nie ein Karriereziel, es ist quasi on the way passiert.
Christian: Na ja, in dem Sinne schon, weil du ja gesagt hast, du wolltest irgendwie aber auch als Lehrer arbeiten. Bist ja dann Lehrer geworden in dem Sinne.
Stefan: Da hast du recht, Christian. Ich bin dann schlussendlich trotz aller negativen Vorhersagen doch noch als Lehrer gelandet. Und dafür bin ich auch wahnsinnig dankbar. Es ist wirklich eine tolle Arbeit, sehr privilegiert, Hochschullehrer zu sein. Und ich glaube, ein besserer Kontext als Schullehrer.
Weil, wie wir gerade schon hatten, in der Regel ist die intrinsische Motivation da. An meiner alten Hochschule, als ich die ersten Semester diese besagte Vorlesung hatte, habe ich die immer begrüßt. Am ersten Vorlesungstermin habe ich gefragt: „Na, wer von euch ist denn hier, weil die Familie es will?" Es gibt ja so Arztfamilien, Juristenfamilien, da müssen die Kinder quasi. Habe ich mich alle angeguckt und was? „Nein, niemand zwingt uns. Wir mussten dafür kämpfen, manche, dass sie überhaupt Sozialarbeit studieren dürfen, weil die Eltern sagen: Gott, studier doch nicht sowas."
Und damit konnte ich ihnen deutlich machen: Ihr seid freiwillig hier, es ist kein Zwangskontext wie bisher die Schule. Da hatten wir sehr viele sehr junge Studierende, ein bisschen anders als jetzt an der IU bei uns im Fernstudium. Ich bin ja nur im Fernstudium. Wir haben ja auch das duale Studium, da mache ich nicht mit, weil ich da auch so eine andere Sicht habe zum Thema duales Studium.
Und diese intrinsische Motivation, mit Leuten, die wirklich eine Anstrengung auf sich nehmen für ihren eigenen bildungsbiografischen Weg, das zu begleiten, ist super privilegiert. Es macht wahnsinnig viel Spaß.
Christian: An der Stelle möchte ich noch mal ganz kurz ein Plädoyer dafür halten, trotzdem auch Schullehrer zu werden, Grundschullehrer oder so, weil wir einfach wirklich einen ganz schlimmen Mangel an Lehrkräften haben. Das merke ich auch hier immer, gerade im naturwissenschaftlichen Bereich beispielsweise ist es wirklich schwierig momentan, für die Schulen Lehrer zu finden.
Stefan: Absolut. Das unterstütze ich dich, gleichzeitig: Weil ich durch Soziale Arbeit viel mit Schulen zu tun habe – es gibt großartige Lehrkräfte. Es gibt auch teilweise wirklich großartige Schulleitungen. Aber der Gesamtkontext, also das, was drumherum ist als Funktionssystem, das hindert vieles.
Ein Thema, was mich wissenschaftlich und auch in der Praxis stark beschäftigt, ist das Thema Inklusion. Und auch das ist sowas, wo dann klar ist, dass das scheitert am Gesamtkontext in unserer Gesellschaft. Wenn man das im internationalen Vergleich sieht, ist das Thema Inklusion in Deutschland wirklich beschämend. Da sind viele Länder deutlich weiter, und wir müssten eigentlich sehr weit sein.
Und das meine ich mit diesem Kontext, ich habe immer Probleme gehabt mit abstrusen Kontexten.
Christian: Ja, da können natürlich die jungen Menschen, die Lehrer oder Lehrerinnen werden möchten, ganz viel versuchen, von innen heraus zu ändern. Aber auch wir als Ältere können eigentlich ganz viel machen, wir haben ganz viele Mitwirkungsrechte an Schulen, in Kitas. Das muss man irgendwie auch nutzen. Ich weiß, da haben viele keine Lust drauf, irgendwie in irgendwelche Gremien zu gehen oder da Elternbeirat oder sowas mitzuwirken. Aber auch von da aus kann man viel bewegen.
Stefan: Total, Christian, total. Das wäre wahrscheinlich eine eigene Folge wert.
Also, ich war auch bei meinen vier Kindern, die hier bei mir aufgewachsen sind, in allen vier Kindern in der Privatinitiativen-Kita, war dann auch 12 Jahre im Vorstand tätig. Die Kita ist modellhaft für das Thema Kita auch, fast keine Fluktuation bei den Kolleginnen. Ich war natürlich Elternsprecher, ich war Gesamtelternvertretung aktiv, ich war bis hoch in die Schulkonferenz.
Aber auch da merkst du, da kannst du viel gestalten. Und ich sag mal, da waren teilweise auch die anderen Eltern eher das Problem. Und auch das Wissen überhaupt, was man alles gestalten kann. Wir haben z.B. in Berlin eines der tollsten Schulgesetze, was Mitgestaltungsmöglichkeiten angeht. Wir haben es damals in der einen Schule geschafft: Wir haben festgestellt, die Schulstunde ist gar nicht quantifiziert. Alle gehen davon aus, das müssen 45 Minuten sein, ist aber nicht so. Und wir haben das dann in zweieinhalb Jahren geschafft, dass die Schule auf 40 Minuten gegangen ist. Und dadurch gab's mehr Freiräume, mehr Gestaltungsräume. Also gibt's total viel. Du kannst auch später anfangen, dann hörst du halt später auf. Also solche Gleitzeitmodelle. Man kann wirklich viel machen. Aber es gibt noch sehr viel zu tun.
