Über 1200 Fußnoten auf 475 Seiten

Das Tragische an der Guttenberg-Affäre ist nicht die Tatsache, dass da einer von oben respektlos Normen und Werte der Wissenschaft in den akademischen Allerwertesten tritt. Das tut ihr vielleicht mal ganz gut. Tragisch daran ist vielmehr, dass der Vorfall beste Umweltbedingungen für die weitere Ausbreitung einer Seuche schafft, an der wissenschaftlicher Text schon länger siecht: der Fußnoten-Epidemie. Unwissenschaftliche Randbemerkung eines Studienabbrechers, mit zwei Fußnoten

 

HandschriftWer schon einmal eine mittelalterliche Handschrift in natura bewundern durfte oder als Faksimile vor sich hatte, dem sind vielleicht die gelegentlichen Kommentare oder Erklärungen an den Seitenrändern und anderen freien Stellen aufgefallen. Marginalien werden diese Kommentare genannt, Marginalglossen die Erklärungen; Urheber dieser Randbemerkungen waren die Kopisten oder andere Leser der Werke. Wie in heutigen Blogs die Kommentare unter den Postings sind die Marginalien nicht selten interessanter als der Text an sich. Mit den Anmerkungsapparaten und Fußnoten der Gegenwart haben die Marginalien mittelalterlicher Handschriften allerdings wenig gemein. Die Kommentare wurden gewöhnlich nicht vom Autor selbst aufs Pergament gekritzelt, sondern von seinen gelehrten Lesern.

Vielleicht ist es der deutschen Sprache geschuldet, die nicht ganz die kompakten Sätze des Latein erlaubt, dass gelehrte deutschsprachige Autoren im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr Inhalt aus dem Fließtext auslagerten und ans Ende der Seite oder des Textes packten; besser Informationen auslagern, als Sätze so zu verschachteln, dass man sie selbst nicht mehr versteht. Vielleicht sind Fußnoten wie bei Kant auch einfach nur ein Produkt der Faulheit, den Text im Nachhinein noch einmal umzuarbeiten, um spätere Einfälle nahtlos zu integrieren. Irgendwie zeugt dieses Kommentieren seiner selbst auch von einem gewissen Narzissmus, oder sogar von der Angst, der Leser könne etwas falsch verstehen und brauche daher eine Interpretationshilfe.

Neben den Kommentaren lagerten gelehrte Autoren irgendwann auch verstärkt die Belege aus den Texten in Fuß- oder Endnoten aus. Ursache war vielleicht, dass mit zunehmender Verfügbarkeit von Literatur für jedermann und auch durch die Zunahme theoretischer Modelle mehr und mehr Textstellen anderer Autoren genutzt wurden und belegt werden wollten. Möglicherweise spielten auch die Idee des „geistigen Eigentums“ und die Forderungen nach Urheberrechten eine Rolle: Zum einen führte das zu einem weiteren Anstieg von Texterzeugnissen, weil Autoren mitunter von ihrer Schreibarbeit leben konnten. Zum anderen wurde es einfach wichtiger, die Ideen und Textstellen von anderen als solche zu kennzeichnen - immerhin kam mehr und mehr das Geld mit ins Spiel des Schreibens.

Wie dem auch sei: Eine richtige Geschichte hat die Fußnote bis heute leider nicht bekommen. Dafür haben wir jetzt den Salat „intertextueller Wissenschaften“, deren Erzeugnisse sich oft nur noch auf andere solcher Werke beziehen und deren Second-Hand-Gedanken wiedergeben, kaum  originelle Ideen oder Ergebnisse enthalten; weil diese Text- und Ideencollagen Unmengen an Belegen benötigen, kann der akademische Schreiber gar nicht mehr anders, als einen Anmerkungsapparat mit Literatur- und Quellenbelegen zu erstellen. Der Autor würde sich ja ohne seine Fußnoten-Machete selbst nicht mehr zurechtfinden im Dickicht aus Verweisen und Kommentaren. Und wer beim Redigieren ergänzen will, aber keine Lust hat, seinen Text noch einmal großartig zu ändern, oder wer seinem Leser im Nachhinein erklären will, wie er etwas meint, packt in die Fußnoten gleich noch jede Menge Kommentare und nebensächliche Bemerkungen.

FußnotenDie Fußnote, ein Werkzeug der Eitelkeit, mit dem der gelehrte Autor stolz zeigen kann, was er an geistigem Besitz besitzt. Schlaue Erstsemester-Studierende erfassen die Menge der Fußnoten ganz korrekt als „Gradmesser der Wissenschaftlichkeit“, die sie heute ist, als Beweis ihrer Belesenheit, und üben sich mit den ersten Aufsätzen fleißig im Setzen von Fußnoten: Je mehr Fußnoten, desto wissenschaftlicher die Arbeit. Nicht mal vor dem Internet und seiner Möglichkeit, durch Hyperlinks auf andere Texte zu verweisen, macht dieser eitle Fußnotenunsinn halt. Geradezu bauernschlau dagegen denkt übrigens die nicht-akademische Bevölkerung: Ein Text enthält Fußnoten? Vorsicht mit dem Kleingedruckten!

