„Du kannst eigentlich machen, was du willst“: Was die Stern-Reportage zur IU verschweigt
„Du kannst eigentlich machen, was du willst.“ So beschreibt eine ehemalige Lehrbeauftragte im Stern ihren Start an der IU Internationalen Hochschule. Der Satz steht für alles, was an Deutschlands größter Hochschule angeblich schief läuft – keine Skripte, kein Onboarding, KI-Hausarbeiten ohne Kontrolle. Das Problem mit diesem Satz: Er beschreibt die Realität von Lehraufträgen an fast jeder deutschen Hochschule. Die Autorin sagt es im selben Artikel selbst. Es fällt im Text der Reportage nur niemandem auf.
Am 15. Mai 2026 ist der Stern-Artikel Hochschule IU – wie das Studium hier wirklich läuft online gegangen. Geschrieben hat ihn Nina Ponath, freie Journalistin aus Hamburg, die unter anderem für SPIEGEL, WELT, Tagesspiegel und Süddeutsche schreibt. Auf 9 Minuten Lesezeit schildert sie ihren Lehrauftrag am Hamburger Standort, ordnet ihn mit Stimmen aus dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ein und endet mit einem Plädoyer für humboldtsche Bildungsideale. Was zunächst wie eine sorgfältige Reportage wirkt, ist bei genauerem Lesen eine Ich-Erzählung mit drei strukturellen Schwachstellen. Ich gehe sie durch.
- Was der Stern über die IU berichtet
- Wo die Kritik berechtigt ist
- Was der Stern-Artikel verschweigt
- Was n=1 nicht leisten kann: Die Anatomie einer Ich-Reportage
- Lehrauftrag, KI, Korrekturzeiten: Das ist Hochschul-Realität, nicht IU-Spezifikum
- Der Humboldt-Schluss: Wenn der falsche Maßstab angelegt wird
- Was das für deine Entscheidung bedeutet
- Fazit
- Transparenzhinweis
- Kommentare
Was der Stern über die IU berichtet
Ponath erhielt im Sommer 2023 einen Lehrauftrag an der IU in Hamburg. Sie sollte im PR-Studiengang das Modul „Professionelles Texten“ unterrichten – eine Materie, in der sie als Werbetexterin und Copywriterin selbst seit über zehn Jahren arbeitet. Die endgültige Zusage kam zwei Wochen vor Semesterstart. Unterlagen, Skripte, Lehrbücher: Fehlanzeige. Statt einer Einweisung erhielt sie nach eigener Schilderung den Verweis auf das Modulhandbuch.
Der Kurs lief in Präsenz am Standort Eimsbüttel. Die erste Stunde, in der die Studierenden aus der Perspektive eines Gegenstandes schreiben sollten, beschreibt Ponath als gelungen. Danach habe der Schwung nachgelassen: Bahnstreik, Ausfälle, Studierende, die ihre Portfolios „so offensichtlich“ mit ChatGPT erstellt hätten, dass sie spontan eine Unterrichtseinheit zur KI-Nutzung gehalten habe. Anwesenheitslisten, Leistungskontrollen – nichts dergleichen, mit Ausnahme der finalen Portfolio-Abgabe.
Diese Erfahrung rahmt der Artikel mit Aussagen von Ulrich Müller (CHE) und Sandra Buchholz (DZHW) ein. Beide ordnen die Entwicklung privater Hochschulen sachlich ein: Drei Viertel der privaten Anbieter sind heute Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, nicht klassische Universitäten. Sie bedienen überproportional Bildungsaufsteiger und berufstätige Studierende. Müller bezeichnet Privathochschulen als „Innovatoren der Hochschullandschaft“ – ein Punkt, der im weiteren Verlauf des Artikels nicht mehr aufgegriffen wird.
