Beruf & Karriere

Fernstudium-Abbruch an der FernUni Hagen: 7 Jahre studiert, keinen Abschluss – und was dann kam

4 Unis, 7 Jahre, kein Abschluss. Im Wintersemester 2010/2011 wurde ich von der FernUni Hagen exmatrikuliert – nach einem Studium, das mich von Göttingen über Jena und Berlin bis ins Fernstudium geführt hatte. Keine einzige Abschlussprüfung, kein Zeugnis, nichts. Dieser Beitrag ist mein Rückblick – ehrlich, persönlich und ohne die übliche „Scheitern ist toll“-Rhetorik.

  • 7 Jahre studiert an 4 Hochschulen: Uni Göttingen, Uni Jena, HU Berlin, FernUni Hagen – kein Abschluss.
  • Die Exmatrikulation war kein Rauswurf – ich habe mich bewusst exmatrikulieren lassen, um einen Schlussstrich zu ziehen.
  • Was blieb: Humanistische Bildung, Methodenkompetenz, Sprachkenntnisse – und die Erkenntnis, dass eine akademische Karriere nichts für mich ist.
  • 16 Jahre später: Unternehmer, Gründer von fernstudi.net – Studienabbruch ≠ Karriere-Aus.
  • Über 70 % brechen an der FernUni Hagen ab. Du bist nicht allein.

Phase 1: Vor dem Studium – Abi auf dem zweiten Bildungsweg

2003 hatte ich mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg „erkämpft“ – darüber habe ich hier ausführlich geschrieben. Ich erinnere mich noch genau an den Tag der letzten Prüfung: Philosophie/Ethik, 14 oder 15 Punkte, Geburtstag, Sommertag, glücklich. Und ich wusste sofort, was ich studieren wollte: Geschichte.

Noch vor der Immatrikulation fing ich an „vorzulernen“, nahm mir Latein-Lehrbücher zur Brust. Mein Ziel: Heidelberg – das Mekka der Geisteswissenschaftler, dachte ich. Aber ohne Geld keine Wohnung, und als schließlich ein Platz im Studentenwohnheim frei wurde, war ich schon in Göttingen immatrikuliert.

Phase 2: Präsenzstudium in Göttingen und Jena

Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen – mein zweites Zuhause.
© Daniel Schwen, Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5

In Göttingen studierte ich Geschichte und Philosophie, BAföG-finanziert, und machte nichts anderes als zu studieren – Tag und Nacht. Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek wurde mein zweites Zuhause. Antike Philosophie, frühmittelalterliche Geschichte, Latinum. Zwei intensive Semester.

Eine Szene ist mir bis heute geblieben: Prof. Ernst Schubert, der ehrwürdige Mittelalterhistoriker, sagte sinngemäß in einer Einführungsveranstaltung: „Und denken Sie daran: Als Einzelkämpfer werden Sie es schwer haben. Tun Sie sich zusammen.“ Ich verspürte sofort inneren Widerstand – ich sah das Einzelkämpferische als Stärke. An seine Worte musste ich im Verlauf meines Studiums immer wieder denken. Er hat recht gehabt.

Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena.
© Andreas Praefcke, Creative Commons Attribution 3.0

Aus privaten Gründen wechselte ich nach Jena – Magisterstudium: Neuere Geschichte, Philosophie, Germanistische Literaturwissenschaft. Noch intensiver als Göttingen. Altgriechisch, Psychologie, römische Philosophie, sehr viel Goethe. Nebenher arbeitete ich in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. Mein Ziel war damals noch eine akademische Karriere – die ich aber mehr und mehr anzweifelte. Weil ich mit der Zeit zu sehr „verkauzte“, entschied ich spontan: Raus in die Welt.

Phase 3: Berlin – der Wendepunkt

HU Berlin – hier wurde mir klar, dass ein Präsenzstudium nicht mehr zu meinem Leben passt.
© Friedrich Petersdorff, Creative Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 Deutschland

Berlin war für einen „feinfühligen Geisteswissenschaftler und Kopfmenschen“ ein Kulturschock. Immatrikuliert an der HU für Geschichte und Philosophie, aber ich besuchte kaum noch Vorlesungen – studierte fast nur noch auf eigene Faust. Geschichte der NS-Zeit, Geschichte Preußens, Französisch.

Das BAföG war mir gestrichen worden. Studienkredit, Nebenjobs in der Gastronomie, ein halbes Jahr Praktikum in einem Berliner Kleinverlag. Berlin fesselte mich, aber das Studium rückte immer weiter in den Hintergrund. Nach zwei Semestern stand fest: Ich wechsle an die FernUni – um Geldverdienen und Studium zu verbinden.

