Ghostwriting wissenschaftlicher Arbeiten reloaded

Christian Wolf
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Titelhandel ist im Hochschulwesen ein heißes Eisen, das derzeit wieder topaktuell durch die Medien gereicht wird. Ein paar Profs und Privatdozenten, insgesamt 100, darunter auch von einer Hochschule in Hagen, haben sich daran die Finger verbrannt. Vor ein paar Monaten schrieb ich bereits über dieses Thema: Ghostwriting für Diplomarbeiten & Co.

Woran liegt es, dass manche sich die Mühe wissenschaftler Arbeit nicht machen wollen und ihre Arbeit von Dr. Anonym verfassen lassen? (Abbildung: © dbunn/Fotolia)

Ich bin immer wieder überrascht, wie viele doch per Google sich zum Thema informieren, man kann fast sagen, dass tagtäglich Studenten hier auf den eben erwähnten Artikel gelangen, weil sie nach „Diplomarbeit schreiben lassen“ oder ähnlichen Terms suchen. Über eine Autorengruppe in XING habe ich vor kurzer Zeit auch eine Dame beobachtet, die Mitarbeiter anwarb, weil sie eine Agentur für akademisches Ghostwriting aufbauen möchte. Überrascht hat mich dabei auch, wie kaltblütig haufenweise Autoren ihr Interesse zeigten und um eine Mitarbeit buhlten.

Auch durch meine Tätigkeit als Lektor für wissenschaftliche Abschlussarbeiten bekomme ich hin und wieder Anfragen, was es denn so kosten würde, eine Abschlussarbeit verfassen zu lassen. Eine Freundin hat kürzlich eine Diplomarbeit für 500 EUR verfasst *lol*. 500 EUR für ein Diplom, wirklich ein Schnäppchen.

Aktuell geht es um den Titelhandel im Bereich Promotion. Aber falls diese Affäre sich ausweitet, wird auch die Aufmerksamkeit auf das Ghostwriting für Seminararbeiten oder Abschlussarbeiten wie Diplomarbeiten oder Masterarbeiten gelenkt werden. Da werden sich m.E. noch ganz andere Dimensionen auftun. Auch das Thema Plagiate wird sicher wieder aufgerührt werden.

So mies ich die Anbieter für akademisches Ghostwriting finde und auch die korrupten Profs und die Luschen von Studenten, die zu faul und zu unfähig sind, sich wenigstens eine drittklassige Arbeit zusammenzuschustern und sie dann durch einen Lektor glätten zu lassen; ich will doch die Sache mal in alle Kürze aus einer anderen Perspektive beleuchten und auf die Frage eingehen, wie es dazu kommen kann.  Ich sehe da verschiedene Ursachen:

1. Schlechte Gehälter für Profs und Privatdozenten

Wenn ein Prof sich bestechen lässt, um den Weg zu einem Titel wie den Doktor zu erleichtern, dann hat er wohl ein äußerst lukratives Angebot erhalten. Die Motivation, auf dieses Angebot einzugehen, wird umso höher, je schlechter seine Besoldung ist. Das ist etwas, das man im Rahmen dieser Affäre auch gründlich hinterfragen sollte. Der Großteil der Profs in Deutschland leistet eine Bärenarbeit, die mit einer 40-Stunden-Woche nicht erledigt werden; entsprechend sollte auch die Besoldung sein. Auch die lächerlichen Gehälterchen, die Doktoranden für ihre Arbeit bekommen, sollten gründlich überdacht werden.

2. Überforderte Studenten und Doktoranden

Studis, die sich ihre Arbeit schreiben lassen, sind nicht selten einfach überfordert durch den Leistungsdruck an der Uni, der im Rahmen von Bachelor und Master noch ordentlich gewachsen ist. Durch meine Arbeit als Lektor weiß ich auch, dass grottenschlechte Betreuung nicht selten vorkommt (was auch an überlasteten Profs liegen kann).

3. Gute Noten zählen, sonst nichts

Auch der Arbeitsmarkt spielt in die Misere mit hinein, der Druck, möglichst gute Zeugnisse und Bewertungen vorzulegen, um einen ordentlichen Job zu bekommen, der durch schlechte Personalverantwortliche verursacht wird und eine Gesellschaft, die sich anscheinend nur noch am Leistungsgedanken orientiert. Ehrlich gesagt: Ich als Unternehmer würde niemals einen frischen Absolventen einstellen, nur weil er einen Notendurchschnitt von 1,0 aufweist. Was ich brauche, das sind Persönlichkeit, Engagement und Spaß an der Arbeit. Viele Unternehmen sehen das aber anders und sortieren Bewerber nach Abschlussnoten. Damit schneiden sie sich allzu oft ins eigene Fleisch.
Das sind jetzt nur ein paar recht unsortierte Gedanken zum Thema. Dass die Taten der Profs bzw. Honorarprofs und die Angebote der Ghostwriting-Agenturen verwerflich in höchstem Maße sind, ist klar, aber es sollte auch klar sein, dass das Ganze mal wieder eine Strukturschwäche spiegelt. Solange am System nichts verbessert wird, wird sich da auch in Zukunft nicht viel ändern, auch wenn 100 Profs ihre Professur verlieren.

