Von Experten lernen: Interviewstrategien für deine Abschlussarbeit – mit Dr. Giulia Bradaran
Interviews sind ein zentrales Werkzeug in wissenschaftlichen Arbeiten zur Erhebung qualitativer Daten.
Für Studierende ergeben sich dabei verschiedene Herausforderungen: Dazu gehören unter anderem das Verständnis der Anwendung verschiedener Arten von Interviews, das Finden geeigneter Interviewpartner, die Vorbereitung und Durchführung des Interviews, die korrekte Transkription sowie die anschließende Inhaltsanalyse.
Dr. Giulia Bradaran ist Expertin auf dem Gebiet der qualitativen Forschung, insbesondere der Inhaltsanalyse nach Mayring und Kuckartz. Giulia hat einen Doktortitel in Sozialwissenschaften und war bereits an verschiedenen Hochschulen als Dozentin, Gutachterin und Prüferin tätig.
Im Podcast mit Christian bespricht Giulia die wichtigsten Aspekte von Interviews zur Verwendung in Abschlussarbeiten.
Inhalt:
00:00 Vorschau
01:47 Giulia stellt sich vor
06:08 Arten von Interviews
13:31 Geeignete Interviewpartner akquirieren
22:31 Interview vorbereiten
29:04 Durchführung des Interviews
36:55 Korrekte Transkription
43:14 Inhaltsanalyse
51:00 Zusammenfassung & Herausforderungen
55:50 Wo man Giulia im Netz begegnet
Dr. Giulia Bradaran im Internet:
➡️ Website: https://drgiuliabradaran.de
➡️ Youtube: https://youtube.com/@Dr.Giulia_Bradaran
➡️ Instagram: https://instagram.com/dr.giulia_bradaran
LinkedIn: https://linkedin.com/in/dr-giulia-bradaran-7b3778242/
➡️ Podcast „Akademischer Zufluchtsort“: https://open.spotify.com/show/5U3Sxq7y74E1Py5JqFBGNb
Im Podcast erwähnt:
👉 Cornelia Helfferich: https://cornelia-helfferich.de/wissenschaftliche-methoden
👉 MaxQDA: https://www.maxqda.com/de/
Christian: Schönen guten Tag, liebe Freunde der qualitativen Forschung! In diesem Podcast habe ich zu Gast Dr. Giulia Bradaran, und Giulia ist Expertin für Interviews in Abschlussarbeiten oder insgesamt im Zusammenhang mit wissenschaftlichem Arbeiten. Ich habe ja selber jetzt schon einige Interviews geführt im Rahmen dieses Podcasts, aber ich bin alles andere als ein Experte für Interviews. Deswegen finde ich ziemlich cool, dass Giulia sich bereit erklärt hat, mit mir hier über das Thema qualitative Forschung und Interviews zu sprechen. Wir gucken natürlich erstmal: Was gibt's so für Arten von Interviews? Leitfadengestützte Interviews beispielsweise oder auch Experteninterviews. Welche Art eignet sich für welche Abschlussarbeit beispielsweise? Ist es überhaupt sinnvoll, Interviews zu nutzen? Was ist denn der große Vorteil von Interviews und auch von qualitativer Forschung? Darüber reden wir.
Christian: Dann schauen wir mal: Wie findet man eigentlich einen Interviewpartner oder eine Interviewpartnerin für seine Abschlussarbeit? Wie kann ich denn eigentlich beurteilen, ob jemand ein Experte für sein Thema ist? Darüber wollen wir reden. Dann gucken wir mal: Wie führt man eigentlich so ein Interview durch? Nehme ich das jetzt per Zoom auf, nutze ich mein Handy für die Aufnahme, fahre ich da direkt hin zu jemandem vor Ort, oder geht das alles auch online zu machen? Wir reden natürlich auch darüber, wie bereitet man das Interview vor, wie erstelle ich mir den Leitfaden oder die Fragen, wie formuliere ich optimale Fragen? Wir gucken mal, wie transkribiert man so ein Interview, wie analysiert man das Ganze dann. Hier ist Giulia auch wirklich eine Expertin, was die Inhaltsanalyse angeht. Über all diese Themen, die euch so interessieren im Zusammenhang mit qualitativer Forschung, freue ich mich voll auf das Gespräch und wünsche euch jetzt viel Spaß mit diesem Podcast.
Christian: Giulia, dann herzlich willkommen hier im Podcast! Ich freue mich sehr, dass du dich bereit erklärt hast, hier mit mir über das Thema Interviews zu reden. Ich hatte es eben im Intro schon gesagt: Ich habe schon einige Interviews hier geführt, aber ich bin alles andere als ein Experte für qualitative Forschung und für Interviews. Deswegen finde ich sehr cool, dass du hier im Podcast bist und unseren Zuhörern allerhand dazu erzählen möchtest. Vielleicht stellst du dich erstmal ganz kurz selbst vor.
Giulia: Ja gerne, also erstmal vielen lieben Dank, ich freue mich auch riesig darauf, jetzt in den Austausch zu gehen, weil es einfach auch so ein spannendes Thema ist. Und genau, da komme ich vielleicht auch gleich zur Vorstellung. Also ich bin Thesisbegleiterin und unterstütze Studenten und Studentinnen dabei, ihre Abschlussarbeiten anzufertigen. Und nicht alle Abschlussarbeiten, also keine Literaturübersichten oder quantitativ ausgerichtete Arbeiten, sondern qualitativ ausgerichtete Arbeiten. Also mehrheitlich habe ich tatsächlich Studenten und Studentinnen, die Interviews führen und die dann eben analysieren, auswerten und daraus eben die Erkenntnisse ziehen.
Giulia: Ich habe unter anderem Logopädie studiert, also Sprachtherapie, Therapiewissenschaft ist mein Master, und habe dann promoviert – Gott, dass ich mich überlegen muss, ich glaube anderthalb Jahre her ist es mittlerweile schon, nee, zwei Jahre sogar – im Bereich der Sozialwissenschaften. Und habe mich vor knapp einem Jahr selbstständig gemacht und arbeite jetzt Vollzeit bei der Begleitung der Studenten. Vorher habe ich an Forschungsprojekten teilgenommen, an dem Institut für Systemforschung an Hochschulen gearbeitet, als Gutachterin, Forschung und Lehre, und das typische Universitätsleben sozusagen.
Christian: Genau, dann sag mal, ich habe gesehen, dass du auch berufsbegleitend promoviert und auch studiert hast. Also kennst du ein bisschen die Sorgen und Nöte unserer Zielgruppe und unserer Zuhörer.
Giulia: Ja, tatsächlich. Ich weiß, was das bedeutet, wenn man alles versucht, irgendwie zu vereinen. Ich habe auch zwei kleine Kinder und ja, das ist halt einfach anspruchsvoll. Aber ich muss sagen, das hat mich auch trotzdem irgendwie immer beibehalten, da trotzdem den Raum für mich zu haben, trotzdem so ein akademisches Ziel vor Augen zu haben. Und das war für mich auch immer ein Zufluchtsort. Deswegen heißt auch mein Unternehmen mittlerweile Akademischer Zufluchtsort. Weil dieser Raum, wo man sich eben mit Daten beschäftigt oder sich einfach auch kognitiv beschäftigt, war für mich auch immer ein Rückzugsort, wo ich wusste: Okay, jetzt geht's um meine Sachen, um meine Ziele, um meinen akademischen Werdegang. Genau, und da den Raum zu finden unter dem ganzen Gewusel mit Kindern und Arbeiten und allem Drum und Dran.
Christian: Ja, so heißt auch dein Podcast. Auf den können wir ja gleich mal verweisen. Also wer sich noch mehr dafür interessiert, das Thema noch tiefer einzutauchen, als wir das jetzt hier in der Stunde oder in den anderthalb Stunden können, der guckt natürlich auch mal oder hört mal in deinen Podcast rein.
Christian: Ich selber habe jetzt, hatte ich ja schon gesagt, ein bisschen Erfahrung mit Interviews im Rahmen dieses Podcasts, aber das ist natürlich was ganz anderes als Interviews im Rahmen von Forschung. Was ich ein bisschen kenne, das hatten wir auch im Vorgespräch schon drüber geredet: Ich habe immer als Lektor gearbeitet, und eines der allerersten Bücher, wo ich geholfen habe, sozusagen die auf die Welt zu bringen, ist hier so ein Buch von dem Migrationsforscher Yalcin Yildiz. Und da ging's wirklich sehr, sehr ausführlich um Migration, und der hat letztendlich narrative Interviews angewandt. Deswegen ist dieses Buch auch sehr dick geworden. Das war auch viel Arbeit, auch für mich. Aber der war dann total glücklich auch, als das Buch fertig und veröffentlicht war. Und ich kann mich noch daran erinnern, wie spannend das für mich auch war zu lesen. Es hat richtig Spaß gemacht, da zu lesen, weil das alles sehr anschaulich war, weil da eben sehr viel zitiert war, weil da eben nicht immer aus anderer Forschungsliteratur hauptsächlich zitiert wurde, sondern eben aus Daten, die er da selber erhoben hat durch diese Interviews.
