Beruf & Karriere

Fernstudium abbrechen? 8 Fehler, die zum Scheitern führen – und wie du sie vermeidest

Rund 250.000 Menschen studieren in Deutschland per Fernstudium – neben dem Job, neben der Familie, neben dem restlichen Leben. Etwa 11 % brechen innerhalb der ersten drei Semester ab, und die Dunkelziffer derer, die irgendwann einfach aufhören, ohne sich jemals offiziell zu exmatrikulieren, dürfte deutlich höher liegen. Dabei sind die Gründe für das Scheitern oft dieselben – und vermeidbar.

Dieser Artikel analysiert die 8 häufigsten Fehler im Fernstudium und liefert konkrete Gegenstrategien. Die Erkenntnisse stammen aus Forschung und einem Podcast-Interview mit Markus Jung (fernstudium-infos.de) und Tim Reichel (studienscheiss.de), Autoren des Ratgebers „So schaffst du jede Weiterbildung".

Warum scheitern so viele Fernstudierende?

Das Fernstudium ist ein Marathon, kein Sprint – und darauf sind viele nicht vorbereitet. Wer sich einschreibt, verpflichtet sich für drei, vier, fünf Jahre zu einer Mehrfachbelastung aus Beruf, Studium und Privatleben. Rund 63 % der Fernstudierenden arbeiten parallel in Vollzeit oder Teilzeit.

Das Verbundprojekt TiDE (Transition into Distance Education) der IU Internationalen Hochschule und der FernUniversität in Hagen hat die Studieneingangsphase erstmals systematisch untersucht. Das Ergebnis: Die ersten Monate sind entscheidend. Wer hier die falschen Weichen stellt, kämpft über die gesamte Studiendauer mit den Folgen.

Im Podcast sprechen wir mit Markus Jung und Tim Reichel über Erfolgsfaktoren, typische Stolperfallen und die Frage, warum die meisten nicht am Stoff scheitern, sondern an sich selbst:

Fehler 1: Falsche oder fehlende Motivation

Wer nur wegen äußerem Druck studiert, verliert früher oder später die Motivation.

Der häufigste Grund für einen Studienabbruch ist banal: Die Motivation stimmt nicht. Wer ein Fernstudium beginnt, weil der Arbeitgeber es erwartet, die Partnerin es vorgeschlagen hat oder es „irgendwie gut im Lebenslauf aussieht", hat ein Problem. Extrinsische Motivation trägt nicht über Jahre.

Markus Jung, der seit 25 Jahren im Fernstudium-Bereich berät, bringt es im Podcast auf den Punkt: Die meisten scheitern nicht am Stoff, sondern an sich selbst – weil die eigene Motivation nicht geklärt ist. Die Gründe können unterschiedlich sein – beruflicher Aufstieg, ein lang gehegter Traum, mehr Gehalt, ein Branchenwechsel. Entscheidend ist, dass die Motivation von innen kommt.

Gegenstrategie:

  • Formuliere dein persönliches „Warum" schriftlich – ein bis zwei Sätze reichen
  • Visualisiere dein Ziel: Wie sieht dein Leben nach dem Abschluss aus? Was verändert sich konkret?
  • Nutze Journaling oder ein Vision Board, um dein Ziel regelmäßig zu vergegenwärtigen
  • Überprüfe deine Motivation ehrlich, bevor du dich einschreibst – nicht erst im dritten Semester

Fehler 2: Die falsche Hochschule gewählt

Eine Fernhochschule ist nicht wie die andere. Die Unterschiede in Betreuung, Studienmaterialien und Prüfungsformen sind enorm – und wirken sich direkt auf deine Motivation und deinen Studienerfolg aus.

Markus Jung berichtet im Podcast, wie wichtig es ist, vorab zu klären, welche Prüfungsformen und Studienmaterialien eine Hochschule anbietet – und ob sie zum eigenen Lerntyp passen. Wer das nicht tut, kämpft über Semester mit einem System, das nicht zu ihm passt.

