Vom Pilotprojekt zur Bildungsreform: Immer mehr Fachhochschulen erhalten Promotionsrecht
Zwölf von 16 Bundesländern haben bis März 2025 gesetzliche Grundlagen geschaffen, um Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) das eigenständige Promotionsrecht zu verleihen. Die Publikation CHECK Promotionsrecht für HAW in Deutschland des CHE Centrum für Hochschulentwicklung dokumentiert den bundesweiten Ausbau dieser Möglichkeiten, benennt erstmals die konkreten Hochschulen und stellt unterschiedliche Modelle vor – darunter auch hochschulübergreifende Promotionszentren. Fernhochschulen sind derzeit nicht unter den Trägern vertreten.
Die deutsche Hochschullandschaft befindet sich im Wandel: Immer mehr Bundesländer verleihen ausgewählten Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) das eigenständige Promotionsrecht. Während 2016 allein die Hochschule Fulda in Hessen als erste HAW mit dieser Möglichkeit startete, haben laut dem „CHECK Promotionsrecht für HAW in Deutschland – Stand März 2025“ inzwischen zwölf Bundesländer entsprechende Regelungen im Landesrecht verankert.
Dabei setzt sich zunehmend ein differenziertes Bild durch: Promotionsrechte werden nicht flächendeckend an ganze Hochschulen vergeben, sondern gezielt an sogenannte „forschungsstarke Subeinheiten“, etwa Fachbereiche oder Promotionszentren. In Hessen beispielsweise ist ein solches Promotionszentrum mit mindestens zwölf qualifizierten Professorinnen und Professoren Voraussetzung. In Sachsen-Anhalt reichen sechs Personen mit nachgewiesener Forschungsleistung aus, um ein Promotionszentrum zu etablieren.
Einzelne Hochschulen mit Promotionsrecht sind unter anderem:
- Hochschule Fulda (seit 2016)
- HAW Hamburg (seit 2025, drei Programme mit thematisch begrenztem Promotionsrecht)
- Hochschulverbünde in Bayern, die über das Bayerische Wissenschaftsforum seit 2023 Promotionszentren einrichten
- Der Promotionsverband der HAW in Baden-Württemberg, der 2022 gegründet wurde
Zusätzlich setzen mehrere Länder auf landesweite Promotionskollegs. So vergibt Nordrhein-Westfalen seit 2022 das Promotionsrecht an ein zentrales Kolleg, ohne dass eine Universität beteiligt sein muss. Schleswig-Holstein verfolgt ein ähnliches Modell, allerdings mit universitärer Beteiligung.
In Brandenburg wurde das Promotionsrecht für ein landesweites Kolleg zwar 2024 gesetzlich verankert, eine Umsetzung steht jedoch noch aus. Bremen und das Saarland haben seit 2024 Regelungen geschaffen, um das Promotionsrecht auf Antrag einzelnen HAW oder Verbünden zu verleihen.
Nicht vertreten sind bislang die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen – wobei Rheinland-Pfalz bereits eine entsprechende Novelle vorbereitet. Auffällig: Fernhochschulen tauchen in der Übersicht nicht auf. Das Promotionsrecht konzentriert sich bislang auf forschungsaktive Präsenzhochschulen mit ausgewiesenem Anwendungsbezug.
Im Jahr 2023 waren laut Statistischem Bundesamt 455 Promovierende direkt an einer HAW eingeschrieben – ein Anteil von nur 0,2 % aller Promovierenden in Deutschland. In kooperativen Verfahren mit Universitäten waren es 1.881 Personen (0,9 %). Die geringe Zahl erklärt sich durch die selektive Vergabe und die Neuheit der Modelle, unterstreicht aber auch den noch jungen Charakter dieser Reform.
Das CHE betont in seiner Analyse, dass HAW-Promotionen keine Promotionen zweiter Klasse seien. Im Gegenteil: Die Anforderungen an Qualitätssicherung, Drittmittelakquise und Publikationstätigkeit seien oftmals strenger als an Universitäten. Zudem könne durch praxisnahe Themen, regionale Einbindung und die Möglichkeit berufsbegleitender Promotionen ein eigenständiges Profil entstehen, das insbesondere für „First Generation Students“ neue Bildungswege eröffnet.
Die Autorinnen und Autoren des CHECK empfehlen, das Promotionsrecht an den Stärken der HAW auszurichten und nicht allein an universitären Maßstäben zu messen. Das Promotionsrecht solle dabei helfen, das Profil der HAW im Wissenschaftssystem weiter zu schärfen – als gleichwertiger, aber andersartiger Hochschultyp.
Veröffentlicht am 03.04.2025 09:47 von Christian Wolf