Christian: Ganz genau. Gut, dann lass uns mal den nächsten Themenkomplex angehen. Nämlich deine Arbeit an der IU und generell überhaupt das Studium an der IU. Wir haben im Vorgespräch auch so ein bisschen geklärt, dass du auch ein bisschen kritisch viele Dinge siehst, auch an der IU, natürlich auch an der Katholischen Hochschule, an der du vorher warst. Also wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, hast du als Professor an der Katholischen Hochschule ungefähr 10 Jahre gearbeitet?
Stefan: Genau, erst als Gastprof und dann als ordentlich berufener Prof. Und dann bin ich aktiv auf die IU zugegangen, habe mich da ans Berufungsverfahren geworfen, weil mich vor allem das Thema digitale Hochschule und Fernhochschule interessiert hat, und dann mit dem Thema Soziale Arbeit. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Und gleichzeitig habe ich aber an der Katholischen auch schon – wir hatten das gerade mit den Vorlesungen – irgendwann festgestellt, das ist doch völlige Personalverschwendung, dass ich jedes Jahr die gleiche Vorlesung mache. Also für mich war es ein easy Job, aber der hat mich irgendwann auch gelangweilt.
Also habe ich dann an der Katholischen einfach selber angefangen, mit einer Videokamera meine Vorlesung aufzunehmen. Es gab quasi keinen Support dafür. Und habe einfach Inverted Classroom, wie das so schön heißt, gemacht. Das heißt, ich habe die reine Wissensvermittlung ihnen per Video – ich musste mir dann selber einen YouTube-Kanal aufbauen und so ein Zeug machen. Die haben mich nicht gehindert dran, aber es wurde nicht unterstützt, weil ich gesagt habe: Die spannende Zeit ist doch eher, dass wir darüber diskutieren. Sodass ihr eure Zeit auch flexibler nutzen könnt, das Wissen aufzunehmen, weil vielleicht seid ihr Dienstag morgens um 10 Uhr gar nicht so fit, dann guckt ihr euch halt das Video an, wann auch immer.
Und dann, wenn wir zusammen sind, dann diskutieren wir: Was habt ihr verstanden, was habt ihr nicht verstanden? Ich habe damals das auch – es gibt auch eine Veröffentlichung dazu – weil wir dann so ein Projekt da gemacht hatten, es gab auch noch so jüngere Leute zur Hochschuldidaktik und all sowas. Und das wusste ich eben, das ist an der IU ganz anders aufgestellt.
Das hat mich so ein bisschen neugierig gemacht, aber gleichzeitig eben auch viele Fragezeichen: Wie kann sowas funktionieren in Sozialer Arbeit, wo es viel um Interaktion, um Kommunikation geht, viel um Handlungswissen? Wenn man die Leute nie sieht in Präsenz – ich sehe sie digital, aber nie in Präsenz. Und mir gefällt sowas, einfach einzutauchen in etwas, was ich kritisch sehe. Es wurde viel Kritisches diskutiert über Digitalisierung und solche Sachen im Wissenschaftsbereich.
Und ja, das hat mich neugierig gemacht, und das war auch echt krass am Anfang. Ich habe das manchmal so gesagt: Ich habe nicht die Hochschule gewechselt, sondern ich habe einen neuen Job. Erst dann wurde das bei mir wieder eine Balance, weil die Lehre schon ganz anders aufgebaut ist, komplett anders.
Christian: Das war ja eine große Umstellung. Also so ein bisschen Neugier auch als Entscheidungsgrund dafür, dass du dann zu der IU gewechselt bist. Das Thema Vorlesung hast du jetzt schon mal angesprochen, das hatte ich eigentlich auch noch so ein bisschen als Frage. Ich kenne das auch aus meiner eigenen Studienzeit. Irgendwie liebte ich diese Vorlesungen, oder habe ich das immer geliebt, einfach die ganze Stimmung drumrum. 10 Minuten vorher sich im Vorlesungssaal hinsetzen, da in seine Unterlagen gucken, drauf warten, dass es losgeht, kommen irgendwie nach und nach alle, seinen Kaffee da trinken und so weiter, sich mit den Kommilitonen unterhalten.
