Indische Studierende an der IU in Berlin: Zwischen individuellen Härten und gesamtgesellschaftlichen Problemen – Wie viel Skandal steckt im System?
Ein Bericht der TAZ vom 1. Juli 2025 über indische Studierende an der Internationalen Hochschule IU in Berlin sorgte für Aufsehen: Die Reportage zeichnet ein Bild von Ausbeutung, Unsicherheit und enttäuschten Erwartungen. Eine Analyse auf fernstudi.net vom 3. Juli 2025 relativiert die dramatische Darstellung und verweist darauf, dass viele der geschilderten Probleme auf strukturelle Defizite im deutschen Hochschul- und Wohnungsmarkt zurückzuführen sind, die auch deutsche Studierende betreffen. Die Kritik an der IU wird dabei differenziert bewertet, ebenso wie die Herausforderungen internationaler Studierender im Kontakt mit Behörden und auf dem Arbeitsmarkt.
Im TAZ-Artikel Das Geschäft mit den Studis vom 1. Juli 2025 wird anhand der Biografien zweier indischer Studierender an der Internationalen Hochschule IU in Berlin geschildert, wie hohe Kosten, Wohnungsknappheit und bürokratische Hürden zu prekären Lebens- und Studienbedingungen führen. Die Autorin beschreibt, dass viele internationale Studierende aus Indien sich mit Nebenjobs in der Gastronomie oder als Kurierfahrer über Wasser halten müssen und von enttäuschenden Erfahrungen an der Hochschule berichten, etwa im Hinblick auf die Qualität der Online-Lehre und mangelhafte Unterstützung bei Visafragen. Der Ton der Reportage ist emotional und nutzt starke Bilder, etwa den Vergleich mit „Sklaven“, um die schwierige Lage der Betroffenen zu verdeutlichen.
Die Analyse von Christian Wolf auf fernstudi.net vom 3. Juli 2025 bewertet diese Darstellung kritisch und weist darauf hin, dass viele der angesprochenen Probleme nicht nur internationale Studierende aus Indien, sondern auch zahlreiche deutsche Studierende betreffen. Wohnraummangel, hohe Mieten und die Notwendigkeit von Nebenjobs seien in Großstädten wie Berlin ein weit verbreitetes Phänomen. Nach Angaben von fernstudi.net berichten über 60 Prozent aller Studierenden in Berlin von erheblichen Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche, unabhängig von Herkunft oder Status.
Wolf argumentiert zudem, dass die Studienstruktur der IU – insbesondere die Nutzung von Online- und Blended-Learning-Modellen – mittlerweile auch an staatlichen Hochschulen üblich sei und nicht per se als Mangel gelten könne. Die IU ist als private Fachhochschule staatlich anerkannt und ihre Abschlüsse sind gültig. Während individuelle Erfahrungsberichte über mangelnde Betreuung oder organisatorische Probleme existieren, seien solche Herausforderungen nicht auf die IU beschränkt, sondern in unterschiedlicher Form an vielen Hochschulen zu beobachten.
Hinsichtlich der Kritik an Behörden und Visa-Verfahren verweist die Analyse darauf, dass Unsicherheiten und bürokratische Hürden im Kontakt mit Ausländerbehörden viele Studierende betreffen. Diese resultierten oft aus allgemeinen strukturellen Defiziten des deutschen Verwaltungsapparats und nicht aus gezielter Benachteiligung einzelner Gruppen. Die aktuelle Situation an der IU, bei der Unklarheiten über den Status von Online- und Präsenzstudium zu Problemen bei der Visaverlängerung führten, verdeutlicht laut fernstudi.net zudem eine Lücke zwischen moderner Hochschulpraxis und bestehendem Aufenthaltsrecht.
In seinem Fazit plädiert Christian Wolf auf fernstudi.net für eine differenzierte, faktenbasierte Debatte. Die Skandalisierung individueller Schicksale, wie sie im TAZ-Artikel angelegt sei, trage wenig zu nachhaltigen Lösungen bei. Vielmehr müssten die strukturellen Ursachen für Schwierigkeiten internationaler und deutscher Studierender gleichermaßen in den Blick genommen werden – von Wohnraumpolitik über Hochschulstrukturen bis hin zu Verwaltungsprozessen.
Quellen: TAZ, „Das Geschäft mit den Studis“, 1. Juli 2025; fernstudi.net, „‚Wie Sklaven‘? – Meine kritische Analyse des TAZ-Berichts über indische Studierende an der IU“, 3. Juli 2025
Veröffentlicht am 04.07.2025 07:25 von Marcus Schütz