Hinzu kommt eine zweite Quelle: „Marianna Lundbeck“ (Name geändert), die über Bildungsgutschein eine Fortbildung in „Customer Relationship“ an der IU Akademie absolviert hat und negativ bewertet. Die IU Akademie ist eine Marke der IU Internationalen Hochschule und nutzt dieselbe Lernplattform. Sie bedient aber ein anderes Produktsegment: berufliche Weiterbildung, häufig finanziert über Arbeitsamt-Bildungsgutschein, mit kürzeren Laufzeiten und anderem Anspruch als ein Bachelorstudium. Der Stern führt beide Erfahrungen unter derselben Überschrift, ohne diesen Unterschied zu markieren.
Der Schlussteil dreht sich um Bildungsphilosophie. Ponath zitiert die lateinische Etymologie von „studium“ – studēre, „sich um etwas bemühen“ – und stellt der IU Wilhelm von Humboldts Bildungsideal entgegen. Wo Lehre zur „reinen Dienstleistung und Geldmacherei“ werde, gehe verloren, was eine Universität im Kern ausmache.
Wo die Kritik berechtigt ist
Die IU hat Probleme. Ich habe sie in vier vorangegangenen Artikeln dokumentiert: das Architekturstudium, das nach Aussage der Architektenkammer nicht zur Eintragung berechtigt. Den Studiengang Physician Assistant, der nach Prüfung gestoppt wurde. Die Visa-Krise um internationale Studierende im MyStudium-Programm. Die Betreuungslücken im Massengeschäft, die in Einzelfällen massiv werden. Und die strukturelle Frage, wie sich akademische Qualität und Renditeerwartung eines Private-Equity-Eigentümers vertragen.
Auch Ponaths Beobachtung ist nicht erfunden. Wer einen Lehrauftrag annimmt und zwei Wochen vor Semesterstart die Zusage bekommt, steht vor einer realen Herausforderung. Wer Studierende erlebt, die Hausarbeiten mit ChatGPT erstellen, beschreibt einen realen Zustand. Wer in einem schlecht besetzten Studierendensekretariat Upload-Probleme nicht gelöst bekommt, hat ein reales Problem. Nichts davon ist erfunden.
Und auch Ulrich Müller vom CHE sagt im Stern-Artikel selbst, die IU überspanne die Grenze „bisweilen weiter als viele andere private Hochschulen“. Das ist kein Freispruch. Es ist die Aussage eines Experten, der private Hochschulen insgesamt positiv einordnet – und der IU trotzdem eine Sonderstellung zuweist. Dieser Satz verdient Aufmerksamkeit. Was Müller damit meint, ist allerdings nicht die Lehrauftrags-Erfahrung einer einzelnen Dozentin, sondern das Wachstumstempo der Hochschule insgesamt. Das ist eine strukturelle Kritik – und sie ist berechtigt. Sie ist nur nicht das, worum es im Stern-Artikel geht.
Es lohnt sich, an dieser Stelle auch über die Lehrenden an der IU zu reden. Ponath schildert ihre eigene Erfahrung, und das ist legitim. Aber sie schildert nur ihre. Sehr viele Dozentinnen und Dozenten machen an der IU unter denselben strukturellen Bedingungen – Lehrauftrag, Honorarvertrag, kurzfristige Einsatzplanung – gute Arbeit. Im Podcast habe ich mit Stefan Godehardt-Bestmann gesprochen, der als Lehrender selbst erlebt, wo das System trägt und wo es ächzt. Wer einer Dozentin zuhört, die sich über eine missglückte Semestervorbereitung ärgert, sollte auch denen zuhören, die unter denselben Vorzeichen Semester für Semester gute Lehre liefern. Das tut der Stern-Artikel nicht.
Was der Stern-Artikel verschweigt
Der Stern beschreibt einen Aspekt der IU-Realität. Was er weglässt, ist der Vergleichsmaßstab. Drei Dinge fehlen in der Reportage, die das Bild verändern würden, sobald sie eingefügt wären.
- Erstens, die eigene Aussage der Autorin. Im frühen Teil des Artikels schreibt Ponath – als beiläufige Bemerkung: „... wobei man fairerweise sagen muss, dass es an vielen Hochschulen kein typisches 'Onboarding' wie in anderen Jobs gibt.“ Der Satz steht da, wird aber im Rest des Artikels ignoriert. Wenn die fehlende Einweisung Strukturmerkmal des deutschen Hochschulsystems ist, kann sie nicht gleichzeitig IU-spezifische Pathologie sein. Beides geht nicht.