Auch lesen:

Veröffentlicht vor 9 Jahren (aktualisiert vor 1 Monat). Abgelegt unter Abschlussarbeit, Ghostwriting.

Christian Wolf

Christian ist Wissenschaftsredakteur und Blogger, leidenschaftlicher Autodidakt, hat den Realschulabschluss mit 1,5 gemacht, sein Abi extern (3,6), hat in Göttingen, Jena, Berlin und an der FernUni studiert, und kann auch Latein, Altgriechisch, Französisch, Russisch und Englisch. Top, der Mann! Folge uns auf Facebook, um keine neuen Beiträgen von Christian zu verpassen.

Kommentare und Fragen

Goellner

Ich freue mich, dass es Ihnen mit diesem Artikel gelungen ist, für das Thema Wissenschaftliches Ghostwriting eine differenzierte Perspektive zu eröffnen.
Es wird leider häufig übersehen in welcher Situation sich die Studenten befinden. Neben den benannten Faktoren, an denen sich der Bedarf an dieser Branche begründet, können insbesondere die 'diffus formulierten Anforderungen' der Universitäten angeführt werden, die bei vielen Studenten zu Versagensängsten führen.

Umso schlimmer finde ich es - wenn man sich schon klar ist, in welcher Lage sich manche Studis befinden (die armen Opfer, sind wohl von Anfang an zu ihrem Studium gezwungen wurden) - diese Lage auch noch auszunutzen und daraus Kapital schlagen zu wollen.

Hinweis: Der Account "mottke" wurde gesperrt, wegen Spams für eine Ghostwriting-Agentur-MFA-Website im Artikel https://www.fernstudi.net/blog/diplomarbeit-schreiben-lassen-so-funktioniert-ghostwriting.html - an der Seriosität der Website zweifle ich nicht nur wegen der Sache an sich, sondern auch, weil die Website nicht einmal ein Impressum besitzt. Ich behalte es mir vor, den Namen der Website hier im Blog zu veröffentlichen oder auf Nachfrage bekanntzugeben.

Lieber mottke,

ich denke, dass ich mein Verständnis oben im Artikel darlege:
- Schlechte Gehälter für Profs und Privatdozenten
- Überforderte Studenten und Doktoranden
- Gute Noten zählen, sonst nichts

Soll ich jetzt noch Verständnis für die akademischen Ghostwriter aufbringen, die aus kommerziellen Gründen diese Dinge ausnutzen? Nee, mache ich bestimmt nicht.

Zur Quellensuche - ganz einfach: Der Unterschied liegt darin, dass es zur akademischen Ausbildung gehört, Quellen zu recherchieren, aus denen das Material dann aufbereitet wird. Wenn das eine Agentur übernimmt, wird mit der Arbeit also die entsprechende Fähigkeit der Agentur dargestellt, nicht des Studenten.

Zudem geht es hier nicht darum, mal schnell von jemandem Quellen recherchieren zu lassen, sondern darum, sich eine komplette Abschlussarbeit verfassen zu lassen, die als eigene einzureichen und so einen Titel so rechtswidrig zu erschleichen.

Ghostwriting-Agenturen bewegen sich hier am Rand der Legalität und nutzen Gesetzeslücken aus. Im Fall der Fälle machen sich nur die Studenten oder Doktoranden strafbar, die die Arbeit es Fremden einreichen.

Edwin Semmler

Lieber Christian,

Deine Beiträge sind schlicht übertrieben. Akademisches Ghostwriting ist ok. Es handelt sich um eine Randerscheinung, die es schon immer gegeben hat. Oder hast Du Dir nie von Freunden etc. helfen lassen?

Lieber Edwin,

sich von Freunden helfen zu lassen, ist etwas anderes, als sich eine Arbeit schreiben zu lassen.
Ich arbeite selbst als Lektor für wissenschaftliche Arbeiten und helfe vielen Studenten, die Arbeiten zu verbessern. Formal. Ich greife nicht in die Inhalte ein, geschweige denn erstelle ich die Inhalte.

Vielleicht ist es eine Randerscheinung, deswegen muss ich das aber nicht tolerieren, okay ;-) Und für übertrieben halte ich die Beiträge auch nicht.

Freundliche Grüße

Edwin Semmler

Lieber Christian,

Du äusserst Dich schon sehr klar und ohne jegliches Verständnis. Außßerdem scheinst Du Dich mit dem Thema überhaupt nicht auszukennen. Wo liegt der Unterschied ob die Quellensuche meine Schwester übernimmt oder eine Agentur?

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