Stehschreibtisch im Fernstudium: Warum ich nur noch im Stehen lerne
Vielleicht hast du schon einmal den Spruch gehört: „Sitzen ist das neue Rauchen.“ Da ist was dran, finde ich aus eigener Erfahrung – weswegen ich schon seit Jahren nicht mehr rauche und nur noch im Stehen am Schreibtisch arbeite und lerne. Warum ich das mache und wie du den Umstieg schaffst, erkläre ich in diesem Beitrag.
Mein Büro: mehr Atelier und Muckibude als Büro
Mein Büro und damit ein Teil der Redaktion von fernstudi.net ist kein gewöhnliches Büro. Es ist eher eine Mischung aus Atelier, Werkstatt und Gym. Ich muss nur die Tür öffnen und bin auf der Terrasse, kann mich in die Sonne packen und frische Luft schnappen. Wenn ich mal nicht vorankomme mit einem Text, verrenke ich meine Gelenke in Yoga-Posen, stemme Gewichte oder bounce auf dem Trampolin.
Warum ich nur noch im Stehen arbeite
Ich habe mein halbes Leben im Sitzen gelernt und gearbeitet – in der Schule, in Bibliotheken, im Hörsaal und am Schreibtisch zuhause. fernstudi.net ist im Sitzen entstanden: im Sitzen programmierend, im Sitzen schreibend. Irgendwann ging mir das Sitzfleisch aus: ständig geschwollene Beine, schlaffe Körperhaltung, Rücken- und Kopfschmerzen, körperliche und geistige Schwäche.
Irgendwann war klar, dass das so nicht läuft, und ich lernte, im Stehen zu arbeiten. Erst fuhr ich zweigleisig – mal stand ich, die meiste Zeit saß ich noch. Das ist am Anfang wichtig, weil der Bewegungsapparat eine Weile braucht, bis er sich umstellt.
Was übermäßiges Sitzen mit deinem Körper macht
- Längere Zeit am Stück zu sitzen erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes (Quelle 1, Quelle 2).
- Sitzen quetscht deine Organe und verschlechtert die Durchblutung – Lungen und Herz brauchen Platz.
- Ausdauer-Sitzen erhöht die Gefahr einer Thrombose – das kennst du von Langstreckenflügen.
- Wer mehr wissen will: Too Much Sitting: The Population-Health Science of Sedentary Behavior (Metaanalyse).
Der große Vorteil am Arbeiten im Stehen ist für mich, dass ich kontinuierlich in Bewegung bleibe. Wenn ich nicht weiterkomme, gehe ich an die frische Luft, dehne mich, springe auf dem Trampolin oder mache ein paar Klimmzüge. Durch die Bewegung bin ich durchblutet, fühle mich besser und bin motivierter. Wer körperlich fitter ist, wird auch kognitiv mehr leisten und effizienter studieren.
Höhenverstellbar oder fest?
Ich habe eine Weile in einer Werbeagentur gearbeitet und dort einen elektrisch höhenverstellbaren Schreibtisch benutzt. Der war gut – zusammen mit einem Kippelhocker eine gute Kombination für den Umstieg.
Was ich aber beobachtet habe: Die meisten Kolleginnen und Kollegen mit höhenverstellbaren Tischen blieben trotzdem beim Sitzen. Denn das Arbeiten im Stehen muss man sich erst erarbeiten.
Mein eigener Schreibtisch ist ein fester Stehtisch – selbst gebaut aus Massivholz für unter 100 €. Wenn ich mal sitzen will, nehme ich den Laptop und setze mich auf den Boden an ein niedriges Tischchen. Aber das kommt kaum noch vor.
Tipps für den Umstieg
© inevgin/Fotolia
Da du fernstudierst und keine Vorlesungen hast, in denen du zwangsweise sitzen musst, hast du einen großen Vorteil: Du entscheidest selbst, ob du im Stehen, im Liegen oder im Sitzen lernst.
- Fang langsam an: Erst stundenweise im Stehen, dann immer länger. Der Bewegungsapparat braucht Wochen bis Monate, um sich anzupassen. Schmerzen in Waden, Oberschenkeln und Nacken sind am Anfang normal und gehen vorbei.
- Du brauchst keinen teuren Schreibtisch: Ein Tisch auf dem Tisch reicht fürs Erste. Einen Stehtisch kannst du mit einfachen Mitteln selbst bauen. Höhenverstellbare Gestelle gibt es ab ca. 150–200 €.
- Kombiniere mit Bewegung: Nicht bewegungslos auf einer Stelle stehen – das ist fast so schlecht wie Sitzen. Shift dein Gewicht, geh umher, mach Mikro-Pausen mit Dehnübungen.
- Lerne gute Körperhaltung: Yoga und Mobility-Training helfen, eine stabile, aufrechte Haltung zu entwickeln. Das braucht Zeit – bei mir hat es etwa 3 Jahre gedauert, bis ich wirklich stabil und beweglich war.
- Hocker für den Anfang: Ein Kippelhocker oder ein Stehhilfe-Hocker hilft, von Zeit zu Zeit das Gewicht zu verlagern – gut für die Übergangsphase.