- Zweitens, Müllers HAW-Hinweis. Drei Viertel der privaten Hochschulen sind Hochschulen für Angewandte Wissenschaften – das ist die zentrale Aussage des CHE-Experten im Artikel selbst. Wenn Ponath am Ende den humboldtschen Universitätsbegriff als Maßstab anlegt, vergleicht sie zwei Hochschultypen, die sich auch im staatlichen Bereich unterscheiden. Niemand verlangt von der Hochschule München, dass sie Forschungsuniversität sei. Bei der IU wird genau dieser Maßstab als Versagensbeweis genommen.
- Drittens, die Trennung Studium und Weiterbildung. Die zweite anonyme Quelle – „Marianna Lundbeck“ – hat eine Bildungsgutschein-finanzierte Weiterbildung an der IU Akademie absolviert. Die Akademie gehört organisatorisch zur IU Internationalen Hochschule und nutzt dieselbe Plattform – aber sie bedient ein anderes Produkt mit anderer Zielgruppe und anderer Erwartung. Wer eine berufliche Weiterbildung mit einem dreijährigen Bachelorstudium gleichsetzt, verwischt eine Kategorie, die für die Bewertung der Hochschule entscheidend ist. Der Stern macht diese Unterscheidung nicht.
Dazu kommt ein Punkt, den der Stern strukturell nicht leisten kann: die Systemakkreditierung der IU durch die FIBAA bis 2033, die alle ihre Studiengänge nach einem extern überprüften Qualitätsmanagement-System validiert. Das ist kein abschließendes Argument – Akkreditierung prüft Prozesse, nicht Einzelfälle. Aber sie ist die Antwort darauf, ob eine Hochschule strukturell den Maßstäben des deutschen Hochschulsystems genügt. Diese Antwort lautet: Ja, sie genügt ihnen.
Was n=1 nicht leisten kann: Die Anatomie einer Ich-Reportage
Eine Ich-Reportage hat Stärken, die andere Formate nicht haben. Sie produziert Nähe. Sie macht Strukturen spürbar, die in Statistik untergehen. Sie hat eine erzählerische Kraft, die Argumente nicht haben. Das ist legitimes Handwerk – und Ponath beherrscht es. Die Frage ist nicht, ob sie das Recht hat, ihre Erfahrung zu schildern. Sie hat es.
Der Stern-Artikel ist keine reine Ich-Reportage. Müller, Buchholz, Lundbeck, Decker – das sind vier Quellen, die über Ponaths eigene Erfahrung hinausgehen. Das Problem liegt woanders: Die Expertenstimmen, die Ponath zitiert, stützen ihre Schlussfolgerung nicht – sie widersprechen ihr teilweise. Müller beschreibt private Hochschulen als Innovatoren, Buchholz als Türöffner für Bildungsaufsteiger. Beide sagen im Wesentlichen: Das System funktioniert, hat aber Grenzen. Ponath zieht daraus: Das System versagt an seinem Kern. Das ist kein Schluss, den das Material trägt
Der Vergleich mit den anderen drei großen IU-Artikeln des letzten Jahres macht den Unterschied deutlich. Der SPIEGEL-Bericht im November 2025 stützte sich auf interne Dokumente, mehrere Whistleblower-Aussagen, Gerichtsakten und Akkreditierungs-Unterlagen. Die FAZ-Kolumne im Juli argumentierte sprachlich und konzentrierte sich auf den Preis als Skandalisierungspunkt. Die taz-Reportage im Juli über indische Studierende beruhte auf Interviews mit mehreren Betroffenen plus Dokumenten der deutschen Botschaft. Drei sehr unterschiedliche Formate – aber jedes mit einer Beweislast, die über die individuelle Erfahrung hinausgeht.