Christian: Und ich hoffe, dass wir es schaffen, hier jetzt auch über diesen Podcast das ganze Thema spannend zu machen und nicht nur so, dass unsere Zuhörer das im Kopf haben als: Das ist ja super aufwendig, so Interviews zu führen. Sondern dass man da eben eine ganz andere Qualität auch von Forschung und von Erkenntnisgewinn auch erreichen kann. Und vielleicht steigen wir mal als allererstes in das Thema ein und dröseln erstmal so ein ganz kleines bisschen auf: Was gibt's denn eigentlich für Arten von Interviews? Vielleicht kannst du uns auch mal ganz kurzen Überblick geben.
Giulia: Ja, also mehrheitlich, die meisten Studenten, die mit mir arbeiten, die führen leitfadengestützte Interviews. Das hat so einen halbstrukturierten Rahmen, das heißt, man hat so einen Leitfaden und ist aber auch gleichzeitig offen für neue Aspekte, die sich eben aus dem Interview ergeben. Und dann gibt es problemzentrierte Interviews, wo eben ein bestimmtes Phänomen, ein bestimmtes Problem im Fokus ist, das eben beleuchtet wird. Es gibt Experteninterviews, also wenn du Personen befragst, die ein spezifisches Fachwissen haben, und du möchtest dieses Fachwissen irgendwie generieren, dann hättest du eben Experteninterviews. Es gibt fokussierte Interviews, da ist es in der Regel so, dass man einen Input gibt, einen kleinen Werbefilm zeigt und sich eben alles um diesen Input dreht, den du gegeben hast. Also es gibt verschiedene Formate.
Giulia: Was die meisten Interviews aber haben, egal wie sie heißen, ist eben dieser Leitfaden, der zugrunde liegt. Und jetzt bei den narrativen Interviews, die du genannt hast: Das ist ein sehr offenes Format. Da fragt man wirklich wenig, weil es auch oft in der Biografieforschung angewandt wird und es darum geht, wirklich stark in diesen Erzählcharakter zu gehen. Also: Erzähl mir, wer du bist. Erzähl mir, was du gemacht hast. Erzähl mir von deinem Leben. Also wirklich diese Erzählung. Und bei den meisten Interviews, die Studenten oder Studentinnen führen, da geht es um bestimmte Aspekte, die herausgefiltert werden sollen. Also man hat sich theoretisch überlegt: Okay, es geht irgendwie um eine bestimmte Diagnosestellung. Wie gehen Patienten mit einer bestimmten Diagnosestellung um? Und dann sollen eben bestimmte Fragen gestellt werden. Aber es geht vor allem um diesen neuen Aspekt, um neue Phänomene, um nicht entdeckte Inhalte, das eben gleichzeitig aufzudecken und diesen offenen Rahmen gleichzeitig zu schaffen.
Christian: Und woher weiß ich dann, welches Format optimal ist für die Arbeit, die ich schreiben möchte?
Giulia: Es kommt natürlich auf die Forschungsfrage an. Also möchte man wirklich dieses Fachwissen generieren, dann eignen sich zum Beispiel Experteninterviews. Möchte man bestimmte Dimensionen identifizieren oder ein bestimmtes Problem in den Vordergrund stellen, dann könnte es vielleicht ein problemzentriertes Interview sein. Also es kommt wirklich ganz drauf an, was man für ein Thema hat und was man spezifisch erfragen möchte. Weil die Forschungsfrage ist eigentlich die Basis für alles: für die Wahl der Methoden, für die Wahl des theoretischen Hintergrundes. Das heißt, die muss spezifisch sein, und dann kann man darauf basierend auswählen, welches Interview da eher angemessen ist oder nicht.
Christian: Okay, das wäre natürlich so der erste Schritt, sich erstmal zu gucken, was möchte ich jetzt eigentlich, womit möchte ich mich beschäftigen. Und dann aber sich auch mal damit zu beschäftigen, was gibt's für verschiedene Formate und welche Vor- und Nachteile haben die. Sag mal, Fragebögen, das sind ja auch etwas, was, eigentlich hat man immer so den Eindruck, sich relativ einfach erstellen lässt, im Vergleich zu einem Interviewleitfaden beispielsweise. Kannst du uns dazu was sagen?
Giulia: Sehr gerne, das ist immer so ein Riesenthema. Bei vielen, die bei mir in der Begleitung sind: „Ach, kann ich nicht lieber einen Fragebogen machen, das geht doch viel schneller? Das hört sich alles so aufwendig an mit den Interviews." Und ich meine, klar, quantitative Forschung hat genauso eine Berechtigung wie qualitative Forschung. Es ist allerdings schwierig, wenn man ein Thema hat – und dann sind wir wieder bei der Forschungsfrage – eine Frage hat, zu der es einfach wenig Erkenntnisse gibt. Also wenn man wenig theoretisches Wissen hat, stellt sich die Frage: Wie will man mit diesem limitierten Wissen, was eigentlich immer so der Ursprung von qualitativer Forschung ist, warum man eigentlich qualitativ an die Sache rangehen möchte – wie will man von dort aus Interviewfragebögen generieren? Also wie will man überhaupt die Fragen formulieren für den Fragebogen, wenn man gar kein Wissen dazu hat?
Giulia: Und da kommt eben eigentlich dieser Aspekt der qualitativen Forschung und der Interviews so in den Vordergrund. Weil man kann ja erst durch die Interviews Wissen generieren, um überhaupt einen Fragebogen zu entwickeln. Und da ist es aber auch so: Einen Fragebogen zu entwickeln hört sich immer leicht an, aber eigentlich müsste dieser Fragebogen valide sein, der müsste reliabel sein. Also da gibt es schon krasse Anforderungen, wie auch die Items formuliert werden. Das hört sich immer so einfach an, da schreibe ich dann eine Frage hin und mache eine Skala hin und dann ist alles gut. Das muss in sich konsistent sein. Also da gibt es unfassbar viele Regeln, die man bei Fragebögen auch berücksichtigen soll. Ich würde jetzt also nicht unterschreiben: Einen Fragebogen entwickeln ist schneller als einen Interviewleitfaden entwickeln. Es muss beides theoretisch fundiert sein, und bei beiden muss man bestimmte Regeln befolgen.
Christian: Also lohnt sich das eigentlich auch, eher qualitativ vorzugehen, wenn es beispielsweise nicht so viel Literatur zu dem Thema gibt und man sich dann trotzdem für das Thema interessiert und man dann eben dazu beitragen will, da selber so ein bisschen Wissen aufzutun, vielleicht auch als Basis, und dann später noch mal irgendwie quantitativ an das Thema ranzugehen.
Giulia: Ja, genau, also absolut. Qualitative Forschung kann man auch oft mit quantitativer Forschung kombinieren. Aber ganz oft geht's in der qualitativen Forschung um Hypothesen generieren, wohingegen die quantitative Forschung eher darauf spezialisiert ist, Hypothesen zu prüfen. Aber da ist halt wieder die Frage: Wenn man keine Hypothesen hat, wie kann man sie denn prüfen? Also erstmal die Hypothesen aufstellen, erstmal ins Feld. Das wird auch so in der qualitativen Forschung genutzt, dieses „erster Feldeinstieg". Also man geht erstmal in das Feld rein, in den Phänomenbereich rein, und guckt, was passiert da überhaupt? Was sind Meinungen, subjektive Bewertungen? Die kriegt man ja auch sehr schwierig mit dem Fragebogen. Klar, kann man fragen: Wie fandest du jetzt in der Schule in der ersten Klasse, auf einer Skala von 1 bis 7, sehr gut oder sehr schlecht? Und dann hast du eben eine Acht bei sehr gut. Aber was bedeutet denn „sehr gut"? Also was für Erfahrungen hast du denn tatsächlich damit gemacht? Das kriegst du mit der Acht nicht raus.
Christian: Genau, vielleicht noch ein Hinweis von mir: Ich bin ja selber letztendlich auch im Marketing tätig. Ich glaube, diese qualitative Herangehensweise, die ist auch für diejenigen von unseren Zuhörern interessant, die vielleicht BWL studieren und irgendwie überlegen, ins Marketing zu gehen oder auch einen Marketingstudiengang schon studieren. Natürlich geht man da auch sehr gerne quantitativ ran, will alles irgendwie messen und analysieren und auswerten, aber ich glaube, man kann eben auch gerade in der Marktforschung über diese qualitativen Methoden sehr viel Wissen letztendlich auch über Kunden generieren. Also das ist auch super interessant für euch, wenn ihr euch da im Studium schon so ein bisschen damit auseinandersetzt. Und ihr könnt da dann auch sehr viel letztendlich einbringen an Methodik in die Firma, in der ihr arbeitet.
