Studium zweiter Klasse?

Hallo,

sorry, ich muss mich mal auskotzen.
Irgendwie kann ich ja die Unwissenheit Außenstehender verstehen, die blöde Sprüche loslassen. Zum Beispiel neulich in der U-Bahn eine Bekannte zu mir: "Was machst denn so im Moment?" Ich: "Ich studier jetzt wieder.". Sie: "Schon richtig, oder NUR Fernstudium?".
Sowas nervt mich total. Als ob ich nicht richtig studieren würde. Ich mache ja keine Spaßkurse an irgendeiner dubiosen "Fernstudienbriefkastenfirma". Aber wie schon gesagt, bei Außenstehenden kann man es immer noch auf Unwissenheit, Dummheit oder Ignoranz schieben. 
Da kommt dann von mir die Antwort: "Na, Du kannst es ja nicht wissen, aber ich studiere an einer staatlichen Universität mit Promotionsrecht und habilitierten Professoren und werde an meiner Hochschule einen rechtlich einwandfreien akademischen Grad erwerben. Ich studiere also richtig." Meist führe ich dann noch das Beispiel von Fachhochschulen an, die kein Promotionsrecht haben und deren Professoren (zumindest in Bayern) nicht zwingend habilitiert sein müssen. Dann ist der/die andere meist peinlich berührt und hat wieder was neues gelernt.
Aber hier auf der Website sind mir auch schon negative Beiträge zum Fernstudium aufgefallen, und das von Fernstudenten selbst. Ich frag mich da schon: Warum studiert man überhaupt fern, wenn man sich dann selbst als Student zweiter Klasse wahrnimmt? Soziale Netzwerke wie fernstudi.net halte ich eigentlich für wichtig, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, die einem dann auch mal wieder aus der Depri rausholen können, nach Begebenheiten wie oben beschriebener. Aber wenn ich dann hier lese, dass manche Fernstudenten selber zwischen Fernstudium und "richtigem" Studium unterscheiden, weiß ich echt nicht mehr. Das zieht mich dann noch mehr runter. Und da hab ich echt keinen Bock drauf.

Tanja

Beitrag veröffentlicht vor 7 Jahren (aktualisiert vor 1 Jahr).

Über Tanja

Tanja

Mein langer Weg durch die Hochschulen: Fachhochschulreife über das Telekolleg II, Studium Soziale Arbeit bis zum Vordiplom an der FH Nürnberg, Wechsel an die Uni Erlangen zum Studium von Pädagogik, Grundschulpädagogik und Volkskunde auf Magister. Abschluss im WS 2009/10. Dann ein Freisemester genommen und mich vom Prüfungsstress erholt. Seit dem WS 2010/11 Studium Bachelor-Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Geschichte an der FernUni Hagen. Beruflich möchte ich mit den beiden Abschlüssen in Pädagogik und Kulturwissenschaften in den museumspädagogischen Bereich oder in die Erwachsenenbildung.

Kommentare und Fragen

Tanja

Vielen Dank erstmal für Eure Antworten und aufmunternden Worte :-)

Hm, vielleicht stört mich dieses "nur Fernstudent" deshalb so sehr, weil ich eben nicht neben einem Beruf studiere, sondern Vollzeit den ganzen Tag vor meinen Modulen hocke. Die Gesellschaft hat da anscheinend so ein Bild von Fernstudenten: Ach, die machen in der Freizeit spaßeshalber und hobbymäßig
ein wenig Kurse, so a la Volkshochschule. Dass ich den halben Tag in der UniBib verbringe, sieht und weiß man ja nicht. Und da ich den Vergleich habe
durch ein abgeschlossenes Erststudium an einer Präsenzuni: Vom wissenschaftlichen Niveau her ist mein jetziges Zweitstudium der Kulturwissenschaften viel anspruchsvoller als mein Erststudium in Pädagogik. Vielleicht lag es auch daran, dass ich noch mit eine der Letzten im alten Magisterstudiengang war. Ich habe erstmal bis zur Zwischenprüfung im 5. Semester gar nix gemacht, dann wieder nach der Zwischenprüfung bis zur Magisterarbeit gar nix, ein paar Sitzscheine, die Pflichtscheine mit Blockseminaren hinter mich gebracht. Für die Zulassung zur Magisterarbeit brauchte man nur 2 Scheine im Hauptfach und je einen Schein im Nebenfach.
Da ist das Bachelorstudium jetzt in Hagen schon mehr "richtiges" Studium, jedes Semester fleißig sein, am Ende jeden Semesters Klausuren oder andere Prüfungen. Da weiß man dann, dass man wirklich studiert und nicht nur rumgammelt.