Worauf es ankommt:

  • Prüfungsformen: Bist du der Klausur-Typ oder arbeitest du lieber an Hausarbeiten und Projektarbeiten? An manchen Hochschulen dominieren Klausuren, andere bieten einen Mix
  • Studienmaterialien: Studienbriefe zum Selbststudium, E-Lectures, interaktive Formate – die Bandbreite ist groß
  • Betreuung: Manche Hochschulen lassen dich weitgehend allein, andere bieten intensive Begleitung durch Tutorinnen und Tutoren
  • Flexibilität: Feste Prüfungszeiträume oder monatliche Online-Klausuren? Das macht einen Unterschied für Berufstätige mit unregelmäßigen Arbeitszeiten

Gegenstrategie: Nutze Probemonate und Probesemester, die viele Fernhochschulen anbieten. Wenn du nach dem ersten Semester merkst, dass es nicht passt – wechsle. Das ist keine Niederlage, sondern eine kluge Kurskorrektur. Einen Überblick über Studiengänge nach Fachbereich findest du in unserem Kursvergleich.

Fehler 3: Zu viele Module auf einmal

Im ersten Semester will man alles gleichzeitig schaffen. Man ist motiviert, voller Energie – und meldet sich für vier Module an, obwohl realistisch zwei machbar wären. Das Ergebnis: Frust, schlechte Noten, das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Tim Reichel beschreibt das Problem aus seiner Studienberatung: Es sei „unfassbar schwer, Ziele für etwas zu setzen, von dem man keine Ahnung hat." Gerade im ersten Semester könne man die eigenen Kräfte noch nicht einschätzen und wisse nicht, wie viel Zeit die einzelnen Module tatsächlich brauchen.

Gegenstrategie:

  • Starte im ersten Semester mit maximal zwei Modulen – du kannst immer noch aufstocken
  • Rechne deinen tatsächlich verfügbaren Zeitaufwand pro Woche realistisch durch: Arbeitszeit, Pendelzeit, Familie, Haushalt, Sport, Erholung – was bleibt übrig?
  • Lieber weniger Module mit guten Noten als viele mit schlechten
  • Studiere in deinem eigenen Tempo – nicht im Tempo der anderen

Fehler 4: Kein Zeitplan und keine Gewohnheiten

Ein fester Lernplatz mit klarer Struktur – klingt banal, macht aber den Unterschied.

Ein Fernstudium ist ein Projekt, das geplant werden muss – und zwar konkret. Tim Reichel empfiehlt im Podcast, sich vorab zu überlegen: „Wann lerne ich? Was lerne ich? Und wie komplex ist das Ganze?" Wer ohne Struktur studiert, wird zum Langzeitstudierenden – oder bricht ab.

Der Schlüssel liegt nicht in Disziplin, sondern in Gewohnheiten. Disziplin ist endlich, Gewohnheiten laufen automatisch. Wer sich nach jeder Online-Vorlesung 15 Minuten nimmt, um Notizen aufzuarbeiten, und sich am nächsten Tag eine Stunde für die Nachbereitung blockt, bleibt kontinuierlich am Ball – ohne sich jeden Tag neu motivieren zu müssen.

Gegenstrategie:

  • Blocke feste Lernzeiten im Kalender – behandle sie wie einen Arzttermin
  • Baue kleine Gewohnheiten auf: 15 Minuten Nachbereitung nach jeder Vorlesung, eine Stunde Vertiefung am Folgetag
  • Erstelle einen Semesterplan mit realistischen Meilensteinen
  • Nutze Tools wie den Study Tracker oder einen simplen Wochenplaner

Fehler 5: Störungen nicht eliminieren

Das Smartphone vibriert, eine E-Mail poppt auf, der Partner ruft aus der Küche – und die Lerneinheit ist ruiniert. Im Fernstudium lernst du dort, wo du auch lebst und arbeitest. Die Ablenkungen sind allgegenwärtig, und jede Unterbrechung kostet dich mehr Zeit, als du denkst.