Christian: Ja, vielleicht reden wir mal so ein bisschen darüber, wie man eigentlich jetzt geeignete Interviewpartner oder -partnerinnen findet. Vielleicht auch ein bisschen darüber, wann jemand ein Experte ist, für diejenigen, die sich jetzt für Experteninterviews interessieren. Was würdest denn du sagen, gibt's da bestimmte Kriterien, mit denen ich festlegen kann, ob jemand Experte ist?
Giulia: Also ganz streng genommen: Ein Experte, es gibt eine Definition nach Gläser und Laudel, die ist so prägend: Eine Person mit einem besonderen und spezifischen Fachwissen. Das sagt eigentlich schon alles. Und ich habe gerade mit einer Studentin ein Coaching gehabt, da ging es auch darum: Hat sie jetzt Experten oder hat sie keine Experten? Und nach dieser strengen Definition ist jetzt jemand, der Erfahrungswerte hat, an sich kein Experte. Also wenn ich eine Diagnosestellung habe und Erfahrungen gemacht habe im therapeutischen Setting zum Beispiel, dann habe ich Erfahrungswerte gesammelt, aber ich bin kein Experte, gleichzeitig nur für diese Erfahrungswerte. Ich habe Erfahrungswerte, aber ich habe kein Expertenwissen. Expertenwissen hat jetzt zum Beispiel ein Physiotherapeut oder eine Physiotherapeutin, die eben therapiert. Und wenn ich sie zu ihrem therapeutischen Wissen befrage, dann ist das eben Expertenwissen, dann sind es auch Expertenbefragungen.
Giulia: Es gibt natürlich auch einen weiteren Expertenbegriff, aber ich bin tatsächlich Fan davon, Experten-Fachwissen damit zu assoziieren. Und das andere sind subjektive Perspektiven und Meinungen. Und wenn man den Expertenbegriff nimmt, also man sagt, man führt Experteninterviews, sagt das eigentlich wenig aus über das Interview an sich, sondern über die Untersuchungsteilnehmer, ob sie Experten sind oder nicht. Und das ist total unproblematisch, wenn man jemanden hat, der Erfahrungswissen hat, und ihn aber nicht als Experte tituliert. Also es ist einfach trotzdem eine subjektive Perspektive von einer betroffenen Person.
Christian: Wie wichtig ist die Ausbildung dann beispielsweise? Oder anders gefragt: Kann es auch Experten geben, die jetzt keine Ausbildung in einem bestimmten Bereich haben? Also ich beispielsweise: Ich habe jetzt auch kein Studium abgeschlossen. Ich bin trotzdem, oder ich werde ab und zu auch als Experte angesehen, beispielsweise hier für diese Bildungsthemen, in denen wir uns hier bewegen, werde dann auch so angesprochen. Aber ich habe jetzt keinen Abschluss, also ich habe weder Bildungswissenschaft studiert noch Pädagogik studiert oder was auch immer. Ist das ein wichtiges Kriterium?
Giulia: Also es kommt natürlich drauf an, was du möchtest. Wenn du jetzt Fachwissen haben möchtest zu einem operativen Eingriff, dann sollte es natürlich eine Person sein, die sich das Wissen irgendwie angeeignet hat, am besten durch ein Studium. Aber wenn es jetzt eine Person ist, die Wissen hat zu einer bestimmten Thematik und egal wie sie es erworben hat – durch den praktischen Alltag, durch Fortbildungen, wie auch immer – dann kann es trotzdem ein Experte sein. Wichtig ist, dass man das in dem Forschungsbericht oder der Abschlussarbeit dann auch runterschreibt. Also welche Ein- und Ausschlusskriterien gab es, um einen Experten festzulegen? Bist du jetzt einer, dann ist es auch jemand Gleichwertiges, ebenso, weil er dieselben Kriterien erfüllt. Also das ist extrem wichtig: Die Ein- und Ausschlusskriterien festzulegen. Wann gilt ein Experte in deiner Arbeit? Es muss einfach Wissen vorhanden sein, und irgendwie muss das Wissen angeeignet sein, egal ob praktisch oder theoretisch oder wie auch immer. Da ist auf jeden Fall mehr Spielraum.
Christian: Okay, also Berufserfahrung beispielsweise auch ein Kriterium, das man da zur Anwendung bringen kann. Und wie ist es jetzt mit Interviews, in denen ich jetzt keine Experten sozusagen interviewen möchte, sondern andere Menschen? Was lege ich da für Kriterien an, wie finde ich da geeignete Partner oder Partnerinnen?
Giulia: Da ist auch immer wichtig, diese Kriterien zu begründen. Also wenn du jetzt zum Beispiel bei der Diagnosestellung bist: Ich habe jetzt eine Diagnosestellung, und du möchtest wissen, wie ist die subjektive Perspektive, wie erleben denn Patienten oder Patientinnen die Diagnose? Dann muss es natürlich als Einschlusskriterium formuliert werden: Es muss eine Person sein, die die Diagnose hat. Nur so kann sie dir natürlich was darüber erzählen. Also ich kann nur Erfahrungswerte mitteilen, wenn ich die Erfahrung gesammelt habe. Das heißt, da muss es jemand sein, der wieder zur Forschungsfrage passt. Also wenn du erheben möchtest, wie Personen bestimmte Change-Management-Prozesse wahrnehmen, dann müssen das auch Personen sein, die das schon erlebt haben. Ansonsten können sie gar keine Erfahrungswerte und subjektive Perspektiven preisgeben.
Christian: Okay, das ist einfach so die Basis dafür. Also mal angenommen, ich studiere jetzt im pflegerischen Bereich, vielleicht Pflege oder Pflegemanagement oder so einen Studiengang, und möchte dann beispielsweise Patienten interviewen für meine Arbeit. Wie finde ich denn da? Also gehe ich da jetzt bei mir auf Arbeit rum und frage mögliche Menschen, ob die interviewt werden möchten oder an dieser Forschung auch teilnehmen möchten?
Giulia: Ja, also natürlich müsstest du erstmal die Patienten festlegen: Wie alt sollen die sein? Was sollen sie für ein Störungsbild haben? Worüber möchtest du sie befragen und so weiter? Nachdem du diese ganzen Ein- und Ausschlusskriterien für dich festgelegt hast, dann würdest du einfach ins Feld gehen. Das heißt, du würdest mit Informationsschreiben arbeiten, die vielleicht per Mail zuschicken, dich an Krankenhäuser wenden und die E-Mail irgendwie hinschicken und darum fragen, ob die weitergeleitet werden kann. Und dann bekommst du halt eben deine Studienteilnehmerinnen oder Teilnehmer. Das nennt sich dann eben Akquise oder Rekrutierung der Teilnehmer. Und das machst du tatsächlich praktisch: Du kannst dich auch an Verbände wenden oder Stakeholder, die dich dabei unterstützen können, die Untersuchungsteilnehmer zu bekommen. Und für viele, die mit mir zusammenarbeiten, die haben das eben auf der Arbeit. Die haben ein praktisches Problem erkannt, versuchen das theoretisch einzubetten und haben da eben im Arbeitsumfeld entweder Patienten oder Arbeitskollegen, haben da eben schon ihre Untersuchungsteilnehmer so ein bisschen vorstrukturiert.
Christian: Und dass ich jetzt nicht 30 Teilnehmer da raussuche und dann wirklich einen riesigen Aufwand habe, da alleine schon die Anschreiben beispielsweise rauszuschicken oder mit denen zu reden – wie grenze ich das ein?
Giulia: Na ja, normalerweise in der qualitativen Forschung müsste man so lange Interviews führen, bis es zu einer sogenannten Datensättigung kommt. Also bis du das Gefühl hast: Okay, wenn ich jetzt auch noch zehn Interviews führen würde, dann kommt es eben zu keinen neuen Erkenntnissen. Und eigentlich ist es gar nicht so einfach, an die Untersuchungsteilnehmer zu kommen. Man muss sich vorstellen: Die Person muss sich eine Dreiviertelstunde mindestens Zeit nehmen, entweder digital oder in Präsenz, je nachdem. Und das ist allein schon schwierig, die Teilnehmer zu bekommen. Also ist jetzt nicht so einfach, außer man hat ein gutes Netzwerk und weiß, ich habe jetzt 100 potenzielle Teilnehmer. Und dann sagst du eben: Okay, jetzt bist du zur Datensättigung gekommen und dann brauchst du auch keine weiteren Interviews mehr führen. Viele schaffen die Datensättigung aber auch einfach aus zeitlichen Gründen nicht in einer Masterarbeit. Also man kommt gar nicht auf 16, 17, 18, 19 Teilnehmer. Dann sind es eben drei. Dann muss man das Ganze aber auch dementsprechend diskutieren und sagen: Okay, man hat explorativ drei genommen, man kann aber jetzt nicht sagen, dass die Ergebnisse übertragbar sind auf deutschlandweit alle Patienten mit dem Störungsbild.