Phase 4: Fernstudium an der FernUni Hagen

Die FernUni Hagen entdeckte ich über eine Freundin, die sich während ihrer Schwangerschaft dort immatrikuliert hatte. Ich schrieb mich für Kulturwissenschaften ein und studierte die erste Zeit eher saftlos vor mich hin. Parallel machte ich mich selbstständig – was am Anfang 150 % meiner Zeit und Energie erforderte.

Als ich merkte, dass es einfach nicht vorangeht, wechselte ich den Studiengang: Wirtschaftswissenschaften. Nur um festzustellen, dass das nichts für mich ist und mir für meine Selbstständigkeit wenig bringt. Parallel baute ich diese Plattform hier auf – fernstudi.net – und machte Studieren und Bildung zu meinem Beruf.

So stand es im virtuellen Studienplatz: exmatrikuliert.

Die Exmatrikulation – Schlussstrich, kein Scheitern

Zum Wintersemester 2010/2011 wurde ich von der FernUni Hagen exmatrikuliert. Keine Zwangsexmatrikulation – ich habe mich bewusst nicht rückgemeldet. Sieben Jahre Studium, kein Abschluss. Dieser Schritt war für mich absolut notwendig, um einen dicken Schlussstrich unter mein bisheriges Studium zu ziehen.

War das schwer? Ja. Aber die Alternative – weiter halbherzig eingeschrieben zu sein, während mein Kopf längst woanders war – wäre schlimmer gewesen.

Was mir 7 Jahre Studium gebracht haben – trotz allem

Keinen Abschluss. Aber:

  • Humanistische Bildung: Antike Philosophie, Latein, Altgriechisch, Geschichte, Literatur – eine Grundlage, die mich bis heute prägt.
  • Methodenkompetenz: Wissenschaftlich arbeiten, recherchieren, argumentieren – das brauche ich täglich.
  • Selbsterkenntnis: Eine akademische Karriere ist nichts für mich, weil ich nicht als weltfremder Kauz enden möchte – eine Gefahr, die gerade in den Geisteswissenschaften real ist.
  • Unternehmergeist: Erst durch das Scheitern im Studium habe ich gemerkt, dass ich nicht für ein Angestelltendasein geboren wurde.

Update 2026: Was aus dem Studienabbrecher wurde

Dieser Artikel ist von 2010. Seitdem fragen Leserinnen und Leser in den Kommentaren immer wieder: „Wie ging es weiter?“ Hier die Antwort:

Beruflich bin ich Geschäftsführer einer Medienagentur und Unternehmer. fernstudi.net betreibe ich seit über 16 Jahren. Was die Bildungskarriere angeht: Ich absolviere berufsbegleitend IHK-Weiterbildungen – der klassische Bachelor oder Master interessiert mich aktuell nicht. Bereue ich den Studienabbruch? Nein. Die Entscheidung war für mich und meine Situation die richtige.

Das heißt nicht, dass Studienabbruch generell eine gute Idee ist. Es heißt: Ein Abbruch ist kein Weltuntergang – wenn du weißt, wohin du stattdessen willst. Und wenn du es nicht weißt, ist das der Punkt, an dem du dir Hilfe holen solltest – nicht der Punkt, an dem du aufgibst.

Häufige Fragen zum Fernstudium-Abbruch

Die Abbruchquote an der FernUni Hagen liegt bei über 70 %. Das liegt vor allem an der Doppelbelastung durch Beruf und Studium, dem hohen Selbststudium-Anteil und der fehlenden Präsenzstruktur. Im Vergleich: An Präsenzhochschulen liegt die Abbruchquote bei etwa 25–30 %.

Ja. Ein Studienabbruch ist keine Sperre für ein späteres Studium. Du kannst dich jederzeit erneut immatrikulieren – an der gleichen oder einer anderen Hochschule, im gleichen oder einem anderen Fach. Bereits erbrachte Leistungen (ECTS) lassen sich oft anrechnen.

Du musst es nicht – es gibt keine Pflicht, jede Station lückenlos aufzulisten. Wenn die Studienzeit aber mehrere Jahre umfasst, fällt eine Lücke auf. Ehrlichkeit ist hier meist die bessere Strategie: Viele Arbeitgeber schätzen Selbstreflexion und die Fähigkeit, schwierige Entscheidungen zu treffen. Entscheidend ist, wie du den Abbruch einordnest – nicht der Abbruch selbst.

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