Mitschreiben in Vorlesungen: Mit Notebook, iPad oder Stift – was ist besser?

Christian Wolf

Um in Vorlesungen mitzuschreiben, hat man heutzutage jede Menge Möglichkeiten. Mehr und mehr Studierende nutzen ihre Notebooks in Veranstaltungen, um mitzuschreiben, viele arbeiten mit Tablets. Welche Möglichkeit ist optimal? Hier meine Tipps für Erstsemester, die nicht wissen, wie sie am besten in Vorlesungen mitschreiben wollten.

Meine ersten Vorlesungen habe ich ab 2003 besucht. Damals hat man für ein Notebook üblicherweise noch 4-stellig hingeblättert – entsprechend konnte kaum ein Student sich so ein Gerät leisten. In den Vorlesungen, die ich damals besucht habe, hatten nur Exoten Notebooks dabei. Smartphones gab es noch gar nicht. Entsprechend waren wir damals tatsächlich gezwungen, zuzuhören 😱 Oder auf den Tischchen rumzukritzeln.

Seit WS 2019/20 sitze ich wieder in Vorlesungen, für mein Management-Studium. Was soll ich sagen. Das Hochschulleben hat sich geändert seit 2003. In einer 300-Leute-Vorlesung sitzen heute mindestens 50 Leute mit Notebooks vor sich, 20 mit Tablet und schätzungsweise 200 haben ihr Handy vor sich liegen.

Hier meine Erstsemester-Tipps fürs Mitschreiben in Vorlesungen.

Mitschreiben mit Laptop oder Tablet

Studierende in Vorlesung mit Notebook

Mehr und mehr Studierende schreiben in Vorlesungen mit Laptop mit. In einer der Vorlesungen, die ich besuche, saß einer vor mir, der seine Hausaufgaben aus einer anderen Veranstaltung während der Vorlesung bearbeitet hat.

Meine Kommilitonen schreiben alles mögliche mit:

  • Klausurtermine (die auch im Vorlesungsverzeichnis bzw. auf der Uni-Website stehen),
  • Kontaktdaten der Dozenten (die ebenso auf der Website zu finden sind),
  • Inhalte der Präsentationen (auch die Präsentationen kann man downloaden …).

Zwischendurch formatieren sie ihr geschriebenes hübsch, mal fett, mal unterstrichen, dann wieder farbig, alles ganz toll. Ipad-Nutzer zoomen den handgeschriebenen Text groß und klein, wählen allerlei Unterstreichungs-Farben, und browsen im nächsten Moment zu irgendeinem Buch, das man sich begleitend zur Vorlesung im Campusnetz downloaden kann.

Ich habe den Eindruck, die Vorlesung ist für einen großen Teil der Generation Z eine Art Video, der Hörsaal wie ein Youtube-Channel. Wenn es langweilig wird, öffnet man einfach einen neuen Tab und konsumiert spannenderen Content.

Smartphones in der Vorlesung

In meiner Zivilrecht-Vorlesung hieß es in der ersten Sitzung: „Alle Folien können Sie sich, liebe Studierende, von unserer Website herunterladen. Das Passwort lautet herbststurm.“ Die Vorlesung beginnt, der Prof steigt ins Thema ein, und was machen die ersten Kommilitonen? Zücken ihre Smartphones und fotografieren jede einzelne Folie ab 🤦‍♂

Andere Vorlesung, vor mir sitzen zwei Dudes, die die ganze Vorlesung über irgendein Sprachlern-Game zocken und zwischendurch Whatsapp Stories checken. Was ist denn nur los mit euch? Könnt ihr euch keine 1,5 Stunden am Stück konzentrieren, ohne aufs Handy zu schauen? Ein weiter Teil der Generation Z, das ist mein Eindruck nach den ersten zwei Vorlesungswochen, hat sich sein Belohnungssystem komplett mit Smartphone, Youtube, Netflix, Instagram & Co. zerschossen.