Christian: Ja, ich glaube, es wirkt natürlich auf den ersten Blick vielleicht auch ein bisschen überfordernd für manche, sich zu überlegen, wo komme ich jetzt an meine Teilnehmer her. Aber ich glaube, viele sind auch stolz, dann da teilzunehmen und auch als Experte beispielsweise zu gelten oder als jemand, der da einfach was zu sagen hat zu einem Thema. Ich vielleicht noch ein Tipp von mir: Social Media ist vielleicht auch ein Kanal, auf dem man Akquise betreiben kann, um Menschen zu finden, die beispielsweise als Experten gelten. LinkedIn vielleicht, da exponieren sich ja auch viele als Menschen, die sich auskennen in bestimmten Themenbereichen. Da kann man einfach mal gucken und da vielleicht auch mal anschreiben.
Giulia: Ja, der Erkenntnisgewinn ist auch einfach riesengroß. Also ich hatte jetzt eine Studentin, die hat Patientinnen befragt mit einer bestimmten Diagnosestellung, die ist auch noch ziemlich neu, würde ich sagen. Dazu gibt's einfach noch nichts. Und da haben sich so viele gemeldet, weil da einfach so viel Mitteilungsbedarf auch war, also auch darüber zu sprechen, wie man sich dann fühlt. Es kommt auch manchmal auf die Thematik an, aber viele wollen auch darüber reden, wenn es um solche Dinge geht, die einen selbst betreffen, und sagen dann: Ich möchte aber auch was dazu beitragen, dass das irgendwie öffentlich wird, dass man weiß, dazu gibt's wenig, dass halt viele Fehldiagnosen zum Beispiel bestehen. Also da ist der Mitteilungsbedarf auch teilweise sehr groß.
Christian: So, jetzt habe ich mir überlegt, wen ich so interviewen möchte, vielleicht auch anschreiben möchte. Eigentlich ist es ja auch schon Teil der Vorbereitung von den Interviews. Wir können aber mal noch ein bisschen expliziter darüber reden: Wie bereite ich denn jetzt die Interviews vor, die ich führe? Ob es nun ein Experteninterview ist oder wen auch immer ich interviewen möchte – den Leitfaden zu erstellen, das ist auch ein wichtiger Punkt. Wie gehe ich denn am besten vor, um einen guten Leitfaden zu erstellen für meine Interviews?
Giulia: Ja, tatsächlich brauchst du erstmal ein ganz gutes theoretisches Wissen dazu, was es schon gibt und was es dazu eben noch nicht gibt, damit – wenn es schon Theorien, Modelle oder sowas dazu gibt – du dich daran orientieren kannst. Denn ich habe dazu auch noch mal eine Podcastfolge aufgenommen, weil viele dazu tendieren, Fragen so aus dem Bauchgefühl heraus zu stellen. Also viele sind mitten im Geschehen, die sind auf der Arbeit, merken: Hm, da stimmt irgendwas nicht, und überlegen sich, ich könnte die eigentlich mal befragen, wie sie damit umgehen und wie sie das finden. Das Problem ist: So ein Leitfaden muss theoriebasiert sein.
Giulia: Also irgendwie musst du dich da an Theorien orientieren. Wenn du zum Beispiel wissen möchtest, wie gehen denn Personen mit einem Prozess, mit einer Krankheit, wie auch immer, um, dann geht es hier um Bewältigungsstrategien. Das heißt, du brauchst ein theoretisches Wissen oder ein theoretisches Konstrukt: Was sind denn Bewältigungsstrategien? Wie kann man sie greifen? Welche Facetten gibt es da? Und diese Facetten kannst du dann in deinen Leitfaden integrieren. Das heißt, du hast dann so ein Grundgerüst. Dein Leitfaden ist dein Grundgerüst. Du hast bestimmte Themenkomplexe, die du überlegt hast – Bewältigungsstrategien, Bewertungen, Meinungen, Perspektiven, wie auch immer – und weißt, was eine Bewältigungsstrategie ist, weißt, was Meinungen, was Bewertungen sind, und kannst dann nach und nach die Fragen überlegen.
Giulia: Und das sollten mehrheitlich erzählgenerierende Fragen sein. Also nicht sowas wie: „Ja, Christian, wie war das denn mit der Diagnose, gut oder schlecht?" – „Ja, schlecht." – „Okay, super. Und wie lange hast du sie schon?" – „Zehn Monate." – „Was präferierst du, Physiotherapeut oder Logopäde?" – „Ja, Physiotherapeut." Da kriegst du halt wenig Information. So könntest du theoretisch auch einen Fragebogen aufbauen, das möchtest du ja nicht. Es eignen sich solche Fragen wie: „Wie hast du das wahrgenommen? Wie war es, als du die Diagnose gestellt bekommen hast? Wie hast du dich gefühlt? Was war für dich schwierig? Auf welche Herausforderungen bist du gestoßen? Auf welche Probleme?" Dass die Person wirklich einfach in diesen Erzählmodus kommt. Und teilweise ist es so, man hat den Leitfaden einfach nur vor sich und sieht: Okay, wurde das Thema schon angesprochen von dem Gegenüber? Teilweise wird's automatisch gemacht. Wenn nicht, kannst du noch mal zurückkommen und sagen: Hey, ich wollte auch noch mal wissen, wie war das mit den Bewältigungsstrategien, und fragst da eben noch mal nach.
Christian: Also auch eher offene Fragen verwenden in so einem Leitfaden. Sag mal, gibt's da so Beispiele, die man sich dann auch mal anschauen kann? Also ich denke mal an der Uni, ja, wenn man jetzt sich mit wissenschaftlichen Arbeiten auseinandersetzt, da wird man sicherlich auch das üben, mal so einen Leitfaden zu erstellen. Gibt's Bücher irgendwie, die sich mit sowas beschäftigen, dass man dann da einfach mal gucken kann, wie haben andere das gemacht?
Giulia: Also ich finde, tatsächlich gibt es ein Buch von Cornelia Helfferich, das nennt sich Die Qualität qualitativer Daten, also nagelt mich jetzt nicht auf den Titel fest, irgendwie so ähnlich. Und da wird extrem gut beschrieben: Wie kann man Fragen generieren? Wie kann man so einen Leitfaden aufbauen? Welche Fragen eignen sich nicht, also zum Beispiel suggestive Fragen oder sowas, also nicht in eine bestimmte Richtung lenken. Und das ist auch so die Schwierigkeit: Wenn man selbst Erfahrungswerte hat, muss man sich als Forscher oder Forscherin zurücknehmen und in die Rolle eines interessierten Zuhörers versetzen. Also du willst ja die Perspektive der anderen Person generieren und nicht deine Perspektive mit einfließen lassen. Sowas wie: „Christian, aber das war doch schwierig für dich, oder?" Das ist schon so suggestiv. Offene Fragen. Und sie gibt wirklich extrem gute Hinweise. Und alle, die mit mir in der Begleitung sind, da gebe ich das Buch auch direkt als Empfehlung mit, weil man da ganz viel mitnehmen kann, selbst wenn man im Studium schon vorbereitet wurde. Gibt's da noch mal extrem wichtige Impulse in dem Buch.
Christian: Okay, das schreiben wir auch mit in die Beschreibung für diesen Podcast rein, dass der, der da interessiert ist, reingucken kann. Absolut. Also Fragen oder die Leitfadenerstellung, super wichtig. Vielleicht eine Frage noch dazu: Woher weiß ich denn, wie umfangreich das Ganze sein soll? Also schreibe ich da jetzt 20, 30 Fragen rein? Ich kann ja vielleicht auch am Anfang gar nicht so richtig abschätzen, wie lange oder wie viel Interviewdauer mir das dann generiert. Wenn ich da jetzt fünf Fragen reinschreibe, erzählt derjenige oder diejenige dann drei Stunden zu dem Thema? Gibt's da Tipps?
Giulia: Ja, das kommt tatsächlich immer auf die Mitteilungsbedürftigkeit auch deines Gegenübers an. Also es gibt Untersuchungsteilnehmerinnen, die sprechen eine Stunde, zwei Stunden. In der Regel geht so ein Interview eine Dreiviertelstunde, würde ich sagen, im Durchschnitt, mal eine halbe Stunde, mal eine Stunde. Und wichtig ist, dass du erstmal Leitfragen hast und daneben irgendwie aufrechterhaltende Fragen, vertiefende Fragen dazuschreibst, die du stellen möchtest, wenn die Person nicht selbst drauf kommt. Ich würde natürlich nicht irgendwie 100 Fragen drin haben. Ich würde so drei bis vier Bereiche hinzuziehen, die du als entscheidend ansiehst, um deine Forschungsfrage zu beantworten. Pro Bereich vielleicht eine Leitfrage und so fünf, sechs weiterführende Fragen, die dir aber nur helfen, um den Gesprächsfluss aufrechtzuerhalten. Das ist jetzt so eine ganz grobe Schätzung. Es gibt keine Richtlinien, es wäre so eine grobe Hilfe, so erfahrungsgemäß, wie auch so ein Leitfaden aufgebaut ist.
Christian: Und testet man das dann vorher irgendwie?
