Was ist Kultur?

Wolf

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 •  #1

Noch so eine Frage ;)

Vielleicht habt ihr ja auch das Theater um eines der letzten besetzten Häuser hier in Berlin mitbekommen, die "Liebigstr. 14" in Friedrichshain, siehe auch hier. Den Gegnern dieser Räumung geht es vor allem auch darum, dass das Leben in diesem Haus ein Stück "Berliner Kultur" ist, genauer gesagt "Subkultur", die wohl nach und nach aus dem Inneren der Stadt verdrängt werden soll.

Doch was ist "Kultur" eigentlich? Und "Kulturwissenschaft"? Und warum heißt es "Kulturwissenschaften"?

Um diese Frage ging es in den alten Studienheften gleich zu Beginn des Studiums, ich weiß grad nicht, wie es in den neuen ist. Teil hier einfach eure Ideen.

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Chris G.

Fernstudent
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 •  (aktualisiert am 05.02.2011 von Chris G.) #2

Ich versuche es mal kurz mit meiner eigenen Vorstellung der Sache: Kultur kommt von Lat. "cultura" was soviel heißt wie "Anbau, Bebauung". Kultur ist die Natur des modernen Menschen. Der Mensch ist zwar Teil der Natur, aber eben doch losgelöst von ihr. Die Kultur ist die angepasste Natur, in der der Mensch lebt.

Aber mal abgesehen davon: Ich habe mich tatsächlich auch schon gefragt, warum die Fernuni Hagen Kulturwissenschaften anbietet und nicht Kulturwissenschaft. Die meisten Präsenzuniversitäten nennen es eher Kulturwissenschaft. Nach meiner Vorstellung wäre das eine eben eine eigene Disziplin die konkret nach eigenen Arbeitsweisen sucht, das andere ist eben einfach nur eine Disziplin die mehrere Geisteswissenschaften zusammenfasst. Weiß da jemand mehr?

Wolf

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 •  #3

Chris G. schrieb: Aber mal abgesehen davon: Ich habe mich tatsächlich auch schon gefragt, warum die Fernuni Hagen Kulturwissenschaften anbietet und nicht Kulturwissenschaft. Die meisten Präsenzuniversitäten nennen es eher Kulturwissenschaft. Nach meiner Vorstellung wäre das eine eben eine eigene Disziplin die konkret nach eigenen Arbeitsweisen sucht, das andere ist eben einfach nur eine Disziplin die mehrere Geisteswissenschaften zusammenfasst. Weiß da jemand mehr?

Ja, hab dazu gerade einen Passus in der Wikipedia, Eintrag Kulturwissenschaft gefunden, deine Vorstellung trifft es:

Von den Kulturwissenschaften (im Plural), welche die Methode einzelner Geisteswissenschaften für die Untersuchung von Kultur behandeln, kann nach Hartmut Böhme die neuere Disziplin der Kulturwissenschaft als Disziplin unterschieden werden, welche zwar für die Untersuchung von Kultur auch auf die Ergebnisse der Einzelwissenschaften angewiesen ist, aber trotz allem versucht durch Kulturreflexion und Kulturkritik übergreifende Zusammenhänge in den Blick zu bringen: "Dies unterscheidet die Kulturwissenschaft, jedenfalls in ihrer gegenwärtigen Phase, von den etablierten Geisteswissenschaften, die aufgrund ihrer hohen Spezialisierung den Kontakt zu jener Tradition weitgehend verloren haben, die R. Koselleck (1973) als den für die Moderne charakteristischen Zusammenhang von „Kritik und Krise“ beschrieben hat."

(Koselleck ist übrigens ein Historiker, der im Studium wahrscheinlich öfter begegnen wird.)

Zum Begriff Kultur: Für die Herkunft lateinischer Worte nutze ich gerne den Georges, der die Schattierungen von Wörtern und die Fundstellen gut herausgearbeitet hat. Stowasser & Co. liefern in der Regel immer nur die am häufigsten zutreffenden Übersetzungen, meist bezogen auf Klassiker wie Cicero oder Caesar. Dabei kann das Wort bei anderen Autoren (die römische Antike erstreckt sich ja auch über einen langen Zeitraum) durchaus andere Bedeutungen haben.
Für cultura liefert er interessante Infos:

