Beruf & Karriere

Wie anerkannt ist ein Fernstudium? Was Studien zeigen – und was Personaler wirklich denken

Wird ein Fernstudium von Arbeitgebern ernst genommen? Die kurze Antwort: Ja – solange der Abschluss akkreditiert ist. Aber die Frage hat Nuancen: Welcher Abschluss macht den Unterschied? Ist „Fernstudium“ im Lebenslauf ein Vorteil oder ein Risiko? Und was ist dran an den beiden Dauerbrennern – „ein Fernstudium ist weniger wert“ und „Fernstudierende sind besonders motiviert“? Ein ehrlicher Blick auf die Datenlage, inklusive einer aktuellen Arbeitgeber-Befragung und der Perspektive eines Unternehmers.

  • Rechtlich: Fern- und Präsenzabschluss sind identisch (gleiche Akkreditierung, gleicher Grad).
  • Aktuelle Zahlen (2025): 52 bis 64 % der Arbeitgeber bewerten die großen Fernhochschulen als attraktiv fürs Recruiting – alle sieben abgefragten Anbieter liegen nah beieinander.
  • forsa-Studie: 98 % schätzen angeblich die Eigenmotivation – aber: ILS-Auftragsumfrage, über 10 Jahre alt. Mit Vorsicht zu genießen.
  • Was wirklich zählt: Fachbereich, Spezialisierung, Berufserfahrung und dein Auftreten – nicht das Label „Fernstudium“.
  • Abschlussart matters: Bachelor/Master und IHK-Prüfungen sind voll anerkannt. Zertifikatslehrgänge deutlich weniger.
  • Personaler erkennen oft nicht, ob Fern- oder Präsenzstudium – je nach Hochschulname.

Christian, Gründer von fernstudi.net und selbst personalverantwortlich, nimmt sich im Video die beiden hartnäckigsten Mythen vor:

Was die forsa-Studie sagt – und was man dazu wissen muss

Die bekannteste Datenquelle zum Thema ist eine repräsentative Umfrage, die das Marktforschungsinstitut forsa im Auftrag des ILS unter 300 Unternehmen durchgeführt hat. Die Ergebnisse werden seitdem überall zitiert:

  • 81 % machen keinen Unterschied zwischen Erstem und Zweitem Bildungsweg
  • 54 % der Personalverantwortlichen finden nebenberufliche Weiterbildungen wichtig oder sehr wichtig
  • 59 % räumen Mitarbeitenden, die sich privat weiterbilden, Beförderungsvorteile ein
  • Zugeschriebene Eigenschaften: Eigenmotivation (98 %), Zielstrebigkeit (95 %), Selbstständigkeit (89 %), Organisationsfähigkeit (89 %), Flexibilität (85 %)
Diese Eigenschaften schreiben Personalchefs Absolventinnen und Absolventen von Fernlehrgängen zu. Ergebnis der forsa-Umfrage im Auftrag des ILS.

Aber: Diese Zahlen solltest du nicht unkritisch übernehmen. Drei Einschränkungen:

  1. Auftragsumfrage: Die Studie wurde vom ILS in Auftrag gegeben – einer der größten Fernschulen Deutschlands. Das Ergebnis ist für den Auftraggeber naturgemäß vorteilhaft
  2. Über 10 Jahre alt: Die Umfrage stammt aus einer Zeit, in der Fernstudium noch deutlich weniger verbreitet war. Heute ist es Mainstream – die „Besonderheit“ schwindet
  3. Fragestellung lenkt: Wer gefragt wird „Schätzen Sie Eigenmotivation bei Bewerbern?“, antwortet natürlich mit Ja. Das sagt wenig darüber aus, ob ein Fernstudium im konkreten Bewerbungsgespräch den Ausschlag gibt

Wie bewerten Arbeitgeber Fernhochschulen heute? Die Employability-Studie 2025

Aktuellere Zahlen liefert die Studie „Employability Benchmark 2025“: Zwischen 52 und 64 % der befragten Arbeitgeber stufen die sieben großen Hochschulen für Fern- und berufsbegleitendes Studium als attraktiv fürs Recruiting ein. Durchgeführt hat die Befragung Kantar Profiles im Auftrag der IU Internationalen Hochschule; befragt wurden 689 Personalverantwortliche und Führungskräfte aus Unternehmen aller Größen und Branchen (August/September 2025).