Und dann letztendlich war es aber immer anderthalb Stunden sich berieseln lassen. Das war in meiner Zeit, wo ich studiert habe, so um 2000 bis 2005, wo ich viele Vorlesungen hatte. Da gab's noch nicht so extrem PowerPoint-Präsentationen. Das kam erst so langsam, da hatte noch nicht jede Lehrkraft einen Laptop und die Möglichkeit, da eine Präsentation an die Wand zu beamen. Deswegen gab's noch häufiger so Overhead-Projektoren, Folien oder sowas, aber ansonsten eher doch einfach ein Vortrag, aber eben ohne Interaktion. Meistens ganz selten mal, dass da eine Frage gestellt wurde, oder man konnte dann mal nach der Vorlesung 5 Minuten kurz sprechen, wo da dann auch nicht wirklich Zeit war. Die Interaktion fand in den Seminaren statt, deswegen habe ich mich dann auch relativ schnell gefragt, was soll diese Vorlesung? Was mache ich hier eigentlich, außer diese Stimmung mitzunehmen? Ich könnte das doch auch viel zu Hause viel schneller konsumieren. Ich könnte ein Video in doppelter Geschwindigkeit laufen lassen oder das Ganze in meiner Geschwindigkeit irgendwie zwischendurch anhalten, irgendwas nachrecherchieren und so weiter. Also interessant, dass das aus Professorensicht eigentlich genauso eine veraltete Lernmethode ist.
Stefan: Absolut. Es gibt Leute, die können richtig gut Vorlesungen halten, weil sie irgendwie spannende Präsentationstechniken haben, spielen mal ein Video ein, machen interaktive Sachen, spielen eine Frage zurück und die diskutieren das mal in Vierer-, Fünfergruppen kurz. Aber allein das hat mich damals schon angestrengt, weil so ein Vorlesungssaal einfach nicht dafür gemacht ist. Da kannst du ja nicht mal eine Vierergruppe bilden, wenn du sagst: „Drehen Sie mal Ihren Stuhl um." Da sitzen die fest.
Und ich habe das einfach so gemerkt. Und auch aus der Historie kommen Vorlesungen eigentlich daher, weil es um Wissensvermittlung ging, weil das Wissen nicht so frei verfügbar war. Bücher waren eine Mangelware. Und heutzutage ist es komplett anders. Und da muss finde ich Bildung einfach auch mitgehen, andere Möglichkeiten herzustellen.
Und das finde ich an der IU schon cool, dass wir da über Lehrvideos – also das ist ja auch mein Job. Ich durfte auch die ersten drei Jahre die Studiengangsleitung machen. Also erstmal, kann ich glaube ich so offen sagen, der Studiengang am Anfang hatte nicht wirklich viel mit Sozialer Arbeit zu tun.
Christian: Mhm.
Stefan: Und das war meine Aufgabe, den erstmal so aufzustellen, wie er jetzt aufgestellt ist. Und ich finde, der kann sich echt gut sehen lassen. Ist jetzt noch mal reakkreditiert worden. Und dann übernimmst du Kurse und du kannst die auch als Modulverantwortlicher komplett neu gestalten, inhaltlich entsprechend der Ziele. Das heißt, du schreibst ein Skript, also ein Fachbuch, bei uns sind die teilweise sehr umfangreich. Und dann gibt es dazu Lehrvideos, die das noch mal auf einem anderen medialen Zugang den Studierenden nahebringen.
Und dann hast du die Möglichkeit, Prüfungsformate zu entwickeln, sehr unterschiedliche. Und dann haben wir eben auch noch die Möglichkeit, digital dazu Live-Sessions zu machen. Ich hatte gestern Abend wieder in meinem Lieblingskurs eine, und da kannst du eben auch – das klappt ja auch wunderbar digital – einen Input machen, wenn sie was hören wollen. Gestern haben wir ein Thema diskutiert aus den Inhalten, also Konstruktivismus, welchen Einfluss der hat in der Sozialen Arbeit, und aber auch z.B. das Thema ChatGPT. Und dann diskutieren die miteinander, wenn es eine größere Runde ist, kannst du ja auch kleine Gruppen machen.
Also diese Vielfältigkeit holt viele ab. Das merke ich, diese Selbstbestimmung holt sehr viele ab. Was glaube ich ein Mangel ist, ist das Konstruieren von Kohorten, weil wir keine klassische Semesterstruktur haben, wir haben keine Gruppen. Und das ist schon wichtig, dass die Studierenden sich da nicht verloren fühlen.
Und das organisieren wir: Jeder Kurs hat seinen Teamsraum, die Teamskanäle, verschiedene Kanäle in einem Kursraum. Und die zu moderieren, dass die auch miteinander sich austauschen – und da läuft total viel, also Wissensfragen, Diskussionsfragen. Und da eine Atmosphäre zu schaffen: Ihr seid hier gemeinsam unterwegs, traut euch, bringt was rein. Aber auch nicht dienstleistungsorientiert, wie das manche Studierende gerne haben, jede Frage zu beantworten, sondern ich frage dann: „Okay, was hast du denn schon verstanden von dem Thema?" Dass sie dann auch was zurückspielen. Also das ist auch eine ganz wichtige Form unserer Lehre, diese Teamskanäle. Und da ist auch echt, also das ist natürlich auch anstrengend, wenn du das so aufbaust. Da ist dann viel Kommunikation, viel Traffic, wir haben teilweise auch echt große volle Kurse. Da sind schon viele Nachrichten dann in einem Kursraum am Tag unterwegs. Aber das macht totalen Spaß, zu sehen, womit beschäftigen die sich, was läuft da gut.