Ich finde diesen Punkt deshalb wichtig zu machen, weil Ponath selbst hohe Ansprüche an journalistische Sorgfalt formuliert. In einem LinkedIn-Beitrag aus 2025 fordert sie von PR-Agenturen, dass Themenvorschläge auf neuen Studien basieren, einen globalen Trend beleuchten oder eine bekannte Person zu Wort kommen lassen sollen. „Generiert einen echten Mehrwert für die Leser“, schreibt sie dort. Das ist ein guter Maßstab. Ich finde, er sollte auch für die eigene Reportage gelten.
Lehrauftrag, KI, Korrekturzeiten: Das ist Hochschul-Realität, nicht IU-Spezifikum
Wenn man der Reportage das Material entgegenstellt, das sie nicht berücksichtigt hat, wird sichtbar, was hier wirklich verhandelt wird: nicht die IU, sondern das deutsche Hochschulsystem.
Lehrbeauftragte als Strukturmerkmal. Nach Berechnungen des CHE Centrum für Hochschulentwicklung arbeiten an deutschen Hochschulen heute rund 95.000 Lehrbeauftragte. Das Statistische Bundesamt zählt für Ende 2024 insgesamt 141.800 nebenberuflich Lehrende – jede dritte Person im wissenschaftlichen Hochschulbereich. An der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (eine staatliche FH) decken Lehrbeauftragte 38 Prozent der Kurse ab. Honorar: 20 bis 45 Euro pro Unterrichtsstunde inklusive Vor- und Nachbereitung. Keine Bezahlung in vorlesungsfreien Zeiten. Keine Krankenversicherung über die Hochschule. Kein Anspruch auf Weiterbeschäftigung. Diese Bedingungen sind kein IU-Geheimnis, sondern dokumentiert von der GEW und Teil der bundesweiten Hochschul-Debatte um prekäre Beschäftigung, die seit 2021 unter #IchBinHanna mit über 135.000 Tweets über die Lage von Mittelbau und nebenberuflich Lehrenden diskutiert wird.
KI-Nutzung als bundesweites Phänomen. Eine Längsschnittstudie der Hochschule Darmstadt ergab im März 2025, dass 91,6 Prozent aller Studierenden in Deutschland KI-Tools wie ChatGPT oder DeepL fürs Studium nutzen. 2023 lag dieser Wert noch bei 63,2 Prozent – in zwei Jahren ein Plus von rund 28 Prozentpunkten. An der Erhebung beteiligten sich 4.910 Studierende aus 395 Hochschulen, also etwa 92 Prozent aller deutschen Hochschulen. Das Phänomen, das Ponath in ihrem PR-Seminar in Hamburg beobachtet hat, wäre ihr in jedem Seminar an jeder deutschen Hochschule begegnet. Der Unterschied: An staatlichen Hochschulen wird daraus eine Debatte um Prüfungsformen. An der IU wird daraus ein Versagensbeleg.
Betreuungsverhältnisse und Korrekturzeiten. Das durchschnittliche Verhältnis von Studierenden pro Professur lag 2019 nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes bundesweit bei 65 zu 1, mit einer Spanne von 43 zu 1 (Thüringen) bis 90 zu 1 (NRW). 2010 lag der Bundesschnitt noch bei 60 zu 1 – das Verhältnis verschlechtert sich konstant. Die Korrekturzeiten an staatlichen Universitäten betragen in den meisten Prüfungsordnungen sechs Wochen, real häufig zwei Monate und länger. Die Universität zu Köln betreibt einen offiziellen Korrekturfrist-Überschreitungsmelder – Beleg, dass die Überschreitung der Frist Regelfall ist, nicht Ausnahme. Wer die Stern-Reportage liest und ein überlastetes IU-Studierendensekretariat als Beleg gegen die IU nimmt, sollte das Phänomen einmal in einem voll besetzten Prüfungsamt einer staatlichen Massenuniversität im Februar erleben.
