FernUni Hagen: Studie zeigt Zusammenspiel von Genen und Bildung im Alter
Wie sehr profitieren Menschen im höheren Lebensalter von zusätzlicher Bildung – und welchen Einfluss hat dabei die genetische Veranlagung? Eine aktuelle Studie der FernUniversität Hagen liefert neue Einblicke in diese Frage. Die Untersuchung, veröffentlicht im Economic Journal, analysiert die kognitiven Fähigkeiten von 70- bis 80-Jährigen und macht deutlich: Bildung und genetische Ausstattung wirken zusammen, wobei die Effekte auch Jahrzehnte nach der Schulzeit messbar bleiben.
Im Zentrum der Studie steht ein Wort-Erinnerungstest, mit dem das Gedächtnis der Teilnehmenden geprüft wurde. Forschende um Prof. Matthias Westphal nutzten eine Schulreform in England aus dem Jahr 1947 als Quasi-Experiment: Jugendliche mussten damals ein Jahr länger die Schule besuchen. Dieser natürliche Eingriff ermöglichte es, den kausalen Effekt zusätzlicher Bildung auf das spätere Erinnerungsvermögen zu isolieren. Die Ergebnisse zeigen, dass der Bildungseffekt umso größer ausfällt, je höher die genetische Veranlagung zum Lernen ist. In der höchsten untersuchten Gruppe konnten die Teilnehmenden bis zu zwei Wörter mehr behalten als diejenigen mit niedrigerer genetischer Ausstattung.
Gleichzeitig betont Westphal, dass genetische Unterschiede keine festen Grenzen setzen: Auch mit weniger günstiger Veranlagung sind Bildungs- und Karrierewege bis hin zur Professur möglich. Die Studie unterstreicht zudem, dass übliche statistische Methoden den Zusammenhang zwischen Genen und Bildung oft unterschätzen, wenn sie Unterschiede in der Wirkung von Bildung nicht berücksichtigen. Das Forscherteam setzte deshalb ein alternatives Verfahren ein, um den Interaktionseffekt präzise zu bestimmen.
Die Befunde sind auch für die Bildungsforschung und die Gestaltung von Weiterbildungsangeboten relevant. Sie legen nahe, dass Bildungsentscheidungen langfristige Folgen für das kognitive Altern haben – und dass individuelle Voraussetzungen dabei stärker beachtet werden sollten. Grundlage der Analyse war ein umfangreicher Datensatz mit genetischen Informationen, Bildungsbiografien und Lebensumständen der Teilnehmenden.
Mit rund 70.000 Studierenden zählt die FernUniversität Hagen zu den größten Hochschulen Deutschlands und ist für ihre Forschung im Bereich Bildungs- und Sozialwissenschaften bekannt. Die Ergebnisse der aktuellen Studie reihen sich in eine wachsende Zahl von Forschungsarbeiten ein, die zeigen, wie eng Bildungserfolg mit individuellen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft ist. Ein verwandter Beitrag beleuchtet, wie stark in Deutschland auch die soziale Herkunft die Bildungschancen beeinflusst.
Quelle: Pressemitteilung vom 16.06.2026
Veröffentlicht am 16.06.2026 14:19 von Christian Wolf