Also von daher: Die Lehre an der IU ist komplett anders als an meiner Präsenzhochschule. Überhaupt nicht langweilig. Und was eben auch ein großer Unterschied ist: Durch die Fernhochschule müssen sie in jedem Kurs eine Prüfungsleistung machen. Das ist echt hart und krass. Also jeder Kurs muss mit einer Prüfungsleistung, da kannst du nicht einfach nur im Seminar sitzen und einen Teilnahmeschein bekommen, so wie das teilweise auch an meiner früheren Hochschule war. Und da wird schon viel von ihnen verlangt.
Und da haben wir gestern auch drüber diskutiert, dass ich da völliges Verständnis habe, dass man auch manches mit einem gewissen Pragmatismus – man will es einfach nur hinter sich bekommen – studiert. Finde ich auch völlig okay. Man kann nicht 36 Module gleich intensiv fachlich inhalieren. Aber da hatten wir dann eben mit ChatGPT drüber gesprochen, dass das, so wie es manche versuchen, nicht funktioniert. Dass ChatGPT oder andere KI-Systeme ein Instrument sind, aber nicht die Arbeit abnehmen. Und das zu vermitteln hat durchaus auch ein bisschen Spaß gemacht.
Christian: Du hast ja z.B. die Prüfungsformate angesprochen. Wie ist denn da so der große Unterschied zur Tätigkeit an der Präsenzhochschule? Gibt's da große Unterschiede, oder gibt es sehr viele Klausuren an der IU, auch im Studiengang Soziale Arbeit?
Stefan: Also in dem neuen Curriculum nicht mehr so viele Klausuren. Das war ein Job von mir, Klausuren rauszunehmen. Es gibt Klausuren noch, aber dann haben wir Workbooks, das ist so in der Studieneingangsphase, denke ich, auch ganz okay. Und dann die klassischen Sachen: Hausarbeit, Seminararbeit, also da gibt's kein Skript, da müssen sie selber recherchieren und sich mit dem Thema auseinandersetzen. Fachpräsentationen, also klassisch Referate, die sie dann hochladen bei uns.
Wir haben Projekte, wir haben – ich habe einen Kurs, fand ich total klasse, dass die IU das auch ermöglicht hat – zum Thema Selbstreflexion und Professionalität, also eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie herzustellen. Also wir haben sehr vielfältige Prüfungsformate mittlerweile in dem Studiengang, und deswegen ist das für mich sehr abwechslungsreich.
Technisch klappt es auch sehr gut, finde ich. Also wir können über die verschiedenen Systeme den Studierenden – und das finde ich einen wichtigen Aspekt – Rückmeldung geben. Da kriegst du ja nicht nur die Note, sondern du kriegst auf alles genaue konkrete Rückmeldung. Das wird unterschiedlich intensiv gehandhabt, aber das ist an jeder Hochschule so. Mir macht es total viel Spaß, die Korrekturen eben so zu machen, dass sie darüber – da sind sie natürlich am meisten aufmerksam. Sehr logisch. Was habe ich gut gemacht, was habe ich schlecht gemacht? Und nicht nur einfach die Note zu bekommen.
Also der große Unterschied, wenn ich so mit Kollegen von früher spreche, ist einfach die Menge. Die Menge, die wir an Prüfungsleistungen haben als Profs, die ist schon krass. Das hat sich jetzt auch ganz gut geregelt an der IU in den letzten Jahren, dass es da eine Begrenzung gibt pro Kurs für den Prof. Und dann haben wir halt ein Korrektorenteam, mit dem wir zusammenarbeiten, die wir gut briefen, die uns da viel Unterstützung geben. Aber die Größe ist einfach sehr beeindruckend an der IU. Gerade auch wir mit Sozialer Arbeit – das ist der studierendenstärkste Studiengang. Hat alle Studiengänge innerhalb kürzester Zeit überholt.
Christian: Sag mal, anderes Thema: Das Thema Forschung an der IU. Das ging jetzt, als wir diesen Podcast aufnehmen, ganz ein bisschen durch die Medien, angestoßen durch einen Artikel in der FAZ, den verlinke ich auch gerne in den Shownotes für diesen Podcast. Da wird so ein bisschen kritisiert, dass die IU nicht besonders forschungsstark sei. Kannst du da vielleicht ein paar Worte aus Professorensicht sagen?
Stefan: Also was ich sagen kann, ist, dass wir ein Forschungsreferat haben an der IU. Das gab's von Anfang an, seitdem ich da bin. Ich bin 2019 an die IU gewechselt. Und ich glaube 2020 gab es einen kritischen Blick vom Wissenschaftsrat bei der Akkreditierung. Da war das Thema Forschung stark im Blick. Und daraufhin hat die IU das Thema wirklich intensiviert und hat aus dem Forschungsreferat auch ein Prorektorat gemacht. Also wir haben einen Prorektor, den Kamal, für Forschung, und der hat dann ein richtiges Forschungsförderprogramm aufgesetzt.
Also du kannst dich z.B. – du musst dich intern bewerben, kriegst du nicht einfach so als Prof – aber du kannst so einen Inkubator, nennt sich das, machen. Da kriegst du dann für bis zu 2 Jahren Finanzmittel für Reisen und so. Du kriegst eine studentische Hilfskraft, du kriegst Semesterwochenstunden-Erlass, um ein Forschungsprojekt vorzubereiten. Wir haben aber auch bis hin zu einem Research Center und Research Institute, also die Förderungen werden dann auch von der Hochschule immer größer.