Stellt man die Befunde nebeneinander, ergibt sich ein Muster:
| Phänomen | Befund an staatlichen Hochschulen | Mediale Behandlung |
|---|---|---|
| Lehrauftrag ohne Onboarding, kurzfristige Zusage | Strukturmerkmal seit Jahrzehnten, ca. 90.000 Lehrbeauftragte, 38 Prozent Lehrabdeckung an FHs | GEW-Berichte, Fachartikel, Tarifdebatten – kein Aufmacher |
| KI-Nutzung im Hausarbeitsbetrieb | Bundesweit 91,8 Prozent aller Studierenden (Hochschule Darmstadt 2025) | Debatte um Prüfungsformen, keine Skandalisierung einzelner Hochschulen |
| Betreuungsverhältnis Professur zu Studierenden | Bundesschnitt 65 zu 1, NRW 90 zu 1, Trend negativ | Hochschulverbands-Pressemitteilungen – kein Skandal |
| Korrekturzeiten | 6 Wochen Soll, 2+ Monate Praxis (Uni Köln dokumentiert systematische Überschreitung) | Strukturproblem, kein Hochschulversagen |
| Bachelor-Abbruchquote | 35 Prozent an Universitäten, 50 Prozent in Mathematik/Naturwissenschaften | Bildungspolitische Debatte, kein Prädikatsverlust einzelner Unis |
Das ist die Asymmetrie, die die Stern-Reportage produziert: dieselben Befunde, an staatlichen Hochschulen als Strukturproblem behandelt, werden bei der IU zum Beleg ihres Charakters. Ob das fair ist, ist eine Frage. Ob es die Realität der Hochschule trifft, eine andere.
Der Humboldt-Schluss: Wenn der falsche Maßstab angelegt wird
Den stärksten rhetorischen Effekt erzielt der Stern-Artikel mit seinem Schluss. Ponath verweist auf die lateinische Etymologie von studēre – „sich um etwas bemühen“, „nach etwas streben“ – und stellt der IU das Humboldtsche Bildungsideal entgegen. Wo Lehre zur „reinen Dienstleistung und Geldmacherei“ werde, drohe verloren zu gehen, was eine Universität im Kern ausmache.
Der Satz ist rhetorisch perfekt. Er ist auch argumentativ leer.
Drei Viertel der privaten Hochschulen in Deutschland sind, wie Müller im selben Artikel sagt, keine Universitäten, sondern Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Die IU ist eine private HAW, formal und in ihrem Selbstverständnis. Sie hat nie beansprucht, eine humboldtsche Forschungsuniversität zu sein. Sie tritt an mit dem Anspruch praxisnaher Lehre, hoher Flexibilität und niedriger Zugangshürden – Eigenschaften, die mit dem Humboldt-Ideal nichts zu tun haben.
Niemand wirft der Hochschule München vor, dass sie nicht humboldtsch sei. Niemand fordert von der Hochschule Bremen die ganzheitliche Entfaltung aller menschlichen Kräfte. Bei staatlichen HAWs wird der Universitätsmaßstab nicht angelegt, weil er kategorisch unpassend ist. Bei der IU wird er angelegt – und sie muss notwendig versagen, weil sie an einem Anspruch gemessen wird, der nie ihrer war.
Dasselbe Muster trifft die Studiengangskritik. „Bachelor New Work“ und „Master E-Sports Management“ werden im Stern als Beweis der Beliebigkeit zitiert. Staatliche Hochschulen bieten Friesische Philologie an der CAU Kiel an (5 bis 10 Studierende jährlich), Sorabistik an der Universität Leipzig, Brauereiwesen und Getränketechnologie an der TU München, Angewandte Freizeitwissenschaft an der Hochschule Bremen, Nachhaltiges Rasenmanagement im Master an der Hochschule Osnabrück, Körperpflege als Lehramt an der TU Darmstadt. Niemand schreibt darüber den „Schleuderpreis“-Artikel. Es gilt als Bildungsvielfalt. Wenn die IU dieselbe Spezialisierungs-Logik bedient, gilt es als Symptom.
