Seminararbeit schreiben lassen - das kann in die Hose gehen

Das ist ist die Story eines guten Studenten der Geisteswissenschaften, der aus einer Verzweiflung heraus sich vor ein paar Monaten dafür entschied, einen Service für Ghostwriting wissenschaftlicher Arbeiten in Anspruch zu nehmen und sich dabei kräftig die Finger verbrannte.

Wenn man sich schon von Dr. Anonym eine Abschlussarbeit schreiben lassen will, dann bitte richtig! (Abbildung: © dbunn/Fotolia)

Der Student ist ein guter Freund von mir, nennen wir ihn Philosophicus, weil er sich eine Seminararbeit im Studienfach Philosophie schreiben lassen wollte (ein besserer Name wäre vielleicht Idioticus ;-)) Ich denke, dass er nichts dagegen hat, wenn ich das hier schreibe, denn aus seinem Fehler können andere in einer ähnlichen Situation ja auch lernen. Aber der Reihe nach.

Philosophicus ist eigentlich ein sehr guter Student, der studiert, um zu lernen, um sich mit Themen wissenschaftlich auseinanderzusetzen, ähnlich wie bei mir. Dummerweise hat er aber immer große Schwierigkeiten mit Seminararbeiten, Prüfungen und all diesen Pflichtsachen, die man für ein Studium absolvieren muss. Er schiebt die Aufgaben dann ewig vor sich her, weiß nicht, wo er anfangen soll, und ist ganz blockiert.

Mittlerweile hat er sein Studium fast geschafft, unter sehr großen Anstrengungen. Vor ein paar Monaten musste Philosophicus dazu allerdings mehrere Hausarbeiten innerhalb einer kurzen Zeitspanne gleichzeitig schreiben. Am Telefon erzählte er mir davon und ich versuchte ihn zu motivieren, denn eine Seminararbeit kann man meiner Erfahrung nach locker innerhalb von 2 Wochen schreiben.

Regelrecht verdutzt war ich dann aber, als er mir eröffnete, dass er sich dafür entschieden hatte, eine Seminararbeit für das Fach Philosophie schreiben zu lassen. Wow, hätte ich jedem zugetraut, nur nicht ihm. Und dann noch in Philosophie! Die ganze Sache war von ihm auch schon voll durchgeplant. Im Netz hatte er eine Ghostwriterin recherchiert, deren Website er mir zeigte.

Da ich selbst länger als Lektor/Korrektor tätig gewesen bin und auch als Freiberufler arbeite, kann ich die Seriösität (so man beim akademischen Ghostwriting überhaupt davon sprechen kann) von Angeboten in dieser Richtung ganz gut einschätzen. Und bei der Website, die er mir präsentierte, gingen bei mir alle Warnlampen an!

Über die Website war der akademische Grad der Ghostwriterin kaum ersichtlich, es war letztendlich glaube ich eine Magistra in irgendeinem ganz anderen Fach; es wurden zig verschiedene Fachrichtungen angegeben, in denen die Ghostwriterin sich auskenne, und es war auch nicht ersichtlich, ob bestimmte Themen von anderen Spezialisten bearbeitet werden, oder wie bei einem Bauchladen alles von ihr. Die ganze Website war völlig unprofessionell erstellt mit mangelhaftem Impressum usw.

Das sagte ich ihm alles, er ließ sich aber nicht beirren. Zu groß war wohl die Verzweiflung, das Studium wegen dieser einen Seminararbeit aufgeben zu müssen. Es selbst aus eigener Kraft zu schaffen, diese Möglichkeit existierte nicht im Studien-Weltbild des Philosophicus. Also ließ er sich ein Angebot erstellen, das um die 300 EUR lag. Die auch noch im Voraus bezahlt werden mussten.

Im Voraus! 300 EUR für eine Seminararbeit, an der man sicher eine ganze Woche, eher zwei oder drei, sitzen wird. Als Fachfremder! Aber es war nun zu spät, die Seminararbeit war quasi auf dem Weg.

Hier ist die Story eigentlich schon wieder zuende. Wir hörten dann ein paar Monate nichts voneinander. Als wir wieder telefonierten, fragte ich beiläufig, was denn eigentlich aus der Seminararbeit geworden sei.

Er lachte peinlich berührt auf und meinte nur: Die kam pünklich, aber war völlig unbrauchbar und ein großer Quatsch und Mist voller Mängel und Fehler. Er hätte sie dann doch selbst schreiben müssen (und hat zeitlich doch noch alles irgendwie geschafft).

Bei so etwas sagt man doch am liebsten: Siehste, habs doch gewusst, habs doch gleich gesagt, haha. Habe ich mir aber verkniffen. Er hat ja ein gutes Lehrgeld dafür gezahlt.

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Leute, lasst die Finger vom akademischen Ghostwriting. Ihr legt damit Eure Zukunft in die Hände von völlig Unbekannten und vielleicht sogar von Vollpfuschern - das ist es einfach nicht wert, sondern Russisches Roulette für Akademiker.

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  • Veröffentlicht vor 8 Jahren (aktualisiert vor 1 Monat). Abgelegt unter Wissenschaft, Ghostwriting.

    Christian Wolf

    Christian ist Wissenschaftsredakteur und Blogger, leidenschaftlicher Autodidakt, hat den Realschulabschluss mit 1,5 gemacht, sein Abi extern (3,6), hat in Göttingen, Jena, Berlin und an der FernUni studiert, und kann auch Latein, Altgriechisch, Französisch, Russisch und Englisch. Top, der Mann! Folge uns auf Facebook, um keine neuen Beiträgen von Christian zu verpassen.

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