Also eine Unterstützung, aber eben auch klassische Aspekte. Ich durfte jetzt z.B. von letztem Jahr Oktober bis April ein Forschungssemester machen. Also ich war von der gesamten Lehre ein halbes Jahr befreit, um es in Forschung zu setzen.
Also da hat der Kollege von der Zeitung, wie soll ich sagen, vorsichtig nicht so tief recherchiert. Da sind ja auch in dem Artikel einfach handwerkliche Fehler. Jede Fachhochschule, wir sind eine Fachhochschule, kann sich University of Applied Sciences nennen, also anwendungsorientierte Hochschule. Und deswegen, wir sagen nicht, wir sind eine Universität, das ist der englische Begriff.
Aber wir sind natürlich strukturell als Fachhochschulen – das betrifft ja nicht nur die IU – benachteiligt im Sinne von Forschung gegenüber Universitäten. Das hätte er deutlicher herausarbeiten können, der Kollege. Also wir haben doppelte Lehrlast in der Regel. Wir haben keine strukturelle Unterstützung, also wir haben keine wissenschaftlichen Mitarbeitenden an Fachhochschulen. Das ändert sich in einigen Bundesländern seit wenigen Jahren, aber nicht in dem Maße wie an Universitäten. Wir haben kein Sekretariat wie an Universitäten, an den Lehrstühlen, all sowas. Aber auch als private Hochschule haben wir zu öffentlichen Forschungsmitteln teilweise keinen Zugang. Also wir können uns bei bestimmten Forschungsprogrammen auch gar nicht bewerben.
Und wenn ich mir so die Veröffentlichungslisten angucke der Kolleginnen – also wir haben auch habilitierte Kolleginnen an der IU, also die auch die Zulassung haben, an der Universität zu arbeiten. Was wir da an Veröffentlichungen haben, ist total breit, wirklich richtig breit. Da wird viel veröffentlicht.
Also deswegen, ich konnte dem Artikel bei aller kritischen Perspektive, die ich gerne habe, nicht wirklich folgen. Es gibt vielleicht andere kritische Punkte an der IU, aber das Thema – also was Kamal mit seinem Team aufgebaut hat, ist ein tolles Team. Ich kriege jede Woche Informationen, wo es Möglichkeiten gibt, Forschung anzugehen, Forschungsmittel zu akquirieren, Ausschreibungen. Es wird alles uns zugearbeitet, themenspezifisch. Wenn wir Anträge stellen wollen, gibt's da Kolleginnen, der hat ein richtiges größeres Team, teilweise promovierte Leute dabei, die wirklich Ahnung haben von Wissenschaft und Forschung, die uns da echt supporten.
Also deswegen, da hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig viel getan in den verschiedenen Studiengängen.
Christian: Ja, was ich so beobachte, kommt da auch relativ viel in der Öffentlichkeit letztendlich an. Ich bin ja so im Hochschulmarketing auch tätig, und dann bekomme ich häufig gerade von der IU Pressemeldungen, hier gab's noch eine große Umfrage zu irgendeinem Thema, Befragung von ganz vielen Menschen zu Themen, die auch wirklich interessant und hilfreich sind. Und von anderen Hochschulen bekomme ich dann nicht so viel mit wie von der IU.
Stefan: Absolut. Also das glaube ich, ist wirklich ein wichtiger Punkt. Und da bin ich jetzt auch gerade mit Kolleginnen dran, wie man den Transfer von wissenschaftlichem Wissen populärer verbreitet. Also da haben wir gerade so eine bisschen verrückte Idee, die ich da ins Spiel gebracht habe, wie man sowas machen kann. Bereiten wir vielleicht auch so einen Inkubator vor an der IU. Darf ich jetzt noch nicht so viel zu verraten, falls das die Kolleginnen vom Forschungsreferat hören.
Aber da kommt eventuell was. Und was ich damit sagen will, was großartig ist: Wir haben ja unfassbar viele Studiengänge und damit wahnsinnig viel Wissen unterschiedlichster Art. Und das habe ich noch nie so unkompliziert erlebt, dieses Transdisziplinäre. Ich bin in zwei, drei so Gruppen drin zum Thema Inklusion und zum Thema Familienwissenschaften. Und da sind nicht nur Leute aus der Sozialen Arbeit drin, sondern aus der Kindheitspädagogik, aus der Inklusionspädagogik, aus den Gesundheitswissenschaften.
Und wir können uns Support holen, wenn man eine verrückte Idee hat, aus Computer Science, aus Marketing. Und dann kann man wirklich transdisziplinär zu einem Thema arbeiten. Wie kriegt man wissenschaftliche Erkenntnisse an bestimmte Adressatengruppen rüber? Weil das ja ein wichtiges Thema eigentlich auch von Forschung ist, nicht in so einem geschlossenen Raum unterwegs zu sein, sondern auch Wissen wirklich populär zu transportieren, gerade in Handlungswissenschaften.