cultūra, ae, f. (colo), die Pflege, Abwartung, I) im engern Sinne, die Pflege, Abwartung des Ackers usw., die Bearbeitung, Bebauung, Bestellung, der Anbau, die Kultur, 1) im allg.: agelli, agri cultura, Cic.: vitis cultura, Cic. – im Plur., agri culturae, Lucr. 5, 1446 – meton., der Anbau, hortorum cultura, Hieron. epist. 52, 12: Plur., regio distincta culturis, durch Kulturen, Saatfelder, Salv. de gub. dei7, 2. – 2) prägn., das Kulturverfahren, der Landbau, die Landwirtschaft im weitesten Sinne, Varro, Quint. u. Hor.: im Plur. von den einzelnen Teilen der Landwirtschaft, Col. 11, 1, 30 u. 11, 2, 3. – II) im weitern Sinne: 1) die physische u. geistige Pflege, Abwartung, a) die physische, dah. Kleiderputz, Commodian. instr. 2, 17, 22. – b) die geistige Pflege, Ausbildung, animi, Cic. Tusc. 2, 13: absol. = sittliche Veredelung, Hor. ep. 1, 1, 40. – 2) die tätige Pflege übh., a) einer Gottheit, die geistige Verehrung, Anbetung, der Kultus (s. Bünem. Lact. 2, 16, 9), Min. Fel. 23, 12: c. vana, Tert. apol. 16: dei unici pia et religiosa c., Lact. 5, 7, 2: Plur., ritus sacrorum et culturae, Lact. epit. 23, 1: omnium culturarum sacerdotium, Lampr. Heliog. 3, 5: culturae impiae, Sulp. Sev. chron. 1, 51, 4: templorum culturae, Commodian. instr. 1, 35, 19. – b) die huldigende Verehrung, die jmdm. dargebrachte Huldigung, potentis amici, Hor. ep. 1, 18, 86.

Interessant ist z.B. die Bedeutung, die bei Cicero auftritt: "cultura animi", Ausbildung, geistige Pflege. Oder bei Horaz: "die huldigende Verehrung, die jmdm. dargebrachte Huldigung, potentis amici".

Geistige Pflege, passt ja noch zu unserem Begriff von einem "kultivierten Menschen". Aber die Bedeutung bei Horaz?

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Diana K.

Fernstudentin
FernUni Hagen
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 •  #4

Christian schrieb: ...Geistige Pflege, passt ja noch zu unserem Begriff von einem "kultivierten Menschen". Aber die Bedeutung bei Horaz?


Ich glaube, damit will Horaz deutlich machen, dass sich der Bregriff des Wortes über die Jahre hinweg im Sprachgebrauch verändert hat. Während die Bestellung des Ackers in der ursprünglichen Übersetzung für den Menschen überlebensnotwendig ist, handelt es sich bei der "huldigenden Verehrung" ja um eine freiwillige Sache.
Menschen die sich heute mit Kultur in Form von Geschichte o.ä. beschäftigen, huldigen ja damit z.B. die Wichtigkeit eines bestimmten historischen Ereignisses.
Oder für die Literatur... Wenn ich das literarische Werk einer dritten Person lese und mich damit auseinandersetze, erweise ich damit auch automatisch dem Autor des Werkes die Ehre, meine Zeit für seine Gedanken/Botschaft zu investieren.

Was sagt ihr zu meiner Interpretation, nachvollziehbar oder ganz abwegig? ;-)

In dem Zusammenhang wäre es dann natürlich interessant zu wissen, wie sich der Bedeutungswandel des Wortes vollzogen hat.

Wolf

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 •  #5

Ja, das ist nachzuvollziehen @Diana. Die Übersetzung bringt hier auch weiter: "cultura potentis amici" - die "Kultivierung" mächtiger Freunde.

Kurzes Googeln lässt einen sogar auf einen Blogbeitrag dazu stoßen: Dulcis inexpertis cultura potentis amici

The saying comes from one of the epistles of Horace. The full form is: Dulcis inexpertis cultura potentis amici: expertus metuit, "The cultivation of a powerful friend is sweet to those who have not tried it before; the one who has tried it knows to be afraid."

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Wolf

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 •  #6

Um mal ein bisschen weiterzuspinnen: Am meisten würde uns jetzt wahrscheinlich wirklich ein Begriffsgeschichtliches Wörterbuch weiterbringen. Habe leider gerade keins zur Hand und einfach mal geschaut, was im Wikipediaeintrag "Kultur" so steht.

Im Abschnitt Begriffsgeschichte wird dort auch zuerst auf die Antike eingegangen, danach geht es gleich über zu Kant und andere Denker der Neuzeit:

Für Kant sind Mensch und Kultur ein Endzweck der Natur.

Interessant finde ich den Zusammenhang zum Begriff der Zivilisation, der dann auftaucht. Kant sieht (oder definiert) einen Gegensatz zwischen beiden Begriffen, wie das Zitat aus seiner "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" im Wikipedia-Artikel belegen soll.

„Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört noch zur Cultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft, macht blos die Civilisirung aus.“

Wie könnte er denn zu dieser Einstellung gekommen sein?

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