Verkehrte Welt ist das doch. Tatsächlich ist die Anzahl der Autoren-Fußnoten mit Literaturnachweisen meist ein Gradmesser für den Mangel an eigenen Ideen. Tatsächlich ist die Anzahl an Autoren-Fußnoten mit Kommentaren regelmäßig ein Gradmesser für Faulheit und mangelnden Respekt dem Leser gegenüber. Einem Text, der Fußnoten aus Eitelkeit verwendet, um sich den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu geben, kann man ebensowenig trauen wie dem Arzt, der seinem Patienten mittels lateinischer Begriffe und medizinischem Kauderwelsch erklären will, woran er erkrankt ist.

Über 1200 Fußnoten auf 475 Seiten! Und der empörten akademischen Öffentlichkeit ist das nicht genug. Das eigentliche Problem des Falls Guttenberg für die „scientific community“ ist nicht der Mangel an Fußnoten. Das Problem ist, dass es zu viele davon gibt. Dass dieses Blendwerk an Text- und Ideencollagen mit Fußnoten-Siechtum1 für wissen-schaffend gehalten wird, obwohl sein akademischer Nährwert wahrscheinlich gegen Null tendiert und es höchst ansteckend ist.

Ironie der Wissenschaftsgeschichte als Abschluss-Marginalie: „The safest general characterization of the European philosophical tradition is that it consists of a series of footnotes to Plato“ schreibt der Mathematiker Whitehead.2 War Platon nicht weniger ein Philosoph – wie sein sophistischer, charmant-lügender Protagonist Sokrates – als vielmehr ein großartiger Literat und Künstler?  Ebendas braucht unsere Wissenschaft: Mut zu lebendigem Text statt zwanghafter Reinlichkeit auf dem akademischen Papier; Mut zum offenen Diskurs durch literarisches Schreiben statt Angst vor der Fiktion und verkrampfter Abgrenzung von Literatur durch Fußnoten-Manierismus.

 

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1) Natürlich können Fußnoten auch vernünftig eingesetzt werden; daher an dieser Stelle einige Tipps:

  • Ad fontes: Sekundär- und Tertiärliteratur vermeiden, wo es geht; stattdessen bevorzugt Quellen und Primärliteratur nutzen.
  • Sapere aude: eigene Ideen, Interpretationen und Ergebnisse entwickeln. Und eine eigene Meinung.
  • Möglichst keine Kommentare bzw. Anmerkungen oder Zitate in die Fußnoten. Wenn eine Anmerkung nebensächlich ist, dann kann sie auch ganz weggelassen werden oder als Nebensache im Text dargestellt werden.
  • Im Vorwort längerer Arbeiten evtl. darauf hinweisen, was die Fußnoten in welcher Form enthalten, nämlich lediglich Belege, keine Kommentare. Das gibt dem Leser die Sicherheit, den Text auch ohne Fußnoten verstehen zu können, ohne dass er aus Neugier oder Angst, ein wichtiges Detail zu verpassen, bei jeder Fußnote mit dem Blick ans Seitenende springt, um kurz darauf erst einmal die Stelle zu suchen, an der er weiterlesen muss.
  • Belege in den Fußnoten so kurz wie möglich halten. Nach Möglichkeit beim ersten Auftreten eines Autors auf den kompletten Titel verweisen, danach als Kurzverweis. Im Text ggf. den Namen des Autors und sein Werk nennen, nicht erst in der Fußnote.

2) Keine Lust, das zu belegen ;-)

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Abbildung 1: Faksimile einer Seite des Zensualen-Traditionsbuchs des Domkapitels Freising, 12. Jh.

Abbildung 2: Screenshot einer Seite einer wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation, für die ich ein Lektorat übernommen hatte: 35.000 Wörter Fließtext, ca. 7000 Wörter in etwa 300 Fußnoten; Literaturverzeichnis bestand aus 7 Seiten Quellen, 39 Seiten Nicht-Quellen (Monografien, Aufsätze etc.). Und ich habe nur den ersten Teil korrigiert. Beim zweiten Teil weigerte ich mich, die Arbeit fortzusetzen, weil das stundenlange stumpfe Korrigieren der Rechtschreibung von Fußnoten mich fertig machte ...

Auch lesen (kein Zitierkartell)

Beitrag veröffentlicht vor 7 Jahren (aktualisiert vor 1 Jahr) .

Über Christian Wolf

Christian Wolf

Wolf ist Redakteur, leidenschaftlicher Autodidakt, hat den Realschulabschluss mit 1,5 gemacht, sein Abi extern (3,6), hat in Göttingen, Jena, Berlin und an der FernUni studiert, und kann auch Latein, Altgriechisch, Französisch, Russisch und Englisch. Top, der Mann! Folge uns auf Facebook, um keine Beiträge von Wolf mehr zu verpassen.