Häufige Fragen
Rechne mit 4–8 Wochen, bis sich dein Körper ans Stehen gewöhnt hat. In den ersten Wochen sind Schmerzen in Waden, Füßen und Nacken normal. Fang mit 1–2 Stunden Stehen pro Tag an und steigere langsam. Nach ein paar Monaten wirst du nicht mehr zurück wollen.
Nein. Du kannst einen Stehtisch mit einfachen Mitteln selbst bauen – eine Arbeitsplatte auf passender Höhe reicht. Oder stell einfach einen kleinen Tisch oder Karton auf deinen vorhandenen Schreibtisch. Höhenverstellbare Gestelle gibt es ab ca. 150 €, wenn du flexibel zwischen Sitzen und Stehen wechseln willst.
Entscheidend ist nicht Stehen vs. Sitzen, sondern Bewegung vs. Stillsitzen. Wer im Stehen arbeitet, bewegt sich automatisch mehr – Gewicht verlagern, umhergehen, dehnen. Diese Mikrobewegungen verbessern die Durchblutung und damit die Konzentration. Stundenlanges starres Stehen wäre genauso schlecht wie stundenlanges Sitzen.
Laufband-Schreibtische (Walking Pads) werden immer beliebter. Sie eignen sich gut für einfache Aufgaben wie E-Mails oder Wiederholungen. Für konzentriertes Lesen oder Schreiben sind sie weniger geeignet – die Bewegung lenkt bei komplexen Aufgaben ab. Als Ergänzung zum Stehschreibtisch aber durchaus sinnvoll.

Kommentare
In Englisch heißt es dann immer "nature vs. nurture" und darauf basieren dann vielfältige Diskusionen. Anlage und Umwelt.
Die einen machen es weil die Umstände so sind, die anderen verändern die Umstände durch eigene innere Motivation.
Was ein Standbüro aber auch mit sich bringt ist die fehlende Bequemlichkeit sich einfach auszuruhen. Man wird effektiver, meine ich - sonst sitzt man einfach herum, aber einfach so herumstehen ist weniger üblich.
Was ich im Artikel nicht erwähnt habe: Wichtig ist auch, was für Schuhe man trägt. Mit irgendwelchen globigen Haus- oder Straßenschuhen kann das Stehen auf Dauer auch unangenehm werden und Schmerzen und weitere Fehlhaltungen verursachen. Ich stehe entweder barfuß/in Strümpfen oder in Barfußschuhen. Hat aber auch 'ne Weile gedauert, bis das Barfußlaufen bequemer wurde, am Anfang ist es schon ne Umstellung.
Im Januar habe ich noch bei meiner neuen Büroaustattung daran gedacht genau dies umzusetzen... die Liste an gesundheitlichen Nachteilen beim Sitzen sind lang: von verkürzten Muskeln und Sehnen bis zu Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfällen.
Aber die Preis waren dann etwas hoch für diese hochfahrbaren Tische ud so wurde es dann doch wieder ein ganz normaler Schreibtisch zum Sitzen. Aber mit einer Auflage für den normalen Schreibtisch ist das leicht machbar.
Das Stehen bringt folgendes mit sich: man führt kleinste "Zappelbewegungen" aus. Beispielsweise wechselt man den Standfuß. Ähnlich wie beim Fernsehen so unterlässt man diese Bewegungen im Sitzen mit der Folge, dass in Summe dies zu Übergewicht führt.
Leute mit Essstörungen beispielsweise essen oder lesen gern im Stehen, weil das mehr Kalorien verbraucht. Die werden im Kampf gegen die Magersucht von den Ärzten zum Sitzen aufgefordert. :-)
Wie du schreibst ist die Abwechslung richtig - bei mir liegen die Hanteln auch neben den Bücherschränken, immer griffbereit. Weil eines sehr wichtig ist: die Abfolge von Anspannung und Entspannung. Also ich nehme deine Tipps als kleine Anleitung für die eigene Umsetzung :-)
Ich sage immer: Wenn man sich mehr bewegen oder einfach mehr Sport machen will, dann muss gar nicht beschließen, sich mehr zu bewegen. Also ade zu guten Vorsätzen und Neujahrs-Entscheidungen, die dann doch nicht durchgehalten werden.
Stattdessen richtet man sich eine Umgebung ein, die einen quasi zwingt, sich mehr zu bewegen. Im Gegensatz zu den vielen Wohungen und Büros, die einen dazu zwingen, zu sitzen. Mikrosport ist das Stichwort, wie im Artikel erwähnt.
Die gleichen Umstände führen (meist) zum gleichen Verhalten...!
Ich wehcsel ab und an die Position - das war mir beim jetzigen Büro wichtig. Dass Platz hinter mir ist und ich den Stuhl wegschieben kann. Gerade schreibe ich beispielsweise gebückt, dehen die Beine durch. So ein kleiner Kompromiss. Es gibt ja auch Bürogymnastik.
Gerade wenn man nur liest oder nur Videos anschaut, kann man dies ja im Stehen machen. Das sind die kleinen Zwischenschritte zum Schreibtisch im Stehen... ich habe mir das jedenfalls beim nächsten Büro, das vermutlich schon dieses Jahr kommt, dann komplett zu ändern.