Und diese Transdisziplinarität, dieses nicht Abgeschottete, das ist wirklich unfassbar. Auch innerhalb des Fachbereichs: Unsere Kolleginnen und Kollegen innerhalb der Sozialen Arbeit, wir arbeiten super toll zusammen. Das habe ich so noch nie erlebt. Also diese Gockelei, diese Eitelkeiten und Abgrenzungen, Fraktionsbildung – erlebe ich bisher nicht innerhalb der Sozialen Arbeit, aber eben auch mit den Kolleginnen aus den anderen Studiengängen. Das ist wirklich toll.
Also das ist ein Phänomen. Und die allermeisten davon, Christian, das ist ja für mich auch so – wie ich sozialisiert bin, weißt du, wenn früher mein allerältester Sohn viel mit Facebook unterwegs war, habe ich das auch sehr kritisch gesehen und gedacht, das ist doch nichts Echtes, keine echten Freundschaften und Beziehungen, weil der weltweit auch vernetzt ist mit Freunden und Kontakten.
Und das habe ich an der IU erlebt, dass ich viele Kolleginnen immer noch nicht persönlich getroffen habe in den letzten sechs Jahren, und wir arbeiten total eng zusammen. Es haben sich teilweise, also wir treffen uns auch abends auf ein digitales Feierabendbier manchmal. Also solche Sachen, wie die sich entwickeln, dass da so eine Kollegialität entsteht, das ist für mich wirklich auf einer anderen Ebene eine der größten Überraschungen.
Und deswegen klappt das, glaube ich, auch. Das ist wirklich ein interessantes Phänomen. Klappt das eben auch mit dieser Transdisziplinarität. Also wenn ich irgendwo bei jemandem anklopfe, da ist nicht diese skeptische Zurückhaltung, sondern da ist immer eine neugierige Offenheit: „Ja, Stefan, lass uns mal drüber reden." Und es ist halt auch viel unkomplizierter, du kannst dich digital schneller mal treffen und verabreden. Das ist wirklich sehr angenehm.
Christian: Also das passt auch zu meiner Beobachtung, dass sich die Rolle des Professors oder der Professorin eigentlich total ändert in den letzten Jahren. Professoren sind heute auf TikTok z.B. unterwegs, auf eine Community hin. Wir haben uns über LinkedIn eigentlich kennengelernt, wo du mir vielleicht auch das Du angeboten hast. Das wäre gar nicht denkbar gewesen in der Zeit, in der ich angefangen habe zu studieren, vor vielen Jahren. Da war das so wirklich immer ganz – ich meine, du bist schon noch eine Respektsperson, aber da waren das so Menschen, die waren ganz weit weg. Ich meine, im besten Fall vielleicht 20 Meter im Vorlesungssaal oder 5 Meter, aber ansonsten hat man da nicht viel Kontakt gehabt.
Stefan: Ja, absolut. Also allein das Thema – ich mache das immer so im Witz, weil das ein bisschen wie bei IKEA bei uns ist an der IU: Wir duzen uns alle, rauf bis zum obersten CEO innerhalb der Organisation, aber eben auch mit den Studierenden. Und ich habe das damals an meiner alten Hochschule auch schon immer gemacht, und ich war die Ausnahme, weil ich natürlich als Sozialarbeiter wusste: Es geht um Beziehung, um Zugänge. Wenn ich Bildungsprozesse anregen will, muss ich in Kontakt sein.
Und das finde ich, das funktioniert viel einfacher, und natürlich auch durch das Digitale glaube ich sogar auch noch ein bisschen einfacher. Also wenn ich in einen Vorlesungssaal gehe, wenn ich in ein Seminar gehe, komme ich auch in eine Funktionsrolle. Auch der Kontext verändert mich in meinem Habitus, aber auch in den Zuschreibungen zu mir, wie sie da mit mir sprechen. Und im Digitalen ist dieser Kontext in meiner Wahrnehmung sehr verändert.
Also es gibt natürlich auch einige, die dann Schwierigkeiten haben, uns da zu duzen am Anfang an der IU, aber das geht ganz problemlos dann, ganz schnell. Und das ist ja die Idee, den Respekt nicht über ein autoritäres System herzustellen und das zu reflektieren. Natürlich habe ich eine Machtposition, weil ich gebe Noten. Ich sage bestanden oder nicht bestanden. Ich gebe Rückmeldungen. Und da das transparenter, nachvollziehbarer und damit demokratisierter darzulegen, wie gehen wir mit der Macht um – und deswegen muss ich das gut reflektieren, das ist ja auch ein Thema in der Sozialen Arbeit, weil wir auch da immer in der Machtrolle sind.
Und das glaube ich läuft aus meiner Wahrnehmung an der IU ein bisschen geschmeidiger. Aber was du sagst, da ist auch ein Generationswandel. Das finde ich sehr interessant festzustellen. Da bedauere ich es manchmal, dass ich jetzt doch schon so alt bin und so TikTok und solche Sachen für mich dann hochschwelliger werden. Aber mal gucken mit meinem Forschungsprojekt. Vielleicht hörst du demnächst noch was von uns, in welcher lustigen Form wir wissenschaftliche Erkenntnisse an die Menschheit bringen wollen.