Kommentare und Fragen

Christian Wolf

Ja, die BILD z.B. macht da schon nett Stimmung (http://www.bild.de/BILD/politik/2011/02/24/guttenberg-entscheid-deutschland/86-prozent-ja-stimmen-leser-stehen-zu-guttenberg.html):

DAS SAGEN DIE LESER

„Für all die selbstherrlichen Politiker und Neider sind Anführungszeichen und Fußnoten wichtiger als das Leben unserer Soldaten in Afghanistan. Herr zu Guttenberg, bitte bleiben Sie trotz all der Anfeindungen standhaft!" Dr. Rüdiger Schalkhäuser (70), ehem. Kinderarzt aus Ochsenfurt (Bayern)
[...]
„Ein Titel macht noch lange keinen guten Politiker. Was wirklich zählt, sind Ehrlichkeit und Charakterstärke. Deshalb, Herr zu Guttenberg: Beweisen Sie in dieser – für Sie peinlichen – Situation Rückgrat und bleiben Sie im Amt!“ Dr. Alexandra Thaler (39), Zahnärztin aus Nürnberg (Bayern)

Gerade der letzte Kommentar ist lustig. Ist natürlich politische Stimmungsmache, und zeigt aber doch schön, wie entfremdet die Wissenschaft ist, m.E. selbstverschuldet.

Auf jeden Fall gibt es ausreichend Sündenböcke und Nebensächlichkeiten, auf die die öffentliche Aufmerksamkeit sich richtet, viele andere wichtige Missstände wie die zunehmende Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebs bleiben unbeachtet.

Witziger Artikel, Christian. Bin ich froh, mein Diplom in der Tasche zu haben. :-)

Dass beim Guttenberg-Pamphlet die Fußnoten so hochgejubelt werden, hat doch den einen Grund, dass die Angelegenheit herunter gespielt werden soll. Fußnote, das klingt für Herrn und Frau Normalbürger nach ganz unten, klein und liest-doch-eh-keiner.

Ebenso das Diminutiv "Gänsefüßchen". Hach, es fehlen also ein paar G-ä-n-s-e-f-ü-ß-c-h-e-n. So so. Schlimm, schlimm. Ab zur Tagesordnung und den Herrn Minister Minister sein lassen. Schlimm!

Christian Wolf

Ja, auf der anderen Seite haben sich z.B. die Leserkommentare weiterentwickelt, hier in Blogs, in Onlinezeitungen usw. Überhauptet bietet das Web jede Menge Chancen auch für die Wissenschaft und ihre Schreibe.

Hab grade noch etwas gefunden, das mich in meinem ersten Semester Kulturwissenschaften an der FernUni gleichzeitig belustigt und enttäuscht hatte. Im "Kursband Einführung in das Studium der Kulturwissenschaften" von 2004, gleich zu Beginn auf Seite V im "Vorwort des Kursredaktors" schreibt Hubertus Busche:

[...]
Am Schluß noch zwei eher formale Punkte. Wenn Sie die folgenden Beiträge aufmerksam lesen, werden Sie auf zwei unterschiedliche Zitierweisen stoßen. Die meisten Autoren zitieren nach dem traditionellen System „Zitat – Fußnote“, wenige andere nach dem in jüngster Zeit beliebteren System „Autor – Jahr“. Die Zweigleisigkeit ist nicht etwa Symptom einer Nachlässigkeit bei der einheitlichen Gestaltung des Ganzen, sondern Ausdruck der Streitkultur in den Kulturwissenschaften selbst. Weil die Anhänger und Gegner der jeweiligen Zitierweise bei der Beurteilung von Nutzen und Nachteil der einen wie der anderen Zitierweise nicht auf denselben Nenner kommen, schien es das Beste, Ihnen diesen Kontroverspunkt auch augenfällig zu dokumentieren, indem beide Zitierweisen gebilligt wurden. Auf diese Weise können Sie sich mit beiden konkurrierenden Systemen vertraut machen und über den Wert beider ein eigenes Urteil fällen.²
[...]
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² Beide Systeme sind, wenn auch mit einer m.E. parteiischen Nutzen-Nachteil-Bilanz, erläutert in dem Ihnen ebenfalls vorliegenden Kurs 03602: Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens in den Kulturwissenschaften, 214-224.

Ein eigenes Urteil :D Da würde ich doch allzu gerne nur einmal ganz respektlos schreiben: LOL. Diese Art von unproduktiver „Streitkultur“ sogar innerhalb des eigenen Fachbereichs zieht sich durch die ganze "scientific community".

Im nächsten Absatz wird dann die alte Rechtschreibung des Text gerechtfertigt, die mich beim Lesen hier und da irritierte. Hab den Band dann auch nie durchgearbeitet.

Jana P.

Stimmt, die Fußnoten haben sich von anfänglich sinnvollen erklärenden Anmerkungen ins Absurdistan begeben

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