Giulia: Ja, sehr guter Hinweis. Ich empfehle immer, Probeinterviews zu führen, um einfach auch zu wissen: Wie stellst du die Fragen? Kommen die Fragen auch gut an? Werden sie verstanden? Musst du sie vielleicht umformulieren? Und das sieht natürlich in der Abschlussarbeit auch sehr gut aus, wenn man schreibt, man hat drei Probeinterviews durchgeführt, danach den Leitfaden optimiert und dann erst in die richtigen Interviews ist man danach erst gegangen. Also macht sich natürlich sehr gut und ist auch zu empfehlen.
Christian: Okay, also ich habe Teilnehmerinnen oder Teilnehmer, ich habe meinen Leitfaden entwickelt. Wie führe ich das ganze Interview jetzt am besten durch? Gibt's da irgendeine Topstrategie? Über Zoom halt, so wie wir jetzt miteinander reden, oder fahre ich da eher hin? Also in der Arbeit, die ich hier sozusagen jetzt erwähnt habe, von Yalcin Yildiz, weiß ich, dass er überall sozusagen vor Ort mit den Leuten gesprochen hat. Das war auch eine Zeit, da gab's jetzt noch nicht Zoom, vielleicht gab's damals schon Skype, müsste so 2006, 2007 oder so gewesen sein. Aber da war das jetzt noch nicht so üblich, dass man das Ganze digital erledigen konnte. Aber heute geht es ja auch. Hast du da irgendwelche Tipps, was ich mir da am besten für eine technische Interviewmethode wähle?
Giulia: Also mittlerweile durch Covid geht das alles ja super online. Also die meisten machen das jetzt auch online. Damals, als ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, habe ich tatsächlich 100 Interviews geführt, aber war eine Riesenstudie, und es waren aber auch Passanteninterviews. Also die habe ich tatsächlich auf der Straße angesprochen, weil es auch um Ad-hoc-Assoziationen ging. Also da wollte man wirklich dieses „Was sind deine ersten Ideen zu dem Thema?".
Giulia: Also es geht sowohl als auch. Und es kommt auch vielleicht so ein bisschen drauf an, was für ein Thema man hat. Also wenn es sensiblere Themen sind, nimmt man sich vielleicht auch ein bisschen mehr Zeit und wird warm mit dem Teilnehmer, weil man kennt sich ja nicht. Und irgendwie jetzt über Tabuthemen in Anführungszeichen zu reden mit dir jetzt digital, ich kenne dich nicht, wäre vielleicht schwieriger. Wenn es jetzt allgemeine Themen sind, wo diese Hürde sage ich mal nicht so groß ist, dann sind wirklich digitale Meetings einfach sinnvoller, weil sich die Teilnehmer auch nicht viel Zeit nehmen müssen, nicht irgendwie anfahren müssen und dann noch mal zurückfahren. Da findet man auch mehr Untersuchungsteilnehmer.
Giulia: Und ich bin jetzt tatsächlich nicht so technikaffin, dass ich sage: Boah, die Software ist irgendwie super. Aber viele meiner Studenten und Studentinnen, die nehmen auch mit dem Handy auf. Mittlerweile funktionieren die Handys richtig gut. Es gibt ja auch extrem viele Tools, um eben auch per Zoom aufzunehmen. Jetzt wenn man die Aufnahme bei Zoom macht, wird es ja automatisch als Video- und Audiodatei konvertiert. Und die kann man auch extrem gut nutzen, um zu transkribieren. Also da würde ich mir jetzt gar keine Probleme machen mit der Aufnahme. Da geht's eher darum, eine Atmosphäre zu schaffen, die irgendwie angenehm ist, kurz darüber zu informieren, dass man das Ganze aufnimmt, Datenschutz, und noch mal die Einwilligung einholen, am besten auch im Rahmen der Aufnahme, dass man das noch mal hat, und dann einfach starten.
Christian: Ja, Zoom kann ich auch für so Aufnahmen empfehlen, nutzen wir hier auch für diesen Podcast. Hat man wirklich absolut ausreichende Qualität, auch um das dann später zu transkribieren, da reden wir auch gleich noch mal drüber. Was du jetzt auch schon angesprochen hattest, natürlich ist es wichtig, so eine gewisse Atmosphäre auch zu schaffen. Vielleicht geht das auch noch ein bisschen besser, wenn man jetzt direkt vor Ort ist. Ich kenne das auch aus den Interviews, die ich hier führe: Es gibt auch immer mal wieder Teilnehmer, die eher unsicher sind, die noch nie ein Interview geführt haben. Das ging mir auch mal so, als ich das allererste Interview geführt habe, da war ich auch super aufgeregt vorher. Und ich mache das dann beispielsweise mal so, dass wir einfach erstmal so eine ganze Weile so quatschen, einfach irgendwas, so ein bisschen Smalltalk führen, bevor man jetzt direkt in das Thema einsteigt. Das hilft eigentlich mal ganz gut, wenn man erstmal so ins Reden kommt, und irgendwann fällt dann auch gar nicht mehr auf, dass die Aufnahme nebenher läuft, und dann kann man da auch anfangen, die Fragen zu stellen.
Giulia: Genau. Und vielleicht auch noch ein wichtiger Punkt: Wenn man so etwas hat wie demografische Daten, die man erheben möchte, also Alter, Geschlecht, Beruf, irgendwie, dann würde ich es tatsächlich nicht am Anfang machen. Weil dann kommt man in diesen Abfragemodus und man wird irgendwie nicht warm. Also: „Wie alt bist du? Was machst du?" und so weiter, und dann: „Wie erlebst du das?" Also dann schon, wie du gesagt hast, warm werden. Es gibt auch in der Literatur, wird das glaube ich auch Aufwärmphase genannt. Und dann am Ende einfach noch mal: „Ich habe jetzt noch mal ein paar Daten, die ich brauche." Dann sind die Personen schon warm und dann sind diese Daten auch leichter zu erheben. Also du brauchst schon so irgendwie einen Icebreaker, und Daten und harte Fakten am Anfang empfinde ich persönlich auch nicht als Icebreaker.
Christian: Ja, was irgendwie auch mal so ein bisschen hilft, habe ich den Eindruck, ist, wenn man auch erstmal so ein bisschen von sich erzählt. So erzählt: Ich bin vielleicht auch aufgeregt, oder ich habe gerade das und das gemacht, ich komme gerade aus der und der Situation, jetzt gucken wir mal, wie weit wir jetzt kommen. Ich mag jetzt auch persönlich nicht so dieses rein ganz strenge Frage-Antwort-Spiel, auch in den Podcasts hier. Ich habe natürlich auch immer meinen roten Faden für sowas, das ist jetzt kein Leitfaden in dem Sinne, aber ich halte mich da jetzt auch nicht sklavisch dran. Ich gucke immer mal, manchmal sehe ich auch schon gar nicht mehr, was ich da in meinen Notizen geschrieben hatte, und dann ergibt sich immer so eins aus dem anderen. Und dadurch, dass das Ganze dann eben mehr so gesprächsartig stattfindet, ist die Atmosphäre auch gleich eine ganz andere, als wenn man da jetzt wirklich so sich sklavisch an irgendwelche Fragen hält und auch Antworten erwartet in dem Sinne.
Giulia: Genau, das ist auch diese Offenheit, die eben in der qualitativen Forschung prägend ist. Diese Offenheit für neue Aspekte, die ich jetzt zum Beispiel bei dir einbringen würde. Du hast dir zwar Gedanken gemacht, wir reden über Interviews, um die Transkription, aber wenn ich jetzt einwerfe „demografische Daten", dann würdest du jetzt auch nicht sagen: „Nee, tut mir leid, das steht nicht auf meiner Liste", sondern du bist offen dafür, weil es ja einen Mehrwert liefert für die Zuhörer und Zuhörerinnen, aber auch für die Forschung dann, dass du dann einfach neue Erkenntnisse hast, die mit dem Thema zusammenhängen. Wichtig ist natürlich: Wenn jemand anfängt – das habe ich auch gehabt, als ich ältere Personen befragt habe – öfter mal, dass die auch abschweifen und erzählen von den Kindern und so weiter, dass man immer wieder in die Richtung lenkt zur Forschungsfrage. Also das ist halt eine Herausforderung, wenn Personen manchmal abschweifen. Kommt nicht so häufig vor, zumindest erfahrungsgemäß, aber kann natürlich vorkommen.
Christian: Und gibt man die Fragen dann vorher raus? Also ich meine, natürlich wissen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen dann, um welche Themen es geht. Aber macht man das, dass man Fragen da sozusagen vorher schon schickt, dass diejenigen sich auch überlegen können, was sie sagen? Oder soll das dann ganz spontan stattfinden?