Christian: Wir haben jetzt ganz viel schon beredet. Wir hatten eigentlich noch mehr Themen. Ich würde aber trotzdem gerne noch einen Themenkomplex mit anschneiden. Und zwar habe ich das in deiner Biografie gesehen, dass du Waldbademeister bist. So steht's da. Kannst du uns vielleicht ganz kurz erklären, was das eigentlich genau ist? Bringe ich da jetzt eine Badewanne irgendwie in den Wald oder?
Stefan: Ja, ja, ja. Du hast es angesprochen. Bei LinkedIn habe ich das auch, das ist sozusagen das einzige Social-Media-Medium, was ich etwas intensiver nutze. Und da habe ich das auch drin stehen, weil das mein ganzer Stolz ist. Ich bin von der IHK Nordhessen geprüfter Waldbademeister. Und da kommen manche mit der Frage: „Ah, was machst du denn da genau?" Und da kommt die Badewanne.
Also Waldbaden heißt im Endeffekt, dass du in den Wald gehst und total entschleunigt mit allen Sinnen den Wald wahrnimmst, also keine Waldspaziergänge. In dem Sinne badest du quasi im Wald. Und dieses Konzept gibt's schon relativ lange. Es kommt, glaube ich, ursprünglich aus Japan.
Und als Waldbademeister nach der Ausbildung kannst du das anleiten, Gruppen in den Wald zu führen. Und dieses Achtsamkeitstraining ist ja auch ziemlich in Mode gekommen in den letzten 10 Jahren. Und da geht's eben darum, dass du Zeit im Wald verbringst, aber keine Spaziergänge machst, sondern unglaublich langsam unterwegs bist und mit allen Sinnen den Wald wahrnimmst.
Und meine IHK-Prüfung, also man muss ja richtig eine Prüfung machen, war dann eben, ich habe das ein bisschen kombiniert, weil ich auch als Coach gearbeitet habe: Coaching im Wald zu machen. Das war so mein Konzept, das ich entwickelt und dann auch durchgeführt habe mit Leuten. Also meine Frau z.B., die Delia, die macht das, die lebt in Stuttgart und macht das regelmäßig mit Führungskräften, Coaching im Wald.
Und es ist auch beforscht, also da wird halt immer drüber diskutiert, aber es ist belegt, dass es wirklich echte Effekte hat auf den verschiedenen Ebenen – über die Düfte, aber auch über die Farben, all diese Aspekte – dass ein Aufenthalt im Wald die Stressregulation nach unten fährt, den Blutdruck nach unten fährt, bei Depressionen sehr hilfreich ist.
Ja, und der Antrieb war meine Frau, die hatte da Bock drauf, was zu machen. Die ist sehr bildungsaffin. Und da bin ich so mitgegangen und habe gesagt, na ja, Gott, da machst du mal mit. Und ich war total begeistert. Ich mache es deutlich weniger, weil mir die Zeit einfach dafür fehlt. Eigentlich mache ich es aktuell gar nicht, wenn ich ganz ehrlich bin, bedauerlicherweise. Aber hier in Berlin habe ich auch nicht so richtig Wald um mich rum. Wobei das hier auch manche machen, in größeren Parks. Aber wie gesagt, Delia macht das in Stuttgart und die wird da auch echt nachgefragt. Und alle Leute, die es dann mal gemacht haben – die Schwelle ist ein bisschen höher, den gesicherten Raum zu verlassen im Coaching – aber sie macht auch so Waldbade-Seminare, also das klassische Waldbaden, und das hilft den Leuten wirklich.
Und die Krankenkassen empfehlen es mittlerweile sogar.
Christian: Ja, das ist immer ein gutes Zeichen, wenn es da auch Forschung gibt, das anerkannt ist und auch einfach funktioniert. Ich bin auch viel im Wald unterwegs. Ich lebe ja mitten im Thüringer Wald. Ich muss nur aus der Haustür raus, 3, 4, 5 Minuten laufen und dann bin ich tatsächlich im Wald. Aber du hast gesagt, man geht dann nicht primär spazieren in dem Sinne. Das war bei mir so: Ich gehe halt relativ viel laufen, einfach wandern. Ist auch hier so ganz klassische Freizeitbeschäftigung in meiner Umgebung. Ich fahre auch gerne Fahrrad im Wald tatsächlich, und dann wirklich tief einatmen. Das geht besonders gut, wenn ich da Fahrrad fahre, tief Waldluft einzuatmen, frische Luft. Aber was ich eben noch nicht mache, ist so dieses Waldbaden, wie du es jetzt beschrieben hast.
Stefan: Ja, aber deswegen, das Waldbaden geht da ja auch gar nicht in die Konkurrenz, sage ich mal, sondern das ist noch mal eine andere Ebene. Und das hat viel, glaube ich, mit dem Thema Entschleunigen zu tun. Also wir leben ja – Hartmut Rosa hat sich damit wahnsinnig viel beschäftigt, der Soziologe aus Jena, ist ja auch bei dir in Thüringen – mit dem Thema der Beschleunigung. Das ist auch ein Thema in der Sozialen Arbeit. Also ein Kollege hat da mal was über die erschöpften Familien geschrieben. Das ist ja das Interessante, dass wir eigentlich lauter Techniken entwickeln, die die Zeit optimieren, und man könnte sagen, oh, da haben wir ja mehr Zeit, aber wir sind immer gehetzter.
