Mein Fazit zu den Lesetechniken und Speedreading

Marcus Schweizer
 | 3 Kommentare

In einer kleinen Reihe haben wir uns nun mit Speedreading vorgestellt und uns mit dieser viel beschworenen Lesetechnik beschäftigt. Am Anfang standen die Wortgruppen, dass wir von unserer früheren Gewohnheit abrücken und statt einzelnen Fixierungen mehrere Wörter fixieren. Anhand der Rechnung war klar, dass die Einsparung von wenigen Sekunden pro Zeil in die Stunden geht, bei einem kompletten Buch.

Natürlich bringen reine Wortgruppen wenig, wenn sie keinen Sinn ergeben. Wie Sinneinheiten gruppiert und zu erkennen sind, war dann der weitere Schritt in der Verbesserung unserer Lesetechnik. Wir gingen über die Regression, also einem wiederholtem Lesen, zu den Sinnsignalen und der gezielten Suche nach der Aussage.

Abgeschlossen haben wir mit Effizienz und Effektivität und dem Lesen mit System, dem konsequenten Schritt, einfach die verschiedenen Lesetechniken miteinander zu koppeln und als Gesamtsystem verständlich zu machen. Doch es stellt sich die Frage, ob das wirklich alles so stimmt, für bare Münze gehalten werden kann. An der ein oder anderen Stellte im Buch war ich mir da nicht so sicher.

Schritt für Schritt wird es skurriler

Ich muss sagen, dass ich jetzt nicht unbedingt total vom Stuhl gefallen bin, um es mal so zu sagen. Was ist uns da begegnet, welche Vorschläge und Abläufe sind aufgemacht worden? Wird das von anderen Seiten bestätigt, dass es richtig ist?


Der Anfang war verheißungsvoll, die Bündelung von Fixierungen kann ich nur unterschreiben. In unser Arbeitsgedächtnis passt mehr, als wir gelegentlich reingeben. Anders und vielleicht auch richtiger gesagt, beschäftigen wir unseren Hippocampus zu wenig. Die berühmten 7 plus minus 2 Informationen, die ein Mensch auf einmal aufnehmen kann, sind beim Lesen meist nicht benutzt.

Hier Wortgruppen und Sinngruppen neu wahrzunehmen, ist daher sehr gut gedacht. Das Subjekt und Verb mit ihren Adjektiven und Adverben zusammenzufassen, wird sicherlich die Lesefähigkeit und Lernfähigkeit an sich verbessern.

Dann aber folgen Tipps und Tricks, die ich persönlich nicht mehr so nachvollziehen kann. Vorschläge wie „Gefühle mit den Lerninhalten verknüpfen“ sind dann doch zweideutig. Wie soll das funktionieren? Die Bewertung einer Information und welche Gefühle sie hervorbringen, geschieht doch völlig automatisch, noch bevor wir die Bedeutung einer Information erkennen. Die Bewertung ist nicht von der Informationsaufnahme gespalten, wie die Hirnforschung zeigen konnte.

Im Gegenteil, Informationswahrnehmung und Bewertung findet gleichzeitig statt. Die Aufteilung ist nur eine rein geistige. Ähnlich, wie ein und derselbe Mensch Hausfrau, Geschäftsfrau und Mutter sein kann. Gilt natürlich auch für das schwache Geschlecht...! :-) Jedenfalls kann ich mit solchen Tipps nichts anfangen und stufe das persönlich eher als Unfug ein.

Beim Thema Effizienz und Effektivität mag ich den Gedanken unterschreiben. Sicherlich gilt es von Anfang an darum, sich nicht mit irgendwelchen Dingen zu beschäftigen, die nichts bringen. Das betrifft vor allem die Effektivität, wird sie so allgemein ja verstanden. Ob man das aber wirklich in Beziehung zu Lernen bringen sollte, ist in meinen Augen fraglich.

Denn letztlich geht es doch darum, dass die Inhalte in den Kopf kommen, aber eben auch die richtigen Inhalte. Das sind die Inhalte, die Nutzen bringen, die später gefragt sind, die nicht nur als Selbstzweck dienen, sondern der Person dienen und sie durch Prüfungen bestehen lässt oder zu neuen Fähigkeiten führen.