Giulia: Also ich bin tatsächlich kein Fan davon, und ich kriege das auch immer zurückgemeldet. Ich sage dann immer, ich würde es nicht machen, aber für einige ist es eine Erleichterung, die machen das dann doch. Und dann kommen teilweise Dinge raus im Sinne von, dass sich die Teilnehmer oder Teilnehmerinnen vorbereiten. Also dass sie dann merken: Okay, es geht um das Thema. Ich habe zum Beispiel bei der Doktorarbeit über die Berufsgruppe der Busfahrer geschrieben, also wie werden Busfahrer wahrgenommen. Und natürlich spielt ja so eine soziale Erwünschtheit auch eine Rolle. Also man kann nicht sagen: Ja, so ein Busfahrer, der hat halt einen geringen Bildungsabschluss. Und dann sagt man sowas wie: „Ja, die sind wichtig." Aber eigentlich geht's nicht darum zu hören, was man sagen müsste, sondern was man tatsächlich über Busfahrer denkt, weil nur dann kann man daran ansetzen.
Giulia: Deswegen bin ich tatsächlich kein Fan davon. Einige Teilnehmer oder Teilnehmerinnen fordern das aber auch ein. Dann würde ich einfach so ein bisschen die Themen mitgeben, also: Was kann ich ungefähr fragen? Aber den ganzen Leitfaden würde ich nicht mitgeben, weil einfach eine zu starke Vorbereitung dann erfolgt. Und dann schaut jemand zum Beispiel nach, was verdienen denn Busfahrer, wie sind denn die Arbeitsbedingungen, und dann sieht man die ganzen Streiks, die dann irgendwie angezeigt werden, wenn man nur in sozialen Medien „Busfahrer" eingibt. Und dann hat man ein anderes Bild, das ist ein verfälschtes Bild aus meiner Sicht. Und dann gibt man auch subjektive Perspektiven preis, die gar nicht denen entsprechen, die man vorher hatte. Da kommen so viele Reflexionsprozesse zum Vorschein, und das sollte man dann auch offenlegen in seiner Arbeit, dass man da auch schreibt: Ja, ich habe die Fragen vorher rausgegeben.
Christian: Okay. Also ich habe jetzt meine Interviews geführt oder wenigstens schon mal das erste. Ich weiß nicht, wie man da am besten vorgeht, ob man erst alle Interviews führt und dann anfängt zu transkribieren und auszuwerten, oder ob man das so nach und nach macht. Kannst du vielleicht gleich noch was dazu sagen. Aber wir reden mal so ein bisschen noch über die Transkription. Eigentlich ein super aufwendiges Thema. Ich kenne das von meiner Partnerin, die hat auch mal so ein bisschen über ihre Abschlussarbeit erzählt und dann auch mal wieder darüber, wie aufwendig das war, das Ganze dann zu transkribieren, und da nächtelang irgendwie zu sitzen und das Ganze in Text umzuwandeln. Das geht ja heute ein bisschen einfacher. Hast du da vielleicht Tipps, wie man da am besten vorgeht?
Giulia: Ja, also ich habe die tatsächlich alle händisch transkribiert, und das ist aber auch, glaube ich laut Literatur, dauert es das Zehnfache der Zeit. Wenn du dir vorstellst, ein Interview geht vielleicht im Schnitt 45 Minuten, bist du bei 450 Minuten nur, um das zu transkribieren, und hast aber gar nichts analysiert noch. Mittlerweile gibt's echt richtig gute Tools, also zum Beispiel mit dem Softwareprogramm MAXQDA. Das nutzen eigentlich die meisten bei mir. Da gibt's einfach mit künstlicher Intelligenz, also KI, wird das Ganze transkribiert. Und klar, muss man dann noch mal drüberschauen, manchmal gibt's ein paar lustige Tippfehler, dann merkst du aber auch, dass das nicht passt. Bei Gruppendiskussionen oder Gruppeninterviews ist manchmal auch schwierig, dass es den Sprecher oder die Sprecherin nicht erkennt. Aber man spart extrem viel Zeit.
Giulia: Und ich habe jetzt auch diese Woche eine Studentin gehabt, die mir gesagt hat, na ja, sie lässt es einfach noch mal durchlaufen, und parallel, wenn sie schaut, ob die Aufnahme passt, macht sie sich eben schon Feldnotizen und schreibt sich schon dazu, was wurde denn gesagt, um dann auch ihr Kategoriensystem, also in die Analyse später zu gehen, schon Notizen zu machen. Das heißt, man kann das einfach auch schon als Grundlage nutzen, um die erste Sichtung – das ist vor allem Kuckartz, der sagt, man sollte die Texte erstmal sichten und sich Notizen dazu machen – das ist natürlich eine krasse Erleichterung.
Giulia: Es gibt auch Schreibbüros, die das Ganze machen, wenn wir bei der Transkription sind, und das auch schon nach Transkriptionsregeln für dich fertigstellen. Da spart man natürlich extrem viel Arbeit und kann auch sichergehen, die sind super. Die muss man einfach nur anhängen. Da muss man natürlich dann wieder Geld in die Hand nehmen und das bezahlen, ist halt einfach eine Dienstleistung. Aber das erleichtert einfach den Prozess enorm. Sowohl KI, als auch wenn man sagt, man möchte so einen Mix draus machen. Aber ich kenne mittlerweile niemanden, der das jetzt einfach so händisch transkribiert. Das gibt's einfach so gut wie gar nicht mehr.
Christian: Ja, ich glaube, die Kosten, die man dann mit so einem Schreibbüro hat, die gibt's ja auch schon immer eigentlich. Wahrscheinlich ist es heute auch ein bisschen günstiger, weil diese Schreibbüros eben auch nicht mehr so ganz so einen hohen Aufwand haben. Und für unsere Zuhörer und Zuhörerinnen ist das ja auch super interessant: Die meisten können sich das wahrscheinlich auch leisten, weil sie eben schon berufstätig sind, sich da einfach Hilfe zu holen beim Transkribieren. Aber dieses Transkriptionsthema, das sollte niemanden abschrecken, weil das eben viel Arbeit verursacht. Wer Lust hat, irgendwie so in diese qualitative Forschung zu gehen, sollte sich auf keinen Fall davon abschrecken lassen, weil das heute wirklich einfach geht. Wir kennen das eben hier auch aus diesem Bereich, in dem wir hier tätig sind, weil wir diese Videos, die wir hier machen, auch immer mal wieder transkribieren oder Untertitel generieren lassen. Und heutzutage ist es wirklich einfach nur noch ein Hochladen, dann dauert das fünf Minuten oder so, und dann hat man da wirklich schon gute Untertitel. Und wenn man da ein Tool nimmt, was auch spezialisiert ist – MAXQDA hattest du jetzt genannt – dann wird das ja auch trainiert auf die Anforderungen, die es da gibt für Menschen, die eben in der Forschung tätig sind.
Giulia: Da steht also ein Softwareprogramm dahinter, was man auch für die Analyse dann nutzen kann. Also es lohnt sich auch. Das Programm – ich bin ein absoluter MAXQDA-Fan, weil es einfach so krass effizient dadurch ist. Also dieses ganze Händische fällt einfach weg. Da gibt's so coole Tools, um Abschnitte zu paraphrasieren, zu codieren und das Ganze zu strukturieren. Und der erstellt dir ganz viele Grafiken und exportiert ganz viel, das erspart dir extrem viel Zeit. Und du hast wirklich coole visuelle Tools auch, um das dann in deine Abschlussarbeit zu integrieren als Abbildung, und es ist auch nicht verpixelt, oder auch als Excel-Datei, als Word-Datei, dass du das Ganze noch bearbeiten und überarbeiten kannst. Also ich kann es wirklich nur empfehlen. Und das macht das Ganze einfach auch viel attraktiver, weil es einfach viel, viel schneller geht. Und erfahrungsgemäß ist es für die meisten erstmal so: Oh Gott, so viel Datenmaterial! Und wenn man dann aber in den Daten ist, dann denkt man sich: Boah, das ist so cool! Jetzt habe ich einfach so viele coole Inhalte generiert aus meinen Interviews, die ich geführt habe. Also da ist man auch richtig stolz danach. Das ist immer wieder der Punkt, wo die Studenten dann sagen: Oh nein, oh mein Gott, ist so viel! Aber dann, wenn sie drin sind und merken: Hey, das geht eigentlich voll gut, dann denken sie sich: Wow, das sind meine Ergebnisse, das sind meine Inhalte aus meinen Interviews. Einfach nur cool.
Christian: Ja, und ich glaube, die Technikerinnen und Techniker unter uns, die haben dann auch Spaß daran, an diesem Transkriptionsprozess. Wir nehmen ja ab und zu auch die Videos, die wir hier für YouTube beispielsweise machen, packen die in ChatGPT zum Beispiel, also man kann jetzt kein Video hochladen, aber da gibt's spezielle Plugins, und sagen dann einfach: Schreib uns mal eine Zusammenfassung. Oder: Fass uns mal das hier zusammen. Ich glaube, so kann man auch ganz schnell Übersichten einfach bekommen. Das kann man jetzt nicht direkt für seine Arbeit verwenden, aber einfach um auch mal ganz schnell irgendwie zu gucken, wie ist denn die Tonalität jetzt von diesem Gespräch beispielsweise.