Hey Tanja,

da hast du mal echt ein gutes Thema aufgegriffen! Ich wurde auch schon öfter belächelt, als ich von meinem Fernstudium erzählte. Das Problem ist einfach, dass viele den Unterschied zwischen Fernstudium und Fernlehrgang nicht verstehen.

ILS, SGD & Co. werben auch alle mit "Fernstudium", bieten aber "nur" Fernkurse an, die in wenigen Monaten absolviert sind. Was mich auch immer nervt sind Leute, die beim ILS einen Fernlehrgang machen aber immer von ihrem "BWL Studium" erzählen, was es ja definitiv nicht ist!

Ich kann nur aus eigener Erfahrung von der Fernuni Hagen erzählen, dass ein Fernstudium mindestens denselben Anspruch hat, wie ein Präsenzstudium. Meiner Meinung nach sogar höher, weil man als Fernstudent wesentlich besseres Zeitmanagement und eine höhere Belastbarkeit unter Beweis stellen muss. Die meisten Fernstudenten sind eben berufstätig.

Ein Fernstudium fällt vielleicht nicht so auf, wie ein reguläres Studium, weil man den Großteil in seiner Freizeit, bzw. zuhause lernt. Man ist meist nicht hauptberuflich Student, sondern Arbeitnehmer und da fällt das Fernstudium gerne mal in der Gunst der anderen ab.

Aber man macht es ja für sich und sollte sich echt einen Dreck um die Meinung anderer Leute scheren!

Viele Grüße,

Alicia

Wolf

Ach ja, habe noch eine wichtige Sache vergessen:

In der Pflicht ist auch die (Bildungs-)Politik, denn um eine "exzellente" Universität mit sehr gutem Ruf zu werden, bedarf es auch jeder Menge Geld.

Ich denke, dass sich da in Zukunft und mit dem Wachstum der neuen Medien und den Möglichkeiten des kollaborativen Lernens viel ändern wird. Die FernUni Hagen, das ist meine Meinung, muss zum Spitzenreiter in der Nutzung aller neuen Möglichkeiten des Lernens per Bildschirm, Software & Internet werden.

Dafür braucht es allerdings nicht nur Budget, sondern z.B. auch Lehrkräfte & Personal, die man als "digital natives" bezeichnen würde. Sämtliche Mitarbeiter der FernUni werden das früher oder später sein. Heute sind sie es leider nicht.

Und noch zum Begriff "richtiges Studium": Das hängt auch davon ab, wie jeder für sich im Kopf "Studium" definiert & assoziiert.

Wolf

Hi Tanja,

danke für Deinen Beitrag. Ich gehe mal auf ein paar Punkte ein.

Aber wenn ich dann hier lese, dass manche Fernstudenten selber zwischen Fernstudium und "richtigem" Studium unterscheiden, weiß ich echt nicht mehr.

Ich denke, dass jeder Fernstudent weiß, dass ein Fernstudium ein "richtiges" Studium ist. Mit "richtiges Studium" ist dann doch wohl eher gemeint, dass das Präsenzstudium eben das von der Mehrheit der Studenten praktizierte Studium ist.
Wahrscheinlich ist diese Formulierung von Fernstudis auch ein Ausdruck für das Gefühl dafür, dass ein richtiges Studium doch eben oft noch mehr zu bieten hat als ein Fernstudium, ihnen es aber wegen ihrer Umstände verweigert bleibt.

Wenn das so ist, dann wäre es wichtig, dass Fernstudenten sich der vielen Vorteile und Stärken des Fernstudiums gegenüber einem Präsenzstudium bewusst werden.

Und, da stimme ich Dir auch zu, ist mehr Sorgfalt im Sprachgebrauch nötig.

"Richtiges Studium" heißt für einen Fernstudi evtl.: Präsenzstudium, das möglicherweise mehr bietet als mein Fernstudium, z.B. richtige Vorlesungen, Campusatmosphäre usw.

"Richtiges Studium" heißt für einen Präsenzstudi evtl.: Fernstudium? Wie soll das funktionieren? Lernen von zuhause auf der Couch? Nee, das wird doch nichts, sollen die mal schön die selben Strapazen wie ich auf sich nehmen, jeden Tag zur Uni fahren, ständig Seminare, Vorlesungen und all das Zeug.

"Richtiges Studium" heißt dann für einen Nicht-Studi, der diesen Begriff in Zusammenhang mit dem Begriff "Fernstudium" irgendwo liest, evtl: Aha, ein Fernstudium ist also kein richtiges Studium.