Gut ist mehr als das halbe Buch

Warum das halbe Buch? Ganz einfach, weil etwa die Hälfte des Buches aus praktischen Übungen besteht. Das ist gut gedacht und sicher sinnvoll, denn dann finden die Anleitungen direkt eine Anwendung. Selbst testen und ausprobieren. Gut gemacht sind da die Möglichkeiten, die Zeit zu messen wie auch die Fehlerquote, die es ja zu erhöhen gilt. Zu jedem Thema oder Schritt gibt es spezielle Übungsaufgaben und insofern ist das Buch sehr schlüssig. Ein Fakt, das man sich bei anderen Anleitungsbüchern und Ratgebern gerne wünscht.

Abschluss und Zusammenfassung der positiven und negativen Eindrücke

Letztlich bleibt mein Gesamteindruck, dass in dem Buch und Speedreading der weitere Versuch unternommen wird, den Nürnberger Trichter zu erbauen. Schnell und ohne Aufwand genau das Richtige in den biologischen Speicher zu bekommen, scheint das oberste Ziel zu sein. Dagegen ist die bekannte Wahrheit genau im Gegenteil. Wir lernen das, womit wir uns intensiv und ausgiebig auseinandersetzen, was den Tag ausfüllt und uns beschäftigt. Wir lernen, worüber wir nachdenken und was wir tun.

Das Buch als Vertreter der effektiven Lesetechnik gibt mir den Eindruck, als dass nur die ersten zwei oder drei Kapitel wirklich dem Lernen entgegenkommen und dazu anleitet, effektiv und schnell zu lernen. Abschließend bleibe ich doch eher dabei, allgemein zu lernen, wie man lernt und das dann auch auf das Lesen anzuwenden!

 

Veröffentlicht vor 8 Jahren (aktualisiert vor 2 Jahren). Abgelegt unter Weiterbildung, Lernen, Selbstorganisation.

Marcus Schweizer

Ich studiere Psychologie an der Open University.

Beruflich bmach ich Menschen glücklich :-)

Kommentare und Fragen

Peter

Die 7+/- 2 Sinneinheiten-Regel ist immer relativ zu sehen und sie ist, meiner Meinung nach, nur ein Versuch irgend etwas in feste Formen zu pressen, dass flüssig ist.

Für einen normalen Leser sind das hier 3 Sinneinheiten: DER - GROßE - BAUM. Warum? Weil ein normaler Leser mitsprechen muss und er DREI Worte vor sich sieht. Also folgert er: 3 Einheiten.

Für einen Speed-Reader ist das nur eine Einheit. Warum? Weil er die ganze Wortgruppe auf einen Blick wahrnimmt. Ungefähr so: DERGROßEBAUM.
So wird das nur als EINE Sinneinheit gewertet und er/sie sieht sofort den großen Baum (innerlich) vor sich.

Wenn man es also so sieht, dann kann das ganz wunderbar funktionieren, dass man wesentlich mehr Infos, zugleich aufnehmen kann, als man es gewohnt ist. Denn was eine Info-Einheit ist, ist immer Definitions- bzw. Ansichtssache.

Peter Kovacs
[url]www.memory-palace.de[/url]

Hi Peter,

woran man auch sieht, wie wichtig es ist, Texte so gut zu schreiben, dass die Leser sich Sachen vorstellen bzw. sie nachfühlen können. Gerade wissenschaftliche Texte können davon enorm profitieren.

Peter

Inhalte mit Emotionen zu Verknüpfen heißt beim Lesen, dass man Sachverhalte intensiv nachfühlen soll.
Wenn im Text steht, dass es kalt ist, dann liest man darüber meist hinweg und fertig. Wer sich das aber bildlich vorstellt und gezielt das Gefühl herbeiruft, wie es ist richtig heftig zu frieren, der hat eine ganz andere emotionale Beteiligung. Dadurch haben die Sinne viel höhere Haftwerte und das wirkt sich auch beim Lesen deutlich aufs Gedächtnis aus. Siehe hier, auf Seite 50:
http://opus.haw-hamburg.de/volltexte/2008/692/pdf/sp_d.pf.08.1553.pdf

Durch das bewusst erlebnisorientierte Lesen kann, trotz hoher Lesegeschwindigkeit, das Gedächtnis viel speichern.

Peter Kovacs
www.memory-palace.de

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