Und das ist beim Waldbaden eben der Effekt, dass du dich da mal hinlegst, dass du einfach unter einem Baum liegst und dann so angeleitet Entspannungsübungen machst, um da einfach mal den Rhythmus ein bisschen wieder runterzufahren. Und das dann kombiniert mit Natur und nicht in irgendeiner Turnhalle auf einer Gummimatte, das ist eben die Kombination.
Christian: Ja, dann sind wir schon am Ende unseres Gesprächs angelangt. Hast du vielleicht noch zum Abschluss einen ganz wichtigen Rat, den du unseren Zuhörerinnen und Zuhörern mitgeben kannst? Vielleicht fürs Studium oder für irgendwas, was dir einfällt.
Stefan: Also den Studierenden, weil wir gerade bei dem Thema waren, versuche ich auch mal deutlich zu machen, dass sie etwas wertschätzender damit umgehen, wie sie selbst mit sich umgehen. Also die sind schon teilweise sehr anspruchsvoll an sich selbst, notenbezogen, inhaltsbezogen, und haben eben diese Mehrfachbelastung. Und da manchmal nicht so streng mit sich selbst zu sein, das finde ich ganz wichtig, gerade im Fernstudium. Die meisten haben Mehrfachbelastung. Und ich finde, die können sich viel öfter mal auf die Schulter klopfen, dass sie es überhaupt durchziehen.
Und ansonsten gibt's natürlich wahnsinnig viel, Christian, noch über Soziale Arbeit zu reden. Das können wir ja, wenn du Lust hast, irgendwann anders noch mal machen. Also da empfehle ich den Studierenden, sehr viel kritischer zu werden. Ich bin ja sozusagen, habe das große Glück gehabt, noch bei sogenannten Alt-68ern Soziale Arbeit zu studieren, hier an der TU Berlin. Wirklich tolle Leute kennenlernen dürfen. C. W. Müller, Manfred Kappeler, die haben mich so geprägt, das, was ich schon längst tue, viel kritischer zu beleuchten.
Und das ist was, was wir unbedingt brauchen innerhalb der Sozialen Arbeit, weil die Soziale Arbeit ist teilweise, vor allem die Sozialwirtschaft, ein Akteur geworden, der ein Teil des Problems ist und nicht der Lösung. Also z.B. zum Thema Inklusion, aber auch andere Benachteiligungen. Und das Thema, wo wir auch viel kritischer sein müssen in der Sozialen Arbeit, ist das Thema der Demokratiefeindlichkeit, der starken Diskriminierung, die wir haben. Da haben wir unruhige Zeiten, und damit muss sich auch immer mehr Soziale Arbeit beschäftigen, und das empfehle ich den Studierenden immer.
Bleibt kritisch, bleibt kritisch. Das heißt ja nicht destruktiv, sondern konstruktiv kritisch zu sein. Alles mal hinterfragen, vielleicht auch ein bisschen wie im Wald ein bisschen entschleunigter, nicht schnell einfach sofort mitmachen, sondern immer mal die Frage stellen: Wozu machen wir das eigentlich gerade so? Gäbe es noch andere Optionen? Wie machen es denn andere? Auch mal einen internationalen Blick zu wagen? Gibt es andere Ideen dazu?
Das empfehle ich inhaltlich unseren Studierenden immer. Und da bin ich echt froh, Christian, weil viele ja über die jüngere Generation immer so klagen. Das sehe ich so überhaupt nicht. Und das ist auch Privileg des Jobs, also immer im Austausch zu sein mit verschiedenen Generationen. Wir haben natürlich auch Studienanfängerinnen und -anfänger bei uns. Ja, das macht viel Spaß.
Christian: Also ganz vielen Dank für dieses ausführliche Gespräch. Das waren wirklich super interessante Einblicke auch in die Arbeit als Professor, vor allem auch an der IU. Ganz vielen Dank für diese Einblicke. Ich hoffe mal, das ist für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer genauso interessant, wie das jetzt für mich war. Vielleicht ganz zum Schluss noch: Wie kann man mit dir in Kontakt treten?
Stefan: Meinen Namen googeln und dann gibt es entweder die E-Mail-Anschrift über die IU oder LinkedIn. Oder ich habe auch noch ein privates Institut. Am besten anmailen oder über LinkedIn anschreiben. Ich freue mich über alle möglichen Kontakte. Oder natürlich an der IU in Soziale Arbeit einschreiben, und dann kann man mich da auch kennenlernen.
Christian: Ja, machen ja sehr viele. Okay, gut, dann danke. Vielleicht bis zum nächsten Gespräch, da können wir gleich noch mal drüber reden. Und ich wünsche dir noch einen schönen Tag.
Stefan: Ich dir auch, Christian. Liebe Grüße nach Thüringen. Tschüss.

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