Die Attraktivitätswerte im Überblick:

Hochschule„Attraktiv fürs Recruiting“
IU Internationale Hochschule 64 %
Euro-FH 62 %
Onlineplus (Hochschule Fresenius) 57 %
FernUni Hagen 56 %
FOM 56 %
DHBW 55 %
SRH Mobile University 52 %

Bemerkenswert: Unter den Arbeitgebern, die bereits Absolventinnen oder Absolventen der IU beschäftigt haben, äußern sich 93 % zufrieden mit deren Leistungen. Wer schon Erfahrung mit Fernstudien-Absolventen gemacht hat, bewertet sie also deutlich positiver als der Durchschnitt – ein gutes Zeichen für alle, die den Praxistest fürchten.

Auch hier gilt aber: Auftraggeberin ist mit der IU selbst eine Fernhochschule – derselbe kritische Blick wie bei der forsa-Umfrage ist Pflicht. Drei Punkte zur Einordnung:

  1. 64 % ist kein Spitzenwert. Im Umkehrschluss bewertet gut ein Drittel der Befragten selbst die bestplatzierte Hochschule nicht als attraktiv fürs Recruiting
  2. Die Spanne ist eng. Zwischen Platz 1 (64 %) und Platz 7 (52 %) liegen nur 12 Prozentpunkte. Der eigentliche Befund lautet weniger „Anbieter X vorn“ als: Fernhochschulen werden von der Mehrheit der Arbeitgeber solide akzeptiert, ohne dass eine einzelne heraussticht
  3. Die spannendste Vergleichsgruppe fehlt. Staatliche Präsenzhochschulen wurden nicht abgefragt – ob ein Fernabschluss gegenüber einem klassischen Uni-Abschluss anders bewertet wird, beantwortet die Studie nicht

Mehr Details zur Studie findest du in unserer News: IU-Studie: Absolventen privater Hochschulen überzeugen Arbeitgeber. Die Originalquelle mit allen Zahlen gibt es direkt bei der IU.

Was Personalern wirklich wichtig ist – eine ehrliche Einordnung

Christian ordnet die Studienlage im Video als Firmeninhaber differenziert ein. Sein Kernpunkt zum Motivations-Mythos: „Ob jemand wirklich motiviert ist, lese ich nicht am Studium ab, das jemand gemacht hat, und auch nicht an der Hochschule – das lese ich im Gespräch ab, an der Sprache, an der Körpersprache.“

Was stattdessen zählt:

  • Fachbereich und Spezialisierung: Welches Fach hast du studiert? Welche Vertiefungen gewählt? Was war das Thema deiner Abschlussarbeit? Das ist relevanter als die Frage Fern- vs. Präsenz
  • Berufserfahrung: Fernstudium-Absolventen haben hier oft einen echten Vorteil – wer neben dem Job studiert hat, bringt automatisch mehr Praxiswissen mit als jemand direkt von der Uni
  • Persönlichkeit und Auftreten: Passt du ins Team? Wie präsentierst du dich im Gespräch? Für viele Personaler wiegt dieser Eindruck schwerer als jede Zeile im Lebenslauf – und Motivation zeigt sich genau hier, nicht im Studienformat
  • Passung zur Stelle: Manchmal sucht ein Arbeitgeber genau einen erfahrenen Berufstätigen mit Zusatzqualifikation – dann ist das Fernstudium ein Plus. Manchmal sucht er einen Newbie zum Formen – dann ist Berufserfahrung weniger relevant

Die ehrliche Antwort: Ein Fernstudium schadet nie – es ist immer besser als kein Abschluss. Aber es ist auch kein magischer Türöffner. Was zählt, ist der Abschluss selbst, dein Fachprofil, deine Berufserfahrung und dein Auftreten – nicht das Etikett „Fernstudium“.