Mitschreiben auf Papier

Übrigens war früher auch nicht alles besser. Früher gab es genauso wie heute die übereifrigen Studis, die in ihren Skripten jeden einzelnen Satz gemarkert haben, um so die Tätigkeit des Markerns an sich ad absurdum zu führen, weil wenn alles markiert ist, ist dann nicht alles gleich wichtig, und kann man dann nicht das Markieren gleich sein lassen?

Und auch früher gab es wie heute die Studis, die in Vorlesungen jede noch so unwichtige Unwichtigkeit mitgeschrieben haben, einfach nur, um das Gefühl zu haben, zu arbeiten, zu lernen, irgendwas zu tun.

Erich Fromm hat das in Haben oder sein schön beschrieben:

Studenten, die aufs Haben hin orientiert sind, hören einer Vorlesung zu, indem sie auf die Worte hören, ihren logischen Zusammenhang und ihren Sinn erfassen und so vollständig wie möglich alles in ihr Notizbuch aufschreiben, so dass sie sich später ihre Notizen einprägen und eine Prüfung ablegen können. Aber sie denken nicht über den Inhalt nach, sie nehmen nicht  dazu  Stellung,  das  Gebotene  wird  nicht  Bestandteil ihrer eigenen  Gedankenwelt,  es bereichert  und  erweitert  diese nicht. Sie pressen das, was sie hören, in starre Gedankengerüste oder ganze Theorien, die sie speichern. Inhalt und Student bleiben einander fremd, außer dass jeder dieser Studenten zum Eigentümer bestimmter, von einem anderen getroffenen Feststellungen  geworden  ist  (die  dieser  entweder  selbst  geschaffen  hat  oder  aus  anderen  Quellen  schöpfte).

Meine Mitschreib-Tipps für euch, liebe Kommilitonen:

  • Zuhören. In allererster Linie zuhören und den Dozenten bzw. die Dozentin beobachten und verstehen, was da erzählt wird. Und wenn ihr die Folien downloaden könnt, müsst ihr so gut wie nichts mitschreiben.
  • Gelgentlich Fragen notieren zu Dingen, die ihr später vertiefend recherchieren wollt oder die ihr mit euren Kommilitonen diskutieren wollt.
  • Nach der Vorlesung zuhause oder in der Bib beginnt die eigentliche Arbeit. Dann könnt ihr auch Notebook oder Tablet nutzen und euer Skript verfassen. Zusätzlich könnt ihr euch z.B. Lernkarten anlegen, schriftlich oder mit einer App. Dann könnt ihr schreiben und tippen, soviel ihr wollt.

Fazit

Laptop und iPad im Rucksack lassen. Handy in Flugmodus und in die Tasche. Zuhören, mitdenken, mitarbeiten, diskutieren. Nach der Vorlesung nacharbeiten und lernen.

Und Erich Fromms Haben oder Sein lesen:

Für  Studenten  im  »Seinsmodus«  hat  der  Lernvorgang  eine  völlig  andere  Qualität. Zunächst  einmal  gehen  sie  zu  der Vorlesung,  selbst  der  ersten  einer  Reihe,  nicht  als tabula  rasa. Sie  haben  über  die  Thematik,  mit  der  sich  der  Vortrag beschäftigt,  schon  früher  nachgedacht;  es  beschäftigen  sie  bestimmte  Fragen  und  Probleme.  Sie  haben sichmit  dem Gegenstand schon auseinandergesetzt und dieser interessiert sie. Statt passives Auffangbecken für Worteund Gedanken zu sein, hören sie zu und hören nicht bloß;  sie empfangen und reagieren auf  aktive  und  produktive  Weise.  Was  sie  hören,  regt ihreeigenen Denkprozesse an; Fragen formulieren sich, neue Ideen resultieren, neue Perspektiven zeichnen sich ab. Der Vorgang des Zuhörens ist ein lebendiger Prozess; der Student nimmt die Worte des Lehrers auf und reagiert spontan auf das Gehörte. Er hat nicht bloß Wissen erworben, das er nach Hause tragen und auswendig lernen kann.

Lernen Präsenzstudium

 veröffentlicht vor 3 Wochen (aktualisiert vor 3 Wochen)

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