Zum Thema Anerkennung des Fernstudiums. Schau Dir mal diesen Beitrag hier an: FernUni Hagen - kein Hort der Wissenschaftlichkeit? (http://www.wiwiclub.de/wiwiblog/fernuni-hagen-kein-hort-der-wissenschaftlichkeit)
Zitat BILD:
Immerhin hat der frühere Rechtsanwalt promoviert, wenn auch „nur“ an der Fernuniversität Hagen – nicht gerade der Hort der Wissenschaftlichkeit.

Wenn die Bild so etwas schreibt, dann kann man davon ausgehen, dass diese Meinung a) die Volksmeinung wiedergibt oder b) die Volksmeinung bilden soll.

Oder dieser Artikel und der Skandal um die Miss Schweiz: http://www.klatschheftli.ch/fernstudium-der-eitelkeiten/23550
Auch der zeigt schön die unreflektierte "Volksmeinung".
Madame ’studiert’ – wenn überhaupt – wohl eher an der ‘Open University‘, eine staatliche Bildungsinstitution in England, die jedem, aber auch wirklich jedem zugänglich ist – also quasi die Migros Klubschule für Engländer. Nicht einmal ein Hauptschulabschluss ist nötig, um an der Open University zugelassen zu werden.



Ich sehe hier zum einen die Fernhochschulen und Fernschulen in der Pflicht, das Image des Fernstudiums zu pflegen. Das geht vielleicht nur über größer angelegte Imagekampagnen über einen längeren Zeitraum, die letztendlich auch den "Bild-Leser" erreichen.

Zum anderen sehe ich hier die FernUni Hagen speziell in der Pflicht. Die FernUni ist quasi das Symbol für das Fernstudium in Deutschland. Großartige Leistungen z.B. im Bereich der Forschung, die sie für die Gesellschaft erbringt, verbessern sicher auch das Image des Fernstudiums. (Das gilt natürlich auch für alle anderen Anbieter in wahrscheinlich schwächerem Maße.)
Und bestimmt kann auch eine Imagekampagne für die FernUni das Image des Fernstudiums allgemein verbessern. Ich hatte von der FernUni z.B. bis kurz vor Studienbeginn nie etwas gehört. Sie und ihre Methoden/Studienwege sollte aber evtl. allgemein so bekannt sein wie z.B. die HU Berlin.

Und ich sehe die Fernstudierenden selbst in der Pflicht, die im näheren Umkreis Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit leisten können. So wie Du das tust, und zwar vor allem aus eigenem Interesse und dem Antrieb, dass andere die eigenen Leistungen anerkennen und würdigen wie auch die Leistungen von Präsenzstudenten.

Nicht in der Pflicht sehe ich die Privathochschulen. Denn die pflegen das Image des Fernstudiums ganz von sich aus aus Marketingründen, um ihren Absatz zu fördern. Meiner Meinung haben die privaten Hochschulen (und Fernschulen) hier am meisten geleistet, nicht nur, indem sie den Begriff "Fernstudium" in deutschen Wohnzimmern aufflimmern lassen.


So, ich finde, dass Dich das nicht aufregen sollte. Du kannst Deiner Bekannten ihr Vorurteil nicht übel nehmen, zumindest verschwendest Du damit Energie, aber Du kannst ihm entgegenwirken. Machst Du ja auch.

Falls jemand ein Fernstudium nicht für ein "richtiges Studium" hält, solltes Du Dich, meiner Meinung nach, nicht persönlich angegriffen fühlen. Denn Du hast ja bestimmt dann das Gefühl, dass da jemand Deine überragende Leistung nicht würdigt.
Es liegt allerdings an Dir, den anderen zu zeigen, was Du da tatsächlich für eine Leistung erbringst, wenn sie es selbst nicht erkennen können.

Aus meiner Erfahrung aber kann ich sagen: Der Großteil meiner Umwelt reagiert immer mit einem "Wow, das hätte ich nie geschafft" z.B. auf mein Externenabitur. (Und später mal auf mein Bachelor- oder Master-Zeugnis, das ich per Fernstudium und im Selbststudium erworben habe ;-))

Marcus Schweizer

Hm, einfach locker bleiben und sich von Einflüssen, die nichts mit dem Studium zu tun haben, herunterziehen lassen! :-)

Im Kern ist es doch so: Man studiert, hat einen gleichwertigen Abschluss und bekommt wohl auch einen Job in dem Beruf! (wenn auch nach Praktikas...)

Das Gerede im Vorfeld ist immer da, egal was du machst! Erst wenn es durchgezogen hast und Tatsachen, der Erfolg, sichtbar ist oder sind, dann kommt auch die Anerkennung vom sozialen Umfeld! Wenn man sie dann noch braucht, weil man als Erstes lernt, darauf zu verzichten...!