Speedreading, was bringt es?

Marcus hat neulich über Speedreading geschrieben, ich möchte heute auch noch meinen Senf dazugeben. Das Thema verdiente es eigentlich, hier mal systematisch aufgearbeitet zu werden, aber ich möchte erst einmal kurz von meinen Erfahrungen berichten, damit Euch klarer wird, ob es sich lohnt, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Erst einmal möchte ich dazu ermuntern, das Wort "Speedreading" zu ent-assoziieren. Die meisten von Euch verbinden damit sicher den Wunsch, möglichst schnell möglichst viel zu lesen. Ich wünsche mir manchmal auch einen größeren Mund, um einen Döner in zwei Bissen verschlingen zu können. Letzendlich würde das aber wohl auch nur Bauchschmerzen verursachen und gesund verdaut würde der Döner wohl kaum.

Viel wichtiger ist es, einen Text zu 100 % zu verstehen. Ist klar, dass der Autor daran einen großen Anteil hat. Die Schreibe muss verständlich sein, das Buch oder der Text muss typografisch lesegerecht aufbereitet sein. Ansonsten müsst aber Ihr Euch klar sein, was Verstehen überhaupt ist, ob und warum Ihr einen Text versteht, und warum Ihr einen Text eventuell nicht versteht.

Wir alle haben Lesegewohnheiten, die durchaus verschieden sein können. Der eine liest vielleicht laut, wie es etwa im Mittelalter durchaus unüblich war, soweit ich weiß, war das stille Lesen in sich hinein sogar eine zeitlang verpönt. Andere lesen zwar nach außen hin still, letztendlich aber sich selbst vor, im Kopf. Um effizienter zu lesen, müsst Ihr Eure Lesetechniken überprüfen und ggf. optimieren.

Lesetechniken, ein besseres Wort als Speedreading, helfen uns dabei, effizienter zu lesen. Schneller vielleicht, und mit besserem Textverständnis. Das Ziel von Lesetechniken kann es aber nicht einfach nur sein, schneller zu lesen. Vielmehr muss die Lesetechnik jedem Text, jeder Textsorte, jedem Zweck individuell angepasst sein.

Mentale Voraussetzungen für Textverständnis

Am Anfang von Textverständnis steht eigentlich immer die Frage: Was erwarte ich vom Text? Welche Frage soll der Text mir beantworten?

Klingt trivial, aber viele Studenten formulieren sich an Aufsätze und andere Texte vorher keine Fragen im Kopf, die ihre Aufmerksamkeit während des Lesens gezielt zu lenken. Häufig macht Ihr das aber dennoch unterbewusst. Ein Literaturwissenschaflter analysiert einen Roman unter anderen Gesichtspunkten als ein Schreiberling oder jemand, der den Roman einfach konsumiert.

Wichtig für das Verständnis ist unbedingt auch Euer Hintergrundwissen! Informiert Euch vor oder besser noch während bzw. nach dem Lesen über den Autor, über historische Dinge usw. Ich empfehle Euch auch, andere Meinungen und Interpretationen immer erst zu erkunden, nachdem Ihr den Text gelesen und Euch eure eigene Meinung gebildet habt. Ihr geht so viel unvoreingenommener an einen Text heran und schult Euch gleichzeitig, eine eigene Meinung zu bilden.

Eine Beschäftigung mit dem Thema Hermeneutik kann übrigens auch sehr lehrreich sein und zu einem allgemein besseren Textverständnis beitragen.

Physiolgische Bedingungen

Soviel zu den mentalen Voraussetzungen für Textverständnis. Euch interessieren aber sicher mehr die physiologischen Bedingungen, über die ich jetzt ein paar Worte verliere.

Vor einigen Jahren haben ich ein Speedreading-Programm ausprobiert und über eine Weile benutzt, EyeQ Speedreading. Keine Ahnung, wie das heute aussieht, die Seite des Herstellers jedenfalls sieht mir sehr nach typischen aggressiv-amerikanischem Marketing aus, von dem man sich aber nicht immer abschrecken lassen sollte.

Das Programm bot damals eine Reihe von Übungen, um Lesegeschwindigkeit und Textverständnis zu verbessern.

  • Bewegungstraining sollte die Augenmuskulatur stärken und den Augen helfen, sich gleichmäßiger zu bewegen. Man kann dafür z. B. einen normalen Text zur Hand nehmen und mit den Augen fortlaufend vom Zeilenanfang zum Zeilenende durchspringen, bis man am Seitenende anlangt.
  • Eine andere Übung trainierte die Fähigkeit, mehrere Worte gleichzeitig zu erfassen und ein Wort auch mit einem Blick zu erfassen, wie eine Grafik, nicht Buchstabe für Buchstabe. Das lässt sich am besten per Software trainieren, die dann immer nur Textausschnitte einblendet.
  • Auch die Fähigkeit zur Visulisierung soll geschult werden (eigentlich auch eine mentale Voraussetzung). Hierbei kommt es auch darauf an, ein Wort nicht erst umständlich innerlich zu vokalisieren, sondern sofort ein Bild vor Augen zu haben, sodass innerlich quasi ein Film zum Text abläuft. Das eignet sich meiner Meinung nach nicht für jede Textsorte, und manchmal muss sogar laut vorlesen, wie etwa ein Gedicht, um besser zu verstehen.
  • Viele dieser Übungen, besonders die Augenbewegungen trainieren auch die Fähigkeit zum Querlesen, die gerade für Studenten sehr wichtig ist, aber auch durch viel Internetkonsum nahezu automatisch geschult wird.

Lesetechnik optimieren

Ich habe schon immer sehr viel gelesen und auch recht schnell, früher mehr Bücher, heute vor allem Texte auf dem Monitor. Die Übungen brachten mir dennoch etwas, eine erhöhte Lesegeschwindigkeit, vor allem aber auch ein Bewusstsein dafür, wie viele Faktoren für ein gutes Verstehen notwendig sind. So kann man nach und nach seine Lesetechnik  für sich optimieren. Das geht nicht von heute auf morgen, wie Speedreading oft suggerieren möchte, sondern über einen längeren Zeitraum, über den man sich von älteren Gewohnheiten entwöhnen muss.

Soviel dazu. Ich konnte jetzt nur auf einen Bruchteil eingehen, Unterstreichungen, Exzerpte, Leseumgebung etc., die auch wichtig sind, habe ich z.B. gar nicht erwähnt. Der Beitrag ist so schon lang genug :D

Was haltet Ihr von Lesetechniken? Was nutzt Ihr bewusst für Techniken, um Euer Leseverständnis zu verbessern? Zusatzfrage: Was habe ich hier für Techniken angewandt, um Euch das Lesen des Beitrags zu vereinfachen?

Veröffentlicht vor 8 Jahren (aktualisiert vor 2 Jahren). Abgelegt unter Lernen, Speedreading.

Christian Wolf

Christian ist Wissenschaftsredakteur und Blogger, leidenschaftlicher Autodidakt, hat den Realschulabschluss mit 1,5 gemacht, sein Abi extern (3,6), hat in Göttingen, Jena, Berlin und an der FernUni studiert, und kann auch Latein, Altgriechisch, Französisch, Russisch und Englisch. Top, der Mann! Folge uns auf Facebook, um keine neuen Beiträgen von Christian zu verpassen.

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