Für wen ein Fernstudium mehr wert ist als ein Präsenzstudium – und für wen nicht

Der Mythos „Präsenz ist immer mehr wert“ lässt sich nicht pauschal halten – aber auch nicht pauschal widerlegen. Es kommt auf deine Lebenssituation an:

  • Direkt nach dem Abitur: Hier kann ein Fernstudium bei Personalern tatsächlich Fragen aufwerfen. Wer mit 18 oder 19 alle Möglichkeiten hat und trotzdem allein am Schreibtisch studiert, riskiert den Eindruck, Campus und Teamarbeit bewusst zu meiden. Ein Präsenzstudium liefert in dieser Phase zusätzlich Sozialerfahrung, Netzwerk und Studienatmosphäre
  • Mit Berufserfahrung, etwa ab 30: Hier dreht sich das Bild. Wer im Job bleibt, weiter Berufserfahrung aufbaut und sich parallel wissenschaftlich mit berufsrelevanten Themen auseinandersetzt, kombiniert genau das, was Arbeitgeber suchen. In dieser Konstellation ist ein Fernstudium dem Vollzeit-Präsenzstudium oft überlegen – auch aus Personaler-Sicht

Kurz: Nicht die Studienform bestimmt den Wert, sondern die Frage, ob sie zu deiner Situation passt. Welche Form für dich die richtige ist, klärst du im Detail hier: Fernstudium vs. Präsenzstudium: Welche Studienform passt zu dir?

Welcher Abschluss wie viel wert ist

Die Anerkennung hängt massiv davon ab, welche Art von Abschluss du per Fernstudium erwirbst. Hier die Hierarchie:

AbschlussartAnerkennungBeispiele
Bachelor / Master Voll anerkannt – identisch mit Präsenzabschluss B.A. BWL, M.Sc. Psychologie, MBA
IHK-/Staatsprüfung Voll anerkannt – gleiche Prüfung wie im Präsenzunterricht Fachwirt IHK, Techniker, Heilpraktiker
Hochschulzertifikat Anerkannt, wenn ECTS vergeben – auf Studium anrechenbar Nanodegrees, Micro-Credentials (mehr dazu)
Zertifikatslehrgang Begrenzt – institutseigene Prüfung, kein einheitlicher Standard Fernschul-Zertifikate (ILS, SGD etc.)
Teilnahmebescheinigung Kaum Aussagekraft – keine Prüfung, kein Wissensnachweis Kurse ohne Abschlussprüfung

Faustregel: Steht am Ende eine externe Prüfung (IHK, Hochschule, Behörde), ist der Abschluss in der Wirtschaft genauso anerkannt wie sein Präsenz-Äquivalent. Bei institutsinternen Prüfungen und Teilnahmebescheinigungen wird es deutlich dünner. Mehr zur Einordnung: DQR einfach erklärt.

Erkennt man im Lebenslauf, dass es ein Fernstudium war?

Nicht immer. Und das ist strategisch relevant:

  • FernUniversität in Hagen: Sofort erkennbar – „Fern“ steht im Namen
  • IU Internationale Hochschule: Nicht sofort erkennbar – bietet auch Präsenzstudiengänge. Durch ihre Größe und Werbepräsenz wissen viele Personaler inzwischen allerdings, dass die IU vor allem für Fernstudium steht
  • Europäische Fernhochschule Hamburg: Sofort erkennbar
  • AKAD University, Wilhelm Büchner Hochschule: Nicht auf den ersten Blick – wobei branchennahe Personaler, etwa in IT und Ingenieurwesen, die Wilhelm Büchner Hochschule durchaus als Fernhochschule kennen

Übrigens: Auf dem Zeugnis einer akkreditierten Hochschule steht nicht, ob du in Präsenz oder per Fernstudium studiert hast. Der akademische Grad ist identisch. Ob du im Lebenslauf „Fernstudium“ erwähnst, ist deine Entscheidung – es kann ein Vorteil sein (Doppelbelastung = Disziplin), muss es aber nicht. Wenn es dir unangenehm ist: Es reicht, die Hochschule zu nennen.