Auch hier hilft Planung: Tim Reichel rät, sich vor jeder Lerneinheit bewusst zu machen, was genau in dieser Session passieren soll – und alles andere wegzulegen. Smartphone auf Flugmodus, Noise-Cancelling-Kopfhörer auf, Browser-Tabs schließen. Je weniger Entscheidungen du beim Lernen treffen musst, desto besser.

Gegenstrategie:

  • Smartphone auf Flugmodus oder in einen anderen Raum legen
  • Noise-Cancelling-Kopfhörer nutzen – auch ohne Musik, als Fokus-Signal
  • Einen festen Lernplatz einrichten, an dem alle Materialien griffbereit sind
  • Konditionierung aufbauen: Immer gleiche Musik, gleicher Ort, gleiches Ritual zum Lernstart
  • Die Fokus-Session (Pomodoro-Timer) nutzen, um konzentrierte Lernblöcke mit Pausen zu strukturieren

Fehler 6: Kein Ausgleich und keine Selbstfürsorge

Wer im Fernstudium nur ackert, brennt aus. Das klingt nach einer Binsenweisheit, wird aber konsequent ignoriert. Viele Fernstudierende streichen als Erstes Sport, Hobbys und soziale Kontakte – und wundern sich dann, warum sie nach einem Jahr am Ende sind.

Markus Jung beschreibt im Podcast das Konzept der Leistungskurve: Es gibt Tageszeiten, in denen du besser lernst als in anderen. Wer seine Hochphasen kennt und dort die schwierigen Aufgaben platziert, lernt effizienter – und hat mehr Freizeit für Ausgleich. Bewegung, Sport und körperlicher Ausgleich sind nicht optional, sondern Voraussetzung für kognitive Leistungsfähigkeit.

Gegenstrategie:

  • Bewegung und Sport als festen Bestandteil der Woche einplanen – nicht als Belohnung, sondern als Werkzeug
  • Kurzfristige Motivationsbooster nutzen: kalte Dusche, kurzes Workout, ein Spaziergang an der frischen Luft
  • Ausreichend Schlaf und Erholung – wer müde lernt, lernt doppelt so lang bei halbem Ertrag
  • Pausen nicht als Zeitverschwendung betrachten, sondern als Investition in deine Leistungsfähigkeit

Fehler 7: Isolation statt Austausch

Allein vor dem Bildschirm: Im Fernstudium fehlt der Mensa-Smalltalk – umso wichtiger ist aktives Netzwerken.

Im Präsenzstudium passiert Vernetzung automatisch – in der Vorlesung, in der Mensa, auf dem Campus. Im Fernstudium musst du aktiv etwas dafür tun. Wer das nicht macht, studiert allein gegen den Stoff – und allein gegen die Motivationstiefs.

Kontakt zu Kommilitoninnen und Kommilitonen ist mehr als „nice to have". Er ist ein Sicherheitsnetz: Jemand, der die gleichen Probleme hat, der dich motiviert, der dir bei einer Aufgabe hilft, der sagt „Ich habe das auch nicht verstanden".

Gegenstrategie:

  • Lerngruppen bilden – auch digital, z.B. über WhatsApp, Discord oder Zoom
  • Online-Communities nutzen: fernstudi.net Community, Facebook-Gruppen, Reddit
  • Sich eine Lernpartnerin oder einen Lernpartner suchen – jemand, der im gleichen Studiengang steckt
  • An Präsenzveranstaltungen und virtuellen Stammtischen teilnehmen, wenn die Hochschule sie anbietet
  • Unsere Weiterbildungsvergleiche und Studiengangsvergleiche nutzen, um sich mit anderen über Erfahrungen auszutauschen

Fehler 8: Probleme nicht eingestehen

Der vielleicht tückischste Fehler: sich selbst belügen. Markus Jung kennt aus seiner Community zahllose Fälle, in denen Fernstudierende monatelang weitermachen, obwohl sie längst wissen, dass es nicht funktioniert – weil Abbrechen sich wie Scheitern anfühlt.