Giulia: Ja, es gibt auch ganz viele Workshops bei MAXQDA, gute Tutorials. Und es gibt auch bei MAXQDA integriert schon ein paar KI-Funktionen, die dabei unterstützen, wenn man in die Analyse geht. Wahrscheinlich der nächste Schritt, wenn wir das jetzt weiter besprechen, die helfen dann auch bei der Analyse. Also wirklich krass mithelfen, was damals für mich jetzt noch nicht der Fall war.
Christian: Okay, dann lass uns doch gleich über die Analyse reden. Du bist ja auch Expertin für die Inhaltsanalyse, so stellst du dich zumindest auch vor. Vielleicht kannst du uns mal so ein bisschen darstellen, wie sich die klassischen oder typischen Ansätze nach Mayring und Kuckartz voneinander unterscheiden. Woher weiß ich denn, was ich jetzt für einen Ansatz verwenden sollte, um meine Interviews auszuwerten?
Giulia: Also ich habe tatsächlich mit Mayring gearbeitet in meiner Arbeit und war oder bin auch eigentlich immer noch ein Mayring-Fan. Aber tatsächlich habe ich mich auch mehr mit Kuckartz jetzt beschäftigt, also wirklich in die Tiefe gehen, weil viele auch damit arbeiten. Auch viele Hochschulen sagen: Arbeitet doch lieber mit Kuckartz. Und im Grunde haben beide dasselbe Ziel: Sie wollen die Inhalte generieren, also sie wollen diesen Pool an Daten zusammenfassen und irgendwie darstellen, so dass man daraus auch Erkenntnisse gewinnen kann.
Giulia: Und was Kernmerkmal beider Stränge ist, ist die Entwicklung eines Kategoriensystems. Also man hat Punkte mit untergeordneten und übergeordneten Kategorien, die eben wie so ein Grundraster, so ein Abbild eigentlich der Texte darstellen, mit bestimmten Stichwörtern. Und Mayring hat da so einen, ich finde, sehr starken Ablauf: Also Schritt 1, Schritt 2, Schritt 3, Schritt 4, und hat da so eine ganz klare Struktur, wie man das macht. Und Kuckartz ist da etwas offener, also das ist auch in der Abbildung eher kreisförmiger, mit mehr Spielraum und so weiter.
Giulia: Und im Grunde kriegt man durch beide Stränge ein Kategoriensystem am Ende des Tages raus. Und es kommt drauf an, was für ein Typ man ist: Ob man eher so diesen krass strukturierten Plan braucht, um sich daran zu halten, wenn man sonst das Gefühl hat, man verliert sich – vor allem wenn man noch nie qualitativ gearbeitet hat. Viele, die mit Kuckartz arbeiten, haben auch schon Vorerfahrung, haben zum Beispiel im Bachelor schon damit gearbeitet und wissen, wie funktioniert denn überhaupt so Kodieren. Und dann kommen sie mit Kuckartz auch besser klar, weil es offener ist. Ich habe jetzt auch öfter gehört von einigen: Kuckartz ist verständlicher als Mayring. Das würde ich auch so unterschreiben. Wenn man bei mir ist und ich Mayring dann beibringe, ist Mayring ebenso zugänglich. Also ich finde nicht, dass die eine Methode besser ist als die andere, sondern man muss einfach für sich gucken, mit welcher kommt man besser klar. Und ans Ziel kommt man mit beiden eigentlich sehr gut.
Christian: Okay, und das übe ich ja dann eigentlich auch schon im Studium, wenn es ums wissenschaftliche Arbeiten geht. Also zumindest kann ich mich dran erinnern, ich habe ja ein bisschen Kulturwissenschaften studiert, als es dann so in das Thema qualitative Forschung ging, da haben wir dann auch wirklich eine ganze Weile geübt, so ein Kategoriensystem zu erstellen. Hole ich mir da zwischendurch auch mal Feedback bei meinem Betreuer oder meiner Betreuerin?
Giulia: Ja, also beim Kategoriensystem ist das Problem: Man erkennt schon den Unterschied von Studis, die schon mal damit konfrontiert wurden, also wirklich qualitative Forschung als Vorlesung hatten. Bei vielen wird es einfach angeschnitten: Was macht qualitative Forschung? Welche Methoden gibt es da? Aber es wurde noch nie ein Kategoriensystem entwickelt. Das ist eigentlich auch der Grund, warum viele dann zu mir kommen, weil sie dann sagen: Ja, ich verstehe das theoretische Konstrukt, aber wie mache ich denn jetzt so ein Kategoriensystem? Also wie entwickle ich das tatsächlich?
Giulia: Und genau deswegen ist es aus der Praxis heraus, vor allem auch viele, die ein Fernstudium machen: Der Bezug zu Uni ist auch einfach anders. Man hat ja eher diese Studienhefte und hat halt wieder theoretisches Wissen, so dicke Studienhefte. Ich habe selbst ganz viele schon geschrieben für Unis, das muss man auch erstmal durchkommen. Und da ist so eine Anleitung einfach netter, man kommt einfach besser damit klar, mit praktischen Beispielen und so weiter.
Giulia: Und jetzt habe ich deine Frage vergessen vor lauter Kategoriensystem. Ob ich mir dann Feedback hole, im Prinzip, ja. Ich würde mir auf jeden Fall den Betreuer oder die Betreuerin immer sehr sorgfältig wählen, die dann auch vielleicht schon in der qualitativen Forschung zu Hause ist und damit was anfangen kann, weil es einfach ein anderer Strang ist, ein anderer Forschungsstrang. Und würde mir da immer Rückmeldung holen. Ich werde aber auch vorsichtig, weil für einige Gutachter und Gutachterinnen – das kam jetzt leider häufig auch mal als Rückmeldung – spielt das selbstständige Arbeiten halt eine sehr große Rolle. Wenn man einfach oft fragt: Stimmt jetzt diese Kategorie, und das und das? – dann wird es so ein bisschen als unselbstständiges Arbeiten, also sich nicht aneignen, in die Schublade gesteckt sozusagen.
Giulia: Also ich würde mir Feedback holen, aber eher so im Sinne von: Ich habe jetzt das Kategoriensystem erstellt und würde gerne noch mal Rückmeldung haben, ob es für Sie stimmig ist. Und nicht: Wie mache ich das? Nehme ich die strukturierende, die zusammenfassende? Also das hat so ein bisschen diesen Charakter, du weißt eigentlich nicht, wie du wissenschaftlich vorgehst. Da würde ich mir lieber Hilfe holen, extern, und dann in den Austausch gehen: Mit Kommilitonen, mit mir, mit anderen Wissenschaftscoachs. Da einfach in den Austausch zu gehen und da die Sicherheit zu kriegen.
Christian: Kann man sich da irgendwie auch von KI Hilfe geben lassen?
Giulia: Ja, auf jeden Fall kann man sich da Hilfe holen. Ich würde mich nicht hundertprozentig darauf verlassen, also im Sinne von: „Mach mir mal das Kategoriensystem" oder so, und „Jetzt stimmt's" oder „Soll ich eher zusammenfassend oder strukturierend vorgehen?" Aber man kann sich Anleitungen geben lassen, also dass man das Konstrukt auch einfach besser versteht.
Christian: Okay, also Kategoriensystem: Neben dem Leitfaden auch etwas, das man erstellen muss. Eine der großen Herausforderungen, würde ich mal sagen, um wirklich so eine gute Forschung durchzuführen und gute Arbeit letztendlich zu schreiben. Auch etwas, was man üben sollte, am besten schon im Studium, jetzt bevor man mit seiner Bachelor- oder Masterarbeit anfängt, und sich da auch immer mal Feedback zu holen. Und wer sich jetzt nicht so viel Hilfe oder Feedback von seinen Betreuern oder Betreuerin holen möchte, der kann natürlich auch sich einen Coach einfach suchen oder eine Coachin und sich da einfach jemanden zur Seite holen, der einem so ein bisschen unter die Arme greift und immer mal guckt, dass man da auch gut und richtig vorgeht.
Giulia: Das ist auch absolut legal und legitim. Also vielleicht noch mal dazu: Das ist ja kein Ghostwriting. Du kannst dir ja bei deinem Prof, bei einem Kollegen – wie auch sonst – kannst du dir auch Anleitung und Beratung holen. Und nur weil dein Kollege sagt, ja, nutzt doch mal, auch im quantitativen Bereich, die und die Analyse, musst du ihn ja nicht in der Arbeit angeben. Es ist ein Austausch, und das ist absolut in Ordnung, sich da Hilfe zu holen. Vor allem wenn man berufsbegleitend mit Kindern, mit keine Ahnung Hund und allen Anforderungen, die halt eben da sind, seine Abschlussarbeit fertig schreiben will. Also kann ich nur unterstreichen und nur empfehlen.