Fernstudium neben dem Beruf: Vorteil oder Risiko?

Wer neben dem Beruf studiert, demonstriert Belastbarkeit und Eigeninitiative – das stimmt. Aber es gibt eine Kehrseite: Die Doppelbelastung kann die Leistung im Job beeinträchtigen. Nicht jeder Arbeitgeber findet das toll.

Zwei Szenarien:

  • Fernstudium abgeschlossen: Klarer Vorteil. Du hast bewiesen, dass du eine anspruchsvolle Qualifikation neben dem Beruf durchgezogen hast. Das beeindruckt
  • Fernstudium läuft noch: Komplizierter. Arbeitgeber können sich fragen, ob der Job darunter leidet – zumal neben Job und Studium oft auch noch Familie und Alltag Zeit fordern. Überlege, ob du es erwähnst – und wenn ja, betone, dass du die Balance im Griff hast

Mehr zum Thema: Fernstudium und Arbeitgeber: So bringst du Studium, Job und Chef unter einen Hut.

Häufige Fragen zur Anerkennung von Fernstudium

Nein. Auf dem Abschlusszeugnis einer akkreditierten Hochschule steht der akademische Grad (z.B. Bachelor of Arts) und die Hochschule – aber nicht, ob du in Präsenz oder per Fernstudium studiert hast. Bei IHK-Prüfungen steht ebenfalls nur der Abschluss, nicht der Vorbereitungsweg. Im Lebenslauf entscheidest du selbst, wie du dein Studium beschreibst.

Rechtlich und formal: nein. Gleiche ECTS, gleiche Akkreditierung, gleicher Grad. In der Wahrnehmung von Personalern: meistens auch nicht – in der Employability-Studie 2025 bewerten 52 bis 64 % der befragten Arbeitgeber die großen Fernhochschulen als attraktiv fürs Recruiting, und 93 % der Arbeitgeber mit eigener Erfahrung sind mit den Leistungen der Absolventen zufrieden. Vereinzelt gibt es Vorbehalte, besonders bei Personalern ohne eigene Fernstudium-Erfahrung. Aber: Was zählt, ist der Abschluss und dein Profil, nicht der Lernweg.

Bachelor- und Masterabschlüsse deutscher Fernhochschulen folgen dem Bologna-System mit ECTS-Punkten und sind damit innerhalb Europas gut vergleichbar – für Bewerbungen und weiterführende Studiengänge im europäischen Ausland gelten sie als ganz normale akademische Abschlüsse. Dass es ein Fernstudium war, steht ohnehin nicht auf dem Zeugnis. Außerhalb Europas hängt die Bewertung vom jeweiligen Land ab; dort prüfen Arbeitgeber oder Anerkennungsstellen den Abschluss im Einzelfall.

Als Wissenserweiterung: ja. Als Karrierebaustein: begrenzt. Zertifikatslehrgänge mit institutsinterner Prüfung haben keinen einheitlichen Standard – Arbeitgeber können den Wert schwer einschätzen. Wenn du dich beruflich weiterentwickeln willst, wähle einen Lehrgang, der mit einer externen Prüfung abschließt (IHK, Staatsprüfung) oder ein akademisches Studium. Hochschulzertifikate mit ECTS sind eine gute Zwischenlösung: Mehr zu Nanodegrees und Microcredentials.

Anerkennung ist nicht das Problem – dein Profil ist die Lösung

Die Frage „Ist mein Fernstudium anerkannt?“ ist verständlich, aber letztlich die falsche Frage. Die richtige Frage: „Passt mein Abschluss + meine Erfahrung + meine Spezialisierung zu der Stelle, die ich will?“ Wenn ja, ist es völlig egal, ob du in einem Hörsaal oder am Küchentisch gelernt hast.

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