Diese Haltung kostet Zeit, Geld und Nerven. Wer nach ein bis zwei Semestern merkt, dass der Studiengang oder die Hochschule nicht passt, sollte handeln – nicht hoffen, dass es irgendwann besser wird.

Gegenstrategie:

  • Regelmäßig ehrlich Bilanz ziehen: Bin ich auf Kurs? Macht mir das Studium noch etwas?
  • Hilfe suchen, wenn es hakt – bei der Studienberatung, bei einem Coach, bei Kommilitoninnen und Kommilitonen
  • Hochschulwechsel als Option sehen, nicht als Niederlage
  • Unterscheiden lernen: Ist das ein normales Motivationstief – oder ein strukturelles Problem?

Häufige Fragen zu Fehlern im Fernstudium

Etwa 11 % der Fernstudierenden brechen innerhalb der ersten drei Semester ab. An der FernUniversität in Hagen, der größten deutschen Fernhochschule, liegt die Abbruchquote deutlich höher als an privaten Fernhochschulen – was unter anderem am offenen Zugang und der geringeren Betreuungsintensität liegt. Genaue Zahlen für alle Fernhochschulen gibt es nicht, weil viele Abbrüche nicht als solche erfasst werden.

Unterscheide zwischen einem kurzfristigen Motivationstief und einem grundsätzlichen Problem. Bei einem Tief helfen Strategien wie Visualisierung, Bewegung, kleine Belohnungen und der Austausch mit anderen Studierenden. Wenn die Motivation über Monate fehlt, solltest du dein „Warum" überprüfen: Passt der Studiengang noch? Die Hochschule? Deine Lebensumstände? Manchmal ist ein Wechsel die bessere Lösung als Durchhalten um jeden Preis.

Ja, das ist möglich – und manchmal die klügste Entscheidung. Viele Hochschulen rechnen bereits erbrachte Leistungen an, sodass du nicht bei null anfangen musst. Der Prozess variiert je nach Hochschule: Informiere dich bei der Ziel-Hochschule über deren Anrechnungsverfahren und lass dir vorher eine Einschätzung geben, welche Module übernommen werden können.

Starte mit maximal zwei Modulen, besonders wenn du in Vollzeit arbeitest. Im ersten Semester musst du zusätzlich zum Lernstoff auch herausfinden, wie du am besten lernst, wie viel Zeit du realistisch hast und welche Routinen funktionieren. Wenn du merkst, dass du gut zurechtkommst, kannst du im zweiten Semester aufstocken.

Fazit: Fernstudium ist planbar – wenn du die Fallen kennst

Die gute Nachricht: Keiner dieser Fehler ist unvermeidbar. Wer sich ehrlich mit der eigenen Motivation auseinandersetzt, die richtige Hochschule wählt, realistisch plant und sich nicht isoliert, hat die besten Voraussetzungen, das Fernstudium erfolgreich abzuschließen.

Der erste Schritt ist oft der einfachste: Sich eingestehen, wo man gerade steht – und dann gezielt nachsteuern.

Kommentare

Interessante Beiträge

Fernstudium? Nicht zu empfehlen! Ein ehrlicher Blick auf die Schattenseiten

Einsamkeit, Dauerstress, kein Campusleben: Warum ein Fernstudium nicht für jeden taugt – und wann es trotzdem die richtige Wahl ist.

Neu im Fernstudium? 8 Tipps, mit denen dein erstes Semester gelingt

Von der Modulwahl über Zeitplanung bis zu KI-Tools: 8 praxiserprobte Tipps, die deinen Start ins Fernstudium erleichtern.

Fernabitur: 7 Strategien gegen Motivationstiefs – aus eigener Erfahrung

Das Fernabitur dauert Jahre – und irgendwann kommt der Durchhänger. Sabine kennt das Gefühl und zeigt, was wirklich hilft. Plus: Tools fürs Dranbleiben.