Christian: Ja, ist wie bei einem Lektorat letztendlich. Ich habe auch mal den Anspruch gehabt, auch denjenigen, denen ich da geholfen habe, die Arbeit einfach zu verbessern, auch was beizubringen, so dass die dann irgendwann vielleicht kein Lektorat mehr brauchen und da einfach selber wissen: Wie schreibe ich jetzt einen guten Text? Nicht nur in Bezug auf die Rechtschreibung, das kriegt ja dann jeder irgendwie noch hin mit ein bisschen Übung, sondern wie schaffe ich es auch, gut wissenschaftlich zu formulieren, einen guten verständlichen Stil zu pflegen und sowas.
Giulia: Ja, genau. Auf jeden Fall hilfreich. Da geht's auch bei mir spezifisch in der Anleitung: Ich nehme meine Kunden und Kundinnen an die Hand, aber ich schreibe die Arbeiten nicht selbst. Da will ich schon, dass man eigenverantwortlich damit umgeht. Und die meisten sind das auch, und die brauchen einfach nur mal ein bisschen Sicherheit, ein bisschen Rückendeckung und einfach praktische Anleitungen.
Christian: Ja, jetzt haben wir eigentlich alle Themen so durchgesprochen und auch so gedanklich so ein bisschen durchgegangen, wie ich vorgehe, wenn ich mich für diese Methodik interessiere. Vielleicht fassen wir mal ganz zum Schluss jetzt noch mal so ein bisschen zusammen: Was sind so die ganz großen Herausforderungen? Das hat sich jetzt schon so aus unserem Gespräch ergeben, aber nur noch mal so ein bisschen als Zusammenfassung, unseren Zuhörern jetzt mitzugeben, was die großen Herausforderungen sind und wie man diesen begegnen kann. Fangen wir vielleicht mal an damit: Wie stelle ich eigentlich fest, wer geeignet ist für so ein Interview oder wen ich jetzt interviewen möchte? Ist das eine Herausforderung?
Giulia: Ich würde tatsächlich sagen, die erste basale Herausforderung, die sowohl qualitativ als auch quantitativ betrifft, ist tatsächlich, sich diesen Forschungsüberblick zu verschaffen. Also auch erstmal – das sage ich auch immer wieder, dieser Satz „Es gibt dazu einfach keine Studien", der wird immer sehr schnell gesagt. Und man muss tatsächlich auch gucken: Gibt's dazu wirklich keine Studien? Wenn es nämlich schon so viel dazu gibt, dann ist dein Forschungsvorhaben überhaupt nicht indiziert, weil Forschung möchte natürlich neue Erkenntnisse gewinnen. Und vor allem qualitative Forschung möchte Erkenntnisse gewinnen, die es eben noch nicht gibt oder mehrheitlich noch nicht gibt.
Giulia: Das heißt, das Allererste ist erstmal – das finde ich auch die größte Herausforderung – sich einen Überblick zu verschaffen: Was gibt es dazu und welche guten Artikel gibt es? Und nicht irgendwie nur, jemand schreibt etwas, sondern wissenschaftliche Beiträge zu erkennen und zu erkennen, wo ist da die Forschungslücke. Vielleicht das noch mal: Jede Arbeit muss eine Forschungslücke, eine Problemstellung haben. Wenn es die Problemstellung und die Forschungslücke nicht gibt – warum forscht du dann? Also warum hast du dann dieses Thema dir ausgewählt? Und das erstmal rauszufinden, ist glaube ich die größte Herausforderung, egal ob qualitativ, quantitativ oder Literaturübersicht. Die Problemstellung muss erstmal herausgearbeitet werden und da der rote Faden erkannt werden.
Giulia: Untersuchungsteilnehmer festlegen ist halt: Wenn du deine Forschungsfrage so gut formuliert hast, dass du weißt, was du willst, geht es eigentlich so miteinander einher. Du weißt, was du erfragen willst, was du identifizieren willst, und weißt automatisch, wen du dafür brauchst. Also das ist so die Basis dafür: Der theoretische Rahmen, die Forschungsfrage. Und dann die Untersuchungsteilnehmer zu kriegen – natürlich je nach Thema, je nach Mitteilungsbedürftigkeit, je nachdem, wie sensibel das Thema auch ist, kann es einfacher oder schwieriger sein. Dafür würde ich auch genug Zeit einplanen und auch schon überlegen: Wen kann ich kontaktieren? Wie kann ich kontaktieren? Soziale Medien hast du ja zum Beispiel gesagt, Stakeholder, Unternehmen, Verbände, wer auch immer da Ansprechpartner sein könnte. Sich das schon vorab zu überlegen.
Giulia: Und dann halt auf Basis der Theorie diesen Leitfaden zu entwickeln, der stimmig ist, wo du auch im Nachgang sagen kannst, warum habe ich den so aufgebaut. Und die Transkription haben wir schon besprochen, kann ja auch effizient laufen. Und sich halt dann auch genug Zeit nehmen, mit den Daten zu arbeiten. Das ist noch mal die zweite Herausforderung, würde ich sagen, neben der theoretischen Fundierung: Die Ergebnisse dann irgendwie zu identifizieren und die in Einklang zu bringen mit dem theoretischen Wissen. Also was gibt es dazu, was gibt's dazu nicht, was hast du identifiziert und inwiefern passt das, was du identifiziert hast, mit dem, was es gibt, zusammen.
Christian: Und gibt's eigentlich auch, das ist noch mal so eine Frage am Rande, könnte ja auch eine Herausforderung sein: Menschen, die da wieder abspringen, nachdem sie so ein Interview gegeben haben, und sagen, ach, ich will es doch nicht, dass das da irgendwie verwendet wird?
Giulia: Ja, das gibt's natürlich, und das dürfen sie auch machen. Also man darf jederzeit, auch während des Interviews, wenn man merkt, das ist irgendwie zu viel, ich möchte nicht mehr, darf man das Interview abbrechen. Es gab auch, ich habe auch eine Studentin, die hat ein Gruppeninterview geführt, und die haben dann gesagt, sie möchten nicht, dass es aufgenommen wird, aber sie darf sich Gesprächsnotizen machen. Man kann auch mit Gesprächsnotizen arbeiten in der qualitativen Forschung, man kann auch Beobachtungen durchführen und sich Feldnotizen machen. Also man kann auch mit den Inhalten arbeiten. Natürlich ist eine Aufnahme einfacher, aber das gibt's natürlich. Auf jeden Fall, würde ich aber sagen, gar nicht so häufig. Also wenn sich jemand dazu entscheidet, zu einem Thema was zu sagen und mit dir einen Termin vereinbart, ist die Wahrscheinlichkeit eher geringer, dass die Person abspringt oder mittendrin irgendwie abbricht. Kommt selten vor.
Christian: Okay, aber sollte man vielleicht ein bisschen mit einberechnen, wenn man sich jetzt Gäste oder Interviewpartner und -partnerinnen sucht, dass das auch passieren kann. Cool, also ich hoffe, wir haben das Thema jetzt schmackhaft gemacht für Studierende und als nicht ganz so aufwendig erscheinend. Vielleicht erzählst du uns mal noch ein bisschen, wie man dir jetzt folgen kann. Also einen Podcast hatte ich schon gesagt, gibt's auch. Wer sich noch ein bisschen weiter in das Thema vertiefen möchte und vielleicht erstmal noch schauen möchte, ob das jetzt wirklich was für ihn ist, der hört sich mal die eine oder andere Folge an. Was gibt's noch für Möglichkeiten, dir zu folgen, mit dir in Kontakt zu treten?
Giulia: Ja, also Podcast ist so die wichtigste Anlaufstelle. Die meisten, die zu mir kommen, die hören erstmal meinen Podcast und hören auch, wie ich arbeite. Ich meine, es muss ja auch passen, dass man menschlich einfach passt, von der Atmosphäre und von dem, was ich erzähle. Man kann daraus aber auch schon ganz viele Informationen generieren, sagen: Ah ja, okay cool, die nehme ich einfach mal mit rein. Daran habe ich zum Beispiel nicht gedacht, SPSS-Prinzip nach Helfferich zum Beispiel – habe ich da jetzt auch das Buch zitiert sozusagen, und das benutzen auch tatsächlich dann ganz viele. Und dann natürlich auf Insta kann man mir folgen. Also da interagiere ich natürlich mit der Zielgruppe, da gibt's auch Angebote, zum Beispiel dass man ein kostenloses Coaching bei mir mal haben kann und einfach mal in den Austausch gehen kann. Und ja, das wären eigentlich so die Hauptanlaufstellen. Ich bin auch bei LinkedIn, auch bei Facebook, aber Insta ist eigentlich so die Plattform, wo ich mich am wohlsten fühle, wo auch die meiste Interaktion stattfindet. Das würde ich eher als meine Plattform, wo ich zu Hause bin, bezeichnen.
Christian: Die nutzen. Ja, vielen Dank! Das verlinken wir natürlich auch alles in den Shownotes für diesen Podcast bzw. in der YouTube-Beschreibung, wer das auf YouTube schaut. Also herzlichen Dank für die Teilnahme und ja, für deine Expertise, die du hier mit uns geteilt hast. Und schönen Tag dir noch!
Giulia: Ja, danke dir, dir auch. Schön, tschüss!

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