Was das für deine Entscheidung bedeutet
Wer diesen Text bis hierher gelesen hat und gerade vor der Frage steht, ob ein IU-Studium der richtige Weg ist, sollte folgendes mitnehmen:
Der Stern-Artikel verändert deine Entscheidungsgrundlage nicht. Die Punkte, die du tatsächlich prüfen solltest, stehen weiterhin: Ist der Studiengang kammerfähig, wenn du in einen reglementierten Beruf strebst (Architektur, Medizin, Pflegeleitung)? Kannst du ehrlich von dir sagen, dass du das Maß an Selbststeuerung mitbringst, das ein überwiegend asynchrones Lernformat verlangt? Sind deine Erwartungen an Service und Erreichbarkeit kalibriert auf „Massenanbieter mit guter App“ oder auf „kleines Persönlichkeitsbild“? Wie wichtig ist dir der Ruf der Hochschule im konkreten Berufsfeld, in das du gehst?
Wer den Stern-Artikel als Entscheidungsgrundlage nimmt, vergleicht eine einzelne Lehrauftrags-Erfahrung mit seinem ganzen Leben. Das ist nicht die Sorgfalt, die du dir und deiner Entscheidung schuldest. Die Sorgfalt findest du in einem ehrlichen Selbstcheck und in der genauen Prüfung deines spezifischen Studiengangs – nicht in einer Hamburg-Anekdote.
Und für den Fall, dass dich der Stern-Artikel selbst interessiert: Lies ihn. Was ich hier kritisiere, ist der Rahmen – nicht die Existenzberechtigung der Reportage. Müllers und Buchholz’ Aussagen darin sind differenzierter als die Schlussfolgerungen der Autorin. Wer den Stern liest und meine Einordnung danebenlegt, hat danach mehr verstanden als vorher.
Fazit
Der Stern-Artikel hat ein echtes Material und einen falschen Rahmen. Die Lehrauftrags-Misere, die KI-Realität in Prüfungen, die organisatorischen Hürden an großen Hochschulen – das sind Befunde, die das deutsche Hochschulsystem betreffen, nicht eine einzelne Einrichtung. Wenn der Stern daraus eine IU-Reportage macht, gehört das zur Mechanik des Aufmerksamkeitsjournalismus: Eine Geschichte ohne Antagonist verkauft sich schlecht. Eine Geschichte über Überlastung an der HU Berlin macht keine Schlagzeile. Eine Geschichte über Lehrqualität an Deutschlands größter Privathochschule schon.
Was bei dieser Mechanik untergeht, ist die Differenzierung. Müller (CHE) und Buchholz (DZHW) sagen im Stern-Artikel selbst, was eine fairere Reportage ergeben hätte: Private Hochschulen sind überwiegend HAWs, öffnen das Studium für Bildungsaufsteiger, sind Innovatoren bei Lehrformaten, bedienen Lebensentwürfe, die das staatliche System nicht trifft. Diese Sätze stehen im Artikel, aber sie werden vom Humboldt-Schluss übertönt.
Die IU hat Probleme, die in meinen vier vorangegangenen Artikeln benannt sind. Sie hat auch Lehrende und Studierende, die unter realen Bedingungen reale Leistung erbringen, und ein Bildungsangebot, das für viele das einzige Tor zum Hochschulabschluss öffnet. Beides gehört zum Bild. Eine Reportage, die nur die Hamburger Seite eines einzelnen Semesters sieht, hat dieses Bild nicht. Sie liefert kein Material für eine Studienentscheidung. Sie liefert Stoff für eine Schlagzeile.
Transparenzhinweis
Wir betreiben fernstudi.net als unabhängiges Vergleichs- und Magazin-Portal. Ich bin selbst an der IU Akademie eingeschrieben. Die IU Internationale Hochschule bucht Premiumprofile bei fernstudi.net, wie viele andere Hochschulen auch. Diese Konstellation prägt nicht, was ich hier schreibe – die kritischen Punkte gegenüber der IU habe ich in vier vorangegangenen Artikeln deutlich benannt. Sie ist aber transparent zu machen. Wer meine Einschätzung anders gewichten möchte, soll wissen, in welcher Konstellation sie entstanden ist.

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